Gottesdienst am Quasimodogeniti, 27. April 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Johannes 20, 19-29.

19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.
21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
22 Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den heiligen Geist!
23 Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.
24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben.
26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch!
27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Es ist gut, dass wir die Geschichte von Thomas in der Bibel haben; die Geschichte eines jungen Mannes, der sich mit dem Glauben schwer tut. Jesus lobt das zwar nicht. Aber so war Thomas nun einmal. Sein Problem wird nicht verheimlicht.

Manchmal wird die Meinung vertreten, die Menschen vor 2000 Jahren seien leichtgläubig gewesen. Sie hätten sofort alles geglaubt. Es seien sozusagen unkritische Menschen gewesen, denen man jedes Märchen erzählen konnte. Sie hätten alles für bare Münze genommen.

Aber die Bibel berichtet uns hier nichts von einem oberflächlichen Umgang mit Tatsachen. Sie berichtet, wie hart sie sich taten! Nicht nur Thomas, sondern auch die anderen Jünger. Das war ja auch so ungeheuer. Sie hatten doch mitgekriegt, wie Jesus gekreuzigt wurde! Und nun soll er wieder lebendig sein? Wie sollte das denn gehen? Unmöglich!

Alle Berichte stimmen darin überein: Die Jünger und die Frauen konnten es zunächst nicht ohne weiteres glauben. Das ist keine Nebensache, sondern sehr wichtig. Glaube gibt's nicht zum Nulltarif. Er wühlt ungeheuer auf. Ob das wahr ist oder nicht, das ändert viel.
Darum will ich zunächst die Geschichte des Unglaubens bei den Jüngern und ersten Gemeinden aufzählen:

Maria Magdalena kann es am Grab zunächst nicht glauben, dass ihr Jesus entgegentritt. Sie meint, es sei der Gärtner. Als sie und die anderen Frauen, die ihn auch gesehen haben, es den anderen Jüngern erzählen, da meinen sie, es seien Märchen (Lukas 24,11 par.).

Die Emmaus-Jünger sind wie mit Blindheit geschlagen, während doch Jesus als ihr Begleiter ihnen das Alte Testament aufschließt, wie sie es nur von Jesus kennen. Erst als Jesus das Brot bricht, erkennen sie ihn.

Dann erscheint Jesus vor den versammelten Jüngern. Aber sie können nicht recht glauben, sie meinen, sie würden einen Geist sehen. Erst als er vor ihren Augen etwas isst, können sie glauben, dass es wirklich Jesus ist.

An dieser Stelle hatte Thomas Pech. Er war bei dieser Begegnung nicht dabei. Und er sagt auch den anderen seine Zweifel geradeheraus. Der Zweifel ist bei den Jüngern also keine Ausnahme, sondern das Normale.
Das ist sogar noch bei der Himmelfahrt so, als Jesus doch schon einige Zeit nach seiner Auferstehung immer mal wieder bei seinen Jüngern gewesen war und mit ihnen geredet hatte. Matthäus berichtet, dass bei der Himmelfahrt einige der Jünger gezweifelt hätten (Mt.28,17).

Unter den Jüngern fällt überhaupt keiner auf, der sofort geglaubt hätte. Und so gesehen ist es eigentlich nicht recht, wenn wir Thomas mit einem Makel versehen oder vielleicht gar denken, er sei der Trottel unter den Jüngern gewesen. Denn recht besehen müssten alle Jünger so gekennzeichnet werden: Da ist keiner, der wirklich kapiert und geglaubt hat. Sie waren alle vom Zweifel beseelt.

Und dann Paulus: Er verfolgte die ersten Christen. Natürlich hielt er es für eine Erfindung, dass Jesus auferstanden sei. Sonst hätte sein Widerstand gegen die Christen keinen Sinn gehabt. Das wäre für ihn geradezu absurd gewesen. Selbstverständlich hielt er Jesus für tot. Seine Anhänger hielt er für Märchenerzähler, bis ihm der auferstandene Herr selbst begegnete, damals vor Damaskus.

Dann heißt es schließlich von seinen studierten Zuhörern in Athen: "Als sie aber von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die anderen aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören." (Apg. 17, 32).

Sogar in der Gemeinde in Korinth hatten sie ihren Zweifel mit der Auferstehung (1. Kor. 15, 12ff). Irgendwie konnten sie es sich nicht recht vorstellen, das mit der Auferstehung Jesu. Sollte es eine schöne Geschichte sein, erfunden, ohne Konsequenz für die Wirklichkeit? Auch ohne Konsequenz für uns Menschen? .. Lauter Zweifel und Unsicherheit! Das war's. Jedenfalls für's erste.

Der Zweifel ist keine Erfindung der Neuzeit. Sondern es gibt keinen echten Glauben ohne Zweifel. Oder besser: Da muss man doch ins Straucheln kommen, wenn das wahr ist, dass Jesus von den Toten auferstanden ist! Dann ist doch alles, was wir ohne ihn tun, für die Katz. Dann kann man doch unsere Pläne, unsere Ziele, unsere Unternehmungen alle vergessen. Und wen das nicht total durcheinander bringt, der muss eine Maschine sein und kein Mensch.

Jetzt gibt es doch nichts mehr, was wichtiger ist: Nicht das eigene Fortkommen; das bloße Überleben; das Durchbringen der Familie; das eigene Leben gestalten können und irgendwie Erfüllung finden. Natürlich ist das alles nicht falsch und nicht schlecht. Aber es ist wie das Leben in einer Puppenstube. Und dann trittst du heraus in die Wirklichkeit und siehst, wie kleinkariert das andere ist. Dann zählt nur noch: Ist Jesus wirklich auferstanden und der Herr? Und wenn das wahr ist, dann ist alles andere sekundär.

Die Jünger haben künftig nicht mehr das Ziel gehabt, über die Runden zu kommen. sondern ihr Ziel war, dass der auferstandene Jesus allen bekannt wird.

Manchmal hat man bei den Jüngern den Eindruck: Die große Erschütterung hat sie fähiger gemacht. Weder Schuld noch Zweifel haben sie untauglich gemacht, sondern realistischer für andere Menschen. Echt nachvollziehen können, wie es so richtigen Zweiflern geht, Philosophen, geistlichen Besserwissern.

Allerdings ist der Zweifel keine Heldentat: Wer den Zweifel kultiviert, will Änderungen in jeder Hinsicht verhindern. Es ist wie eine Blockade. Kultivierter Zweifel ist auch Schuld. Für sie muss man auch einmal Rechenschaft ablegen. Was hat der kultivierte Zweifel schon alles zerstört? - Möglichkeiten zum Leben. Hoffnungen. Freude, Friede. Gesunde gesellschaftliche Entwicklung. Der Zweifel zerstört es alles. Darum: Jesus will den Zweifel überwinden.

Nur der überwundene Zweifel führt im Glauben vorwärts. Nicht der Zweifel ist gut, sondern der Herr, in dessen Dienst wir stehen. Er will nicht, dass wir zweifeln. Deshalb hat er den Heiligen Geist geschickt. Der ist ein Neuschöpfer! Wenn irgend jemand da ist, der sagt: Ich kann das im tiefsten gar nicht glauben, dass Jesus auferstanden sein soll, dann soll er wissen, dass eben dazu der Heilige Geist geschickt worden ist, damit er eine neue Schöpfung schafft. Menschen können das nicht machen, keine Predigt und keine Seelsorge kann das machen. Alles kann nur auf den einen hinweisen, der wirklich Herzen verändern und neumachen kann: Auf den Heiligen Geist.

Mancher fragt sich, nach meinem Eindruck treibt das vor allem junge Menschen um: Warum haben die Jünger damals ihn als Auferstandenen sehen dürfen, und warum dürfen wir das nicht? Jedenfalls jetzt noch nicht. Die Jünger damals sollten die Urzeugen sein. Sie mussten in einer anderen Kategorie von Gewissheit reden können als wir. Denn alle Späteren leben von ihrem Zeugnis. Um in der Urchristenheit als Apostel anerkannt zu sein, musste man deshalb den auferstandenen Herrn gesehen haben.

Auch Thomas hat den Weg dazu nicht selbst gefunden. Er zog sich nicht in die Einsamkeit zurück und dachte scharf nach. Sondern er ging dorthin, wo die anderen Jünger auch waren. Dann kam Jesus durch die verschlossene Tür. Es ist wie eine neue Berufung. Die geht nicht von uns aus, sondern es ist eine vollmächtige Handlung Jesu.

- Vielleicht denken dabei manche an sich selbst: "Gerade so geht mir's auch," seufzt ein Arbeitsloser. "Ich habe solch eine Scheu, die Leute könnten meine Arbeitslosigkeit als Makel empfinden. Deshalb gehe ich ihnen lieber aus dem Weg. Ich habe mich in mein Schneckenhaus zurückgezogen." Eingeschlossen aus Furcht.

- "Eingeschlossen in meiner Angst, das bin ich auch", erzählt eine ältere Frau. Der Arzt hat ihr eröffnet, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leidet. Nun nagt die Angst vor der Zukunft an ihr, die Furcht vor dem Sterben, die Glaubenszweifel. Sie klagt: "Ich sehe nicht mehr hinaus!"

- Viele Menschen denken, mit der Gesellschaft geht es immer mehr bergab. Die vielen zerrütteten Ehen und Familien. Viele Abtreibungen. Ethischer Zerfall im Umgang mit Geld und Gut, ethischer Zerfall im sexuellen Bereich. Das kann man nicht durch Gesetze wieder in den Griff bekommen. Das ist unsere Not, wo wir uns eingeschlossen haben und keine Zukunft mehr sehen.

Jesus tritt durch verschlossene Türen, damals bei den Jüngern, auch bei dem Zweifler Thomas. Er sagt nicht, wir sollen uns etwas einfallen lassen. Sondern es ist tatsächlich so, dass Jesus unerwartet da ist und die Lage verändert. Wo er dazukommt, wird die Situation anders. Darum setzen wir unsere Hoffnung auf ihn. Darum brauchen wir ihn als den Auferstandenen, als unseren Herrn. Er macht aus mutlosen Menschen Zeugen seiner Wahrheit.

Was wir für aussichtslos halten, wird schon dadurch anders, dass er da ist. Etwas aus dem Nichts zu schaffen, das ist Gottes Sache. Einst hat er die Welt aus dem Nichts erschaffen. Aus dem Tod ist Jesus auferstanden. So ist es auch seine Sache, aus unseren Sackgassen neues Leben hervorzubringen. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

Betsaal

 

 

 

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