Konfirmation, 13. April 2003, in Wilhelmsdorf um 9.30 und 11.00 Uhr, Predigt über Thomas, der Zweifler.

Im Konfirmanden- und Taufunterricht haben wir euch ein wenig kennengelernt, ebenso auf der Konfi-Freizeit; Stefan Geiger und ich und die anderen Mitarbeiter. Es hat mich sehr aufgewühlt, zu erleben, dass ihr von verschiedenen Seiten verunsichert werdet. Ihr könnt euer Leben nicht immer so selbstverständlich nehmen. Ihr habt manchmal das Gefühl, als würden sich Barrikaden vor euch aufbauen, so dass ihr euren Weg selbst suchen müsst; als müsstet ihr diese Barrikaden selbst auf die Seite räumen. Manchmal ist viel Kampf. Vielleicht mit eurer Situation, aber auch in euch selbst.

Ich kann das Stöhnen verstehen, das mancher hat: Warum ist mein Weg denn nicht einfacher? So natürlich wie ein Spaziergang!

Ich hoffe, ihr habt auch gemerkt: Da gibt es auch viele, z.B in der Familie oder bei Erziehern, die haben ein brennendes Interesse, dass euer Leben gelingt. Wir sehen uns auch in dieser Reihe. Deswegen haben wir vieles mit euch durchgesprochen, im großen Plenum und einzeln. Und ich weiß, da haben sehr viele Gespräch stattgefunden und es werden noch welche stattfinden. Wir stehen euch zur Verfügung.

Das muss man sich einmal vorstellen: Manche, die ein paar Jahre älter sind als ihr, sagen wir so 10 oder 20 Jahre, die nehmen sich einen Coach - einen Privat-Trainer - und zahlen teures Geld dafür. Der coacht sie dann, damit sie ihren Weg finden.

Das habt ihr auch gekriegt. Und wer wollte, konnte sehr viel Begleitung bekommen. Das geht auch weiter über den Tag der Konfirmation und Taufe hinaus.

Viele junge Menschen auf der Welt würden sich's ähnlich wünschen und sie kriegen keine solche Begleitung. Sie würden euch darum beneiden, wenn sie wüssten, dass es so etwas gibt.

Aber das alles ist keine Garantie, dass euer Leben gelingt. Das Eigentliche können wir euch nicht abnehmen, ebenso wenig wie eure Eltern oder Erzieher, und wenn wir die beste Konfi-Arbeit und Jugendarbeit der Welt hätten. Denn euer Leben anpacken müsst ihr selbst.

Die allerbeste Konfi-Arbeit der Welt hatten 12 junge Männer vor 2000 Jahren, die Jünger von Jesus; die waren nur vielleicht 4 oder 5 Jahre älter als ihr. Sie wurden von Jesus selbst, vom Sohn Gottes, 3 Jahre geistlich begleitet und geschult; rund um die Uhr. Sie haben ihn ständig beobachten können, wie er mit Menschen sprach, wie er Kranke heilte usw. Dann gab er ihnen eigene Aufgaben: Sie sollten mal ausprobieren, das gleiche zu machen wie er. Anschließend gab er ihnen Rückmeldungen, was o.k. war oder was sie eigentlich hätten anders machen sollten. Und selbst bei denen ist einiges schief gegangen, trotz dieser hervorragenden Begleitung.

Einer davon war Thomas. Er hat auch das meiste miterlebt, was die anderen erlebten: Die Reden, die Gespräche, die Heilungen und Wunder. Aber an einer wichtigen Stelle war er einfach nicht da. Das war drei Tage, nachdem sie Jesus gekreuzigt hatten. Die anderen Jünger und noch viele andere Frauen und Männer hatten sich in ein Haus geflüchtet, irgendwo in Jerusalem. Vielleicht hat Thomas seine Eltern besucht oder irgendwelche Freunde. Wir wissen es nicht. Jedenfalls fehlte er. Die anderen saßen also beieinander und hatten aus Angst die Türen zugeschlossen. Da stand plötzlich Jesus bei ihnen im Raum, wirklich und lebendig. Und er erzählte ihnen vieles und redete und aß mit ihnen.

Die anderen erzählten das dann dem Thomas. Der sagte: Ihr spinnt. Das kann ich nicht glauben; außer, wenn ich mich selbst davon überzeuge. Ich möchte ihn anfassen und seine Nägelmale abtasten. Andernfalls glaube ich es nicht. Ich will selber erleben, sonst könntet ihr mir ja vielleicht einen Bären aufbinden. Nur was man selbst erlebt hat, ist zuverlässig.

Da ist vieles so ähnlich wie bei euch. Darum kommt es mir so vor, als wären viele von euch und uns genau in seiner Lage. Im entscheidenden Moment nicht dabei! Die anderen erzählen, Jesus lebt. Und es ist doch so schwer nachzuvollziehen; du hast es selbst nicht gesehen. Dann kommt die Frage: Wenn er denn lebt, warum erlebe ich dann so viel Widerstand, so viel Durcheinander, Streit in der Familie und Streit unter den Völkern, und Rebellion in meinem eigenen Herzen. Warum? Wenn er lebt, dann müsste das doch alles ganz in Frieden sein!

Angenommen, ihr wärt damals bei den Jüngern dabeigewesen. Dann hätte der Thomas nachgefragt. Was hättet ihr ihm denn geantwortet? Hättet ihr ihn zurechtgewiesen? "Erst fehlen und dann sich dumm stellen?"

Die Geschichte mit Thomas ging später weiter. Jesus kam dann ein zweites Mal zu den Jüngern. Sie hatten sich wieder eingeschlossen. Aber diesmal war Thomas dabei. Jesus wandte sich direkt an Thomas. Er wartete nicht, bis er fragte. Er hatte Verständnis für Thomas: "Komm her. Du musst nicht nur nach dem Hörensagen vertrauen, du darfst selbst erleben." Er weist ihn nicht gleich zurecht, sondern er hilft. Jedenfalls nimmt er ihn ganz ernst.

Das dürft ihr heute auch erwarten. Jesus weist niemand zurecht, der sagt: Das kann ich nicht. Er nimmt dich an der Hand. Du brauchst nicht Theater spielen. Nicht so tun, als ob! Jesus will, dass du echt bist, dass du sagst, was du denkst. Jesus war nirgends so scharf wie dort, wo Menschen sich und anderen etwas vorgespielt haben. Heuchelei ist ein tödliches Gift. Es zerstört Beziehungen unter Menschen und Beziehungen zu Gott. Und es gibt viel Schauspielerei im täglichen Leben, fromme Spielarten, atheistische und pluralistische und viele andere. Schauspielerei im Leben heißt: Die Rolle, die man eingeübt hat, einfach spielen, und die wesentlichen Fragen nicht an sich herankommen lassen. Ausweichen! Fassade! Die Fragen vor sich herschieben, bis Jahre und Jahrzehnte drüber gehen. Und dann die ganze Zeit so tun, als ob es überhaupt keine Fragen gäbe.

Wisst ihr, was Potemkinsche Dörfer sind?: Es war in einer Zeit, als es Wilhelmsdorf noch nicht gab (ca. 1787). Katharina die Große war Zarin in Russland. Und es wird erzählt, dass ihr der Fürst Potemkin den Reichtum und die Größe der neu zum russischen Reich gekommenen Halbinsel Krim vorführen wollte (1783). Die Zarin sei zu einer Reise dorthin gefahren. Er habe Dorfattrappen bauen und sie aufstellen lassen. Die Zarin habe sie dann auf ihrer Durchfahrt von weitem bewundert. Die Reiseroute war so gewählt, dass sie die Einzelheiten nicht sehen konnte. Deswegen redet man von Potemkinschen Dörfern, wenn man falsche Tatsachen vorspiegelt.

Es gibt Menschen, die spielen den anderen unentwegt etwas vor. Doch es gibt auch das Gegenteil: Mit der Ehrlichkeit des Herzens ist es so eine Sache. Man kann auch ruppig sein Inneres, seine Gefühle und Meinungen nach außen kehren und damit sich und andere verletzen. So war's bei Thomas nicht. Er konnte in der Mitte bleiben zwischen beiden Extremen und auch sein unsicheres Suchen zugeben. Auch wenn man bei einem Jünger vielleicht mehr erwarten sollte: Aber darin war er echt.

In dieser Weise denke ich, dass er vielen jungen Menschen aus dem Herzen spricht.

Im Konfirmandenunterricht und auf der Freizeit haben wir mit euch nicht nur über euer Leben gesprochen, sondern auch über Gott und über Jesus. Wer Jesus kennenlernt, der weiß, dass er niemand zurückweist, der mit echten Fragen kommt.

Ich wünsche euch, dass ihr Jesus so erfahren könnt wie Thomas. Aber nicht nur das. Sondern dass ihr das auch durch euer Reden und euer Leben weitergebt. Wer in der Nachfolge dieses Herrn lebt, der lebt in einer großen Zukunft. Amen.

(Pfr. Dr. K. Knauß)

Tür Betsaal

 

 

 

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