Gottesdienst am 18. April 2003 (Karfreitag), in Wilhelmsdorf

Ein Nachruf auf den Verstorbenen. Eine Bestattungsrede. Eine Beerdigungspredigt. "Jesus Christus, geboren ca. 4 v. Christus in Bethlehem. Er wurde in eine Familie hineingeboren, die heute der Mittelschicht angehören würde. Vater Joseph war Zimmermann, heute eher "Bauunternehmer", ein qualifizierter Handwerker, der vermutlich auch Arbeiter beschäftigte und eine respektable Persönlichkeit im Dorfleben darstellte. Trotzdem war seine Familie nicht sehr wohlhabend. Sein Vater schien früh verstorben zu sein, weil man Jesus im Dorf immer wieder als Marias Sohn bezeichnete. Jesus war wohl der älteste Sohn und hatte vier jüngere Brüder und ein unbekannte Anzahl von Schwestern. Profunde Kenntnisse in altestamentlichen. Schriften waren schon in der Kindheit vorhanden. Er diskutierte gerne. Aber nicht nur religiöse Dinge interessierten ihn. Auch landwirtschaftlichen und kulturellen Dingen war er sehr aufgeschlossen. Die Menschen um ihn herum, vor allem auch seine recht große Verwandtschaft erlebten ihn als einen sehr aufmerksamen Jungen, Jugendlichen, Heranwachsenden. Obwohl er eigentlich als ältester Sohn das elterliche Geschäft zu führen hatte, entschied er sich zu einem radikalen Neubeginn. Mit ca. 30 Jahren liess er sich von Johannes dem Täufer, einem judäischen Verwandten Jesu taufen. Dies war das entscheidende Ereignis für ihn, da während der Taufe ein Wunder geschah, von dem bald darauf ganz Israel wusste: das sichtbare Herabkommen des Heiligen Geistes auf ihn machten für die Anwesenden und Jesus selber deutlich, dass er der verheißene Erlöser sein sollte, der Sohn Gottes, der von Gott selber berufen wurde, sein Volk zu erlösen. Die gleich darauf hin folgende Versuchung Jesu machte deutlich, wie sehr er zwischen Himmel und Hölle stand, in oder zwischen zwei Welten lebte und wie sehr sein Werk und seine Person Anfechtungen ausgesetzt waren. Trotzdem trat er danach seine neue Tätigkeit als Wanderprediger an und vollzog Heilungswunder, die ihm eine große Popularität einbrachten. Trotz seiner mittelständischen Herkunft wählte Jesus eine Lebensweise ohne jede finanzielle Absicherung. Allerdings legte er großen Wert darauf, nicht alleine, sondern mit engen Vertrauten unterwegs zu sein. Von Anfang an seiner öffentlichen Wirksamkeit hatte er einen 12er Kreis aufgebaut, mit dem er durch Palästina umherzog. Hoch anrechnete man ihm seine Gewohnheit, mit zweifelhaften Frauen und Männern natürlichen und herzlichen Umgang zu pflegen. Der überwältigende Eindruck, den Jesus hinterließ, war der: er besitzt einfach Vollmacht über körperliche und geistliche Übel und erbarmt sich über Notleidende. Seine Hilfsbereitschaft gegenüber Kranken und seine Heilungsfähigkeiten brachten ihm viel Vertrauen ein und Wellen der Sympathie. Anders hingegen bei den religiösen und politischen Führern. Sein Verhältnis zum Gesetz und sein Anspruch darauf, der leibhaftige Sohn Gottes zu sein, brachten ihn dort in Misskredit. Er wurde als Gefahr bestehender Autoritäten, Lehrmeinungen und Strukturen gesehen. Seine Akzeptanz beim Volk provozierten zahlreiche Versuche, ihn in Schach zu halten, ihn Mundtot zu machen und ihn zu beseitigen. Völlig unfassbar kam sein Ende. Während eines Besuches in Jerusalem zur Zeit des Passa, inszenierte er einen Aufsehen erregenden Ritt mitten durch tausende von Festpilgern hindurch. Diese dramatische, spektakuläre Aktion rief erneut die religiöse Führung auf den Plan. In aller Stille wurde Jesus am Fuße des Ölbergs gefangen genommen. Während des Prozesses, den man Jesus machte, plädierte man nach langen Verhören und grausamen Folterungen für die Todesstrafe. Durch einen tragischen Justizirrtum wurde Jesus zur Kreuzigung verurteilt, der Todesstrafe für kriminelle Sklaven und Aufrührer gegen die kaiserliche Macht. Die öffentlich zur Schau gestellten Todesqualen waren bewusst als Abschreckungsmittel gegen andere potentielle Aufrührer gedacht. Jesu Kreuzigung war nicht ungewöhnlich in der Art, wie sie durchgeführt wurde. Das Ungewöhnliche an ihr war, wie er sie ertrug. Trotz der brutalen Grausamkeit der römischen Geißelung, der Verspottung durch die Soldaten, trotz der Last des schweren Kreuzesbalkens und der Kreuzigung selbst ist der Inhalt der am Kreuz gesprochenen Worte Vergebung und Sorge für andere und ein Gebet zu seinem Vater. Seine Haltung beeindruckte den röm. Hauptmann und sogar einen der Mitgekreuzigten. Mit ihm verlieren wir einen Menschen, auf den wir unsere ganze Hoffnung gesetzt haben. Gott sei seiner Seele gnädig. Amen."

Was bleibt? Außer einem Nachruf? Wozu das Ganze? Was ist Besonderes daran? Immerhin wurden ja tausende von Menschen gekreuzigt, allein in dem Jahr der Hinrichtung Jesu! Was nützt uns dieser Karfreitag?

Karfreitag ist mehr als ein Nachruf. Seit Karfreitag geht Jesus ein Ruf voraus. Der Ruf geht nicht nur, er eilt voraus: "Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei." (Römer 14,9)

Das ist der Ruf, der Jesus vorauseilt: "Gestorben, um über Tote und Lebende der Herr zu sein." Da wird uns Karfreitag begründet! Da erklärt uns Paulus, was das Sterben Jesu brachte bzw. bringt. Auf den Punkt gebracht: weder im Leben noch im Sterben bin ich alleine, nur mit mir selber beschäftigt, x-beliebigem ausgeliefert. Christus ist als Herr da. Sowohl bei den Toten als auch bei den Lebenden.

Das ist nun nicht ein Ruf, der erst seit Karfreitag entstanden ist. Etwa als Bewältigung von frustrierten Jesusjüngern. Als Parole, die sich eingeschlichen hat gegen Depression, die sich am Gartengrab breit gemacht hat. Das ist nicht ein theologische Fatamorgana des Paulus. Der Ruf eilt Jesus schon lange voraus! 1000 Jahre vorher, prophezeit David: "Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da." Ps. 139, 8

Mit Karfreitag wird jetzt aber erklärt, wer dabei ist! Wer der ist, der sowohl im Leben, als auch im Tod bei mir ist: Christus ist als Herr, als Kyrios bei den Toten und bei den Lebenden!

Der "Kyrios": Im Orient nannte man Götter Kyrioi, weil sie die Herren der Wirklichkeit waren, die das Schicksal in der Hand haben. Diese Herren, Kurioi können die Welt der Lebenden schaffen, Kurioi schaffen die Wirklichkeit. Wieviele spielen sich als Herr auf! Christus ist der Herr! Der Herr Jesus schafft als Kurioi, die Welt der Lebenden und die Welt der Toten. Lassen Sie mich die Hoffnung mal mit Farben malen. Wir müssen viel mehr über unsere Hoffnung reden, über das, was kommen wird! Schauen Sie sich die Welt an: Donnerstag Vollmond, vergangene Woche das Bergmassiv. Die Blütenpracht im Frühling. Die Sonne. Schauen Sie sich unsere Welt an. Der Herr hat unsere Wirklichkeit (unsere Lebenswelt) geschaffen. Wie wird dann wohl die Wirklichkeit der Toten aussehen? Man darf gespannt sein! Aber bitte: keine Angst davor! Keine Angst. Christus hat sie geschaffen als Kyrioi. Und von ihm sind wir doch Gutes gewohnt!

Wenn das stimmt, das Christus als Herr über Lebende und Tote zu gelten hat, dann heißt das, das es letzten Endes keinen Ort, keinen Augenblick, keine Zeit, keinen Moment mehr gibt, wo ich nicht mit ihm in Berührung komme. Mit dem Kyrios. Das hat David schon prophetisch gespürt: "Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Dir war mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Dein Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war. Ach Gott, sagt David, wie sind für Gott deine Gedanken so groß! Wollte ich sie zählen, sie wären wie der Sand. Und am Ende? Bin ich noch immer bei dir!"

Egal wie wir über Christus denken, egal ob wir erst am Anfang sind mit unserer Erkenntnis, oder mit allem am Ende - am Ende bin ich noch immer bei dir! Dem Herrn über Lebende und Tote.

Ein Fürst in China - ein Mandarin - gibt ein großes Fest. Viele angesehene Bürger sind eingeladen. Die meisten Gäste kommen mit vornehmen Kutschen. Es beginnt zu regnen. Vor der Toreinfahrt bildet sich eine große Pfütze. Ein Wagen hält direkt neben der Pfütze. Ein vornehm gekleideter, älterer Herr steigt aus, bleibt am Trittbrett hängen und fällt der Länge nach in die Pfütze. Mühsam erhebt er sich wieder. Er ist von oben bis unten beschmutzt und sehr traurig. Denn so kann er sich auf dem Fest ja nicht mehr sehen lassen. Ein paar andere Gäste machen spöttische Bemerkungen. Ein Diener, der den Vorfall beobachtet hat, meldet ihn seinem Herrn, dem Mandarin. Dieser eilt sofort hinaus und kann den beschmutzten Gast gerade noch erreiche, als dieser zurückfahren will. Der Mandarin bittet den Gast, doch zu bleiben, ihm würde der Schmutz an seinen Kleidern nichts ausmachen. Doch der Gast hat Angst vor den blicken und dem Getuschel der Leute und lehnt ab. Da lässt sich der Mandarin mit seinen schönen Gewändern in dieselbe Pfütze fallen, so dass auch er von oben bis unten voller Dreck ist. Er nimmt den gast an der Hand und zieht ihn mit sich. Sie gehen beide, beschmutzt wie sie sind, in den festlich geschmückten Saal. Keiner wagt es, etwas über den schmutzigen Gast zu sagen!

Das ist wahre Größe! Wenn schon so ein mikriger Fürst aus China, wie viel mehr Christus, der sich als Herr an Karfreitag in den größten Schmutz fallen hat lassen, die größte Schlammschlacht der Welt gewonnen hat! Um uns in allen Richtungen Freiheit zurückzugeben, um sich bewegen zu können, um auftreten zu können. Um leben zu können.

Der Psalm bewegt Fragen: Wohin soll ich fliehen. Auf der Flucht. Vor Gott, vor mir selber. Vor meiner Schuld. Vor meinem Gewissen. Vor Menschen, an denen ich schuldig geworden bin. Auf der Flucht Freiheit, Freispruch zu erfahren. Annahme, Freiheit und Frieden, wozu Christus in jeder Lage in der Lage ist.

Oder: Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war. Der Mensch, der sowohl mit seinem Anfang als auch mit seinem Ende klar kommen muss, und ihn immer wieder in Frage stellt! Das kleine Ding, das sich unauffällig bei uns in der Wohnung bewegt: es ist schon gesehen. Es ist schon besorgt. Völlig egal, wie ich als Vater dazu stehe. Es ist schon einer da, der ein absolut tragfähiges Ja dazu hat. Sich in dieser Freiheit zu bewegen! Mit diesem inneren Frieden zur Welt zu kommen und durch die Welt zu gehen: Dazu ist Christus als Herr der Lage in jeder Lage in der Lage!

Deshalb ist Karfreitag mehr als das Verlesen eines Nachrufes! Karfreitag ist das Buchstabieren des Rufes, der Jesus vorauseilt und der uns in jedem Moment des Lebens und des Sterbens betrifft!

(Pfr. Heiko Bräuning)

Der Betsaal am 23.04.2003 - Ein Tag ohne Nebel in Wilhelmsdorf !

 

 

 

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