Gottesdienst am 16. März 2003, in Wilhelmsdorf

Wendepunkte

Johannes 12, 11, 46-57.

3 Wendepunkte

1. Menschen im Bezug auf Jesus spüren: hier geht's um ihre Existenz. Entweder er oder ich

"Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute."

Wenn man Jesus so weitermachen lässt, wenn man jetzt nichts dagegen tut, läuft alles aus dem Ruder. Gesetze, Dogmatiken, Systematiken, Traditionen, Pöstchen und Gewohnheiten werden in Frage gestellt. Verlieren an Bedeutung. Werden zweitrangig.

Wenn man nicht einschreitet, also Jesus so lässt wie er ist, verliert institutionelles, religiöses Stellenwert.

Was Pharisäer und Schriftgelehrte spüren, ist ein Gefühl, eine Ahnung, ein Gespür, eine Angst, eine innere Unruhe, mit der nach ihnen viele Menschen zu tun haben werden.

Wenn wir Jesus so lassen, wie er ist, steht unsere eigene Existenz auf dem Spiel, weil sich irgendwann alles verändert, radikal verändert.

Schweizer Fernsehen "Fenster zum Sonntag". "Der Pastor ist zu 20 Jahren Haft verurteilt, zwei der Mitarbeiter sind mehrfache Mörder. In der Gemeinde gibt es keinen, der eine reine Weste hat. Rund 1500 Mitglieder treffen sich regelmässig zu Gottesdiensten, Gebetszeiten, zu Gesang und Bibelstudium. Zeit dazu haben sie, denn sie leben hinter Gittern in Olmos, mit 3300 Insassen das größte Gefängnis Argentiniens. Schwerverbrecher, die plötzlich zu Bibel und Gesangbuch greifen. Wenn wir Jesus so lassen, wie er ist, steht unsere eigene Existenz auf dem Spiel!

Bibel-TV, Programmzeitschrift. Erfunden und initiiert und finanziert von Norman Rentropp. Deutschlands erfolgreichster Verleger. Verlag für die Duetsche Wirtschaft, Der Redenberater, Die Geschäftsidee, Simplify your life usw. Eines Tages auf dem Höhepunkt seines Erfolges ist er während Geschäftsreise im Hotelzimmer und entdeckt eine Gideonbibel und fängt an, drin zu lesen. Kommt auf einer Evangelisation mit Billy Graham zum Glauben an Jesus. Wenn wir Jesus so lassen, wie er ist, steht unsere eigene Existenz auf dem Spiel!

Kongress christlicher Führungskräfte: Das Ehepaar Jutta und Jens Warnholtz berichtet, warum es sich nach mehr als 20 Jahren Ehe trennte, die Scheidung einleitete, Freundschaften mit jeweils neuen Partnern begann. Kurz vor der endgültigen Trennung habe Gott eingegriffen. Warnholtz rief seine Frau an und bat sie um Vergebung. Sie antwortete "mit der entzückenden Stimme eines Teenagers", wie sich Jens Warnholtz erinnert. Inzwischen leben beide wieder zusammen. Wenn wir Jesus so lassen, wie er ist, steht unsere eigene Existenz auf dem Spiel!

2. Ab jetzt wird Jesus geheimnisvoll doppeldeutig.

V. 50: "Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe."

Für Kaiphas steht fest: bevor die ungläubigen Römer unsere 2 Millionen gläubigen Leute vergiften und völlig beherrschen, reinigen wir uns von einem wie Jesus. (Denn man hat ja aus dem babylonischen Exil gewusst, wie verhängnisvoll Synkretismus werden kann. Römischer Kaiserkult und jüdischer Jahweglaube wäre erneuter Tanz ums goldene Kalb. Außerdem steht ja im Gesetz: du sollst keine fremden Götter neben mir haben. Das wäre aber der Fall, wenn die Römer zu dominant werden würden. Und die kleine römische Provinz Israel müsste seine ganzen religiösen und politischen Privilegien aufgeben, nur weil in dieser kleinen - von Römern einmalig großzügig behandelten - Provinz zuviel mysteriöse, unerklärbare Unruhe aufkam. (Israel war im römischen Reich das, was die Brüdergemeinde in der Ev. Landeskirche Württemberg ist. Voller einzigartiger Privilegien! Kaiphas hat recht: man wäre doch blöd, wenn man wegen einem Querschläger und Blindgänger alle Privilegien aufgeben würde! Solche Rechte wie die Juden hatten zur Zeit Jesu weder Britannien, Spanien, Ägypten und noch nicht mal Germanien!)

Menschen spüren zu Recht: es ist gut, wenn Jesus stirbt, denn dadurch bleibt das Volk erhalten.

Menschen spüren ganz bewusst: es ist notwendig, das Jesus stirbt, um Ordnung ins Leben zu bekommen.

Menschen spüren ganz selbstverständlich (bei völlig klarem Verstand): nur wenn Jesus stirbt, retten sie sich mit Haut und Haaren.

Jesu Tod hat Mehrdeutigkeit ohne Ende - von damals bis heute.

Der gekreuzigte Christus (Antike): "den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit." Der gekreuzigte Christus: R. Bultmann (20. Jahrhundert): "dass ein Mensch gewordenes Gotteswesen durch sein Blut die Sünden der Menschheit sühnt … habe für primitive Mythologie zu gelten". Dorothee Sölle denkt, dass in Jesus der alte metaphysische Allmachtsgott am Kreuz getötet wird und der neue Gott jetzt Jesus heißt.

Der Text gibt uns die einzig sinnvolle Bedeutung vor (V. 51). "Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen." Diese Bedeutung hatte Kaiphas nicht im Kopf, hatten die Griechen und Juden, hatte Bultmann und Sölle nicht im Kopf: Kinder Gottes zusammenzubringen. Und wir sitzen hier als lebendiger Beweis. Zusammengebracht durch das Sterben Jesu. Das ist die einzig sinnvolle Bedeutung des Todes Jesu in aller Vieldeutigkeit: Jesu Sterben bringt zusammen. Bringt heilende Gemeinschaft. Sowohl zwischen Gott und mir. Sowohl zwischen mir und ihnen. Sowohl im Verhältnis zu mir selber. Jesus heilt, was verstreut war. Was in Gefahr steht, sich zu verflüchtigen. Was kurz davor ist, sich aufzulösen. Jesus bringt zusammen.

Das teure Blut Jesu Christi hat uns erlöst von unserem "nichtigen Wandel nach der Väter Weise" übersetzt Martin Luther in 1. Petrus 1, 18-19. Ich würde übersetzen: Das teure Blut Jesu Christi befreit, erlöst, errettet aus unserer Lebensart, die ohne Nutzen, ohne Erfolg ist.

Wendepunkt: Mehrdeutigkeit des Todes. Und deshalb sind wir in Sachen Tod Jesu vor eine Entscheidung gestellt. Für welche Bedeutung entscheiden wir uns? Das Wesentliche wird sein, dass uns die Bedeutung, für die wir uns entscheiden, auch etwas nützt!

3. Tendenz: Rückzug. Jesus ist ab jetzt auf dem Rückzug

V. 54: "Jesus aber ging nicht mehr frei umher"

Wendepunkt, weil sich Jesus zurückzieht. Ins Verborgene. Gott hat viel mit Verborgenheit zu tun. Man bekennt ihn als verborgenen Gott.

Jes 45, 15: Führwahr, du bist ein verborgener Gott.

Er beschenkt mit verborgenem

Jes 45, 2: ich will dir heimliche Schätze geben und verborgene Kleinode

Auch Paulus bringt das nochmal auf den Punkt:

1. Kor 2,7: wir reden von der verborgenen Weisheit Gottes

Kol 2,3: "verborgen liegen alle Schätze der Weisheit"

Gleich und gleich gesellt sich gern. Schließlich ist uns Verborgenheit auch nicht fremd. Dort "im Verborgenen sind wir gemacht worden", heißt es in der Bibel (Ps 139, 15)

Wendepunkt: Jesus hat sich zurückgezogen. Er ist nicht mehr "auffällig". Nicht mehr "offensichtlich". Nicht mehr allgemein.

Der sich zurückgezogen hat, lässt sich neu entdecken. Und ich ermutige uns, das wir uns auf die Suche nach dem verborgenen Gott machen und uns nicht mit den vordergründigen, offensichtlichen, auffälligen Dingen begnügen. Der verborgene Gott hat heimliche Schätze und verborgene Kleinode, die er uns schenken will. Wer weiß, was für Gott für uns noch alles auf Lager hat!

(Pfr. Heiko Bräuning)

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