Gottesdienst am Altjahrabend, 31. Dezember 2002, in Wilhelmsdorf um 19.00 Uhr, Predigt über Lukas 12, 35-40

Ich habe es eilig. Ich muss noch was erledigen und nachher wollen wir miteinander in den Hauskreis. "Kannst du bitte schon mal das Auto aus der Garage fahren und vor's Haus stellen", sage ich zu meiner Frau. Das sind Vorkehrungen, um zügig fortzukommen. Wenn ich's brandeilig hätte, dann würde ich vielleicht auch noch sagen: Und lass den Schlüssel gleich stecken!

Jesus sagt zu seinen Jüngern etwas ähnliches, wie sie sich auf sein Kommen bereithalten sollen und keine Zeit verlieren sollen. Natürlich spricht er nicht vom Auto und vom Zündschlüssel, denn damals war man ja zu Fuß unterwegs. Und doch ist, bis auf den unwesentlichen Unterschied der Fortbewegungsart und kleinen zeitlichen Unterschied von etwa 2000 Jahren, die Situation fast gleich: Verliert keine Zeit.

[Lukas 12, 35-40]
35 Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen
36 und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun.
37 Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.
38 Und wenn er kommt in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und findet's so: selig sind sie.
39 Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen.
40 Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint.


Ich habe einleitend gesagt, dass wir in Bereitschaft sein sollen. Aber das, was Jesus seinen Jüngern gesagt hat, ist viel spannungsvoller, ja, beinahe widersprüchlich. Es ist, als wären es doch drei völlig verschiedene Lebenseinstellungen. Diesen drei Linien will ich im folgenden nachgehen:
1. Seid bereit
2. Habt Geduld
3. Nehmt eure Aufgaben ernst

1. Seid bereit
Jesus sagt, wir sollen jederzeit damit rechnen, dass er kommen könnte. Unüberhörbar für die Leute damals erinnert Jesus sie an die Situation, als das Volk Israel in einer Nacht- und Nebelaktion von Ägypten aufgebrochen ist. In jener Nacht behielten sie alle ihre Wanderkleidung an, der wenige Hausrat, den man in der Wüste brauchen kann, war hingerichtet, und die Menschen wussten: Jetzt geht's gleich los. Sie hatten dann nicht einmal mehr Zeit, sich Schuhe anzuziehen. Deshalb sollten sie die ganze Zeit bereits ihre Sandalen tragen.

Unter uns gibt es auch Menschen, die immer mal wieder Bereitschaftsdienst haben: Krankenschwestern, Ärzte, Apotheker und andere, die im Gesundheitswesen eingesetzt sind. Ein Bereitschaftsdienst kann für einen Menschen unter Umständen lebensrettend sein. Andererseits kann er auch entscheidend sein, um Sachschaden in Grenzen zu halten. Ich kann mich noch gut erinnern, dass bei einem Feuerwehrmann im Gottesdienst einmal dieser Piepser aufgeheult hat und er dann rausrannte. Ich war zuerst erstaunt, aber dann habe ich kapiert: Da ist irgendwo Gefahr.

Das ist das Zeichen für Einsatzfähigkeit. Es ist nicht ausgeschlossen, dass gerade jetzt, während wir diesen Gottesdienst feiern, ein Brand ausbrechen könnte. Heute an Silvesterabend ist die Gefahr sogar wesentlich größer als an anderen Tagen des Jahres. Also brandaktuell.

So sollen wir in unserem Leben auch mit der Wiederkunft Jesu rechnen.

Im normalen Leben ist es uns sehr naheliegend, was wir zu tun haben, wenn wir uns bereithalten. Es wäre z.B. sehr dumm, wenn am Auto das Benzin ausgehen würde, wenn man in Bereitschaftsdienst ist. Also ist selbstverständlich, dass man sich vergewissert, ob noch genügend Benzin im Tank ist, eventuell sogar, dass ein Reservekanister bereitsteht. So selbstverständlich gab es auch damals vorbeugende Maßnahmen. Außerdem hat man heute im Kofferraum nicht noch einige Zentner Lasten drin, etwa ein paar Kartoffelsäcke, sondern das Auto ist selbstverständlich von unnötigem Ballast frei.

Das bedeutet direkt: Lauf nicht mit Schuld und Belastungen herum, die du loswerden kannst.
Ich meine, es passt zu der Situation am Jahreswechsel. Es ist natürlich, dass man eine gewisse Bilanz zieht über das zurückliegende Jahr. Da tauchen freudige und schöne, aber auch belastende und schwere Ereignisse auf; manches, wo ich mit mir selbst nicht zufrieden bin, anderes, wo ich anderen gegenüber einen Vorwurf mache und mit diesem inneren Vorwurf dauernd lebe, und wieder anderes, wo ich genau weiß, dass es vor Gott nicht in Ordnung ist.

Ballast kann aber auch heißen, dass ich mich mit Dingen belaste, die mich an diese irdische Welt festnageln. Doch mit solchen Unklarheiten kann man nicht leben, erst recht kann man so nicht auf die Wiederkunft Jesu zugehen.

Deswegen können wir mit Manfred Siebald gut mitfühlen, wenn er singt:
"Wir haben es uns gut hier eingerichtet, der Tisch, das Bett, die Stühle stehn, der Schrank mit guten Dingen vollgeschichtet. Wir sitzen, alles zu besehn. Dann legen wir uns ruhig nieder und löschen müd vom Tag das Licht. Und beten laut: Herr, komm doch wieder! Und denken leise: Jetzt noch nicht.
Es musste manches lange Jahr verfließen, bis alles stand und hing und lag. Es ist nicht viel, doch wollen wir's genießen, freun uns auf jeden neuen Tag. Das Glück hält unsre Sorgen nieder und webt die Stunden dicht an dicht. Wir sind gewiss: Der Herr kommt wieder. Und denken still doch: Jetzt noch nicht.
Ist uns der Himmel fremd geworden, kann uns nur noch die Erde freun? Soll unser Süden, unser Norden die Grenze unsres Lebens sein? Vom Himmel singen unsre Lieder, doch nie vom irdischen Verzicht. Wir singen laut: Herr, komm doch wieder! Und denken leise: Jetzt noch nicht.
Mag sein, wir sahen nur die vielen Gaben und sahn darin den Geber nicht; von dem wir doch erst alle Freude haben und der uns noch viel mehr verspricht. Wir wollen neu das Sehen üben und auch das Danken nicht zuletzt. Dann sagen es bald nicht nur unsre Lippen: Herr, komm doch wieder, Herr komm jetzt".
Das ist also das erste: Wir sollen bereit sein. Weder Besitz noch menschliche Vorwürfe oder bewusste Schuld sollen belastend zwischen uns und Gott stehen.

2. Habt Geduld
Jesus kündigt eine plötzliche Überraschung an. Andererseits soll uns keine Panik oder Hektik gängeln. Es wird später werden, als man dachte. Er kommt erst, wenn kaum einer mehr drandenkt. Deshalb wird er umso überraschender kommen. Jesus sagt in dem Gleichnis: Wenn der Chef in der zweiten oder dritten Nachtwache kommt und die Firma ist auf Zack: Dann geht's seinen Leuten gut.

Auch hier müssen wir die kulturelle Situation übertragen, denn bei uns gibt es ja keinen Nachtwächter mehr. Die griechische Welt hat die Nacht in vier, die jüdisch-alttestamentliche in drei Nachtwachen eingeteilt. Die zweite oder dritte Nachtwache, da geht es schon gegen Morgen und die Sonne könnte bald über dem Horizont erscheinen. Das heißt auf jeden Fall: Es kann sehr, sehr spät werden. Nicht fünf Minuten nach Zwölf, sondern Stunden später. Eigentlich so spät, dass man schon die Polizei alarmiert. Da muss etwas danebengegangen sein.

Es kann sein, dass es nicht mehr viele Leute beschäftigt, wann das Ende der Welt da ist und wann Jesus wiederkommt, wenn überhaupt. Ob früh oder spät, das ist kaum mehr ein Thema für die Menschen, viele meinen, das tun nur noch die religiösen Außenseiter. Und dass die Menschen und auch viele Christen sich damit nicht mehr beschäftigen, hat seinen Grund auch in falschen Erwartungen, nämlich darin, dass immer wieder bestimmte Termine und bestimmte Endzeit-Fahrpläne in die Welt gesetzt worden sind, die dann nicht eintrafen.

Vor zehn Jahren war es auch einmal wieder so weit. Von einer kleinen christlichen Kirche in Seoul in Korea ging es aus: Am 28. Oktober 1992 würde Jesus wiederkommen und die Welt würde untergehen. Die Botschaft erreichte schnell auch andere Kirchen. Anfang Oktober 1992 gab es bereits 100 000 Anhänger dieser Endzeitbotschaft in Korea. In der Öffentlichkeit wies man immer wieder auf die Zeichen des nahen Weltuntergangs hin: Erdbeben, Aids, Hungerkatastrophen, Kriege und manches andere.

Ein Jahr später war ein Freund von mir in Südkorea. Er berichtete, dass die befürchtete Selbstmordwelle ausgeblieben sei. Aber seither sei die Erwartung von der Wiederkunft Christi der Lächerlichkeit preisgegeben. Es wage kaum mehr jemand, davon zu reden.
Vermutlich ist das nicht nur in Korea, sondern auch anderswo der Grund, warum viele dann doch abgeschaltet haben: Davon will ich jetzt nichts mehr wissen.

Aber nicht nur das allgemeine Weltende stellt uns vor eine Begegnung mit Gott. Es kann auch unser eigenes Weltende sein. Gott hat uns möglicherweise immer wieder Anzeichen davon spüren lassen. Da stirbt ein Freund oder jemand aus der eigenen Familie. Da spüre ich gesundheitliche Einschränkungen. Ich weiß genau: Irgendwann ist auch meine Zeit zu Ende. Verdränge ich's dann, oder geht da ein Ruck durch mein Leben und ich weiß: Der Herr klopft an die Tür?

Meine Frau hat einmal ein Springerles-Model gehabt. Da steht Jesus vor der Tür und klopft an. Zwar ist die Bibelstelle, an die wir da in erster Linie denken, die Stelle aus der Offenbarung, die beim Abendmahl immer wieder zitiert wird: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, so werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir." Aber wir sollten das Bild auch mit seiner Wiederkunft in Verbindung bringen. Wie wird er uns wach und bereit antreffen, nachdem er lange Geduld von uns erwartet hat?

Und so hat beides seine Berechtigung: Wir sollen wach sein, dass er jederzeit kommen könnte; wir sollen aber Geduld haben, weil wir es nicht berechnen oder voraussagen können, wann es soweit ist.

3. Nehmt eure Aufgaben ernst
Manche Menschen sagen: "Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen". Eigentlich müsste es aus christlicher Sicht heißen: "Wir haben sie von Gott geliehen, der sie geschaffen hat." Er ist der Eigentümer, wir seine Sachwalter. Zwar kann es durchaus sein, dass unsere Kinder einmal darüber reden werden, was wir mit den uns anvertrauten Gütern gemacht haben. Aber wir sind Gott gegenüber verantwortlich. Das gilt in Bezug auf alle Güter, die er uns anvertraut hat: Unsere Gesundheit, die Schöpfung, die Familie, die Gesellschaft und vieles mehr.

Zusammenfassung: Am Jahreswechsel werden wir daran erinnert, dass unser Leben endlich ist und die Welt auf das Ziel Gottes zuläuft. Wir sollen mit dem wiederkommenden Herrn rechnen und unsere Aufgaben in dieser Welt ernstnehmen. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

 

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