|
Gottesdienst am 13. Sonntag n. Trin., 14. September 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Lukas 10, 25-37 Die Geschichte vom barmherzigen Samariter gehört zu den bekanntesten Stücken der Bibel. Wir nennen diese Geschichte genau genommen kein Gleichnis. Denn da muss man nicht überlegen, womit etwas verglichen wird. Die Geschichte ist uns so unmittelbar nah, dass man gar nichts vergleichen oder erklären müsste. Es ist ein Beispiel, das tatsächlich so hätte geschehen können. 25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter
auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Die Geschichte ist für Geistliche sehr peinlich. Jesus lässt sie nicht gut wegkommen. Da ist ein Priester und ein Levit. Grob übertragen auf heutige Verhältnisse ein Pfarrer und ein Diakon. Sie haben's eilig zur Arbeit. Sie werden im Tempel erwartet und müssen ihre Aufgabe tun: Gottesdienst halten. Sie haben ihren Dienst ernst genommen, andernfalls wären sie ihn bald los gewesen. Machen Sie das nicht auch? Den Beruf ernst nehmen? Wer das nicht tut, der kann ihn leicht verlieren. Da bist du wer, wenn du deine Aufgabe tust. Priester und Leviten sollen im GD den Menschen und Gott dienen - im Heiligtum. In ihren Augen gibt es nichts Wichtigeres als diesen Dienst. So dachten wohl auch die Menschen, die den Tempelgottesdienst erlebten. Von diesem Dienst darf nichts ablenken. Jesus sagt im Grunde: Es gibt Wichtigeres als Dienst. Wenn da jemand am Straßenrand liegt, dann lass die Leute auf den Gottesdienst warten. Die werden nicht verzweifeln. Riskier deinen Job. Riskier, dass 100 oder 1000 Leute den Kopf schütteln und meinen, du spinnst, weil du behauptest, da sei unterwegs was passiert; oder lass deine Frau und deine Kinder warten. Das Abendessen kann man verschieben. Jesus meint: Wenn es auf den einen ankommt, der im Graben liegt, dann hast du dich um ihn zu kümmern. So sagt es Jesus auch, als er von dem guten Hirten spricht, der die 99 Schafe allein lässt, und das eine sucht, das sich im Dornengestrüpp verfangen hat. Der gute Hirte, das ist kein anderer als Jesus selbst. Der kann die anderen, die allein zurechtkommen, einmal sich selbst überlassen, und sich nur um den einen Schwachen kümmern. Der macht keine Kosten-Nutzen-Rechnung. Die Kosten-Nutzen-Rechnung sagt: Ein einziges verlorenes Schaf, das ist nur ein Verlust von 1%, das kann man verschmerzen. Das darf allerdings nicht öfter vorkommen. Jesus rechnet anders: Das ist ein Verlust von 100%, denn da ist ein einziges Schaf, das zu 100% am Zugrundegehen ist, oder ein Mensch, der noch Leben zeigt, aber im Grunde schon tot ist. Wir wissen genau, so läuft unser Leben nicht. Wo würden wir denn da hinkommen, wenn man seinen Beruf vernachlässigt? Im Leben, da darf man nicht so zimperlich sein, sonst verzettelt man sich in 1000 Kleinigkeiten. Da ist doch jemand zuständig für die Gestrandeten. Wozu gibt's denn Sozialarbeiter, oder Mitarbeiter der Telefonseelsorge? Die können's, denn die haben es gelernt. Ist ja auch elend schwer, richtig zu helfen. Da muss man wissen, wo man anpackt. Stell dir mal vor, du packst da einen falsch an, der im Straßengraben liegt, dann fährt dir's ins Kreuz. Da bist du nicht versichert. Es ist schon besser, wenn es diejenigen machen, die auch zuständig sind, die wissen, wie's geht. Bei denen springt auch die Versicherung ein, wenn was passiert. Oder es hängt jemand mit dem Auto auf dem Baum. Am besten, du hast nichts gesehen, dann kommst du in nichts rein. Sonst musst du am Ende gar noch vor Gericht als Zeuge erscheinen und verlierst noch mehr Zeit. Kriegt man da überhaupt was dafür? Und lohnt sich das? Das ist keine Karikatur. Die Wirklichkeit ist manchmal noch schlimmer. Oft sagen die Leute, wenn sie ein Elend sehen: Das geht mich nichts an. Doch anders Jesus! Was um dich herum geschieht - nimm es mit wachen Augen auf. Und sei dann ganz bei der Sache, wenn du gebraucht wirst. Über viele Jahrhunderte hat man diese
Geschichte übrigens gerne so ausgelegt: Der Verwundete bin eigentlich ich selbst. Ich bin
der, der Hilfe braucht. Ich bin krank oder halbtot. Christus ist derjenige, der mich von
diesem elenden Zustand rettet. Er schenkt mir durch seinen Einsatz wieder das Leben, die
Gesundheit und das Heil. Die Geschichte hat ja damit angefangen, dass der Schriftgelehrte Jesus um eine Wegbeschreibung zum Himmel gefragt hat. Das ist ja eigentlich die zentrale religiöse Frage, sowohl für Juden als auch für Christen. Mich wundert, dass über diese Frage heute so gut wie gar nicht gestritten wird. Das ist dem Mann wichtig, wenigstens in der Theorie. Damit hat er einen großen Vorzug vor den Menschen, die sagen: Das wird sich später von selbst erledigen. Nein, dieser Mann weiß, da muss man sich drum kümmern. Man muss dafür etwas tun. Im Kopf ist er gut. Er fasst es ganz einfach zusammen: Gott lieben und den Nächsten von ganzem Herzen. In Reli eine 1. Er weiß alles. Dann fragt er noch weiter, und jetzt kommt der Haken. Er hat ein Problem, das auch anzuwenden - und er kann dieses Problem beim Namen nennen: Wer ist denn mein Nächster? Das ist ja ein hervorragendes Problembewusstsein. In Reli eine 1 mit *. Aber der Weg zum Himmel ist nicht nur eine Sache der Theorie. Es geht viel mehr um den Mut, das, was man weiß, auch zu tun. Im Fußball ist es in dieser Hinsicht so ähnlich. Wenn sich ein Trainer mit seiner Mannschaft in den Schulungsraum setzt und stundenlang Theorie macht, dann ist noch lange kein Tor gefallen und kein Spiel gewonnen. Das geht nur durch Einsatz. Wir fragen: Für wen soll ich mich einsetzen? Ist das mein Nächster, der mit mir betet, der mit mir im Gottesdienst sitzt? Der neben mir am Fließband steht, oder seinen Schreibtisch neben mir im Büro stehen hat? Der mit mir in die gleiche Versicherung einzahlt? Oder sind es bloß die in der Familie? Gehen wir zu der Geschichte: Der Samariter ist nicht kompliziert. Er handelt unmittelbar. Er fragt nicht danach, wie es zu dem Unglück gekommen ist. Trägt der Überfallene vielleicht sogar selbst mit Schuld an seinem Unglück? War er leichtsinnig, durch eine so unsichere Gegend allein zu gehen? Danach fragt der Samariter nicht. Er handelt, weil er Unglück sieht. Jesus sagt im Grunde: Dein Nächster ist der, der dich gerade braucht - irgend jemand, dem du zufällig begegnest. Du kannst das vorher gar nicht ausmachen, wer das sein soll, das siehst du gerade aus dem Augenblick heraus. Pass auf, dass du vor lauter Dienst und Aufgabe das Eigentliche nicht vergisst. Nun könnte einer meinen: Vielleicht kann sich's der Samariter besser leisten. Der hat sowieso nichts zu tun. Der weiß gar nicht, wie das ist, wenn man in seinen Alltag eingezwängt ist. - Doch, der ist auch geschäftlich unterwegs. Als er nämlich den Verletzten dem Wirt zur Pflege übergeben hat, muss er rasch weiter. Aber er hat einfach genügend Geistes-Gegenwart, um sich dem Augenblick zu stellen, als er den Überfallenen entdeckt. Offenbar haben alle drei, die dem Halbtoten begegnen, etwas zu tun und sind in einer ähnlichen Situation. Keiner hat einfach nur Zeit übrig. Aber der Samariter gibt einen Teil seiner Zeit her. Vielleicht weiß er: Irgendwann ist deine Zeit abgelaufen. Da zählst du nicht mehr dein Geld, sondern fragst nach dem Weg zum Leben und zum Himmel. Wie wär's, wenn du gleich danach fragst, für dich und deinen Nächsten. Jesus macht es nicht so kompliziert. Er
macht keine Fallstudien. Sondern er schärft den Blick für die Not. Das ist's. Der dir
über den Weg läuft, den hat Gott geschickt. Nimm ihn als Gottes Geschöpf. (Pfr. Dr. K. Knauß)
|
|
|