Gottesdienst am Gründonnerstag, 17. April 2003, in Wilhelmsdorf um 20.00 Uhr, Predigt über Lukas 22, 7-20

Ich möchte dieses Geschehen am Gründonnerstag mit Ihnen Schritt für Schritt durchgehen und dabei vieles einfach erklären und deuten.

Es wird wohl noch morgens gewesen sein, als Jesus die beiden Jünger Petrus und Johannes nach Jerusalem hineinschickte, um das Passamahl zu bereiten, denn es waren viele Aufgaben mit dem Herrichten verbunden.

Jerusalem war an jenem Tag von einer riesigen Menschenmenge überlaufen. Mindestens 3 Millionen Menschen waren in der Stadt selbst, die an dem Passamahl teilnahmen. Es können aber auch wesentlich mehr gewesen sein - es gibt zeitgenössische Angaben, die von 12 Millionen sprechen. Es war streng verboten, das Passalamm außerhalb der Heiligen Stadt zu essen. Nach dem Mahl mussten sie anschließend die ganze Nacht in Jerusalem bleiben, wobei die Grenze um die Stadt herum so gedacht war, dass auch Betphage und der Ölberg noch dazuzählten.

Die Bewohner Jerusalems waren verpflichtet, den auswärtigen Festbesuchern kostenlos einen Raum zur Verfügung zu stellen. Aber bei der Menschenmenge kann man sich vorstellen, dass es für die nicht ortsansässigen Teilnehmer nicht immer leicht war, einen geeigneten Raum zu finden. Von hierher ist die Nachfrage der Jünger zur Zubereitung des Passalammes zu verstehen: "Wo willst du, dass wir's bereiten?"

Wir wollen jetzt die beiden Jünger in Gedanken begleiten. Als sie durch das Stadttor nach Jerusalem hereingekommen waren, begegnete ihnen der Mann mit dem Wasserkrug. Er wird sein Wasser wohl an dem nahegelegenen Teich Siloah geholt haben, der das frische Quell-Wasser von der Gihon-Quelle sammelte. Nun war es sehr ungewöhnlich, dass ein Mann einen Wasserkrug trug. Denn das war sonst die Arbeit der Frauen. Aber vermutlich haben die Jünger gleich geschaltet, wenn ein Mann einen Wasserkrug trägt, dann ist es ein Essener. Wenn unsere heutige Kenntnis vom Abendmahlssaal stimmt, dann lag dieser Saal im Essener-Quartier von Jerusalem. Diese strenge Ordensgemeinschaft mit ihrem Hauptsitz am Nordufer des Toten Meeres hatte eine bedeutende Niederlassung in Jerusalem. Es deutet auch sonst manches darauf hin, dass enge Verbindungen von der späteren Urgemeinde zu den Essenern bestanden. Für einen Essener aber war es üblich und normal, dass er die Arbeit des Wassertragens tat. Sie brauchten viel Wasser für ihre Reinigungsbäder. Die Jünger folgten also diesem Mann.

Die Jünger wurden zu einem Saal geführt, der schon mit Polstern versehen war. Man saß ja nicht auf Stühlen, sondern legte sich auf Polstern zu Tisch. Und ab da konnten sie alles vorbereiten, was ihnen von Kindheit an vertraut war. Bei den Speisen und Zutaten war alles genau vorgeschrieben. Sie mussten die verschiedenen Bitterkräuter und das Fruchtmus besorgen, den Wein und das Brot. Mit den Bitterkräutern ist hauptsächlich der Stachellattich gemeint, der unserem Kopfsalat verwandt ist. Das Fruchtmus besteht aus geriebenen Feigen, Datteln, Mandeln und sonstigen Früchten. Und schließlich mussten sie das Passalamm schlachten.

Bei Sonnenuntergang war alles bereit und das Passamahl begann. Wenn wir sagen, dass das eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten und die Errettung des Volkes Israel war, dann ist das nur formal richtig. Die Israeliten damals empfanden anders. Es war nicht nur eine Erinnerung an den Auszug, sondern sie waren selbst mit den Ausziehenden dabei. Man sollte es, so war die Vorschrift, so feiern, als ob man selbst bei dem Auszug aus Ägypten mit dabeigewesen wäre. Man redete deshalb auch nicht von den Vätern oder Vorfahren, die das erlebt hätten, sondern man sprach in der Wir-Form: "Wir sind ausgezogen" --- "Wir wurden errettet" usw.

Vielleicht sind wir fähig, unser Abendmahl ähnlich zu feiern, also nicht so, dass wir es im Andenken an das damalige Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern feiern, sondern so, als ob wir mit in dem Raum wären, und mit an dem Passamahl teilnähmen.

Es ist eine lange Feier. Fast jede Einzelheit wird entweder mit der bitteren Zeit der Knechtschaft in Ägypten oder aber mit dem eiligen Auszug verbunden. Klar ist auch, dass die Israeliten ihre Rettung dem verdankten, dass sie das Passalamm geschlachtet und auf Geheiß Moses das Blut an die Türpfosten gestrichen hatten. Es war ein Zeichen dafür, dass sie Gott glaubten. So ging der Todesengel an ihnen vorüber.

Jesus weiß, dass dies das letzte Passamahl ist und der irdische Abschied von seinen Jüngern. Wohl vor Beginn des Mahles sagt er diese Worte: "Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes." Schon am Anfang sagt er also, dass dies ein besonderes Mahl ist. Das Passamahl hat für das Volk Israel auf die Rettung aus Ägypten zurückverwiesen, aber auch auf die Enderfüllung im Reich Gottes. Das Abendmahl weist für uns ebenfalls nicht nur zurück auf den Tod Jesu, sondern es weist auch voraus auf die Erfüllung im Reich Gottes. Das Abendmahl ist wie eine Brücke, die die Zeit der Rettung durch Jesus und die Zeit seiner Wiederkunft miteinander verbindet.

Wenn zwei Freunde über längere Zeit auseinandergehen müssen, etwa weil einer von beiden eine große Reise antritt, dann haben wir es ja heute relativ einfach, die Verbindung aufrechtzuerhalten. Wir können telefonieren oder ein e-mail schicken. Aber in früheren Generationen war das nicht möglich. Man hat sich unter Umständen jahrelang nicht gesehen. Es konnte sein, dass man sich nach Jahren nicht mehr sicher wiedererkannte. Denken Sie an Entstellungen durch Strapazen oder kriegerische Einflüsse. Damit man dann sicher war: Der ist's wirklich, hat man sich im Altertum durch Erkennungszeichen geholfen. Z.B. hat man einen Ring genommen und entzweigebrochen. Jeder bekam einen Teil. Natürlich mussten dann nach der Rückkehr die beiden Teile an der Bruchstelle wieder passen. Man nannte das ein Symbol, d.h. ein Zusammentreffen. So sind auch die christlichen Symbole gemeint: Da ist ein Zeichen, das auf eine Zusammengehörigkeit hindeutet, und in der Erfüllung wird man sehen, dass das passt. Das Abendmahl gehört in diesen Zusammenhang hinein. Wir wissen schon: Jesus lädt uns in seinem ewigen Reich an seinen Tisch.

Beim Passamahl damals in Jerusalem: Jesus beginnt wie üblich, indem er den ersten Becher Wein in die Hand nimmt und das Eingangsgebet über ihm spricht.

Uns kommt es ja merkwürdig vor, dass Jesus den Kelch zweimal zur Hand nimmt, so wie es Lukas beschreibt. Aber die Liturgie des Passafestes ist genau vorgegeben. Insgesamt viermal nimmt der Hausvater, in diesem Fall ist das Jesus, den Becher in die Hand. Es handelt sich dabei um keinen puren Wein, sondern der Wein ist vermischt mit Wasser (im Verhältnis 1:3). Und normalerweise wird der Wein im Becher dann herumgereicht, oder aber wird von dem großen Becher in die Becher der einzelnen Teilnehmer etwas geschüttet. Jedenfalls bedeuten vier Becher nicht, dass jeder vier volle Becher Wein getrunken hätte.

Als er sagt: "Nehmt den Becher und teilt ihn unter euch", da ist das nicht der Abendmahlsbecher, sondern der kommt erst später. Jesus sagt danach weiter, dass er vom Wein nun nicht mehr trinken wird, bis das Reich Gottes kommt. Dann werden zunächst die bitteren Kräuter gegessen, als Ausdruck der bitteren Zeit in Ägypten. In der Liturgie wird das alles erklärt. Da geht man die ganze Zeit im Gedächtnis so durch, als hätte man sie selbst erlebt. Es werden genau vorgeschriebene Psalmen gesungen, die sogenannten Hallel-Psalmen, das sind die Psalmen 113-118. Sie beginnen mit einem Halleluja. Nach einem weiteren Becher wird dann das Passa-Lamm gegessen. Erst der dritte Becher nach dem Mahl, über dem der Schluss-Segen gesprochen wird, der sogenannte Segensbecher, ist dann der Abendmahls-Becher. Bei diesem Schlussdankgebet sagt Jesus: "Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut." Schon vorher hatte er während des Hauptganges zwischen dem zweiten und dritten Becher das Brot genommen, es gesegnet und gebrochen und dann gesagt: "Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird." Und dann hat er ihnen aufgetragen, sie sollten es künftig so halten.

Die Urgemeinde und die Christen in den ersten Generationen haben es noch so ähnlich gehalten, wie es damals Jesus mit seinen Jüngern auch getan hat. Dem Abendmahl ging ein richtiges gemeinsames Essen voraus, das dann mit dem Heiligen Mahl abgeschlossen wurde.

Als dann Jesus die Einsetzungsworte gesprochen hatte, sangen sie gemeinsam den Abschluss der Hallel-Psalmen. In den letzten Versen heißt es dann: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom Herrn geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen. Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. O Herr, hilf! O Herr, lass wohlgelingen!... Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich."

Danach tranken sie den vierten Becher Wein. Und nun werden sie den Abendmahlssaal verlassen haben. Sie gingen über das Kidrontal hinüber in den Garten Gethsemane. Unterwegs werden wir uns wohl einen Teil der Abschiedsreden vorstellen müssen. Davon berichtet nicht nur Johannes, sondern teilweise auch Lukas.

Das Abendmahl gehört also nicht nur als Abschiedsmahl in die letzten Stunden Jesu und ist Teil seines Leidens, sondern das Abendmahl ist auch mit Verheißungen gefüllt. Und wir tun gut, mit diesen Verheißungen im Abendmahl zu leben und uns in unserem Leben und in unserem Sterben davon leiten zu lassen. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

Illmensee 170403

 

 

 

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