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Gottesdienst am Sonntag Judica, 6. April 2003, in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr, Predigt über Johannes 18, 1-27 Jesus hatte einen Musterschüler unter seinen Jüngern: Petrus. Die Evangelien schildern ihn als den, der oft das Wort führte. Ganz sicher nicht der Typ des Versagers. Heute wäre er sicher ein Vorbild für viele. So musst du werden wie der Petrus. Ausgerechnet dieser Musterschüler Jesu wird in den entscheidenden Stunden zum Versager. 1 Als Jesus das geredet hatte, ging er
hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron; da war ein Garten, in den gingen Jesus
und seine Jünger. Ich will zwei Linien durchgehen: Petrus und Jesus 1. Petrus Petrus hatte sich Jesus angeschlossen. Niemand hatte ihn dazu gezwungen. Es war eine freiwillige Sache. Und er war auch kein Feigling. In den drei Jahren mit Jesus hatte er das oft bewiesen. Ja, er konnte sogar ein echter Draufgänger sein. Petrus war nicht ungewöhnlich in seinem Versagen. Aber er war ungewöhnlich in seiner späteren Reue. Wir denken das immer schon mit, wenn wir die Geschichte von der Verleugnung des Petrus hören. Damit beseitigen wir den Ernst der Lage. Es sah damals tatsächlich so aus, als ob es für Petrus kein Zurück mehr gäbe. Die Gemeinschaft zwischen ihm und Jesus war doch gebrochen, und damit auch die zu Gott. Das Schlimmste, das man sich denken kann. Ich will den Weg zu diesem Versagen noch ein paar Schritte nach rückwärts gehen. Es war noch nicht lange her. Jesus sagte damals seinen Jüngern, dass er in die Hände seiner Gegner ausgeliefert würde. Petrus wollte sich dem schon damals in den Weg stellen. Nein, sagte er damals, das darf nicht passieren. Jesus hat ihn dann scharf zurechtgewiesen. Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist (Matth. 16, 22f). Wir sind nicht die Therapeuten des Petrus. Vielleicht steckt sogar manches von Petrus in vielen von uns: Das Gute zu wollen und doch das Falsche zu tun. Wir sollten uns deshalb nicht überheben. Es sieht so aus, als ob Petrus aus der ersten Verwarnung nicht viel gelernt hätte. Denn er stellt sich der Verhaftung Jesu entgegen. Vielleicht bereitete er sich innerlich auf den Widerstand vor. Es gab ja große jüdische Vorbilder, die Makkabäer zum Beispiel. Ich weiß es nicht, ob Petrus sich wirklich an solchen Vorbildern orientierte. Aber sein Handeln spricht jedenfalls die gleiche Sprache: Dem Unrecht muss man sich widersetzen! Der große Augenblick kommt für Petrus, als sie Jesus gefangennehmen. Da ist er voll bei der Sache. Er leistet Widerstand. Jesus hat ihm wohl diese hitzige Reaktion nicht übelgenommen. Er weist ihn ganz ruhig noch einmal zurecht. Doch das wesentliche Versagen kommt an einer unerwarteten Stelle. Petrus ist nicht darauf vorbereitet. Eine Vorbereitung wäre auch kaum möglich gewesen. Eine einfache Frage: Gehörst du zu ihm? Aber diese Frage kommt eben nicht in einer
Evangelisation, sondern ganz nebenbei - irgendwo, wo es gar nicht darauf ankommt. Da steht
keiner mit dem Mikrofon und die anderen wollen es alle hören: Ja, ich gehöre zu ihm.
Sondern Petrus ist gewissermaßen als Agent im Innenhof des hohenpriesterlichen Palastes.
Eine gefährliche Mission! Aber so war er eben, dieser Petrus. Er wagt sich in die Höhle
des Löwen, aber ohne Jesus-Aufkleber, sozusagen in einer Tarnung. Er will einfach wissen,
wie das weitergeht. Er will doch seinem Herrn treu sein. Und jetzt denke ich an Situationen heute. Wie ist das, wenn ich mich in eine Lage begebe, wo um mich herum Jesus verleugnet wird? Bin ich dieser Lage gewachsen? Wir sollen sicher nicht überall ein Bekenntnis ausposaunen. Aber ich soll mich auch nicht überfordern. Solange ich frei wählen kann, gehe ich in keine Situation, in der ich ohne Lügen fast nicht herauskomme. Es sind nicht die großen Augenblicke, sondern die unerwarteten Kleinigkeiten des Lebens, an denen wir die Gemeinschaft mit Jesus brechen. Auch Ehen scheitern meist nicht an den großen Lebensfragen, sondern an lauter Kleinigkeiten. Selbst wenn man in den großen Fragen des Lebens Bescheid weiß, wenn man alle Philosophen und Psychologen kennen würde und wüsste alle naturwissenschaftlichen Formeln: Daran entscheidet sich das Leben nicht. Sondern das Leben entscheidet sich oft in Nebensachen. Bei Petrus wäre das Leben auch an einer Kleinigkeit gescheitert, wenn nicht Jesus noch einmal eingegriffen hätte und dem Ganzen noch eine Wendung gegeben hätte. Von diesem Wunder ist heute noch nicht die Rede. Es ist das Wunder, dass Jesus mit einem Versager seine Gemeinde baut. Später sind noch viele andere Versager hinzugekommen. 2. Jesus Ich gehe zur Situation im Garten Gethsemane. Jesus ist über die Situation nicht haushoch erhaben. Er macht einen Todeskampf durch. Alle Weichen sind schon gestellt. Die Tempelpolizei ist schon unterwegs unter der Führung von Judas. Aber Jesus ringt noch, ob es nicht doch abgewendet werden kann. Es geht ihm ähnlich wie anderen Sterbenden auch, ab da, wo sie von einer tödlichen Krankheit erfahren. Jesus ist nicht über alle Gefühle erhaben. Auch darin ist er uns Menschen gleich geworden, wie es in dem urchristlichen Lied im Philipperbrief heißt. Eigentlich hätte es für ihn keinen Grund zum Tod gegeben, denn er war sündlos. Aber er musste für unsere Sünde sterben. Darin bestand sein Kampf, ob das so unbedingt nötig ist. Hätte nicht unsere Sünde auch anders beseitigt und vergeben werden können, einfach so, mit einer Handbewegung Gottes? Doch Gott hat es nicht gewollt. Darum musste Jesus sterben. Jesus hat in seinen Tod schon eingewilligt, noch bevor es sichtbar und spürbar ernst wurde. Es ging auch nicht spurlos an ihm vorüber, nicht ohne heftigen Kampf, aber nach dem Gebetsringen wusste er, dass es der Wille seines Vaters war, und so war er gefasst, ja, gegenüber den Soldaten ist er sogar überlegen. Er fragt sie, wen sie suchen, obwohl er doch genau weiß, dass sie es auf ihn abgesehen haben. Und als sie das sagen, da stellt er sich ihnen: "Ich bin's". Sie erschrecken und fallen zu Boden. Liegt nicht in dem, wie Jesus auf das Kreuz zugeht, schon ein Stück des Sieges vom Ostermorgen drin? Jesus nimmt zwar das Leiden und den Tod auf sich. Aber indem er sich hineinbegibt, hat er schon gesiegt, denn für den Sieg sorgte Gott, zur Einwilligung in Leiden und Tod musste er sich aber durchringen. Es ist bestimmt nicht weit hergeholt, sondern ist Inhalt des biblischen Zeugnisses, dass der Sieg schon errungen war, als Jesus den Weg Gottes freiwillig ging. Manchmal spielen wir in Gedanken die Vergangenheit durch, wie sie hätte anders laufen können. Ich will Sie einmal kurz mit hineinnehmen in die Gedanken, was wäre wenn... Wenn Jesus nein gesagt hätte?.. Wenn er heimlich mit seinen Jüngern den Garten Gethsemane verlassen hätte? Wenn Judas und die Soldaten den Garten leer vorgefunden hätte und zu ihren Auftraggebern zurückgegangen wären. Er ist nicht da. Wenn Jesus sich dem Tod entzogen hätte, vielleicht nach Galiläa ausgewichen wäre und noch viele Menschen geheilt und vielen gepredigt hätte, so, wie es sich Petrus und die anderen Jünger vorgestellt hatten? Vielleicht hätte er viele Anhänger damals gewonnen und die religiösen Führer in Jerusalem hätten die Jesusbewegung nicht mehr aufhalten können. Und stellen wir es uns so optimistisch vor, wie es vielleicht nach den kühnsten Träumen von Jesus-Anhängern hätte sein können, sie hätte sich ausgebreitet in die Nachbarländer, auf das ganze Römische Reich, die ganze Welt hätte ihm zugejubelt. Das wäre so ziemlich das Schlimmste gewesen, was hätte passieren können. Jesus wäre dann ein ungewöhnliches Werk der Welterneuerung gelungen, vielleicht die beste, die es je gab, aber er wäre nicht der Erlöser Gottes gewesen. Er hätte uns nicht den Weg zu Gott freigekauft. Die Menschen damals wären vielleicht auf Erden zufrieden, aber in der Ewigkeit vor Gott verloren gewesen, uns eingeschlossen. Gott hatte mehr vor. Er wollte nicht bloß zeitweilig gute Zustände schaffen, sondern einen neuen Himmel und eine neue Erde, wie es in der Offenbarung heißt. Gott wollte es so, dass das über den Tod Jesu gehen sollte. Jesus hat dazu Ja gesagt. Das ist die wesentliche Geschichte, die in Gethsemane und bei dem Prozess vor dem Hohenrat passierte. Und deswegen ist auch die Passionszeit für uns letztlich eine Freudenzeit. Amen! (Pfr. Dr. K. Knauß)
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