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Gottesdienst am Invokavit, 9. März 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt Matthäus 4, 1-11 Die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. So wirbt ein Schokoladenmarke für sich. Ich verrate nicht welche, weil das Schleichwerbung wäre. Sehr viele Menschen denken irgendwie an Süßigkeiten, an Schlagsahne und Sahnetorte, wenn sie Versuchung hören, andere denken an Alkohol oder Nikotin. Meist ist es etwas, das dem Körper irgendwie schadet. Gaumenfreuden, Genuss- und Suchtmittel, denen du nicht widerstehen kannst. Wahrscheinlich denken viele, in Versuchung, da kommen hauptsächlich willensschwache Menschen. Solche, die keine richtige Orientierung haben. Und so richtig geistliche Menschen können nicht in Versuchung kommen. Doch das ist ein Irrtum. Selbst Jesus wurde versucht, und sogar noch ganz besonders massiv. [Matthäus 4, 1-11] Drei Fragen stellt der Teufel an Jesus. Man muss sagen: Der Teufel ist ein großes Genie! Der russische Dichter Dostojewski hat in seinen "..Brüder(n) Karamasow" die Zusammenstellung dieser drei Fragen als eines der größten Wunder bezeichnet. Er stellt sich vor, wie das wäre, wenn diese Fragen einfach spurlos aus der Bibel verschwunden wären. Und nun macht man sich sozusagen wieder dran, diese Fragen aufzuspüren. Man würde die größten Gelehrten und Geistlichen und Philosophen beauftragen, sie wieder herauszufinden. Keiner würde tiefere Fragen finden als hier der Teufel in der Versuchung Jesu. Es sind elementare Fragen, die für die Menschen wichtig sind; um diese Fragen gibt es Streit und Krieg, Hass und Entzweiung. Und Jesus wird am Anfang seiner irdischen Wirksamkeit davon regelrecht überfallen. Die Situation ist ja kurz nach seiner Taufe, und kurz danach beruft er seine Jünger. Auch später wurde er versucht, etwa im Garten Gethsemane. Aber hier am Anfang ist es wie eine Art Weichenstellung. Hier muss er Grundentscheidungen treffen. Will er ganz dem Willen Gottes folgen, oder macht er Kompromisse? So ist es in unserem Leben auch. Am Anfang eines Weges fallen meist schon die Grundentscheidungen. Darum sagen auch viele Menschen: Wenn ich noch einmal neu anfangen könnte, ich würde vieles anders machen. Die Menschen wollen nicht nur einige Schritte zurück. Grundentscheidungen werden früh gefällt. Aber eine Versuchung ist nicht nur negativ. Sie ist auch ein wichtiges Signal. Da wird deutlich: Es geht um etwas! Darum heißt es auch im Jakobusbrief: "Seid voll Freude, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet." Gott hat sogar mit der Versuchung ein Ziel. Er will, dass
wir uns darin bewähren und festigen. Die Rabbinen haben sogar gesagt, bei der Versuchung
geht es um die Verherrlichung Gottes (Str.-Bill. 1. S 135 z.St.). Denn bei einer
bestandenen Versuchung wird Gottes Weg der Gerechtigkeit bestätigt. 1. Der Hunger 1. Der Hunger Es ist nichts Schlimmes, wenn man seinen Hunger stillt. Jesus hatte nach seiner langen Fastenzeit Hunger. War das nicht so, dass er wieder etwas essen musste? Man fragt sich vielleicht: Jesus hat doch später auch die Speisung der 5000 vollbracht. Wäre das eigentlich so schlimm, wenn er für sich selbst etwas Ähnliches tut? Was war denn daran die Versuchung? Die Antwort liegt in der Einleitung des Teufels: "Bist du Gottes Sohn, dann sprich..." Hat Jesus denn schon genügend Beweise, dass er der Sohn Gottes ist? Einige Verse vorher, bei seiner Taufe, wird von der Stimme aus dem Himmel berichtet: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.." Brauchte Jesus noch einmal eine Bestätigung, ob das keine Täuschung war? Die Versuchung für Jesus lag darin, einen wirklich letzten und handgreiflichen Beweis zu haben. "Auf! Probier's aus! Und wenn es funktioniert, dann ist's sicher, dass es auch später klappt." Doch Jesus testet seinen Vater nicht, wie man einen Apparat ausprobiert. Da ist ein inniges Vertrauensverhältnis. Es wird durch Gespräch gestärkt. So ist die Antwort von Jesus zu verstehen: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht." Jesus hat diese Antwort aus der Bibel, aus dem Alten Testament. Er wehrt sich nicht mit eigener Überlegung. Sondern bezieht sich auf Gottes Wort selbst. Wenn ich recht beobachte, ist das für viele Menschen so schwierig. Sie sind hin und her gerissen und wissen nicht so recht, wo sie sind und woran sie sich halten sollen. In der Versuchung hilft ein eigener Einfall meist nicht viel. Da muss man bei Gott selbst anklopfen. Das muss stabil sein, woran du dich in der Versuchung halten willst. Denke nicht, dass dir in der Versuchung das Richtige schon selbst einfallen wird. Bei Jesus erweist sich in der Versuchung sein Vertrauen. Er wartet auf Gottes Hilfe. Er greift nicht zu einer Selbsthilfe, um nachzuhelfen, wo Gott schweigt. So soll auch niemand meinen, ich muss nachhelfen, dass ich zu meinem Recht komme, oder dass ich zu meiner Lebenserfüllung komme. Wenn du nicht siehst, wie es weitergehen soll, dann hilft keine Angst, sondern Vertrauen. Gott weiß schon weiter. Darum geh seinen Weg! 2. Öffentliche Anerkennung Jesus steht an der sogenannten Zinne des Tempels. Man stellt sich die Stelle vor, wo es in das Kidrontal steil abfällt. Die Mauer ist hier ungefähr 40 Meter hoch. "Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab! Denn es steht geschrieben: Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt." Wieder zeigt sich der Teufel als guter Bibelkenner. Nicht immer, wenn die Bibel zitiert wird, ist das darum Gottes Wille. Die Versuchung erfährt eine Steigerung. Bei der ersten Versuchung ging es sozusagen nur um ein elementares menschliches Bedürfnis. Jetzt dringt die Versuchung in den Heiligen Bezirk vor, direkt an den Tempel. Es gibt keinen Ort, wo man vor dem Teufel sicher ist. Sogar Gottes Wort an heiliger Stätte ist sein Werkzeug. Jesus soll vor aller Augen seine besondere Beziehung zu Gott beweisen. Eigentlich ein genialer Einfall des Teufels. Wenn die Leute Jesus bewundern, wenn sie ihn öffentlich anerkennen, dann ist der Auftrag des Messias schon fast durchgeführt. Jesus hat den Trick durchschaut. Wenn die Leute ihn wegen eines Schauwunders anhimmeln würden, dann ginge es am Wesentlichen vorbei. Wenn ihm die Herzen schnell zufliegen, dann sind das noch lange keine neuen Herzen. Jesus antwortet ebenfalls mit einem Bibelwort: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen." Es ist sehr aufschlussreich, wie das Wort Gottes vom Teufel und wie es von Jesus benützt wird. Einfach ausgedrückt: Der Teufel weiß von Anfang an, worauf er hinaus will. Er sucht nur ein Schlagwort. Dass es sich dabei um ein Bibelwort handelt, ist unwesentlich. Wir würden heute sagen, er missbraucht, er instrumentalisiert das Wort Gottes. Dagegen fragt Jesus nach dem tiefen Sinn der Heiligen Schrift. Er will sich tief dem Willen Gottes anvertrauen. 3. Die Machtfrage Die dritte Versuchung findet auf einem sehr hohen Berg statt. Man sieht weit in das Land hinein. Man muss dabei an einen Blick im Hochgebirge denken, wo man manchmal 200 km weit sehen kann. Das erinnert aber auch an Mose. Kurz vor dem Einzug in das verheißene Land hat Gott ihn nämlich auf einen Berggipfel geführt und ihm das Land gezeigt, das das Volk zum Besitz bekommen soll (5. Mose 3, 27). So wie das Volk Israel sein Land besitzen soll, so wurde Jesus versprochen, die ganzen Reiche der Welt zu besitzen. Also mehr als nur das Volk Israel. Das war die größte Versuchung: Eine Abkürzung für die Heilsgeschichte. Das Angebot bestand darin, alles das, was Gott in der Heilsgeschichte wollte, sehr schnell zu erreichen, ohne Leidensweg, ohne lange Komplikationen, ohne Zerbruch, ohne Ängste. Das ewige Heil, sofort! So wie es in der Offenbarung beschrieben wird. Aber unter einer Bedingung. Der Teufel sagt: "Wenn du niederfällst und mich anbetest." Es gibt Menschen, denen sind gute Ziele so wichtig, dass ihnen auch unlautere Mittel dazu recht sind. Die Redensart sagt dann: Der Zweck heiligt die Mittel. Vielleicht war diese Versuchung für Jesus am einfachsten zu erkennen. Aber das Ergebnis war wohl auch am verlockendsten. Denn am Ende heißt es, "dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist..." (Philipper 2, 10f ). Vom Ziel her ist alles in Ordnung. Die Geschichte hat nur einen Haken: Die Sache läuft ohne Gott. Doch für Jesus ist die Anbetung Gottes wichtiger als alle sonstigen Ziele: "Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen." Vielleicht ist es für die Menschen aller Zeiten die größte Versuchung, um guter Ziele willen Gott selbst zu vergessen. Wir haben viele Ziele. Ist Gott mit dabei? Es wäre eine gute Übung, wenn Sie zu Hause diese drei Versuchungen Jesu für sich selbst durchgehen und dabei für sich aufschreiben: Wo bin ich von diesen Versuchungen betroffen? Jesus hat die Versuchungen mit der Berufung auf Gottes Wort zurückgewiesen. Das ist auch für uns der richtige Weg. Amen. (Pfr. Dr. K. Knauß)
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