Gottesdienst am Ostersonntag, 20.
April 2003, in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr, Predigt über Johannes 20, 1-18
1 Am ersten Tag der Woche kommt Maria von
Magdala früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, dass der Stein vom Grab weg
war.
2 Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte,
und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht,
wo sie ihn hingelegt haben.
3 Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus, und sie kamen zum Grab.
4 Es liefen aber die zwei miteinander, und der andere Jünger lief voraus, schneller als
Petrus, und kam zuerst zum Grab,
5 schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein.
6 Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in das Grab hinein und sieht die Leinentücher
liegen,
7 aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern
liegen, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort.
8 Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und
glaubte.
9 Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste.
10 Da gingen die Jünger wieder heim.
11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in
das Grab
12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu
den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.
13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen
Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass
es Jesus ist.
15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der
Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn
hingelegt hast; dann will ich ihn holen.
16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch:
Rabbuni!, das heißt: Meister!
17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zum
Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und
zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
18 Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und
das hat er zu mir gesagt.
Im Alltag habe ich es unzählige Male
erlebt. Jeder kennt das, so oder ähnlich. Ich komme heim. Ein Auto steht draußen vor der
Tür. Dann muss wohl Besuch da sein. Ich kenne auch das Auto und die Nummer. Ich ahne, wer
gekommen ist. Und dann gehe ich hinein ins Haus. Dort hängt an der Garderobe eine Jacke,
die kenne ich auch. Die Ahnung verdichtet sich zur festen Erwartung. Da muss wohl der
Sowieso da sein. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Aber ich weiß es.
Oder wie oft geht es einem Wissenschaftler
so: Ein Geigerzähler tickt. Die Geräusche werden immer heftiger. Da muss etwas sein.
Aber er kann es natürlich nicht sehen. Er kann nur schließen: Hier ist erhöhte
Radioaktivität. Er hat nur Spuren. Und dennoch weiß er es!
Und an Ostern das leere Grab! Nur Spuren!
Niemand hat die Auferstehung selbst beobachtet. Etwas Ungeheures, etwas Weltumstürzendes
ist passiert, aber niemand war dabei. Kein Mensch hat es gesehen, als Gott das größte
Ereignis der Weltgeschichte in die Tat umsetzte. Die Frauen und die Jünger, die ans Grab
kommen, sehen anfangs nur ein Zeichen, das sie sich zunächst nicht erklären können.
Irgendwie ist es mir ein Rätsel. Nicht das
leere Grab. Sondern das ist mir ein Rätsel, warum das Gott heimlich gemacht hat. Was hat
er denn zu verbergen? Es hätte doch keinen besseren Beweis für seinen Sieg gegeben.
Es wäre doch Gott ein Leichtes gewesen,
Jesus vor aller Augen öffentlich aufzuerwecken. Er hätte den versammelten und
verängstigten Jüngern nur eine Nachricht zukommen lassen müssen, wie er es bei den
Propheten im Alten Bund auch getan hat: Sie sollten zum Hohen Rat schicken, mit einem
göttlichen Befehl: "So spricht der Herr: Versammelt euch am ersten Tag der Woche vor
Sonnenaufgang auf dem Grundstück des Joseph von Arimatäa, vor dem Jesus-Grab. Ruft auch
ganz Jerusalem dort zusammen, alles, was Beine hat, was Augen hat zu sehen und Ohren zu
hören, soll sich am Grab Jesu einfinden. Und ihr sollt den Anbruch der neuen Schöpfung
erfahren. Lasst auch Geschichtsschreiber und Maler kommen, damit die Sache festgehalten
wird, damit es die ganze Welt ein für allemal weiß und glaubt. Und schickt zu Pilatus,
er soll einen Notar vorbeischicken, einen Römer."
Pech gehabt!
Diese Gelegenheit hat Gott sich entgehen
lassen. Es ist, als ob er die Öffentlichkeit scheuen würde. Hat er das eigentlich
nötig? Wie ein Dieb handelt er im Verborgenen. Gott macht kein öffentliches Aufsehen,
wie wir Menschen uns das so gerne wünschen. Wer an ihn glaubt, der wollte gerne, dass
Gott sich vor aller Augen so beweist, dass ihm keiner mehr widersprechen kann; und wer
nicht an ihn glaubt, der sagt: Ja, wenn ich Beweise hätte, dann würde ich gerne an ihn
glauben. Beiden tut Gott diesen Gefallen nicht.
Still kommt er nur zu denen, die ihm ohne
Beweise vertrauen wollen, weil sie ihn auch ohnedies liebhaben. Jesus zeigt sich ihnen
sogar. Da ist die Maria Magdalena. Später sind es auch noch andere Jünger. In anderen
Zeugnissen sind es mehrere Frauen, die als erste am Grab sind. Aber ausgerechnet Frauen
erscheint er zuerst am Grab. Jesus zeigt ihnen damit, dass auch die Frauen unmittelbar
Zugang zu ihm haben. Für die Juden muss das sehr anstößig gewesen sein, oder mindestens
sehr unwichtig, denn nach dem frühesten Zeugnis, das wir von der Auferstehung haben (1.
Korinther15,5ff) wird sogar die Begegnung mit den Frauen verschwiegen. Die Frauen hatten
bei den Juden kein Zeugnisrecht. Nur anerkannte Zeugen meinte man anführen zu können, um
Gehör zu finden. Alles andere war unnötiger Ballast.
Doch Jesus hat gerade damit Frauen
anerkannt, vielleicht uns Männern zum Trotz, die wir oft meinen, alles ganz genau zu
wissen. Vielleicht war es gerade das, dass Jesus nach seiner Auferstehung sich zuerst
einer Frau zeigte, weil für diese Frau eine weltbewegende Sache ganz im Stillen
stattfinden konnte, ohne Feuerwerk und großes Trara, und vielleicht müssen die Frauen
das sowieso den Männern manchmal vormachen und vorleben.
So ist Ostern geworden, ganz im Stillen;
und auch die Jünger haben es nur mühsam begriffen, dass Gott in der Geschichte mit
seinem Volk fast nochmal ganz von vorne angefangen hat. Weil hier so etwas grundlegend
Neues geschehen ist, reden Christen an Ostern nicht verschämt von der neu aufbrechenden
Natur, in der Nachfolge von Goethes Osterspaziergang, sondern Christen reden an Ostern von
der wirklich Neuen Schöpfung Gottes. Sie reden davon, dass Gottes erste Schöpfung an ihr
Ziel kommt, dass wir nicht dauernd von Hoffnung nur reden, sondern dass wir sie sehen,
dass wir bei unserem Herrn auf Dauer sein werden. Und diese Gemeinschaft mit ihm kann uns
dann nicht wieder genommen werden kann.
Keine Beweise, sondern Zeugen:
Am Anfang habe ich gesagt, dass die Auferstehung selbst ja niemand gesehen hat. Wir haben
nur Spuren davon. Aber der Auferstandene hat Zeugen. Ihn haben sie gesehen. Offenbar will
Gott keine chemischen und physikalischen und sonstigen Beweise. Er will nicht, dass wir
aufgrund des Ergebnisses einer Rechnung sagen können: Da schaut her, er ist also doch
auferstanden.
Wir haben viele Hinweise und Indizien, viele Zeugen. Aber trotzdem muss jeder selbst den
Schritt zum Glauben gehen. Selbst wenn ein römischer Notar alles dokumentiert hätte, das
ersetzt noch keinen Glauben.
In den letzten Monaten ist das sogenannte
Turiner Grabtuch wieder mal in die Schlagzeilen geraten. Auf diesem Leinentuch ist das
Bild eines Gekreuzigten abgebildet, das auf geheimnisvolle Weise auf das Leintuch gekommen
ist. Es sind viele Spuren der Kreuzigung Jesu abgebildet. Aber es ist die Frage, ob auch
Spuren der Auferstehung drauf sind. Mir ist es so gegangen, dass ich noch vor Jahren
dieses Tuch für unecht hielt. Aber inzwischen kennt man so viele genaue Einzelheiten, die
nicht nachgemacht werden können, dass ich es inzwischen für echt halte. Ich werde
darüber im anschließenden Zweitgottesdienst ein paar Sätze mehr erzählen.
Trotz dieser vielen Hinweise, trotz der
Berichte in den Evangelien, trotz der Aussage vieler Zeugen: Niemand kann es ersetzen,
dass wir selbst diesem Auferstandenen begegnen müssen. Nur so können wir mit ihm in
Verbindung sein. Es hilft uns nicht viel, wenn wir überzeugt sind, dass er wirklich
auferstanden ist. Selbst wenn wir unbestreitbare Beweise hätten, Bilder und Inschriften
und amtliche Sigel. Er muss auch unser Herr sein.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch:
Gottes Handeln in Jesus Christus hat tatsächlich feste Spuren in dieser unserer ganz
normalen Geschichte hinterlassen. Es ist nicht so, dass er sozusagen nur in den Gedanken
seiner Anhänger vorhanden gewesen wäre. Er ist wirklich in dieser Welt gewesen und es
gibt Zeichen seiner Auferstehung. Aber Gottes neues Schöpfungshandeln war nicht
nachweisbar, wie man eine neue Chemische Verbindung nachweisen kann. Gott wollte sich
nicht in einen Schraubstock spannen lassen, dass Menschen hätten sagen können: Also
jetzt endlich sind wir dir auf die Spur gekommen. Ab jetzt wollen wir dir anhängen!
Durch solch einen beweisbaren Vorgang
entsteht kein neues Herz, da entsteht kein Glaube. Gott hat keine Weltmacht haben wollen,
sondern Menschen mit neuen Herzen, die sich ihm öffnen. Wer sich nach einer Weltmacht
sehnt, der müsste andere Wege beschreiten. Aber wer durch ein neues Herz und durch den
Glauben das ewige Leben gewinnen will, der muss sich von Gott diesen Glauben und das neue
Herz schenken lassen. Er wird dann aber von dem Neuen, das Gott geschaffen hat, nicht mehr
schweigen können.
Denn soviel ist sicher: Jesus hat damals
gesagt, wenn diese schweigen, dann werden die Steine schreien. Es kann sein, dass unsere
Generation schweigt, dann werden auch wieder die Steine schreien, so wie sie damals und
heute nicht geschwiegen haben.
Damals waren es wenige Zeugen. Sie sagten
es weiter und stellten eine Welt auf den Kopf. Heute sind wir viele Zeugen. Aber vermögen
wir wirklich noch eine Welt auf den Kopf zu stellen? Haben uns das nicht längst andere
abgenommen?
In jedem Bericht von der Auferstehung
werden Zeugen genannt. An unserer Stelle nennt Johannes nur drei, zwei davon namentlich,
und er selbst ist wahrscheinlich derjenige, der nicht mit Namen genannt wird. Allerdings
zählt Johannes anschließend noch die versammelte Schar der Jünger als Zeugen auf.
Zeugen sind wichtig. Am ausführlichsten ist Paulus in 1. Korinther 15. Er spricht von 500
Brüdern, die Jesus als Auferstandenen gesehen haben. Und während Paulus dies schreibt,
leben die meisten noch. Die erwähnten Zeugen haben den Sinn, zu den Lesern zu sagen: Ihr
könnt hingehen und sie fragen.
Heute gibt es Leute, die behaupten, die
Jünger hätten die Geschichte von der Auferstehung Jesu erfunden. Sie hätten damit sagen
wollen, die Sache Jesu geht weiter. Das, was Jesus gewollt hätte, sei mit seinem Tod
nicht zu Ende gewesen. Seine Lehre hätte eben bleibende Gültigkeit. Wenn das so wäre,
liebe Gemeinde, das wäre die langweiligste Sache der Welt, mit der man keinen Hund hinter
dem Ofen hervorlocken könnte. Wenn das so wäre, dann würde ich wieder meinen alten
Beruf aufnehmen. Dann brauchten wir keine Kirche und Gemeinde.
Nun aber ist Christus auferstanden! Die
Reihe der Zeugen wird von solchen angeführt, die ihre Hoffnung zusammenbrechen sahen, die
ihren ganzen Glauben an Jesus hatten aufgeben müssen. Von verzweifelten Existenzen werden
keine Auferstehungsgeschichten erfunden, das ist widersinnig. Hätten sie sich etwa um
erfundener Geschichten willen der Verfolgung ausgesetzt und den Märtyrertod riskiert und
schließlich auf sich genommen? Oder hätte etwa Paulus wegen einer Einbildung das Lager
gewechselt und wäre von den Verfolgern der Christen zu ihrem eifrigsten Vertreter
geworden, der nun seinerseits verfolgt wird, wo er geht und steht? Nein, so etwas geht
nicht aufgrund von erfundenen Geschichten.
Sie haben es alle erlebt, sie konnten es
bezeugen. Das hat ihr Leben verändert. Das ließ ihnen keine ruhige Stunde Zeit mehr, in
der sie nicht ihren Herrn als den Auferstandenen bezeugt hätte.
Die Zeugen der Auferstehung werden zu
Verkündigern. Nun ist an uns auch die Frage gerichtet, ob auch wir bezeugen können, dass
Jesus auferstanden ist und lebt. Wir können das nur bezeugen, wenn er auch uns begegnet
ist. Heute an Ostern will er uns daran erinnern, dass er uns als der Lebendige begegnen
will. Wir können ihn darum bitten, dass er sich uns zeigt, so dass wir uns einreihen
können in die Reihe der Osterzeugen, die es weitersagen: "Der Herr ist
auferstanden." Amen!
(Pfr. Dr. Karl Knauß)