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Gottesdienst am Himmelfahrt, 29. Mai 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Lukas 24, 44-53 44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine
Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muß alles erfüllt
werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den
Psalmen. Es ist sicher kein Zufall: Mit Freude wird der Erlöser von den Engeln an Weihnachten begrüßt: "Siehe, ich verkündige euch große Freude... denn euch ist heute der Heiland geboren"; mit Freude verabschieden ihn die Jünger bei seiner Himmelfahrt. So beschreibt es an beiden Stellen der Evangelist Lukas. Es gab zwischendrin Augenblicke der Angst und der Not bei den Jüngern, vor allem in den Tagen nach seiner Kreuzigung. Aber seit der Auferstehung Jesu war Freude und bei der Himmelfahrt erst recht. Eigentlich ist das seltsam! Freude ist nicht die normale Abschiedsstimmung. Ich denke zurück an Freizeiten, die ich mitgefeiert habe. Viele haben sich jährlich einmal gesehen. Wir haben uns die Köpfe heißgeredet und aus vollem Herzen gesungen. Als wir dann auseinandergingen, sangen wir: "Nehmt Abschied Brüder, ungewiss, ist alle Wiederkehr..." Und bei manchen rannen die Tränen. Wir Menschen tun uns doch mit Trennungen schwer. Wie kommt es, dass die Jünger sich freuen und lachen? Sie hatten keinen Abschiedsschmerz. Denn er ging gar nicht eigentlich fort. Die Jünger wussten, dass er weiterhin bei ihnen blieb. Viele Menschen meinen ja, die Himmelfahrt Jesu sei so, dass Jesus jetzt irgendwo über den Wolken sei, jedenfalls weit weg. Doch sie bedeutet das genaue Gegenteil. So hat Martin Luther zur Himmelfahrt Christi einmal gesagt, man solle "nicht denken, dass er aufgefahren sei, da oben sitze und uns hier regieren lasse. Sondern darum ist er aufgefahren, weil er dort am meisten schaffen und regieren kann. Denn wenn er auf Erden vor den Leuten sichtbar geblieben wäre, hatte er nicht so viel schaffen können... Darum hüte dich, dass du nicht so denkest, dass er jetzt weit von uns weg sei, sondern grad umgekehrt: da er auf Erden war, war er uns fern, jetzt ist er uns nahe." In der Schule habe ich einmal in der dritten Klasse die Himmelfahrt Jesu als Thema gehabt. Ich habe gefragt, Jesus sei ja weggegangen. Ob sie sich vorstellen könnten, wo er hingegangen sei. Einer der Schüler hat gemeint, Jesus sei Luft geworden. Ich meine zwar nicht, dass das genau stimmt, und trotzdem glaube ich, dass der Schüler viel mehr verstanden hat als viele Erwachsene. Er hat ausdrücken wollen, dass es sich nicht um einen Ortswechsel gehandelt hat, sondern dass er mit seiner Himmelfahrt überall gegenwärtig ist. Jesus wurde in die Herrschaft eingesetzt. Dabei beginnt er sozusagen sein Regierungsprogramm und beauftragt die Jünger, sie sollten es durchführen: 1. Er sendet aus 1. Er sendet aus Doch er schickt sie nicht aus im Vertrauen auf ihre Kraft. Sondern während sie hingingen, saß Jesus in seiner Herrschaft. Und vielleicht denken auch wir manchmal: Ach, was bringt das schon viel, wenn ich da meine einfachen Worte sage, z.B. eine kurze Andacht in der Jugendgruppe. Das sind doch nur menschlich unzureichende Versuche. Und währenddessen scharren die jungen Leute mit den Füßen. Sind diese einfachen Worte etwas wert? Ja, sie sind viel wert, denn er benützt sie. Sei es nun damals bei den Jüngern oder sei es heute, wenn wir seine Zeugen sind, er schickt uns nicht mit leeren Händen. Sondern während wir seine Zeugen sind, ist er in seiner Herrschaft. Da regiert er. Da stellt er die Weichen der weltlichen und geistlichen Geschichte. Der bekannte Theologe Eduard Thurneysen, berichtet von einem Telefongespräch, das er mit seinem Freund, dem berühmten Theologen Karl Barth, am letzten Tag vor dessen Tod im Dezember 1968 geführt hat. Sie hätten sich über die gegenwärtige Weltlage unterhalten. Dann habe Karl Barth gemeint: "Ja, die Welt ist dunkel." Und dann bemerkt Thurneysen, dass er das sagte, weil er das Weltgeschehen sehr genau verfolgte. Aber dann habe Barth etwas hinzugefügt, was er nie vergessen werde: "Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her! Gott sitzt im Regimente! Darum fürchte ich mich nicht." Das sei für ihn das letzte Wort seines Freundes gewesen. Als Jesus seine Jünger aussandte, schickte er sie nicht mit leeren Händen weg. Er sagte nicht: "Das Programm ist spitze! Ihr müsst es unbedingt fortführen." Sondern Jesus Christus, der vor kurzem als Gotteslästerer hingerichtet worden war, war alle Vollmacht übergeben. Er war und ist der Herr über Himmel und Erde. Und das ist der springende Punkt. Die Zeugen, die Jesus aussendet, haben das gewusst. 2 Er ruft zur Umkehr Hier geht es um einen Kurswechsel. Der bisherige Kurs nach eigenem Gutdünken ging von Gott weg. Umkehr heißt, wieder auf das Ziel zugehen. Viele Menschen stellen sich diesen Weg so vor, dass es viele Vorschriften gibt: Du sollst, du sollst nicht. Aber das Wesentliche ist nicht die Erfüllung von Vorschriften, sondern eine Erneuerung des Herzens, d.h von innen heraus. Wer für Jesus Zeuge sein will, der muss die Ziele Gottes selbst für gut und richtig halten. Man kann nicht für die Ziele Gottes als Zeuge eintreten, selbst aber ganz anderes tun und anders leben. Die christliche Gemeinde wäre längst an einem inneren Widerspruch gescheitert, wenn sie das vertreten hätte. Christen werden von den anderen auch daran gemessen, ob sie selbst glaubwürdig sind. Ein glaubwürdiger Zeuge Jesu Christi kann also nicht z.B. die Ehe als eine lebenslange verbindliche Gemeinschaft von Mann und Frau eigentlich für eine gute Lebensordnung Gottes halten, für sich selbst aber einen anderen Weg wählen. Nun ist aber die Gemeinde Jesu nicht eine Gemeinde von lauter Vollkommenen. Wir haben Macken und Fehler, der eine hier, der andere dort. Niemand macht seinem Herrn so Ehre wie er eigentlich sollte. Manche sind nach menschlichen Maßstäben in tiefere, andere in weniger tiefe Schuld verstrickt. Aber Jesus will uns da nicht drin lassen. Er will, dass wir bekennen, dass das vor seinen Augen nicht recht ist, wenn wir schief liegen oder uns an Menschen oder Gott vergangen haben. Und wenn jemand umkehrt und Gottes Wegen folgt, dann kann es nicht verborgen bleiben. Er selbst und seine Familie und die Menschen in seiner näheren und weiteren Umgebung kriegen es mit. Was meinen Sie, was Jesus über die Wilhelmsdorfer denkt? Die Wilhelmsdorfer selbst meinen, wir sind in Ordnung, wir machen nichts falsch. Aber Jesus sieht das anders. Er weiß, wo wir übereinander reden und den anderen noch nicht einmal gefragt haben. Für uns heißt Umkehr an dieser Stelle eine Richtungsänderung: Einander offen begegnen und neues Vertrauen gewinnen. Das ist wichtiger als eine Menge Geld. Selbst wenn wir eine unversiegbare Geldquelle hätten, aber kein Vertrauen, dann könnten wir einpacken. Dann haben wir keinen Segen Gottes mehr. Darum bete ich um das Wunder, dass die verschiedenen Gruppierungen in Wilhelmsdorf wieder einander vertrauen können. Im Brüdergemeinderat haben wir in den letzten dieses Wunder erlebt. Aber das ist nicht genug. Wir brauchen ein neues Vertrauen, das weitere Kreise zieht. Dazu braucht es eine entschlossene Hinwendung zu den Wegen Jesu. So konkret ist die Aufforderung Jesu gemeint. Nicht bloße Theorie, sondern Leben. Das Evangelium ist jedenfalls hier mit Umkehr zur Sündenvergebung im Namen Jesu zusammengefasst. Man kann das Evangelium nur erfassen, wenn man das erfasst hat. Und dann kann man auch im Namen Jesu sein Zeuge sein. Deshalb hat Jesus seinen Jüngern die wesentlichen Stellen des Alten Testaments erklärt: Dass Christus leiden, sterben und auferstehen musste, hat seinen Sinn: Gott hat es so gewollt. So wollte und will Gott die Menschen von ihrer Schuld befreien und sie zur Umkehr zu Gott bringen. 3. Er segnet Jesus lässt uns nicht allein. Sein Segen geht mit. Das ist Kraft von ihm. Das ist die Zusage seiner Begleitung. Jesus hat seine Jünger gesegnet. Das hat er
auch schon vor seinem Leiden und Sterben getan. Auch da hat er schon gesegnet. Aber nur
hier wird berichtet, dass er es mit erhobenen Händen tat. Die erhobenen Hände sind das
Zeichen der priesterlichen Weitergabe des Segens Gottes. Wir hier brauchen seinen Segen. Die Frage ist, ob wir ihn auch wollen. Wenn wir meinen, wir seien schon alleine in Ordnung und wir würden alles recht machen, dann brauchen wir seinen Segen nicht. Denn wer Segen haben will, begibt sich in eine ungeheure Abhängigkeit. Der Ausdruck für diese Abhängigkeit ist das Beten, nicht die optimale Organisation; die kommt als Frucht sicher auch. Aber das vorrangige Ziel des Segens ist, dass wir vor ihm Wartende und Empfangende sind. Segen ist für die Bibel etwas Greifbares. Wir kennen im Sprachgebrauch unseres Alltags, dass wir bei einer reichen Ernte von einem Segen sprechen. Die Jünger Jesu brauchen seinen Segen. Ohne ihn können sie nicht leben. Wie hätten sie auch die Kraft aufbringen sollen, verachtet oder verfolgt zu werden und dann trotzdem den Herrn bezeugen zu können. Ihre Organisation war nicht optimal. Aber sie haben das Evangelium überall, wo sie hinkamen, ausgebreitet. Die beste Organisation hätte das nicht hingekriegt. Der Segen Jesu ist so etwas wie die Kraftquelle der Gemeinde, damals wie heute. Wir sollen mit den Jüngern damals den Menschen die Welt Gottes bezeugen, was wir gar nicht können, denn wir haben keinen Schlüssel zur Welt Gottes. Nur Gott selbst kann sein Reich aufschließen. Deshalb leben wir im Zeugnis und im Hören vom Segen Gottes. Wo er aufschließt, kann niemand zuschließen. Darum ist er der Herr seiner Gemeinde: Er sendet aus, er ruft zur Umkehr und er segnet. Amen. (Pfr. Dr. K. Knauß)
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