Zweitgottesdienst am 21. September 2003, in Wilhelmsdorf

Till Eulenspiegel: Als Till mit seinem Bündel Habseligkeiten zu Fuß zur nächsten Stadt wanderte, überholte ihn eine recht schnell fahrende Kutsche. Der Kutscher, der es sehr eilig hatte, rief: Wie weit ist es bis zur nächsten Stadt? Wenn ihr langsam fahrt, eine halbe Stunde - wenn ihr schnell fahrt, zwei Stunden, mein Herr! Antwortete Eulenspiegel. Du Narr! Schimpfte der Kutscher, griff zur Peitsche und trieb die Pferde noch heftiger an, und die Kutsche fuhr mit erhöhtem Tempo weiter. Till Eulenspiegel ging seines Weges daher. Die Straße hatte viele Schlaglöcher. Eine Stunde später fand er eine Kutsche, die offenbar mit einem Schaden im Straßengraben lag. Die Vorderachse war gebrochen und der Kutscher fluchte, was das Zeug hält und war damit beschäftigt, diese zu reparieren. Der Kutscher blickte Till Eulenspiegel vorwurfsvoll an, worauf dieser nur anmerkte: Ich sagte euch doch: Wenn ihr langsam fahrt, eine halbe Stunde…

Wer sind Sie? Kutscher oder Eulenspiegel? Lebenskünstler oder Draufgänger?

(Folie 3) Das unser Tempo von vielen Faktoren beeinflusst wird, ist wohl bei allen gleich. Sie kennen diese Faktoren besser als ich. Diese Flitzer, die diese Kamikatzeflieger, diese … finanziellen, familiäre, persönliche Verhältnisse usw.

(Folie 4) Es muß ja nicht alles gleich so enden… aber ein Körnchen Wahrheit hat es schon in sich, oder?

(Folie 5) Angenommen, wir akeptieren die s.g. Geschäftsbedingungen, der Geschäftsordnung unseres Lebens, die besagt: "Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn´s hoch kommt, so sind´s achzig Jahre." Das ist wenig Zeit für soviel Leben und Lebensmöglichkeiten! Und oft wird am Schluß folgende Überlegung angestellt: (Wenn ich mein Leben nochmal… ) Wie kommen wir dazu, mehr Freiraum für Fehler, Risiko, Verrücktheiten, Reisen, Sonnenuntergänge, Eis usw. zu bekommen? Schauen wir Jesus über die Schulter. 3 Jahre Zeit für das größte Projekt, das es jemals gab. Die Welt mit Gott versöhnen. Das Reich Gottes unter uns anfangen, beginnen, aufbauen. Sich selbst entäußern, den Menschen gleich werden usw. Dem Jesusprinzip auf der Spur:

Sich selbst kennen
Johannes 6,15 (Speisung der 5000): Als Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf en Berg, er selbst allein.
Wer etwas kann, fühlt sich schnell unersetzlich. König zu werden? Ja, das hätte Jesus doch ins Konzept passen können. Steile Karriere. Man greift doch nach jeder Gelegenheit, die sich einem bietet, um vorwärts zu kommen.
(Folie 6) Und plötzlich hat man 20 Lebenshüte auf. Kennen Sie Ihre Lebenshüte? Sie sind Familienvater. Sie sind Angestellter. Sie sind Ehemann. Sie sind Vorsitzender. Sie sind zweiter Vorsitzender. Sie sind Posaunenbläser. Sie sind Ehrenmitglied. Sie sind im Sportverein. Sie sind Hausbauer. (….) Als man Jesus mit einem neuen Lebenshut krönen wollte, zog er sich zurück. Setzt voraus, dass man darum weiß, wozu man da ist, was man hat, was man kann, was man ist, was die Prioritäten im Leben sind. Wenn sich die Gelegenheit bietet, König zu werden: die Einsamkeit suchen, um abzuklären, was überhaupt zu mir passt. Praktisch kann das in einem Oasetag werden. Eine Auszeit nehmen.
(Folie 7) Einen Dreamday. Stephen Covey sagt: "Der Schlüssel liegt nicht darin, Prioritäten für das zu setzen, was auf Ihrem Terminplan steht, sondern darin, Termine für ihre Prioritäten festzulegen"!

Langsamkeit aushalten können.
Matthäus 15,21-23 (Die kanaanäische Frau): Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort! Das aushalten zu können. Die Not, die Bedürftigkeit der Welt zu sehen, aber nicht überall seine Kraft, sein Engagement zu verschleudern, das ist das Geheimnis der Langsamkeit. Aushalten zu können, dass man nicht der ist, der die ganze Welt heil machen kann.
(Folie 8) Sich losmachen vom Allrounder, Loslassen vom Allgegenwärtigenstatus.

Die Reife der Zeit kennen
Lukas 9,51 (Jesus mit seinen Jüngern unterwegs nach Jerusalem): Unterwegs geschieht etwas. Von dem, was geschieht, heißt es: "Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war." "Erfüllte Zeit" meint im biblischen Sprachgebrauch: eine bestimmte Zeit ist abgelaufen, ein festgesetzter Zeitpunkt ist angebrochen in "göttlicher Heilsökonomie"! D.h. Es geschah etwas, als die Zeit reif war, als es geschehen musste. Kein rein zufälliges Ereignis. Aber genau so kann man ja sein Leben leben: alles dem Zufall überlassen, oder sich seiner von Gott zur Verfügung gestellten Zeit zur Verfügung zu stellen. Dann weiß man: (Prediger 3 sagt):
Folie 9: "Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde." Wer sich und seine Zeit kennen lernt, der weiß, wann die Zeit reif ist, um was zu tun. Ich habe lernen müssen, nicht direkt nach einem Vorfall etwas zu erwidern, sondern Zeit vergehen zu lassen. Eine Nacht drüber zu schlafen. Ich habe lernen müssen, meine Predigten morgens zwischen 8 und 12 Uhr vorzubereiten, sonst kommt nichts Gescheites dabei raus. (Diese Predigt musste ich um 16 Uhr vorbereiten. Späßle g' macht!) Ich musste lernen, dass ich nicht drei Wochen Urlaub am Stück brauche um mich zu regenerieren, sondern alle drei Monate eine Woche Auszeit brauche, sonst komm ich am Stock daher.

Jeder dieser Punkte hängt ab, mit welchem ernst und Eifer Sie Ihre Hausaufgaben erledigen: Prioritäten, Lebenshüte festlegen. Ruhe, Schweigen aushalten können, trainieren. Seine starken und schwachen Zeiten kennenlernen. Buchtip: Lothar Seiwert "Wenn du es eilig hast, gehe langsam". Oder Dekalog der Gelassenheit von Papst Johannes XXIII.

 

(Pfr. Heiko Bräuning)

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