Gottesdienst am 10. August 2003, in Wilhelmsdorf

Jetzt war es also so weit: der große Meister war gestorben. 120 Jahre alt war. Seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht verfallen. Die Israeliten hatten dreißig Tage Mose beweint. Und man war sich sofort einig: kein Prophet wird jemals in Israel aufstehen, wie Mose! Und dessen Nachfolger stand jetzt in den Startlöchern. Josua. Wie fühlt man sich als Nachfolger eines Menschen, den man gerade noch 30 Tage lang beweint hatte. Den man innerlich kaum loslassen kann. Den man weder aus dem Kopf noch aus dem Herz bekommt. An dem man hängt. An den man mit jedem Gedanken, mit jedem Atemzug denkt. Und immer wenn man an ihn denkt, hat man schon wieder Tränen in den Augen. Toll! Wie muss sich ein Josua fühlen, der zwar schon vor ein paar Monaten von Mose als Nachfolger berufen wurde, aber der eben noch nicht ungeteilte Aufmerksamkeit und Vertrauen von den Israeliten hat.

Gut, dass Gott ihn in dieser Situation nicht alleine lässt! Josuas Dienstbeginn geht nicht los mit: jetzt muss ich mir erst mal Gedanken und Sorgen machen, wie das alles zu meistern ist, sondern es geht los mit: "nachdem Mose gestorben war, sprach der Herr zu Josua." Und was er von Gott hört, sind keine Dienstvorschriften, sind keine Anweisungen, sind keine Forderungen. Was er hört, das ist, wie wenn man bei 40 Grad Hitze in den Bodensee abtauchen darf. Oder den Illmensee. So stell ich mir das vor. Wenn es einem so richtig heiß wird, dann tut das doch gut ohne Ende. Während meine Frau bei 38,9 Grad am Ufer sitzt, um das Kleine zu stillen, steigt der Vater in die Fluten. Und trotz schlechtem Gewissen, das mich jedes Mal plagte, tat die Abkühlung dem kompletten Mensch einfach nur gut. In der Zwischenzeit haben wir sogar einmal die Rollen getauscht. Aber anscheinend steht er auf meine Figur nicht so. So stell ich mir das vor, was Josua von Gott hört: in der größten Hitze des Lebens die wohltuende Abkühlung, die Erfrischung für den ganzen Menschen: "Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen." (Josua 1,5) Der Kopf raucht. "Wie soll ich das schaffen!" - plötzlich zu hören: Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen." Das Herz schlägt auf 180: "Wie soll ich das schaffen…!" - plötzlich zu hören: "Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen." Man wacht schweißgebadet auf: "Wie soll ich das schaffen…!" - da plötzlich zu hören: "Ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen."

Und dann 1400-1500 Jahre später: ein Pfarrer, oder ein Bischof, auf jeden Fall ein Theologe, versucht in absoluter Liebe die junge christliche Gemeinde stark zu machen. Man befand sich in der zweiten oder dritten Generation nach der Gründung der Gemeinde/ Gemeinschaft. Die Gründung fiel kurz nach den Ereignissen in Jerusalem in Sachen Golgatha. Schon in so früher Zeit kam es zu gewissen Entgleisungen, Entartungen, Enttäuschungen in der jungen Gemeinde. Der Theologe macht drauf aufmerksam, Zitat Hebr. 13: bleibt in der brüderlichen Liebe. Vergesst nicht, gastfrei/freundlich zu sein! Denkt an die Gefangenen! Die Ehe soll in Ehren gehalten werden bei allen und das Ehebett unbefleckt, denn Unzüchtige und Ehebrecher wird Gott richten. Usw. Obwohl noch so jung an Jahren, sind Ermahnungen an die junge Gemeinde angesagt und nötig. Und noch eine Ermahnung: Seid nicht geldgierig und lasst euch genügen an dem, was da ist. Gewarnt wird hier - wenn man aus dem Urtext übersetzt - vor einer Sinnesart und der daraus erwachsenden Lebensweise, die auf Geld, Besitz und Eigennutz bedacht ist. Da schreit ein Gemeindeglied von der letzten Bank hervor: "Bitte, bitte! Über Geld spricht man bei uns nicht. Doch, antwortet der Hebräerbriefschreiber: "Einige von euch haben mit dem Geld Probleme. Geld verdreht ihnen den Kopf. Geld ist ein Stück weit zur Hauptsache geworden." Da meldet sich ein anderes Gemeindeglied: "Bitte, bitte, also bitte, also wirklich - über Geld spricht man nicht!" Doch, sagt der Hebräerbriefschreiber, wo Geld zu einem Problem wird, gibt es ein ganz eindeutiges Wort Gottes!" "So?" fragt die erstaunte Gemeinde. "Bestimmt so ein moralisierendes "Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon", oder so etwas über den zehnten oder so was, was uns überhaupt nicht rein läuft. Mein Geld und ich: das ist was ganz intimes und das geht niemand was an." Noch einmal setzt der Hebräerbriefschreiber an, um seinen Satz zu vollenden: "Wenn Geld zum Problem wird, gibt es ein klares Wort Gottes dazu: "Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen." (Josua 1,5) "Willst du uns verschaukeln?" fragt die erstaunte, bibelfeste Gemeinde? "Das ist doch ein Wort aus dem Alten Testament, das Gott Josua zugesprochen hat, als er Moses Nachfolger werden sollte." So ist es. Genau dasselbe Wort wird zu Rate gezogen, als es einmal nicht um Führungspositionen geht, nicht um einen neuen Dienstauftrag, um eine neue Aufgabe, sondern wo es in der Gemeinde um Geld geht. Hebräer 13,5: "Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn der Herr hat gesagt: "Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen."
Ja, darf man das denn? Ein Wort Gottes so aus dem Zusammenhang reißen und für jedes x-beliebige Problem einsetzen? Darf ich meine Einstellung zum Geld (nicht geldgierig zu sein und mir genügen zu lassen an dem, was da ist) mit einer Zusage Gottes begründen, die eigentlich ursprünglich jemand ganz anderem gegolten hat?

1800 Jahre später: wir taufen Justin Damm und sprechen ihm als Taufspruch zu: "Justin, ich will dich nicht verlassen, noch von dir weichen." (Hebräer 13,5 / Josua 1,5). Gilt das? Ein Wort, das Josua gesagt worden ist, geben wir Justin mit auf den Weg. Tun wir da nicht Gewalt am Wort Gottes, indem wir Zusagen verallgemeinern, denen wir uns gar nicht 100 %-ig sicher sein können, weil sie eben nicht an uns adressiert wurden? Darf man sich trotzdem auf den Inhalt der Zusage verlassen?
Wenn man die Sprache des Hebräerbriefschreibers ins Deutsche übersetzt, dürfte man nicht einfach so nebenher sagen: "Denn der Herr hat gesagt". sondern man müsste vielmehr sagen: "Der Herr hat ein für allemal gesagt." Die Begründung heißt nicht "Der Herr hat gesagt." Sondern: "Er hat ein für allemal gesagt." Ein für allemal. Einmal zum Josua: "Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen." Für allemal: "Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn der Herr hat ein für allemal gesagt: "Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen." Ein für allemal, deshalb gilt: "Justin, ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen."

Ich erinnere mich an unsere Hochzeit. Es war der 22.06.2002. Es war ca. 23.45 Uhr. Wir hatten im Voraus einen guten Freund, einen Pfarrer aus Baiersbronn gebeten, so eine Art "Wort auf den Weg" zu sprechen. Ich habe mich innerlich drauf eingestellt auf ein Wort wie "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die ganze Erde." Und was hat er gebracht? Seid nicht geldgierig. Erste Reaktion: Meint der meine Frau oder mich? Dann weiter: seid nicht geldgierig und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn der Herr hat gesagt, nein: der Herr hat ein für allemal gesagt: ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen." Ich hab fast den Eindruck, sowohl Gott hat ein gutes Werk getan, als seine Fürsorge, sein Dasein, seine Gegenwart nicht nur Josua versprochen hat, sondern auch zum Beispiel in die Ehe hinein, wo Geld immer wieder eine Rolle spielt. Gut, dass man gegen das Geld einen Akzent setzen kann: Gott wird mich nicht verlassen und nicht von mir weichen. Und wenn die Taschen leer sind? Auch dann macht Gott keinen Rückzieher! Auch dann sind für ihn nicht wertlos, wenn unser Geldwert nicht stimmen sollte.
Ein für allemal hat Gott gesagt: "Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen." Das gilt. Und das ist in die Gemeinde hineingesprochen, weil hier der Ort ist, wo man das leben und erleben kann.

"Ein für allemal" ist übrigens ein fast schon zur Tradition gewordener Ausspruch im Hebräerbrief. Hebräer 9, 26: Nun aber, am Ende der Welt, ist er (Jesus Christus) ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben."

(Pfr. Heiko Bräuning)

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