Gottesdienst am 2. Sonntag n. Epiphanias, 19. Januar 2003, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Johannes 2, 1-11

Was sind eigentlich die wichtigen Dinge im Leben? Die meisten Menschen stellen diese Frage nie so richtig. Vielleicht mal auf einer Tagung oder Freizeit. Aber dann ist es schnell wieder weg. Der Druck des Alltags lässt diese Frage nicht zu. Viele echt wichtigen Fragen kommen irgendwie unvermittelt. Und sie lassen keinen Ausweg, bis du entschieden hast.

Ist's wichtig, ob es im Winter schneit oder nicht?

Mir geht es so: Wenn ich sowieso keine Zeit zum Skifahren habe, ist es relativ unwichtig. Aber dann kann es wieder andere Tage geben, da bin ich total erschöpft und würde gerne mal einfach nur für ein paar Tage raus und die Hänge runter bei strahlendem Sonnenschein in glitzerndem Neuschnee. Wenn der Schnee in Milliarden Kristallen leuchtet als wären es Brillanten. Das erholt Leib und Seele.

Und dann gibt es Leute, deren Existenz mit dem Schnee zusammenhängt. Da hat einer viel Geld in eine Liftanlage reingesteckt. Dann hat er Leute angestellt, die er bezahlen muss. Und dann hat er für das Kiosk viel angeschafft, um die Leute zu versorgen, die Skifahren wollen.
Aber was ist, wenn kein Schnee kommt? Ist das wichtig? Ist das so wichtig, dass man beten darf? Ist das so wichtig, dass man zu Gott sagen kann: Das ist jetzt deine Sache! Ich halt's ohne Schnee nicht mehr aus.

Es gibt Menschen, die meinen, Gott ist nur für die großen Sachen des Lebens zuständig. Groß: Das sind dann Beträge über 100.000 Euro - Konkurs oder nicht; Berufsentscheidungen, Entscheidung über den Ehepartner, Prüfungen, Wohnung, Hauskauf. Die kleinen Dinge sind dann: Ob das Essen am Sonntag schmeckt; oder ob es peinlich wird, weil Gäste kommen und der Kühlschrank leer ist.

Einer von den Schreibern des Neuen Testaments hat eine Geschichte festgehalten. Diese Geschichte hätte ich nicht für wichtig gehalten. Eigentlich könnte man sie vergessen. Da geht es nicht um das Seelenheil. In der Dummheit haben einige Leute schlecht organisiert und schlecht geplant. Das war alles. Keine weltbewegenden Dinge. Es war zwar entsetzlich peinlich. Aber davon wäre die Welt nicht untergegangen. Das kommt täglich endlos oft vor.

Die Geschichte ist für Wilhelmsdorf besonders delikat. Denn da geht's um Wein. Und das, was man auf dem Ringgenhof und auf dem Höchsten eigentlich verachten sollte, das bekommt in dieser Geschichte einen großen Wert. Trotz der Peinlichkeiten: Es verbirgt sich ein Stück vom Geheimnis des Reiches Gottes dahinter.

[Johannes 2, 1-11]
1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.
2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.
3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.
4 Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.
5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.
6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.
7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.
8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm.
9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wußte, woher er kam - die Diener aber wußten's, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam
10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.
11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

1. Jesus ist beim Feiern dabei
2. Es droht zu scheitern, doch Jesus bleibt
3. Das Fest geht weiter - und Jesus bleibt

1. Jesus ist beim Feiern dabei

Schwaben können eigentlich nicht richtig feiern. Sie tun's meist heimlich und mit schlechtem Gewissen. Denken wir, was das alles kostet? Und wir müssen doch unser Sach zusammenhalten! Oder denken wir, was bei so einem Fest alles dummes Zeug geredet werden kann? Und wir müssen doch für jedes unnütze Wort vor Gott Rechenschaft ablegen!
Doch Jesus ist sogar dort mit dabei, wo der Überfluss ist, völlig unnötiger Überfluss. Damals war man bei einer Hochzeit nicht geizig. Man feierte eine ganze Woche lang. Jesus hat nicht gewarnt: Übertreibt's bloß nicht! Sondern er war mitten drin.

Rein äußerlich muss man sich so eine Hochzeit zur Zeit Jesu wie ein Volksfest vorstellen. Alles, was Beine hatte, war dabei; nicht nur die Verwandtschaft und Freunde, sondern das ganze Dorf. Sogar die Rabbinen unterbrachen ihr Gesetzesstudium. Vielleicht bestanden bei dieser Hochzeit, von der hier berichtet wird, verwandtschaftliche Beziehungen, oder hat Joseph denen mal ein Haus gebaut? Das wissen wir natürlich nicht. Aber es wird wohl einen Grund gegeben haben, dass die Mutter Jesu von einem Nachbarort mit eingeladen war.

Wie wichtig ist ein Fest? - Später hat Jesus im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl erklärt, wie es sich mit dem Reiche Gottes verhält. Es ist wie ein Fest, zu dem sogar Unwürdige eingeladen sind (Matth. 22, 1-14). In der Offenbarung wird auch das gleiche Bild der Hochzeit verwendet, um die endgültige Erfüllung im Reich Gottes zu beschreiben: Dort heißt es: Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet (19,7). Ähnlich ist es im Alten Testament. Die Erfüllung der großen Verheißungen ist ein riesiges Wallfahrtsfest, bei dem alle Völker nach Jerusalem kommen werden (Micha 4,1-5): "In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem."

Das Fest ist also ein Zeichen, dass der Messias nun gekommen ist. Mit Jesus werden die alten Verheißungen des Volkes Israel wahr.

Dass Jesus an der Hochzeit teilgenommen hat, ist vielleicht schon für sich allein eine Zeichenhandlung. Jesus hat einmal gesagt: "Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist?" (Matth. 9, 15). Damit hat er das auch noch mit Worten bestätigt: Jetzt ist die Festzeit. Denn Die Erfüllung ist da.

2. Das Fest droht zu scheitern, doch Jesus bleibt

Mitten im Fest haben die Verantwortlichen gemerkt, dass sie sich verrechnet haben. Es war zu wenig Wein da. Für die Familie wäre es eine Blamage gewesen. Denn sie waren wohl nicht arm; das sieht man an den steinernen Wasserkrügen, normalerweise hatte man Krüge aus Ton. Für das Hochzeitspaar wäre diese Blamage ein schwerer Start in die neue Ehe gewesen. Kleinigkeiten belasten das Leben mitunter sehr. Das muss man erst einmal verarbeiten!

Die Mutter Jesu entdeckte sehr früh die peinliche Situation. Sie hatte ein feines Gespür dafür. Oder hatte sie durch besondere Beziehung zu den Gastgebern einen Tipp bekommen: Du, dein Jesus hat doch einen direkten Draht zu Gott! Könnte der nicht irgendwie helfen?
Nun kommt eine zweite Gefahr, an der das Fest zu scheitern droht. Und diese Gefahr ist noch weit größer als die Blamage. Jesus kommt in eine ungeheure Zwickmühle. Darf Maria an Jesus herantreten und ihn zu einem Wunder auffordern? Man hat den Eindruck, dass sie damit rechnet: Er kann es. Aber ist es nicht Gott, der hier das Sagen hat und der Jesus zum Handeln bringt? Er muss doch zuerst auf seinen Vater hören.

Jesus fährt seine Mutter denn auch recht barsch an. Was geht's dich an, Frau...?

Es war nicht das einzige Mal, wo die Familie Jesus beeinflussen wollte. Bei einer Predigt vor einer großen Menschenmenge haben seine Brüder und Schwestern ihn für verrückt erklärt. Offenbar haben sie ihn in Gefahr gesehen, weil er sich mit den Schriftgelehrten auf Auseinandersetzungen eingelassen hat (Markus 3, 21).

Für Jesus waren diese Ratschläge eine Versuchung. Er will nicht von seiner Mutter oder seinen Geschwistern beeinflusst werden. Gott allein hat das Sagen. Dass Jesus sich als Messias zeigt, das darf nicht menschlichen Erwägungen entspringen. Jesus sagt: Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

Unser Situation ist anders, vor Gott und vor Menschen. Und doch kann man manches vergleichen. Es ist gut, dass wir uns fragen: Von wem oder was lasse ich mich zu Entscheidungen drängen? Höre ich auf das, was vor Gott recht ist, oder sind es menschliche Rücksichtnahmen und Erwägungen?

Vielleicht machen Sie einmal die Übung und schreiben das für sich auf! Verschiedene Entscheidungen aus der Vergangenheit durchgehen.
Erste Spalte: Was wurde entschieden.

Zweite Spalte: Warum habe ich so entschieden.

evtl. dritte Spalte: Würde ich heute wieder so entscheiden? Warum?
Es geht dabei nicht um eine Rechenschaft vor einem Menschen. Sondern um eine Rechenschaft vor Gott.

Bei Jesus ist zu beobachten, dass er sich von menschlichen Erwägungen nicht steuern ließ, selbst wenn das ihm oder anderen sehr weh tun musste.

3. Das Fest geht weiter - und Jesus bleibt

Jesus hat gewartet. Es muss für die anderen eine arge Geduldsprobe gewesen sein, für die Festordner und die Kellner und so. Sie hatten nichts als den Hinweis von Maria: "Was er euch sagt, das tut."

Aber dann war seine Stunde gekommen.

Eigenartigerweise wird nirgends von dem Wunder berichtet, als das Wasser in Wein verwandelt wurde. Das Wunder selbst wird mit Schweigen übergangen. Jesus gab den Dienern Anordnungen. Sie wussten nicht einmal, welchen Sinn das hatte. Sie sollten dem Oberkellner Proben von dem Wasser bringen. Aus ihrer Sicht war das ja Unsinn, denn es fehlte Wein. Doch sie tun's.

Wer mit Jesus zu tun hat, muss manchmal Dinge tun, die er nicht überschaut. Würde man menschlich überlegen, würde man anders handeln. Das Handeln nach den Anweisungen von ihm erscheint uns oft als Unsinn.

So ging es Petrus, als er die ganze Nacht gearbeitet hatte und dennoch keinen einzigen Fisch gefangen hatte. Und dann sagte Jesus, er solle das Netz auswerfen. Die Zeit dafür war denkbar ungünstig. Denn zu der Zeit fängt man keine Fische. Petrus tat's doch, auf das Wort Jesu hin. Doch weil er gehorsam war, hatte er auch entsprechende Ergebnisse. Petrus zog eine reiche Beute aus dem Netz.

Die Diener bei der Hochzeit taten nichts Großartiges. Wasser zu schleppen ist Routine. Das Besondere war, dass sie das taten auf Anweisung von Jesus. Dann kam das Wunder heraus.

Da mag ein Mann seine Frau nicht verstehen. Immer und immer wieder kracht's. Viele schwierige Gespräche - nichts hilft. Aber es ist doch Gottes Wille, dass ein Mann seine Frau liebt. Und wer das dann wirklich tut, erlebt das Wunder: Es kracht immer weniger. Das kann man nicht im einzelnen erklären. Gottes Wunder erfordern ein gehorsames Handeln, auch wo man zwischendurch nichts versteht.

Bei der Hochzeit damals in Kana haben die Jünger an Jesus zu glauben angefangen. Sie hatten seine Herrlichkeit als Messias gesehen. Es war der Beginn einer neuen Schöpfung, und ich wünsche uns, dass wir immer wieder von seiner neuen Schöpfung leben. Amen!


(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

 

Impressum