Gottesdienst am 4. Sonntag n. Epiphanias, 2. Februar 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Markus 4, 35-41

"Wenn ich das gewusst hätte, dann wäre ich nicht ins Auto gestiegen," so haben sich am Donnerstag viele Autofahrer gesagt, als sie auf der Autobahn hängenblieben. Oder: Ich hätte doch auch schon ein paar Stunden früher fahren können... Mancher hat sich geärgert, warum er sich hier und dort so lange aufgehalten hat. In der Nacht zum Freitag saßen viele Auto auf der Autobahn Stuttgart-Ulm fest, teilweise fast die ganze Nacht durch, im Schnee und bei klirrender Kälte.

Menschen ärgern sich über Dinge, an denen sie nichts mehr ändern können. Am liebsten würden wir nachträglich noch was ungeschehen machen. Warum machen wir eigentlich an etwas noch lange herum, obwohl es nicht mehr rückgängig zu machen ist? Wir können uns nicht abfinden mit unserer Ohnmacht. Wir müssen tatenlos zusehen und können nicht eingreifen. Die Naturgewalten sind stärker als wir.

Ähnlich war es, als das Hochwasser der Elbe im letzten Sommer ganze Städte und Dörfer überschwemmte. Mit einem Mut der Verzweiflung haben viele noch versucht, etwas zu retten. Aber wenn das Hochwasser erst einmal am Werk ist, fühlen wir Menschen uns ganz klein.

Bei den Jüngern Jesu gab's einst auch große Aufregung: Ein Sturm kam auf. Und sie waren auf dem Wasser! Auf dem See Genezareth gab und gibt es heftige Fallwinde, die auch erfahrenen Seeleuten zum Verhängnis werden konnten.

35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren.
36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.
37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde.
38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.
40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
41 Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Der Tag muss ziemlich anstrengend gewesen sein. Jesus hielt lange Reden - Gleichnisse über das Reich Gottes. Es wird wohl in der Nähe von Kapernaum gewesen sein. Die Leute kamen in Strömen, vermutlich einige tausend. Es waren so viele, dass Jesus sich auf ein Boot begab und von dort aus sprach. Von dort konnte man ihn besser hören und sehen.

Abends war er wohl entkräftet und brauchte Ruhe. Deshalb wollte er ans andere Ufer. Am Ostufer suchte er manchmal seine Zuflucht, in der weniger besiedelten und etwas abgeschiedenen Gegend.

1. Wie die Jünger den Seesturm erlebten
2. Was sich der Wind wohl dachte?
3. Wer ist Jesus?

1.Wie die Jünger den Seesturm erlebten

Das Lachen ist ihnen sicher vergangen. Eigentlich war das ja ihr Handwerk. Bootfahren, das konnten sie. Von klein auf haben sie das gelernt. Fischer lernen das vom Vater und vom Großvater. Sie haben ein Gespür für Gefahren. Denen macht niemand was vor.

Der Sturm war unerwartet gekommen, und er war übermächtig. Die Wellen schlagen ins Schiff. So gut sie können, müssen sie das Wasser wieder hinausschöpfen. Aber wenn die Wellen so richtig hochgehen, ist nichts zu machen. Die Situation wird lebensgefährlich.

Das schießt es ihnen durch den Kopf: "Wie kann der Meister jetzt schlafen? Aufwecken! Der soll sagen, was zu tun ist." Es ist schon ein dicker Vorwurf: "Fragst du nichts danach, dass wir umkommen?"

Sturm gibt es auch im übertragenen Sinn: In der Kirche und in auch in unserer Gemeinde.

Vielleicht ist das kein schlimmer Sturm, aber doch unangenehm, wenn wir Probleme haben. Wir haben in letzter Zeit in der Gemeinde viel Bewegung. Es gibt viele Gottesdienste. Wir freuen uns, dass Leben da ist und viele kommen. Wir haben Seminare und Bibelstunden und Kurse und Freizeiten und Sitzungen... Ist das nicht zu viel? fragen sich manche. Da gibt es manche Schwierigkeiten, das alles gut zu koordinieren und zu ordnen. Und manche sind mit ihren Kräften fast an der Grenze. Die Nerven sind angespannt. Da kommt Wasser ins Boot. Und es kann schon einmal der Ruf über die Lippen kommen: Herr, fragst du nicht danach, dass das über unsere Kraft geht?

Dann haben wir auch verschiedene Gruppierungen und Strömungen in der Gemeinde. Das darf sein. Ja, wo gab es je eine Gemeinde, in der nicht verschiedene Strömungen waren? Mit verschiedenen Stilen und auch verschiedenen Gruppierungen müssen wir zurechtkommen. Man kann sich in den Zielen einig sein, und doch viele Unterschiede haben. Wenn das unser Ziel ist, dass wir Jesus im Boot haben und dass er der Herr ist, dann darf es auch sehr unterschiedlich zugehen.

Es gibt noch mehr Stürme in der Gemeinde: In Familien, in Ehen, zwischen Mitarbeitern. Wie gehen wir damit um? - Die Jünger haben Jesus geweckt. Das heißt für uns, er muss die Regie übernehmen. Beten, ringen, fragen, dass er den Weg vorgibt und mit uns geht.

Jesus fragte die Jünger nach ihrem Glauben. Die Probleme waren für sie größer als die Hoffnung auf Hilfe. Geht's uns nicht auch oft so? Wir sind gut im Erörtern von Problemen. Wir trauen auch Gott zu, dass er eigentlich Macht über diese Probleme hätte. Aber irgendwie ist das oft nur ein theoretischer Glaube, der nirgends richtig Ernst macht. Doch darum geht es, dass der Glaube von der Theorie zum echten Vertrauen kommt und die Sache in die Hand Jesu legt.

2. Was sich der Wind wohl dachte?

Sie werden fragen: Kann der Wind sich etwas denken? Aber der Wind hat doch reagiert, auf das scharfe Wort Jesu. Der Wind hört auf ein Wort Jesu?

Der Wind hat natürlich keine Ohren. Er hat auch kein Gehirn, mit dem er einen Entschluss durchführen könnte. Der Wind, das sind doch nur bewegte Luftmoleküle. Wie um alles in der Welt geschieht das, dass der Wind reagiert?

Die Natur ist nicht nur ein mechanisches Räderwerk, wie in einer mechanischen Uhr. Da greifen nicht nur die Zahnräder ineinander und bringen sich gegenseitig vorwärts. Sondern die Natur wartet an all und jedem Ort auf das Handeln Gottes. Als Gott die Welt geschaffen hat, da sagte er nicht: So, jetzt ist das Uhrwerk fertig. Jetzt machen wir den Deckel zu. Sondern wenn Sie wollen: Gott hat den Deckel offen gelassen. Und er ist es, der da immer eingreift; ohne Aufhören, in jedem Augenblick. Er ist es, der mein Herz schlagen lässt. Jeder Herzschlag und jeder Atemzug ist ein Zeugnis seiner Güte und Allmacht. Alle meine Organe sind in seiner Hand. Das ist nicht nur irgendein Bild, sondern das ist höchst real.

Sogar die unbelebte Natur ist gar nicht so starr und steif, wie wir oft denken.

Was sich der Wind wohl dachte? - Er "kannte" seinen Schöpfer, so wie die Zellen in meinem Körper auch um ihren Schöpfer wissen. Sie tun ihren Dienst, solange er es will, keine Sekunde weniger. Und darum darf ich mich in seiner Hand geborgen wissen. Wenn Sie je Angst um Ihre Gesundheit und Ihr Leben haben, wie die Jünger im Boot, dann werfen Sie sich in seine Hände.

3. Wer ist Jesus?

Für jeden Frommen in Israel war klar: Nur Gott kann der Natur befehlen. Die Sturmstillung hat dieses tiefe Erschauern zum eigentlichen Zielpunkt. Die Jünger fragen sich: "Wer ist der? Denn auch Wind und Meer sind ihm gehorsam." Sie haben diese Frage nur untereinander beraten und besprochen. Anscheinend haben sie nicht gewagt, diese Frage direkt an Jesus zu stellen.

Und doch taucht darin die Ahnung auf: Er ist Gottes Sohn. Denn Jesus hat nicht gebetet, sondern direkt den Wind bedroht. So wie er dem Wind befiehlt: "Schweig und verstumme!" So redet nur der Mächtige mit einem Untergebenen.

Es ist ähnlich wie mit der Sündenvergebung bei der Heilung des Gichtbrüchigen (Markus 2, 1-12). Auch da wussten alle: Niemand kann Sünden vergeben als Gott allein. Doch Jesus vergab Sünden.

Später hat sich die Ahnung bei den Jüngern zur Gewissheit verdichtet: Er ist es wirklich. Wer zu dieser Gewissheit kommt, kann nicht anders, als ihn zu bezeugen. Amen.

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

 

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