|
Gottesdienst am Kapellenfest Pfingstmontag, 9. Juni 2003, Latten um 10.00 Uhr, Text Matthäus 16, 13-19 (Pfr. Knauß/Pfr. Dörflinger) 13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea
Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, daß der Menschensohn
sei? Pfr. Knauß: Wir haben eine Art Dialogpredigt vor. Wir stellen uns gegenseitig Fragen, die uns in diesen Text hineinführen sollen. Herr Pfr. Dörflinger, das ist ja ein zentraler Text. Worin sehen Sie das, was unsere beiden Kirchen eint? Pfr. Dörflinger: Ich freue mich, dass Sie nach dem fragen, was uns eint. Den weitaus größten Teil unserer getrennten Geschichte bildete nämlich ausschließlich die Frage, was uns trennt. Aber seit dem Beginn der ökumenischen Bewegung anfang des 20. Jhds wird eben diese Frage nach dem Einenden immer lauter gestellt. Und in diesem Zusammenhang muß als erstes die Taufe genannt werden. Die Anerkennung der einen christlichen Taufe ist der Durchbruch gewesen für die gegenseitige Anerkennung des Christlichen und des gegenseitigen Bemühens, nach dem Willen Christi zu suchen. Uns einen die Gotteskindschaft und die zentralen Glaubensinhalte des Christentums. Selbst im apostolischen Glaubens-Bekenntnis stimmen wir ganz überein, wenn wir die Formulierung: "Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche" nicht in der Bedeutung der Katholischen Konfessionskirche, sondern im Sinne der katholischen, das heißt allumfassenden Kirche, die Christus wollte, aussprechen. Das ist schon ein gewaltiger Schritt, den man vor etlichen Jahrzehnten noch nicht zu denken gewagt hat. In unserem Zweiten Vatikanischen Konzil, das von 1962 bis 1965 stattgefunden hat, hat sich eine ganz starke Erneuerung in unserer Kirche vollzogen. Viele von den Anliegen der Reformation haben hier ihren Durchbruch erlebt. Dazu zählen die Rückkehr zur biblischen Fundierung des Glaubens, also die Wertschätzung der Heiligen Schrift, ihre Bedeutung im Leben des Christen wie auch in der Liturgie. Wir können zwar immer noch die Feststellung machen, dass unsere evangelischen Christen oft in der Kenntnis der Bibel versierter sind, aber es hat sich dieser "Nachholbedarf" auch in vielen vielen Haus- und Bibelkreisen Luft gemacht, die in unserer Kirche entstanden sind. Auch der Wille zur Erneuerung der Kirche und die ausdrückliche Feststellung, dass die Kirche dieser Erneuerung ständig bedarf, hat eine Wandlung im Kirchenverständnis mit sich gebracht. Während in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts sich unsere Kirche noch als Fels in der Brandung, als unangefragte moralische Autorität verstand, ist sie seit dem Konzil auf dem Weg und versteht sich als wanderndes Volk Gottes in der Wüste der Zeit, wo sie hindurchgeführt wird. Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen ist eine wichtige Feststellung des Konzils, aus dem heraus sich die Aufgabe für das Glaubensleben eines jeden Christen herleitet. Eine stärkere Einbeziehung der Kreuzestheologie und der Gebrauch der Landessprache in der Liturgie waren Anliegen Martin Luthers, die heute in unserer Kirche selbstverständlich praktiziert werden. Bis vor dem Konzil war ja lateinisch die einzige Liturgie-Sprache, die andererseits auch die Stärke unserer Weltkirche ausgemacht hat. Aber es ist natürlich unumstritten, dass für die lebendige Mitfeier die Landessprache sinnvoller ist. Die Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert hat sich ja letztlich mit den gegenseitigen Lehrverurteilungen vollzogen. Die beiden Kirchen haben sich gegenseitig wegen einzelner Lehramts-Aussagen verurteilt. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind die ersten Lehrverurteilungen von damals gegenstandslos geworden, und auch im folgenden haben sich die Kirchen bemüht, in den damals strittigen Fragen einig zu werden. Mit der Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die 1999 in Augsburg unterzeichnet wurde, ist ein ganz wichtiger Schritt in diese Richtung getan worden. D.h. die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts sind bis auf die Fragen von Kirche, Amt und Eucharistie eigentlich inzwischen miteinander bearbeitet. Der ökumenische Kirchentag in Berlin hat im großen Stil gezeigt, dass diese Annäherungen unserer Kirchen im Leben der Gläubigen längst ein ungezwungenes Miteinander hervorgebracht haben. Man kann ja immer darüber streiten, ob es redlicher ist, nur von den Übereinstimmungen zu reden, oder ob es auch wichtig ist, die Unterschiede, die es noch gibt, festzuhalten und nicht so zu tun, als ob es sie nicht gäbe. Vielleicht war es auch ein Zeichen für die Unsicherheit der Christen unserer Kirchen, wenn sie darüber über alles mögliche diskutierten, v.a. auch vieles, was mit unserem Christlichen Glauben nun gar nichts zu tun hat. Was sucht ein Dalai Lama auf dem ökumenischen Kirchentag? Warum beschäftigen sich die Christen so sehr mit Weltanschauungen, die dem Christentum sogar entgegenstehen? Ich meine, wenn die Teilnehmer des Kirchentages sich im gemeinsamen Bekenntnis des echt Christlichen zusammengetan hätten, wäre das Zeugnis der Einheit wesentlich stärker ausgefallen. Oder was meinen Sie dazu, Hr. Pfr. Knauß, könnten Sie dem zustimmen oder würden Sie das noch ergänzen wollen. Pfr. Dörflinger an Pfr. Knauß: Könnten
Sie dem zustimmen oder ergänzen Gerade ist in Berlin der ökumenische Kirchentag zu Ende gegangen. Es ist erfreulich, wo in diesem Kirchentag der Glaube an Jesus Christus bekannt und gestärkt worden ist. Das muss nun in den Gemeinden auch gelebt werden. Aber es ist bedenklich, dass der Dalai Lama fast zur zentralen Attraktion geworden ist. Gespräche mit Andersdenkenden sind notwendig. Das darf aber nicht den Eindruck erwecken, dass Jesus damit an den Rand gedrängt oder gar abgesetzt würde. Jesus als der Sohn Gottes ist keinesfalls nur ein Lehrer wichtiger Verhaltensweisen. Nur durch ihn habe wir Zugang zu Gott. Das war das Bekenntnis des Petrus. Jesus ist nicht irgendein Prophet oder großer religiöser Führer. Sondern viel mehr. Keine neue religiöse Idee. Jesus ist nicht zu uns gekommen, um uns ein neues religiöses Bewusstsein zu geben, oder etwa neue religiöse Techniken. Zwar hat Jesus seinen Jüngern und einer großen Anhängerschaft viel erzählt. Am bekanntesten ist das, was er in der Bergpredigt gesagt hat: Etwa die Seligpreisungen, wo Menschen selig gepriesen werden, die mit irgendwelchen Einschränkungen leben; oder die Verschärfung der Gebote: D.h. dass schon der Gedanke zur Sünde die Gebote Gottes verletzt. Dann hat Jesus noch vieles über das Reich Gottes gesagt, vor allem in Gleichnissen. Und dennoch sind seine Lehren nicht das Wesentliche seiner Sendung. Wenn es nur darauf ankäme, das zu tun, was er gesagt hat, dann wäre er selbst überflüssig. Aber gerade er selbst ist als Person der Weg zu Gott. Darin sind wir uns als katholische Christen und als evangelische Christen mit unseren Kirchen und Gemeinden einig. Deswegen hat Jesus seiner Kirche ja auch diesen Auftrag gegeben, das allen Menschen zu verkünden. Dieses Werben und diese Mission müssen von Christen friedlich und ohne Zwang geschehen. Zweifellos gilt der Auftrag zur Mission auch gegenüber Muslimen und fernöstlichen Religionen. Und wir sind auch aufgerufen, ihre Praktiken bei uns nicht mit einem christlichen Mantel zu versehen. Etwa Yoga ist kein christlicher Weg, sondern führt von Christus weg. Pfr. Knauß an Pfr. Dörflinger: Pfr. Dörflinger: In der Tat liegen die verbleibenden Unterschiede in der ökumenischen Diskussion v.a. in der Sicht von Kirche und Amt, und von daher auch in der Eucharistie, denn sie kann nun einmal nicht losgelöst von Kirche und Priester gesehen werden. Und hier spielt auch das Papsttum seine Rolle. Für uns Katholiken ist der Papst ein sichtbares Zeichen der Einheit der Kirche. Wir gehören zur Katholischen Weltkirche mit dem Papst als unserem Oberhaupt. Freilich ist Christus selber das Oberhaupt, wir anerkennen jedoch im Papst die Sichtbarmachung des Hauptes Christus auf Erden, die Stellvertretung. Er ist Nachfolger des Apostels Petrus als Bischof von Rom und als Erster der Apostel, das heißt als deren Anführer. Das Petruswort oder das Schlüsselwort aus dem eben gehörten Schrifttext steht in großen Lettern in der Kuppel des Petersdoms in Rom geschrieben. Es ist für uns Anlaß, in diesem Petrusdienst mehr als eine funktionale Bedeutung für die Verfaßtheit der Kirche zu sehen. Es ist eher etwas Sakramentales: Diesem sichtbaren Zeichen liegt eine unsichtbare Wirklichkeit zugrunde. So wie die Kirche in unserer Sicht Sakrament ist, weil sie der Leib Christi ist, also Christus gegenwärtig setzt, so ist das Papstamt, bei aller Berücksichtigung der Ausprägung durch die Stelleninhaber, ein Zeichen für die Einheit der Kirche, für die Einheit des Leibes Christi, der nicht geteilt sein kann. Dieses gehörte Petrus-Wort ergeht ja auf die Frage hin, wer der Menschensohn sei. Und Petrus antwortet mit dem Messias-Bekenntnis. Darauf soll die Kirche aufgebaut werden. Auf die Erkenntnis Christi. Dann steht sie in der Wahrheit. Und dann kommt ihr auch Binde- und Lösegewalt zu. "Was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein". Auch darin sehen wir die Sakramentalität von Kirche und Amt begründet. Die Kirche ist nicht nur eine irdische Einrichtung. Was in ihr geschieht, hat eine Entsprechung in der Ewigkeit, im Himmel. Was hier gebunden wird, ist auch vor den Augen Gottes gebunden, z.B. eine christliche Ehe. Und was hier gelöst wird, z.B. in der Sündenvergebung, ist auch in den Augen Gottes gelöst. Die Kirche soll das Heil vermitteln, greifbar machen, den Menschen etwas an die Hand geben, was in der Wirklichkeit Gottes nicht weniger bindend und gültig ist. In unserem Verständnis von Kirche liegt ein großes Stück Vermittlung, Verbindung des Menschen mit der Realität Gottes. Geheiligte Orte wie unsere Kirchengebäude und die Heiligen an sich sind äußerlich nicht von anderen zu unterscheiden. Aber sie bürgen für die Gegenwart Gottes in dieser Welt, für die Heiligkeit des Leibes Christi zu dem wir in der Kirche gehören. Das besondere Priestertum ist nun dazu da, diese Dimension aufzuzeigen. Es hebt das allgemeine Priestertum der Gläubigen ja nicht auf, sondern es soll die Gläubigen daran erinnern. Wie die Kirche in der Gesellschaft und in der Welt Zeugnis geben soll und ihre christlichen Überzeugungen heute mit Tatkraft geltend machen muß, so ist das kirchliche Amt wichtig, um den Gläubigen selber ihre eigentliche Würde und Berufung in Erinnerung zu rufen. Und noch mehr das Petrus-Amt. Unser Papst hat ja in den letzten Jahren einmal laut darüber nachgedacht, dieses Amt in seiner Symbolkraft der ganzen Christenheit zur Verfügung zu stellen. Als eine Art Sprecher der Christenheit. Nur bestehen ja gerade auf ihn hin von allen nichtkatholischen Kirchen und Konfessionen so viele Infragestellungen, dass dieses Ansinnen natürlich nicht so weit gedeihen konnte. Und wir sind auch stolz auf unseren Papst. Nicht nur, dass er eine wichtige symbolische Kraft besitzt, sondern auch, weil seine Stimme nach vielen Jahren der Kritik und der Angriffe nun wieder in Sachen Frieden und Bioethik doch gehört wird. Als Inhaber des obersten Lehramtes unserer Kirche darf er Richtlinien ausgeben, aber es ist lange nicht so, wie oft von außen gemeint wird, dass er über unser Gewissen hinweg bestimmen darf. Das kann er natürlich nicht. Wir sehen also den Papst und die Kirche als Schlüssel zur Wirklichkeit Gottes. Pfr. Dörflinger an Pfr. Knauß: Wenn nun Christus diese Schlüssel dem Petrus und seinen Nachfolgern übergeben hat, wie schließen dann Sie, Herr Pfarrer Knauß, Ihre Kirche und die Gläubigen für Gott auf, wenn ich einmal so fragen darf? Pfr. Knauß: [Zieht Schlüssel aus der Tasche] Im äußeren Sinn ist das ja sehr einfach. So geht's auf, so geht's zu. Doch die Frage ist ja anders gemeint. Und es ist gut, dass Sie so direkt fragen. Es geht hier eigentlich nicht um die Frage, wie man in die Kirche kommt, sondern in den Himmel und zu Gott. Beim Zugang zu Gott kommt es nur auf Jesus und unser Verhältnis zu ihm an. Die Kirche kann sehr viel dazu helfen, dass unser Verhältnis zu Gott und zu Christus in Ordnung kommt und dieses Verhältnis zu ihm gereinigt und geheiligt wird. Pfarrer und Priester können viel dazu beitragen. Das ist ihre Hauptaufgabe. Aber auch sogenannte Laien sind nach unserem Verständnis voll berechtigt, im Namen Gottes von Sünden loszusprechen, sofern sie selbst im Glauben leben und Nachfolger Jesu sind. Mit Binden und Lösen wird in der Tat eine sehr weitgehende Vollmacht bezeichnet. Das sind keine oberflächlichen Dinge. Da werden nicht nur Geldstrafen verhängt oder erlassen. Sondern da geht es um nicht weniger als um die Schuld vor Gott. Es geht darum, ob man vor ihm freigesprochen werden kann oder nicht. Man muss sich das schon einmal vor Augen halten, welche ungeheuren Konsequenzen das hat. Da hat jemand seine Schuld vor Gott eingesehen und geht zum Priester oder Pfarrer oder einem anderen Seelsorger und bekennt seine Schuld. Dann wird ihm im Namen Gottes zugesagt, dass diese Schuld vergeben ist. Das hat dann Konsequenzen für die Ewigkeit. Das gilt also nicht nur für diese Zeit unseres Lebens (vgl. Parallele Mt 18, 18). Ich denke auch, dass dies die wichtigste und schönste Aufgabe ist, die Menschen hier auf dieser Erde haben können: Anderen im Namen Gottes die Tür zum Himmel aufzutun. Das ist die Hauptaufgabe der Kirche, der katholischen und der evangelischen und der Brüdergemeinde. Das muss auch das Zentrum in unseren Gemeinden sein. Amen! (Pfr. Dr. K. Knauß / Pfr. Dörflinger)
|
|
|