Zweitgottesdienst am 16. Februar 2003 in Wilhelmsdorf um 11.00 Uhr, Predigt über: Stromaufwärts geht's zur Quelle

Haben Sie schon mal Wildwasser-Fahrern zugeschaut? Faszinierend! Es ist eine Kunst, eine gute Linie zu finden, bei der man nicht untergeht, wie man um die Wirbel und Stromschnellen herumkommt und wie man die Felsen nicht rammt.

Bei den Fischen ist es anders. Sie schwimmen auch stromaufwärts. Als Kind habe ich mich an den Schleusen bei den Flüssen und Bächen immer gewundert, warum Stufen dran sind. Ich habe gemeint, das sei einfach nur eine Art Springbrunnen, zur Freude für die Kinder, damit das Wasser in Kaskaden herunterfließt. Aber in Wirklichkeit ist das ja für die Fische: Sie springen von Stufe zu Stufe nach oben.

Das ist z.B. beim Lachs sehr beeindruckend, der auf seiner Laichwanderung weit stromaufwärts Richtung Quelle aufsteigt, um dort zu laichen. Wenn man diesem Fisch die Möglichkeit nimmt, flussaufwärts zu kommen, dann kann er in diesem Fluss nicht überleben.

Nur lebendige Fische können gegen den Strom schwimmen. Sie brauchen Energie, um gegen die Strömung ankommen zu können. Tote Fische schaffen das nicht. Die werden einfach vom Wasser mitgenommen.

Bei uns Menschen gibt es auch so etwas wie eine Strömung. Was im Augenblick gerade in ist, nimmt uns mit. Das ist von Zeit zu Zeit sehr verschieden. Wenn alle Nachbarn auf ihrem Balkon Hanf züchten, dann geht's dir nicht gut, wenn du keinen Hanf hast. Denn dann stehst du im Verdacht, dass du pfeifst. Wenn alle auf der Straße zu schnell fahren und du selbst fährst vorschriftsmäßig, dann halten dich die anderen für ein Verkehrshindernis. Es kann sein, die gucken sich um, wenn sie an dir vorbeifahren. So kommst du in Versuchung, auch schneller zu fahren. Dann fällst du wenigstens nicht auf.

Es wurde einmal ein Test durchgeführt: Einige Versuchspersonen stellten sich an einer Fußgängerampel auf. Sie blieben stehen, als die Ampel rot war. Dann kamen Passanten dazu. Die blieben auch stehen, bis die Ampel auf grün schaltete. Sie gingen erst dann los, wie es sich gehört. Aber beim nächsten Mal gingen einige Versuchspersonen bei rot über die Ampel. Einige hinzugekommene Passanten gingen ebenfalls bei rot drüber. Und je mehr bei rot über die Straße gingen, desto mehr schlossen sich ihnen an.

Warum ist das so? Die Menschen denken: Was viele machen, kann nicht falsch sein. Und wenn man eigentlich ganz genau weiß, dass es nicht o.k. ist. Die Leute tun's trotzdem. Wir Menschen haben eine merkwürdige Eigenart: Wir neigen dazu, dass wir uns anderen anschließen, dass wir mitmachen, was andere vormachen; besonders dann, wenn es viele tun. Für die meisten gibt es Gründe, mit dem Strom zu schwimmen. Denn dann wird man nicht für verrückt gehalten. Und es erfordert nicht viel Aufwand. Man lässt sich einfach mitnehmen. Man braucht aber viel Kraft, um gegen die Strömung zu schwimmen. Wo nehmen wir die Kraft her?

Es gibt einen wesentlichen und durchschlagenden Grund, gegen den Strom zu schwimmen: Wenn man zur Quelle will.

Die Quelle: Das ist Jesus. Er gibt uns Leben.

Jesus hat in der Bergpredigt im Grunde das gleiche gesagt. Er sagte, dass die große Masse nicht auf dem Weg zum Leben ist (Matthäus 7,14). Mit Leben meinte er das Leben aus Gott, das Ziel des ewigen Lebens. Aber es gibt immerhin welche, die den Weg zum Leben gehen. Die, die das tun, sehen hier schon Ergebnisse davon. Jesus nennt das Früchte.

Sehr irdische Ziele stehen heute hoch im Kurs. Eigener Gewinn und eigener Genuss. Das hat eine solche Sogwirkung, dass man sich dem fast nicht entziehen kann.

Die Lebenshaltung von denen, die Jesus nachfolgen, wird in der Bibel so beschrieben: Sie streben danach, was dem Herrn gefällt. Sie setzen große Mühe ein, das herauszufinden, was ihm gefällt (vgl 1. Kor. 7,35; 1. Joh. 2,17).

Wir kriegt man das denn heraus? Natürlich beim Bibellesen und Beten. Das kann man auch gemeinsam tun, miteinander überlegen und fragen: Herr, was ist denn dein Wille? Nicht zu jeder wichtigen Frage steht etwas in der Bibel. Oft können wir ihr nur eine Grundhaltung entnehmen. Man muss ein feines Gespür dafür entwickeln, was vor Gott recht ist. Ich versuche einige Punkte anzudeuten.

Beispiel: Umgang mit Geld. Viele Menschen denken, das sei doch einfach. Man darf Geld verdienen. Und wenn man das ordnungsgemäß versteuert hat, darf man das auch wieder ausgeben. Aber im Grunde sei der Rest sozusagen ganz in unserer Verfügung. Doch für Christen ist auch das, was sie besitzen, anvertrautes Gut. Wir sind vor Gott verantwortlich für das, was wir mit unserem Geld und Besitz tun. Manchmal muss man sich darüber mit anderen beraten, weil hier Entscheidungen oft nicht so leicht zu durchschauen sind.

2. Beispiel: Karriere oder Familie: Ich will nicht beurteilen, ob das mehr die Männer oder mehr die Frauen betrifft. Wahr ist, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft an dieser Stelle Probleme haben. Viele haben das Gefühl, dass die Familie oder die Kinder der eigenen Weiterentwicklung oder dem beruflichen Aufstieg im Weg stehen, und manchmal auch der Ehepartner. Das gehört zu den Seuchen unserer Zeit, dass der Beruf mehr zählt und mehr wert ist als die Menschen. Oft werden hier Entscheidungen nicht einfach sein. Aber es sollte für uns gelten: Wenn mein beruflicher Aufstieg anderen schadet, besonders in der Familie, dann sollte ich besser darauf verzichten. Jesus hat gesagt: Wenn dir deine rechte Hand zum Anstoß wird, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre (Matthäus 5,29). Das bedeutet: Man darf nicht zimperlich sein. Manche Entscheidungen können für mich schmerzhaft sein. Aber um des Reiches Gottes willen lohnen sie sich.

Stromaufwärts geht's zur Quelle. Wer gegen den Strom schwimmen will, braucht Kraft. Aber wir bekommen sie von Jesus, wenn wir ihn ernsthaft darum bitten. Es ist eine wichtige Aufgabe der Gemeinde: Einander zu stärken, Kraft zu geben und Kraft zu erbitten von ihm, der uns Kraft gibt. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

 

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