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Zweitgottesdienst am 20. Juli 2003, in Wilhelmsdorf
Nimm dir das Leben. Den Vater für tot
erklärt, das Erbe genommen, das einem normal erst nach dem Tot des Vaters zusteht. Für
solches Verhalten von ungezogenen Söhnen stand im Alten Testament die gnadenlose
Todesstrafe! Kann das gut gehen, wenn man sich so das Leben nimmt? V. 14: "Das Seine verbraucht, kam eine große Hungersnot." Nichts mehr haben und dann noch eins oben drauf. Kein Spielraum mehr. Kein Notgroschen. Kein Fettpolster. Die Nerven liegen blank. Und das nur, weil ein Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte. Weil ein Funke alles entfacht hat. Was ist eine Hungersnot! Die könnte man überleben. Aber wenn man grundsätzlich nichts mehr hat. Keine Vorräte, keine Kraft für Kreativität, auch nicht den kleinsten Rest? Gerade wenn man an seiner absoluten Kapazitäts- oder Belastungsgrenze angekommen ist, bietet einem die Bibel eine Perspektive. Nimm dir das Leben: Risiko bleibt, weil letzte Absicherung nicht möglich ist. V. 15: "er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes " Darben = hysterew = Hysterie (?), übersetzt: zu spät kommen, Mangel haben. Zu spät kommen. Zurückstehen, geringer sein. Er beginnt! = Prozeß. Folge: sich an jemand herandrängen, sich jemandem aufdrängen. Selbstbewusstlos. Nimm dir das Leben: Gradwanderung zwischen nehmen und genommen werden. V. 17: "Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater!" Das Interessante: Das "dran denken", das "sich erinnern" an den Vater. Warum bewirbt er sich nicht beim Bauern xy? D.h. ein Rest seines ehemaligen Standes ist ihm bewahrt geblieben. Ganz weg bekommt man seinen ursprünglichen Wert nicht. Am Ende erinnert sich der Sohn an seine Kindschaft. An die Abhängigkeit. An die Wurzeln. An seinen ursprünglichen Stand. Und aus dieser Erinnerung ("Ich war Sohn eines Vaters, der alles hat") bahnt sich die Wende an. Das Gespür für den Rettungsort bleibt. Das Gefühl für den Vater bleibt. Die größte Überraschung für den Sohn, als er nach Hause kommt: Ich wollte mir das Leben nehmen, das mir zusteht. Aber das war wie gewonnen so zerronnen. Jetzt, wo das Leben auf dem Spiel steht, wo man Leben nur noch erarbeiten könnte (ich will mich und mein Leben als Tagelöhner bei meinem Arbeiter abarbeiten), wo man Leben nur noch auf niedrigsten Niveau führen könnte, weitab vom ursprünglichen Ideal und Stand, da erfährt er: Leben kann man sich nicht nehmen. Leben kann man sich nicht erarbeiten. Leben - bekommt man geschenkt. (V. 22: Der Vater spricht zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seien Hand und Schuhe an seine Füße.) Leben kann man sich nicht nehmen. Leben bekommt man geschenkt. Das will das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Das will Lukas seinem Leserkreis sagen. Das sagt Jesus seinem Hörerkreis. Lukas will mit seinem Evangelium die Griechen erreichen. Der Grieche hat geglaubt, die Ursache des Lebens sei die Psyche. Der Motor, die Antriebskraft zum Leben liegt in uns. Wir können uns anstoßen um in Bewegung zu kommen. Wir müssen uns anstrengen, um am Leben zu bleiben. Was hat die Anstrengung gelohnt im Gleichnis? Jesus sagt im Gleichnis: Das Leben könnt ihr euch nicht nehmen, ihr bekommt es vom Vater geschenkt. Das bringt Bewegung ins Spiel. Das stößt an. Das ist der Motor zu neuem. Jesus sprach mit diesem Gleichnis in erster Linie zu den Israeliten: Dem Hebräer, dem Israelit, wie überhaupt dem Orientale wäre die griechische Sicht des Lebens fremd. Für ihn vollzieht sich nach orientalischem Verständnis das Leben in so vitalen Äußerungen wie Hunger und Durst, Hass und Liebe, Wünschen und Begierden. Das Leben ist für ihn gleichbedeutend mit Gesundheit, Heil und Glück. Zum Lebensverständnis in seiner Ganzheit gehört auch der Besuch des Heiligtums, um in der Gemeinschaft der Lebendigen Jahwe, den Schöpfer des Lebens zu loben und gelegentlich sogar zu schauen. Für sie bringt Jesus ebenfalls auf den Punkt: Das Heil kann man nicht machen. Weder dadurch, dass man seine Wünsche und Begierden selber in die Hand nimmt, noch dadurch, dass man Gesundheit, Heil und Glück selber versucht zu erreichen, noch durch bestimmte spirituelle Riten, weder durch Prassen und Protzen. Das ganze Leben bekommt man geschenkt. Einladung: lassen wir uns das Leben schenken. Einen Siegelring, der verbindet, der eingliedert, der ein Zeichen von Zugehörigkeit und damit auch von väterlichem, fürsorglichem Schutz ist. Ein Gewand, nein das beste Gewand, das man zu Festen trägt. Nicht Arbeitsklamotten. Beim Vater soll nicht die Atmosphäre aufkommen, als müsste man etwas leisten, etwas abarbeiten, um zum Leben zu kommen. Schuhe schenken lassen. Wer hat damals schon Schuhe gehabt? Nur die besser situierten. Was Gott schenkt, hat nicht jeder. Ist was ganz besonderes. Ohne, das man etwas Besseres ist, ist man plötzlich besser dran. Die Schlussszene: Der Vater steht bei dem anderen Sohn. Der etwas distanziert dem allem gegenüber steht. Der nicht so recht glauben will, was er sieht. Dem das innerlich fremd ist, obwohl er so einen frommen Touch hat. Dem sagt der Vater: "alles, was mein ist, das ist dein" (V. 31) Wir leben in einem Zeitalter der Abkürzungen. Millionen von Abkürzungen hat sich der Mensch gemacht. Damit er sich leichter verständigen kann, erfindet man Abkürzungen. Alles, was ich lang und breit versucht habe zu sagen, sagt Jesus abgekürzt. Bringt Jesus in einer Abkürzung auf den Punkt: "Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht." (1 Joh 5, 12) Das ist die Abkürzung von allem Gesagten. Die verkürzte Version dessen, das Gott uns das Leben schenkt, und wir es uns nicht selber nehmen müssen, erarbeiten müssen, erfüllen müssen. (Pfr. Heiko Bräuning)
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