Gottesdienst am Kantate, 18. Mai 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Matthäus 11, 25-30.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Fahrprüfung. Damals war ich gerade 18. Kurz vor Ablauf des praktischen Teils sagte der Prüfer, ich solle in einen Parkplatz am Straßenrand fahren und wenden. Irgendwie habe ich dabei einen abgestellten Mülleimer übersehen, der im toten Winkel stand. Er fiel um. Aus meiner Sicht harmlos. Aber der Prüfer sagte: Jetzt sei ich durchgefallen. Das hätte ja auch ein Kinderwagen sein können! Obwohl ich normalerweise sehr wohl einen Mülleimer von einem Kinderwagen unterscheiden kann. Sie können sich vorstellen, dass mir nicht zum Jubeln zumute war. Es hat mich schwer geschlaucht. Viel Energie hineingesteckt, eine Menge Geld und Zeit. Und dann so was!

Wissen Sie, wie das ist, wenn man viel in eine Sache hineingesteckt hat, und es geht daneben? Können Sie dann noch singen?

Bei Jesus war die Lage schlimmer. Er hat nicht nur eine Prüfung verhauen. Sondern er hatte in großem Einsatz viele Menschen in seiner Umgebung gewonnen. Sie waren zunächst begeistert. Scharen von Menschen wollten ihn hören. Viele kamen zu ihm, um sich heilen zu lassen. Auch die Gelehrten interessierten sich für ihn. Aber dann gab es doch einen totalen Fehlschlag: Die meisten wandten sich von ihm ab. Er stand mit wenigen Anhängern alleine da. Schrecklich! Der Messias, isoliert, mit ein paar Dutzend mehr oder weniger nahen Jüngern.

In diese Umstände hinein gehört der Lobpreis, mit dem Jesus seinen Vater geehrt hat.
[Matthäus 11, 25-30:]
25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Jesus meint nicht das Lob der Dummheit. Sondern er preist Gott dafür, dass die allerbesten menschlichen Möglichkeiten nicht viel bringen; dass die besten Ideen auf Grenzen stoßen, als wäre es eine Betonmauer; aber nicht deswegen, weil es Gott Spaß macht, uns zappeln zu lassen. Sondern er tut es deshalb, weil es uns so entsetzlich schwer fällt, seine Wege sehen zu können.

Es hat auch in dieser schwierigen Zeit Menschen gegeben, die Gottes Wege sehen konnten. Das ist für Jesus auch der Anlass zum Singen und Jubeln.

Wir haben heute im allgemeinen viel mehr Möglichkeiten als frühere Generationen. Wer will, kann sich ein Flugticket kaufen und in ein beliebiges Land fliegen. Vorausgesetzt, er hat genügend Zeit und Lust und Geld. Man kann aber auch unseren ganz normalen Alltag nehmen: Die meisten von uns leben in ihren Wohnungen heute komfortabler als früher Fürsten und Könige. Zwar haben wir nicht so viel Platz und nicht so viele Räume, aber doch viel praktischere und bessere Einrichtungen, außerdem müssen wir uns nicht mit so vielen Hofschranzen und Dienern herumärgern. Das ist ja doch auch ein Vorteil. Wir haben unser eigenes kleines Reich. Gute Küchen, Bad und WC, bequeme Sessel und Liegen, gute Fahrzeuge. In vielerlei Hinsicht besser als früher die Fürsten. Ich will das gar nicht miesmachen, und ich will mein Leben auch nicht mit dem Leben vergangener Zeiten vertauschen. Es ist schon schön, das alles zu haben.

Aber haben uns eigentlich diese tollen Möglichkeiten menschlich weitergebracht? Sie schaffen eher zusätzlich Probleme, wenn es an die Bewältigung von Lebenskrisen geht. Es steckt tief in uns drin, dass man fast alles machen kann, was man will.

Und dann geht es doch so oft nicht. So sind Krisen im persönlichen Leben, Krisen in der Familie, Krisen in der Gesellschaft, Krisen in Gruppen und Vereinen, in Parteien und Gewerkschaften heute sehr kennzeichnend, - und auch Krisen in den Kirchen und Gemeinden. Und dabei sind die allermeisten Krisen selbstgemacht, weil wir partout meinen, es müsse alles so gehen, wie wir es uns vorgestellt haben. Vielleicht ist es für uns auch kennzeichnend, dass wir ratlos sind, wie wir mit Krisen umgehen sollen, denn sie kommen in unserer machbaren Welt nach unserer Theorie gar nicht vor. Sie dürfen nicht sein!

Warum, lieber Gott, zerbrichst du meine so gutgemeinten Pläne? Warum lässt du mich an so vielen Stellen scheitern? Und vielleicht sogar: Warum, lieber Gott, hast du mich in eine so tiefe Glaubenskrise stürzen lassen?

Auch mit unserer Gemeinde sind wir in eine Krise geraten mit der Frage, ob wir die Trägerschaft für die Kindergärten weiter behalten sollen oder nicht. Und wir beten darum, dass Gott uns vollends aus dieser kritischen Lage herausführt.

Es gehört zu den wesentlichen Kennzeichen der Menschen heute, dass wir uns mit vielen Krisen zurechtfinden müssen. Allerdings gab es sogar unter den Anhängen Jesu große Krisen. Sie sind nicht nur unserer Zeit vorbehalten. Die Krisen sind meist nur von anderer Art.

Und Jesus jubelt: "Vater, du hast es den Klugen und Weisen verborgen und hast es den Unmündigen offenbart." Er jammert nicht: Warum lässt du diesen Irrsinn zu?

Zuerst müssen wir sagen, dass uns das einfach nicht herunter will. Es geht uns gegen den Strich. Und doch offenbart sich darin ein Stück von dem Geheimnis Gottes. Wenn wir dem folgen, macht Gott uns den Vorhang zu seiner Art einen Spalt weit auf. Mag sein, dass wir dann sogar durch den Vorhang hindurch in das Allerheiligste hineinsehen können.

Da tut sich nämlich ein meilenweiter Unterschied auf zwischen Gott und uns, zwischen dem, wie wir heute im allgemeinen leben und fühlen und denken und dem, was die Art Gottes ist. Und es ist gut, diesen Unterschied einfach anzuschauen.

Viele Menschen sagen heute: Womit habe ich das verdient? Sie meinen einen persönlich schweren Schicksalsschlag. Ich habe doch nichts falsch gemacht.

Andere denken in ihrem Herzen: Gott muss mit mir zufrieden sein, denn ich bin auch nicht schlechter als die anderen Leute. Oftmals sagen das Menschen, die mit Gott gar nicht so viel am Hut haben. Aber es sagen auch viele, die auf Gottes Willen wirklich hören wollen. Der Unterschied ist hier gar nicht so groß. Man stellt sich das Zusammenspiel von Gott und Mensch etwa so vor: Wenn ich nur einigermaßen in dem Rahmen bleibe, wie Gott sich das Leben der Menschen vorstellt, dann wird er sich auch offen zu mir stellen und meine Pläne gelingen lassen.

Wie anders ist da Jesus: Er jubelt, dass die Pläne der Klugen und Weisen nicht aufgehen. Die Weisen, das sind die, die das Leben der Menschen bestimmten, also weniger die Philosophen, sondern für damals vielmehr die Schriftgelehrten und Pharisäer.

Jesus jubelt auch über die, die trotz allem bei ihm geblieben sind. Sagen wir, er stimmt ein in die Freude Gottes über seine Gemeinde!

Das ist doch ungeheuer! Schlichte Menschen aus dem niederen Volk wurden seine Nachfolger. Mit ihnen tut Gott sein Werk und benützt sie als Handlanger für seine Wunder.

Reden wir nicht über die Pläne damals, sondern heute. Was bewegt die Menschen. Was bestimmt ihr Leben?

Vielleicht das: Man muss die Kosten für das Gesundheitssystem in den Griff bekommen, die Staatsfinanzen ordnen und die Terrorgefahr beseitigen. Und sicher noch einiges dazu. Aber wir kriegen's nicht hin. Und das ist scheint uns ein großes Unglück. Man meint das eben nur mit riesigen Kraftanstrengungen und großer Leistung zu schaffen.

Wenn wir Jesus ernst nehmen, dann dürfen wir jubeln: Danke, Gott, dass Menschen an die Grenzen kommen, dass sie nicht mehr recht weiter wissen.

Was sind denn nun die eigentlich wesentlichen Fragen? Die sind vielleicht nicht einmal gestellt worden. Denn die wesentlichen Fragen haben die erfasst, die keinen großen Einfluss haben, die von der Elite abgeschrieben sind; die Minderheiten und Außenseiter, die nicht zum Zug kommen.

Eben das ist bei Jesus das Besondere und Ungeheure. Er ärgert sich nicht, er haut nicht auf den Tisch und sagt, dass das anders werden muss. Sondern er jubelt darüber.

Jesus sagt: "Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir..."

Er will, dass wir zur Ruhe kommen und zwar nicht nur durch Beruhigungsmittel, sondern anders und tiefer. Wir müssen dazu nicht aus der Gesellschaft aussteigen und ins Kloster gehen.

Jesus will echtes Leben für uns. Er lädt ganz neu ein, damals auf dem Hintergrund seines eigenen großen Mißerfolges, heute vielleicht auf dem Hintergrund unseres Mißerfolges oder einer tiefsitzenden Zukunftsangst oder einer Orientierungskrise unserer Gesellschaft.

Menschen fragen, was soll ich denn noch alles machen? Jesus geht es nicht um zusätzliche Last, sondern seine Last befreit: Ich will euch erquicken. Er will nicht, dass wir dauernd von der Krise reden. Damals hat er auch nicht ständig darüber geredet. Sondern er hat vielmehr ein Gegenangebot gemacht. "Ihr wisst, was euch kaputt macht. Kommt zu mir, so werdet ihr Ruhe finden." Und das Merkwürdige ist: Den besten Leuten fällt das besonders schwer. Die Kinder und Unmündigen haben hier weniger Hemmungen. Das sind die, die die Gesellschaft aussortiert hat; damals die Hirten, die Zöllner, die Huren. Heute sortiert die Gesellschaft ganz andere aus, Menschen, bei denen wir ratlos sind, denen niemand mehr helfen kann, bei denen alle bürgerlichen Rezepte versagen. Langzeitarbeitslose, beruflich Gescheiterte, Rauschgiftsüchtige und Ausgeflippte, politische und religiöse Sonderlinge oder Extremisten, oder vielleicht sogar ganz normale Menschen, die mit sich und den anderen nicht mehr zurechtkommen.

Jesus bietet sein Joch an. Beim Joch, da wird die Last auf andere Schultern übertragen. Joch, das heißt, wir sollen auf die Impulse Jesu achten und reagieren. Er will unser Herr sein. Er ist der einzige Weg zu Gott. Wenn wir uns in dieser Ausschließlichkeit an ihn wenden, dann geben wir vieles auf, was uns unverzichtbar erscheint.

In diese schlichte Gesellschaft will uns Jesus berufen. Und sein Lockruf ist von einem Jubel durchzogen. Gott befreit die zum wahren Leben, die sich selber nicht helfen können. Wir tun gut daran, am Sonntag Kantate - Singet - daran zu denken, dass Jesus die Mühseligen und Beladenen zu sich eingeladen hat. Und unser Singen soll auch ein Stück dieses Jubelrufes sein, denn Befreite singen und singen befreit. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

Betsaal-11-2002-016

 

 

 

Impressum