Gottesdienst am 7. Sonntag n. Trin., 3. August 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Johannes 6, 1-15

Es muss eine sehr turbulente Zeit gewesen sein: Jesus zog mit seinen Jüngern durch das Land. Die Leute kamen in Scharen und wollten hören, was Jesus sagte. Wenn er über das Reich Gottes redete, dann war das für die Menschen offenbar völlig anders, als sie es bisher gewohnt waren. Jesus machte auch viele Kranke gesunde. Und auch deswegen kamen viele zu ihm. Ungeheure Erwartung! Riesige Spannung. Das darf man sich nicht sehr romantisch vorstellen.

Nichts gegen Caspar David Friedrich oder Schnorr von Carolsfeld: Aber so idyllisch, wie man es sich in der romantischen Malerei vorstellte, wird es sicher nicht gewesen sein - sondern aufregend, manchmal bis zur totalen Erschöpfung.

In einer solchen Situation wollte sich Jesus mit seinen Jüngern in die Einsamkeit zurückziehen. Ruhe, Ausspannen, Erholung! Auch Jesus brauchte das. Man kann nicht ununterbrochen mit Hochdruck arbeiten und leben. - Aber die Leute zogen ihm einfach nach. Er konnte sie nicht loswerden.

Das beschreibt der Predigttext Johannes 6, 1-5 (Speisung der 5000)
1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt.
2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
3 Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern.
4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden.
5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, daß viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?
6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wußte wohl, was er tun wollte.
7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, daß jeder ein wenig bekomme.
8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus:
9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?
10 Jesus aber sprach: Laßt die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer.
11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten.
12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt.
13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrigblieben, die gespeist worden waren.
14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
15 Als Jesus nun merkte, daß sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er selbst allein.

In heutiger Sprache müsste man sagen: Jesus wollte eigentlich Urlaub machen, und die Jünger mit. Aber die Leute bedrängen sie trotzdem. Die anderen Evangelisten berichten, dass sich die Geschichte den ganzen Tag hinzog mit vielen Heilungen und einer langen Rede Jesu. Johannes deutet das nur ganz nebenbei an, so dass man eigentlich mit der Lupe danach suchen muss. Dafür erzählt er etwas mehr von dem, wie sich die Jünger verhalten haben. Die sind ja in einer ganz großen Verlegenheit. So vielen Leuten (5000 Männer, dazu Frauen und Kinder, also ungefähr 20.000 Menschen) etwas zu essen zu geben, das bringt sie in Schwierigkeiten. Die haben doch keine Großveranstaltung machen wollen, sondern brauchten Ruhe.

Wir wollen ein bisschen genauer ansehen, wie sich einzelne in dieser unmöglichen Lage verhalten.

1. Philippus, der Realist

Philippus ist ein guter Rechner. Den würde man heute bei der Organisation eines großen Festes anstellen. Das würde der spielend machen. Kaum hat er die Menge der Leute abgeschätzt, dann weiß er auch schon, was das ungefähr kostet. Mindestens 200 Silbergroschen, ungefähr der halbe Jahreslohn eines normalen Tagelöhners. Und selbst das reicht kaum! Und noch etwas macht dieser Philippus: Er schätzt den Markt ab: Wenn wir anfangen zu suchen, könnte man in der Umgebung überhaupt so viel Brot finden? Gibt's überhaupt so viele Dörfer und Gehöfte hier in der Nähe? Kann es sein, dass die Leute hier so viel hinter ihrem Ladentisch haben? Unangemeldet, versteht sich! Einfach so!

Die Antwort ist klar: Unmöglich! So viele Leute kann man hier nicht einfach spontan verköstigen.

Aber ist es denn nicht so, dass man rechnen muss? Jesus hat sogar selbst dazu aufgefordert. Wer einen Turm bauen will, muss vorher überschlagen, ob er ihn auch bezahlen kann.

Und wer ein Gemeindehaus bauen will, muss auch überschlagen, ob er so viel Geld hat; und wenn er Geld aufnehmen musste, ob er nachher auch die Schulden tilgen kann.

Man braucht in der Gemeinde Leute, die gut planen und organisieren können. So ein Typ stellt der Philippus dar. Aber offenbar war er diesmal doch fehl am Platz. So gut man solche Leute sonst brauchen kann, er hat sich eben in Jesus verschätzt. Er ging davon aus, dass bei Jesus alle Rechnungen gleich gehen wie anderswo. Das war sein grundlegender Fehler.

2. Andreas, der Visionär

Vielleicht ist die Bezeichnung etwas übertrieben. Aber ich will ihn einfach einmal so nennen. Man hätte auch "Aktivist" sagen können. Von beidem hat er etwas.

Während Philippus noch mit seinem Taschenrechner rumhantiert und Hochrechnungen anstellt und Tabellen anschaut und Marktbeobachtungen macht - da kommt Andreas schon wieder zurück. Er hat einen kleinen Streifzug gemacht durch die Scharen, die sich da gelagert haben. Er ist nicht mit der Opferbüchse durchgezogen, sondern er hat nur gut beobachtet. Die Leute angeschaut. Saß doch da tatsächlich ein kleiner Junge mit seinem mitgebrachten Vesper. Die Eltern werden wohl auch dabei gewesen sein. Und Andreas hat den Jungen gleich mitgebracht, samt seinen 5 Broten und 2 Fischen. Wir wissen's nicht: Das hätte vielleicht das Abendessen für die Familie sein sollen.

Das reicht ja hinten und vorne nicht. Man kommt sich ein bisschen dumm vor. Diese wenigen Gaben!

Was bringt den Andreas nur dazu, diesen Jungen anzuschleppen?

Er bringt ihn nicht zur Brotsammelstelle des Hilfswerks, sondern zu Jesus. Mal sehen, was der macht! Hat nicht Jesus schon oft aus Nichts viel gemacht? Wie viele Wunder haben sie schon gesehen? Wer mit Jesus lebt und nicht mit Wundern rechnet, ist kein Realist.

Also, Gaben eingesetzt, und wenn sie noch so klein sind. Jesus segnet sie. Da entsteht eine Gemeinde durch Wunder, wo vorher nicht viel war. Nicht weil die Gaben so großartig und die Ideen so toll wären, sondern weil Jesus Wunder tut. Wir sollen und dürfen mit seinen Wundern rechnen.

Was ich kann, ist nicht viel - so werden sich viele sagen. Ich kann nicht gut reden. Ich schaffe gerade das Nötigste für mich selbst und evtl. meine Familie. Da kann nichts herauskommen, wenn ich mich auch noch in der Gemeinde engagiere.

Man kann es beinahe als ein göttliches Geheimnis bezeichnen. Der Mangel ist für Jesus mehr als der Überfluss.

Eine gute Planung verändert noch nicht die Welt. Viele Menschen meinen, wenn man nur die Lebensmittel gleichmäßig verteilt, dann wären unsere Probleme gelöst.

Nach der Logik Gottes macht es aber nicht die Menge. Mit der Menge hatte ja auch der reiche Kornbauer gerechnet, den uns Jesus als ein sehr schlechtes Beispiel hinstellt. Als für ihn die Ernte besonders reichlich ausfiel, baute er zusätzliche Scheunen und sagte sich: "Liebe Seele, du hast nun einen Vorrat für viele Jahre..." Aber Jesus hat für ihn das Urteil übrig: "Du Narr, heute Nacht wird man deine Seele von dir fordern!"

Eigentlich ist es eine Zumutung: Was sonst auf der ganzen Welt immer stimmt, das stellt Jesus manchmal auf den Kopf. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das übrige alles zufallen. Er sagt nicht: Plant nur ja gut, und sorgt auch noch für ein Sicherheitspolster. Sondern die Prioritäten des Lebens müssen stimmen.

Für Jesus ist zwei mal zwei nicht immer vier. Das Rechnen funktioniert für ihn nicht so wie für uns.

Du kannst einen großen Überfluss haben und dazu eine gute Idee. Und es reicht trotzdem nicht. Und auf der anderen Seite kannst du fast nichts haben, und es reicht.
Wenn Gott seine Hand zum Segen drauflegt, dann schafft er aus dem Nichts eine große Fülle. Gott hat das ja auch so gemacht, als er die Welt erschaffen hat. Da, wo vorher nichts war, hat er geboten, dass etwas wurde, und so entstand die ganze Schöpfung, alles, was wir um uns herum sehen, wir Menschen selbst eingerechnet. Es war ein Wunder der göttlichen Schöpfung aus dem Nichts.

3. Die Gaben sind schon da

Für mich war es eine Überraschung und Neuentdeckung: Jesus nimmt das, was schon vorhanden ist. Die Brote und Fische hat er nicht erst noch einkaufen oder backen und fischen lassen. Sie waren vorhanden. Nur waren sie so wenig, dass niemand glauben konnte, dass es reicht.

So war es bei vielen Werken auch, die Gott in seiner Gemeinde durchgeführt hat. Wenn man an das Geld und an die Fähigkeiten der Menschen dachte, dann konnte die Rechnung nicht aufgehen. So bei August Hermann Franke in Halle, so in Wilhelmsdorf, so in vielen Missionsgesellschaften.

Menschen sind im Glauben zu Gott gekommen. Sie sagten: Das, was wir mitbringen, reicht nicht. Wir dürfen auch heute darauf vertrauen, dass er aus unseren klein erscheinenden Gaben etwas zu seinem Segen macht. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

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