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Gottesdienst am Exaudi, 1. Juni 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Johannes 15,26 - 16,4 26 Wenn aber der Tröster kommen wird, den
ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird
Zeugnis geben von mir. Es ist eine Stimmung wie kurz vor dem Endspiel zur Weltmeisterschaft im Fußball. Ein großes Ereignis steht bevor. Spannung pur! Hätten Sie gedacht, dass damit das Warten auf den Heiligen Geist beschrieben ist? Wir warten doch eher mal auf Sonnenschein oder auf den Ausbruch eines Gewitterregens. Aber auf den Heiligen Geist? Wer jemals die Sehnsucht gehabt hat, Gott ganz nahe zu sein oder ihn handeln zu sehen, wer diese Sehnsucht kennt, der kann die Jünger verstehen, als sie vor Pfingsten es kaum mehr erwarten konnten, dass der Heilige Geist kommt. Warum ist er denn so wichtig? - Weil wir den geistlichen Durchblick nur durch ihn bekommen. Jesus verspricht sehr viel vom Heiligen Geist. Er nennt ihn den Tröster. Eigentlich gehört die Bezeichnung der Rechtssprache an. Es ist der Fachausdruck für den Rechtsanwalt oder vielleicht etwas allgemeiner für den Rechtsbeistand. Er tritt vor Gott und vor den Menschen für uns ein. Der Heilige Geist - ein guter Anwalt: Er ruft in Erinnerung, er bringt die Wahrheit zutage, er bewahrt vor Verzweiflung 1. Der Heilige Geist - ein guter Anwalt: Er ruft in Erinnerung Es gibt Leute, die haben ein phänomenales Gedächtnis. Ich habe mal von einem Gedächtniskünstler gelesen, der zu großen Versammlungen einlädt. Er begrüßt alle Leute am Eingang des Saales persönlich und lässt sie sich mit ihren Namen vorstellen. Während der Abendveranstaltung ist er dann in der Lage, jeden einzelnen persönlich mit Namen aufzurufen. Da erblassen viele vor Neid. Die jüngeren Leute wissen das meist sehr gut, wie es einem vor oder in einer Prüfungen geht. Es ist unersetzlich, dass einem das Richtige zur rechten Zeit einfällt. So etwas tut der Heilige Geist auch. Er ist so etwas wie ein Souffleur, der mir einflüstert, was ich wissen muss. Aber nun kommt das Besondere: In der Prüfung hat es nicht viel Sinn, wenn man einfach nur Fakten parat hat, wenn man die Dinge etwa nur auswendig gelernt hat, sie aber nicht in den rechten Zusammenhang bringt. Der Aha-Effekt gehört dazu. Man muss die Dinge im rechten Licht sehen und verstehen. So ist das mit dem Heiligen Geist gemeint: Er ist nicht nur dafür zuständig, die Erinnerung wachzurufen, sondern er sorgt dafür, dass die erinnerten Worte verstanden werden. Viele Christen, die gerne für Jesus eintreten möchten, haben die Erfahrung gemacht: Mir fehlen die rechten Worte. Wenn ich nach meinem Glauben gefragt werde, kann ich ihn nicht so recht beschreiben. Ich krieg's einfach nicht rüber. Es ist, als würde ich an die Wand reden. Jesus weiß, dass es uns oft so geht. Er weiß, wie ich um Antworten ringe, manchmal stammelnd. Und deshalb ist der Heilige Geist der Anwalt. Er redet nicht nur zu mir, sondern auch zu meinem Gesprächspartner. Der Heilige Geist ruft nicht nur in Erinnerung, sondern er stellt auch Verbindungen her, die ich gar nicht herstellen kann, so sehr ich mich auch bemühe. Und dann gibt es geschenkte Augenblicke. Da
knistert alles vor Spannung. Und da kommt's rüber, was ich sagen will oder sagen soll. Da
merke ich: Ich bin es gar nicht selbst, der die Geschichte in der Hand hat. 2. Der Heilige Geist - ein guter Anwalt: Er bringt die Wahrheit zutage Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Er redet von Gott. Aber nun sollten wir nicht meinen, dass dies eine Wahrheit sei, die allen einfach einleuchtet, so dass sie mit fliegenden Fahnen zu Gott und seinem Reich kämen. Im Gegenteil! Gerade das ist und war das Kennzeichen der Gemeinde: Wenn sie sich echt und deutlich auf Gottes Seite schlägt und seine Wahrheit bekennt, bekommt sie Widerstände, manchmal nur Kopfschütteln, manchmal aber auch tiefen Hass oder Verfolgung. Nebenbemerkung: Sagen wir das nicht zu schnell. Oft ist es eigene Dummheit und Ungeschick, warum wir Widerstände bekommen. Das ist dann keine Verfolgung, sondern menschliche Tragödie. Aber eine Gemeinde, die keine Widerstände mehr bekommt, muss sich fragen lassen, ob sie sich nicht angepasst hat, so dass man die Stimme ihres Herrn und das Wirken des Heiligen Geistes nicht mehr in ihr spürt. Wehe uns, wenn wir uns zum Schweigen bringen lassen, wehe uns, wenn wir das Wort unseres Herrn verleugnen. Eine im Prinzip angepasste Gemeinde ist eine tote Gemeinde. Jesus sagt, dass die "Welt" für Gott nicht aufnahmefähig ist. Und das durchzieht eigentlich das ganze Johannesevangelium. Der Heilige Geist ist zwar ein Geist der Wahrheit. Aber es ist eine Wahrheit, die man nicht leiden kann und die nicht geduldet wird. Der Geist der Wahrheit zeigt uns: Das menschliche Herz will nicht bei Gott sein, es will sich seine eigenen Wege suchen. Wenn wir als Christen bei unserem Zeugnis also Widerstand bekommen, sollen wir uns nicht wundern. Das liegt in der Natur der Sache. Wer Menschen für Jesus gewinnen will, begibt sich auf ein gefährliches Gebiet. Jesus bereitet seine Jünger darauf vor, dass seine Wahrheit weh tut, weil sie die Menschen der Sünde überführt, weil sie ihnen sagt, wie sehr sie gegen Gottes Willen gerichtet sind. Die erste Gemeinde hat eine sehr schmerzhafte Erfahrung gemacht. Der größte Widerstand gegen die Wahrheit Gottes kam mitten aus der Gemeinde Gottes oder von denen, die sich für die Gemeinde Gottes hielten. Darum hat Jesus die Jünger darauf vorbereitet, dass sie aus der Synagoge ausgestoßen würden. Der Gemeinde Jesu Christi ist nicht verheißen, dass bei ihr immer eitel Sonnenschein herrschen wird. Immer wieder wird es Zerreißproben geben, die die Gemeinde kaputtmachen könnten, wenn wir menschlich rechnen. Darum bringt der Heilige Geist die Wahrheit zutage. Und er tut das manchmal auch durch Ängste hindurch. Wir müssen ihn aber darum bitten, dass er uns den Durchblick gibt. 3. Der Heilige Geist - ein guter Anwalt: Er bewahrt vor Verzweiflung (vor allem in der Verfolgung) Nun fragt man sich allerdings, warum der Heilige Geist denn nicht verhindert, dass der Gemeinde Jesu Unrecht geschieht. Sie gerät z.B. in Verfolgung. Ist er ein guter Beistand, warum verhindert er das denn nicht? Ich muss an einen jungen Mann denken, der Jura studiert hat. Er ging in unseren Hauskreis. Eigentlich wollte er Richter werden. Das war sein großes Ziel. Doch dann hat das nicht geklappt. Dann fand er doch noch seinen Traumjob, nicht als Richter, sondern im kirchlich-diakonischen Bereich. Er sagte, da werden Verträge gestaltet und man kann schon im Vorfeld Einfluss nehmen. Es soll besser laufen und nicht erst zu Unrecht und Rechtsstreitigkeiten kommen. Man fragt sich also, warum es der Heilige Geist nicht ebenso macht. Muss es zu Unrecht kommen? Wenn der Heilige Geist ein Rechtsbeistand ist, warum hilft er dann nicht vorbeugend? Jesus beschreibt tatsächlich, dass die Verfolgung unvermeidlich ist. Der Widerstand liegt in der Natur der Sache. Was der Heilige Geist tut, kann sehr unangenehm sein. Aber wenn er die Jünger nicht darauf vorbereiten würde, dann würden sie abfallen, wenn es ernst wird. Und ich denke, dass die gleiche Warnung auch uns gilt: Wir sollen uns keine falsche Vorstellung über Gott machen. Wo Gott eingreift, da herrscht nicht automatisch überall Freude und Glück und Harmonie. Viele Menschen meinen: Wo Gott ist, da muss alles glatt gehen. Da gibt es keine verhagelten Prüfungen, da gibt es keine Streitigkeiten, sondern nur Erfolg. Aber Jesus sagt Verfolgungen an: Damit wir nicht scheitern. Damit wir uns nicht einen falschen Gott zusammenphantasieren und dann verzweifeln. Niemand will Verfolgung. Aber es ist ein offenbar nicht verstehbares Geheimnis, dass Christen in der Verfolgung wachsen. Eine Familie, die wir gut kennen, lebt im Sudan. Viele beten für die Menschen dort, die in schwieriger Verfolgungssituation leben. Der Bürgerkrieg, in dem besonders die Christen stark verfolgt werden, hat in den letzten Jahren große Opfer unter der Bevölkerung gekostet, besonders unter den Christen. Und doch hat sich gerade in den letzten Jahren der Verfolgung die Gemeinde sehr vergrößert. Offenbar ist ein Geheimnis dahinter, dass der Heilige Geist die verfolgte Gemeinde stärker beglaubigt als die Gemeinde in der gesellschaftlichen Anerkennung. Uns soll trösten und aufrichten: Der Grundton bei Jesus ist nicht der Tadel an seinen Jüngern. Sondern er richtet auf und stärkt. Jesus vertröstet nicht seine Gemeinde, indem er ihnen etwa sagen würde: Ach es wird schon nicht so schlimm kommen. Sondern darin ist er ein guter Seelsorger, dass er sie vorbereitet auf das, was ihnen bevorsteht. Und wir werden auch darin eine hörende Gemeinde. Wir sollen nicht sagen: Ich will keine Unannehmlichkeiten. Sondern uns soll das Hören auf seinen Willen wichtiger sein als Harmonie um jeden Preis. Darin liegt aber auch seine große Verheißung: Seine hörende Gemeinde erfährt Segen. Kein Widerstand der Welt kann ihr Zeugnis zum Schweigen bringen und Gott bekennt sich zu ihr. Und bei ihr ist der Heilige Geist - ein guter Anwalt: Er ruft in Erinnerung, er bringt die Wahrheit zutage, er bewahrt vor Verzweiflung. Amen! (Pfr. Dr. K. Knauß)
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