Gottesdienst am 13. Juli 2003, in Wilhelmsdorf

Was wir heute machen, die Taufe an Julia vollziehen, ist nichts was wir uns als Kirche selber ins Stammbuch geschrieben hätten. Ist nichts, was auf unserem Mist gewachsen ist. Haben nicht wir uns ausgedacht. Ist uns von Jesus befohlen worden. Nicht empfohlen, nicht freundlich drum gebeten, nicht ins Belieben gestellt: befohlen. (griech. zu Jüngern machen: aorist imper.) Nicht: wartet bis die Leute zu euch kommen und euch höflich fragen und bitten. Sondern: geht hin, griech. poreuomai reisen, marschieren, wandern. Meint: nicht das orientierungslose umherirren, nicht der Verdauungssonntags-spaziergang, sondern das Gehen in eine bestimmten Richtung mit einer bestimmten Absicht, nämlich: Seid unterwegs, um Jünger zu machen. Das griech. Wort poreuwmai heißt sogar Unterwegssein als "Lebenswandel". Euer ganzer Lebenswandel sei auf Jüngergewinnung hin angelegt.

Machet zu Jüngern? Wo gibt's denn so was!? Sokrates, Plato, Heraklit, Pythagoras, Epikur würden sich einen Ast ablachen. Würden sich im Grabe rumdrehen. Wo gibt's denn so was, dass alle Schüler von einem Meister auf Außenstehende zugehen und die überreden, zu Jüngern dieses Meisters zu werden. Wer ein echter Meister war, berief einen Lieblingsnachfolger. Und den lehrte er, in völliger Freiheit selbstständig zu denken. Dann war meistens zwar kurzfristig das Überleben der Schule gesichert, aber eben nur solange, bis die anderen Schüler und Jünger merkten: hoppla, der Neue besitzt nicht das Charisma des alten Meisters, oder schlimmer: der sagt ja plötzlich was ganz anderes als der Alte! Hat Jesus einem Lieblingsjünger seine Schule übergeben? Einem einzigen? Was wäre dabei rausgekommen? Der hat alle Jünger zu Zeugen eingesetzt, ihnen volle Macht, volle Gewalt gegeben, um die Schule im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes weiterzuführen. Es ging niemals darum, auch nicht bei der Berufung des Petrus, einen Oberguru zu haben. Das Prinzip das Jesus wählt: allen Jüngern zu sagen: geht und macht zu Jüngern bewahrt davor, dass sich die Lehre verselbständigt und nach der Facon eines einzelnen umgedeutet oder gar tot geredet wird. Das dieser Ruf an alle, dieser Einbezug jedes einzelnen Jünger Jesu in den Auftrag des Meisters ergeht, unterstreicht nochmal den missionarischen Charakter, den Jesu seinen Worten am Ende beimisst.
In den Philosophenschulen der Antike ging es nicht um Mission. Gegen horende Gebühren konnten es sich einige elitäre erlauben, in Platons Garten philosophische Ergüsse über sich ergehen zu lassen. Die vielen, die eine Sehnsucht nach existenziellen Fragen des Lebens hatten (wie z. Bsp.: woher komme ich, was muss ich tun, wo gehe ich hin, was ist von Gott zu halten), die gingen leer aus. Es ging bei den philosophischen Schulen auch nicht darum, die Meinung des Lehrers einfach so zu übernehmen. Es ging um Diskussion. Diskutiert wurde! Das war einem Sokrates wichtig. Das wollte Phytagoras. Das wollte Platon usw.
Jesus dagegen scheint nichts wichtiger zu sein, als das alle gewonnen werden für die Sache Gottes. Keiner soll außen vor bleiben. Keiner soll etwas nicht verstehen oder nicht verspüren von der Liebe Gottes. Keinem soll der Zugang dazu verbaut werden. Deshalb erzog Jesus seine Jünger auch nicht in die Freiheit des Denkens hinein. Nach dem Motto: "Könnt tun und denken wie ihr wollt, nur kommt zur Erkenntnis." Er stellte seine Positionen nicht zur Diskussion. Was lebensnotwendig ist, was heilsnotwendig ist, kann man nicht ins Belieben der Hörer stellen. Kann man nicht fragwürdig machen. Kann man nicht zur Diskussion frei geben. Deshalb heißt es: lehrt sie zu halten alles, was ich euch befohlen habe. Das heißt: es ist uns nicht ins Belieben gestellt, was wir zu sagen haben. Es ist nicht einer bestimmten Bevölkerung vorbehalten. Was zu glauben, was zu sagen ist, gilt allen aus allen Völkern. Und es ist nicht einem bestimmten Oberguru überlassen, zu Jüngern zu machen. Wir alle sind eingeladen und gesandt, Jünger zu machen.

Zu Jüngern machen? Was sind überhaupt Jünger? Wer sind wir und was sollen wir da rauskommen, wenn wir "Jünger machen". Unter mathätäs (Jünger) versteht man einen Menschen, der sich an einen anderen bindet, um sich dessen Kenntnisse und Erkenntnisse anzueignen. Der Handwerkslehrling. Der Lehrling, der Studierende. Mathätäs kann man nur sein in der Nähe eines und Umgebung eines Meisters oder Lehrers. Grundbedeutung: sich einstellen auf etwas, etwas zur Gewohnheit werden lassen. Das Besondere am Schüler: Schüler bleibt man seinem Lehrer gegenüber lebenslang. Jünger bleibt man seinem Meister gegenüber lebenslang. Und wenn einer selber dann zum Lehrer wird, seinen Kindern gegenüber, seinen Schülern, seinen Anvertrauten in der Diakonie, im Altenheim oder wo auch immer, dann immer in dem Verständnis: ich bin selber immer noch der Lernende bei meinem Lehrer. Jünger Jesu sind Menschen, die lebenslang ihre Sinne auf ihren Lehrer, ihren Meister richten. Und das ist doch gut: wir haben immer eine Rückbindung. Eine Rückendeckung. Wir haben immer ein Vorbild. Einen, der was zu sagen hat, wenn wir nichts mehr zu sagen haben. Einen, der mir was beibringen kann, wenn ich nicht mehr weiß, wie es geht. Das sind Jünger, die lebenslang bei Jesus in der Schule bleiben dürfen. Und die m. E. nie Langeweile im Unterricht verspüren. Jünger Jesu haben immer und immer wieder Aha-Erlebnisse. Und wenn sie von ihrem Meister zum 100.sten mal die Geschichte vom verlorenen Sohn hören. Wenn sie zum hundertsten Mal hören: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln". Ich hab in Tübingen einen Lehrer gehabt, Hans-Joachim Eckstein: wenn man dessen Bibel gesehen hat, dann hat man überhaupt nicht mehr verstehen können, dass der noch was hat drin lesen können. Alles war hundert Mal und mehr unterstrichen, überstrichen, zwischen die Zeilen geschrieben, unten drunter, oben drüber. Mal blau, grün, gelb, orange, schwarz. Diese Bibel hat bestimmt verschiedene Schichten gehabt. In der Tat Schichtsalat. Aber da hat man gespürt: das ist einer, der lernen will. Der sich ständig auseinander setzt mit dem, was der Meister sagt. Da ist meine Bibel ein unbeschriebenes Buch, obwohl mein Seelsorger mal gesagt hat: jetzt bist du nicht mehr weit davon entfernt, dass du jeden Satz in deiner Bibel mit Textmarker angestrichen hast. Ich darf sie bitten, miteinander ins Gespräch zu kommen, wann sie das letzte mal Aha-Erlebnisse in der Schule Jesu gehabt haben. Wenn wir zu Jüngern machen, dann nehmen wir Menschen eine ganz große Verantwortung von den Schultern, in dem wir ihnen sagen, wer ihnen die großen Fragen des Lebens dauerhaft und meisterhaft beantwortet.

Machet zu Jüngern. Wenn es um dieses Thema geht, müsste sich doch ein Fest anschließen. Neue Leute! Da steht doch der Himmel bekanntlich Kopf. Aber dieser Missionsbefehl wird nicht umrahmt von einem rauschenden Fest, wie es beim Verlorenen Sohn gefeiert wurde. Vor diesem Missionsbefehl verwandelt Jesus nicht Wasser in Wein, damit genug für das Fest da wäre. Statt Feststimmung bei den Jüngern wird der Missionsbefehl eingeläutet mit dem Satz: einige aber zweifelten. Einige zweifelten: hätte Jesus nicht mehr Gespür zeigen können? Den Zweifelnden einen Missionsbefehl zu geben. Ist mit dem Zweifel nicht der Auftrag in Gefahr? Und wie gesagt, es geht ja nicht um einen Missionswunsch von Jesus, es geht durchgängig um Befehlston. Kann man Zweifelnden einen Befehlston zumuten? Zum Zweifel, zum Befehlston kommt an dritter Stelle, sozusagen als Schlusssatz von Jesus kommt: siehe, ich bin bei euch, alle Tage. Ist es so? Zweifel - Befehl - Beistand. Die drei gehören zusammen und scheinen die Existenz der Jünger zu beschreiben: Zweifeln dürfen. Einem Befehl verpflichtet. Nie allein gelassen. Zu wissen, ich darf auch mit meinen Zweifeln 100 % zum Laden dazugehören. Zu wissen, mir ist die Sache Jesu nicht ins Belieben gestellt, sondern Jesus hat etwas befohlen. So, wie er damals bis heute seinen Engeln befohlen hat, dass sie dich behüten auf allen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Befehl ist Befehl und es wird erwartet, dass man ihn ausführt. Wer einen Befehl hat, darf auch mal blindlings gehorchen, und muss sich nicht für jeden Schritt und Tritt rechtfertigen und entschuldigen. Befehl ist Befehl. Drittens aber auch zu wissen, im Zweifel, wie im Marschieren, Unterwegsein ist er bei uns. Wir brauchen Zeiten des Zweifeln Dürfens. Wir brauchen befohlenes, damit der Weg, die Richtung und das Ziel klar ist, die Orientierung gegeben ist. Wir brauchen das Gefühl, einer ist für uns. Mit uns. Und weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges , weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur kann uns scheiden von der Liebe, von diesem Herrn. (Röm 8, 38-39)

Interessant! Es gibt zwar ein Abschlusswort Jesu, aber es gibt kein Abschlusswort des Buchautors. Kein Schlusssatz wie etwa: Und Jesus verschwand vor ihren Augen. Kein: und als die Jünger dies hörten, wurden sie ohnmächtig und gaben auf. Oder: als die Jünger das hörten, machten sie sich ans Werk. Wie die Geschichte weitergeht, wird nicht schriftlich festgehalten. Was Jesus sagt, klingt einfach weiter, ohne dass ein Knoten an die Sache gemacht wird. Ohne, das abgehakt wird, abgeschlossen wird. Das Ende der Geschichte ist ein immer fortwährender Prozess. Darin stehen wird. Da sind wir mit hinein genommen. Die Geschichte geht grad so weiter: nachher draussen geht es um einen Lebenswandel, der andere zu Jünger macht, es geht um in der Schule Jesu bleiben, es geht um die Tatsache des "Zweifel Dürfens", des "Befehlempfängers und Befehlausführenden" und um die Tatsache des Immanuel: Gott ist mit uns.

(Pfr. Heiko Bräuning)

Betsaal-11-2002-037.jpg (28067 Byte)

 

 

 

Impressum