Gottesdienst an 15. Sonntag n. Trinitatis, 28. September 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Matthäus 6, 25-34

Heute geht's besonders um Konfirmanden. Die erste Gruppe sind solche, die erst noch konfirmiert werden, nämlich im nächsten Frühjahr. Sie sollen heute ihre Bibel überreicht bekommen. Die zweite Gruppe sind Goldene Konfirmanden, d.h. sie wurden vor 50 Jahren konfirmiert.

Wenn man die Weltgeschichte betrachtet, ist das kein großer Unterschied. 50 Jahre auseinander, das verschwimmt, je größer der Abstand wird. Oder wer weiß schon, ob (Johann Wolfgang von) Goethe noch gelebt hat, als man unseren Betsaal gebaut hat. Na - wie denken Sie? Er hat noch gelebt. Als man unseren Betsaal gebaut hat, war er 78 Jahre alt. Aber das hat ihn sicher nicht berührt, was hier passierte. 4 Jahre später ist er verstorben. In entsprechendem zeitlichem Abstand kann man einige Jahre hin oder her nicht mehr so recht unterscheiden.

Es soll ja sogar Menschen geben, die wissen nicht mehr, wie alt sie sind. Mir geht's selbst auch manchmal so.

Man kann schon sagen, dass es auf ein paar Jahre jünger oder älter nicht so sehr ankommt; für uns natürlich schon. Doch aus größerer Übersicht wiegt das wenig. Aber worauf kommt es dann an? Was zählt eigentlich in unserem Leben? So kann man auch den Predigttext für heute zusammenfassen. Was ist das Wichtige im Leben?

25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.
29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

Ich möchte mit einer Frage beginnen. Sie geht an die Konfirmanden. Wer von euch hat heute nicht gefrühstückt? -

War kein Brot da, keine Margarine oder Butter? Oder warum? War der Kühlschrank leer?

Die Zeit war einfach zu knapp, wenn jemand nicht zu seinem Essen kommt.

Uns treiben die Sorgen der damaligen Zeit nicht mehr um. Wir haben doch alles. Wozu sollen wir uns denn sorgen?
Aber es gibt heute andere Dinge, die uns Sorgen machen. Schulnoten. Vielleicht Ärger mit Klassenkameraden, Ärger mit dem Computer, wenn er einen Virus hat....

Die etwas Älteren: Kann man den Zins für den aufgenommenen Kredit noch zahlen? Wie sieht es mit den künftigen Renten aus?

Keiner hat Angst zu verhungern, aber vielleicht von unseren Errungenschaften etwas zu reduzieren? Wie ist es mit der Gesundheit? Das kann uns schon unruhig machen.

Macht es sich Jesus nicht zu leicht? Wir sollen uns nicht Sorgen machen? Das kommt doch automatisch! Die Ängste und Sorgen sind nicht geplant. Wer will sie schon haben. Sie treiben uns nachts um und rauben uns den Schlaf. Und sie treiben uns um, wenn wir uns einige Minuten Zeit zur Ruhe nehmen. Darum fürchten viele die Ruhe, weil sich dann Sorgen einschleichen. Wir wollen sie nicht, wir lieben sie nicht. Sie kommen von selbst.

1. Sorgen zerstören das Vertrauen

Gott weiß, dass wir die lebensnotwendigen Dinge brauchen. Und Jesus sagt das auch deutlich: Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Er will uns nicht davon abhalten, dass wir uns darum bemühen. Jesus hat sogar viel von arbeitenden Menschen erzählt, von dem Bauern, der sät und erntet, von dem Fischer, der sein Netz auswirft, oder von dem Menschen, der sein Haus baut. Alles das gehört für ihn zum selbstverständlichen Alltag. Jesus lehrt nicht die Faulheit oder Bequemlichkeit.

Aber es ist ein haushoher Unterschied, was die erste Stelle einnimmt. Ich kann nicht für alles um mich herum sorgen. Ich bin nicht mein eigener Erhalter. Gott sorgt für die Grundlagen meines Lebens, die ich sowieso nicht alle im Griff haben kann.

Ein Mann hat einmal erzählt: Fast immer, wenn er eine Reise antrete, dann würde ihm eine innere Stimme einflüstern wollen: "Sieh dir deine Frau und deine Kinder noch einmal gut an und sage ihnen, wie lieb du sie hast. Du wirst sie nie wiedersehen, dein Flugzeug wird abstürzen."

Diese innere Stimme kommt so oder ähnlich vielen Menschen bekannt vor. Diese innere Stimme hat etwas Zerstörerisches und arbeitet gegen das Vertrauen.

Sorge ist letztlich ein Misstrauen gegen Gott. Wen die Sorge umtreibt, bei wem die Sorge immer wieder nagt, der hat Freiheit verloren; der steht unter dem Zwang, alles selbst machen zu müssen; er ist reizbar, wenn er sich angegriffen fühlt; er verliert den Humor, wenn etwas danebengeht. Kurz: Dann ist das Leben ein verbissener Kampf gegen Windmühlenflügel.

Jesus verweist auf die Lebenshaltung der Lilien auf dem Feld und der Vögel unter dem Himmel.

Bedenken Sie einmal, ob sie mit irgendeinem Vogel tauschen möchten! Keiner würde das wünschen. Oder wollten wir Wind und Wetter preisgegeben sein? oder den Raubvögeln? oder anderen Raubtieren? Wenn man an die möglichen Gefahren denkt, dann führt ein Vogel kein angenehmes Leben.

Die Vögel und die Lilien sind darin Vorbild, dass sie ganz unmittelbar von Gott leben. Und dabei kommen sie nicht zu kurz.

2. Sorgen bringen nichts

Jesus sagt, dass wir auch durch noch so großes Sorgen unsere Lebensjahre nicht verlängern können. Wahrscheinlich ist sogar das Gegenteil der Fall: Sorge verkürzt unser Leben. Sorge macht es auch unnötig kompliziert.

Viele Menschen leben unter dem Eindruck, dass unser Leben in den letzten Jahren zunehmend von einem Misstrauen geprägt ist. Der Prozess ist noch nicht zu Ende, sondern er geht weiter. Misstrauen, ob nicht irgendein Meteorit auf uns stürzt: Misstrauen, ob die Natur nicht aus dem Gleichgewicht fällt; Misstrauen gegen Menschen und ganze Gruppen - gegen die arbeitende Bevölkerung oder gegen die Kranken oder gegen... Deshalb mussten an vielen Stellen in Verwaltung und Dienstleistungen viele Kontrollen eingeführt und verfeinert werden. Vielleicht ist daran etwas berechtigt. Aber es häuft auch die Sorgen an: Was könnte denn alles an Schlimmem passieren? Wogegen muss man Vorkehrungen treffen?

Was die "Goldenen Konfirmanden" betrifft: Welche Sorgen haben Sie in diesen 50 Jahren bewegt und auf Trap gehalten? Gott weiß es. In diese ganzen Gedanken soll das Licht Gottes fallen, um Wesentliches vom Unwichtigen zu unterscheiden.

Jesus will uns nicht den Realismus abgewöhnen, sondern er will unser Vertrauen stärken. Vertrauen auch in den Grenzsituationen. Gott sorgt für dich, der doch auch für die Tiere und die Pflanzen sorgt. Er sorgt auch dann für dich, wenn du in schwere Situationen geraten solltest.

Der Kampf gegen das Schlechte macht die Sorgen nur noch größer. Es ist besser, für etwas zu kämpfen, das sich wirklich lohnt.

3. Das Reich Gottes hat Priorität

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes,... dann wird euch das alles zufallen.

Das Reich Gottes kann uns niemand nehmen. Darum ist das das einzige, wofür sich Sorgen richtig lohnt. Und doch tun das wenige Menschen.

Es steckt ein merkwürdiges Geheimnis dahinter: Das, wofür du dich nicht besonders abgemüht und gesorgt hast, fällt dir von selbst zu; ohne ausgeraufte Haare, ohne zerbissene Fingernägel. Gott legt einen geheimen Segen darauf, wenn du für dich das Reich Gottes den obersten Rang einnimmt.

Zum Abschluss der Bergpredigt sagt Jesus, dass alles Hören nur dann einen Sinn hat, wenn man es auch tut.

Ich glaube, dass zu viel Hören sogar schädlich sein kann. Wer viel Richtiges hört und nichts davon tut, der stumpft ab.

Darum ist eine nötige Reaktion auf die Bergpredigt: Wo soll ich anfangen umzusetzen? Vorschlag: Nehme sich jeder nur eine Stelle, die er in seinem Leben umsetzen will, später vielleicht eine andere. Aber mit einer Stelle anfangen und tun. Nicht nur, sie für eigentlich richtig halten. Bei diesem Umsetzen und Tun bitte in die Einzelheiten gehen. Es wäre keine ausreichende Antwort, zu sagen: Ab heute will ich das Sorgen lassen. Das funktioniert unmöglich. Sondern man muss in einzelne Schritte gehen, die tatsächlich durchführbar sind. So wie es bei Kopfschmerzen nicht hilft, wenn man sagt: Eigentlich sollte ich eine Spalttablette nehmen - oder einen Spaziergang machen. So hilft es auch nicht, wenn man sagt: Eigentlich sollte ich das Sorgen lassen. Wer große Sorge vor fallenden Aktienkursen hat, dem hilft ein untrügliches Mittel: Aktien verkaufen. Geld für das Reich Gottes einsetzen. Jedenfalls darf uns die Sorge um fallende Aktien oder um... nicht gefangennehmen. Jesus will, dass unser Herz frei ist für ihn.

Ich wünsche es uns, dass das auch in den alltäglichen kleinen Dingen gelingt. Die Dinge, die uns belasten, abzulegen und dafür dem Großen Platz zu machen.

Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

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