Gottesdienst am 1. Sonntag n. Weihnachten, 29. Dezember 2002, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr, Predigt über Lukas 2, 22-40

Im zu Ende gehenden Jahr gibt's im Fernsehen einen Jahresrückblick. Auf allen Kanälen werden die wichtigsten Ereignisse aufgezählt; gute und schlechte Nachrichten, solche, die einen tief erschüttern mussten und solche, die uns zur Begeisterung brachten. Die Einschaltquoten sind hoch. Denn das interessiert die Leute. Es ist, als wollten wir noch ein kleines Stück von dem festhalten, was das Jahr gebracht hat. Und dabei lässt sich selten etwas wirklich festhalten; nur wenig hat eine echte Bedeutung für unser Leben. Was bringt es schon, dass wir im Fußball Vizeweltmeister geworden sind. Und doch hat es Millionen von Menschen in den Bann gezogen.

Was würde wohl passieren, wenn wir die wesentlichen Dinge mitkriegen würden? - das, was unser Leben wirklich bestimmt; wenn wir etwa erfahren, was Gott plant und demnächst tun wird? Würden die Leute rennen und sagen: Da will ich unbedingt dabei sein?

Das ist ja passiert, im Zusammenhang mit der Geburt Jesu. Gott hat's weitergesagt und weitersagen lassen.

Es ist nicht zu fassen: Kaum jemand interessiert sich dafür.

Man fragt sich: Haben die das falsch angestellt? Sie hätten schauen müssen, wie die Geschichte unter die Leute kommt. Sie hätten zum Hohenpriester gehen müssen und um öffentliche Abkündigung bitten müssen; am besten bei einem der großen Wallfahrtsfeste. Sie hätten groß auf die Pauke hauen müssen und dann mit einigen Trompeten Aufmerksamkeit erregen müssen. Und dann hätte es einer mit einem großen Sprachrohr ausrufen müssen. Vielleicht hätte man auch Plakate aushängen und Handzettel verteilen müssen. Doch nichts von dem geschah. Heute würde man ihnen sagen: Ihr habt ja keine Ahnung von Öffentlichkeit. Wahrscheinlich ist es sogar noch schlimmer: Man würde sogar Gott den Vorwurf machen, dass er keine Ahnung hat.

Und so trafen sich nur ein paar Leute einen guten Monat nach der Geburt Jesu, eine Mini-Gruppe, zu einer kleinen Feier. Das soll's dann gewesen sein?

Das muss man sich vor Augen halten, um Gottes Handeln zu erfassen; diesen himmelweiten Unterschied, wie wir es machen würden und wie Gott es gemacht hat: Ach, wie dürftig, wie arm! Da werden die meisten denken: Ich glaub, ich bin auf dem falschen Schiff! Aber wir müssen uns darauf einlassen. Denn Gott hat sich sicher etwas dabei gedacht.

Luk 2, 22 Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen,
23 wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn: "Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen",
24 und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: "ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben".
25 Und siehe, ein Mann war in Jerusalem, mit Namen Simeon; und dieser Mann war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm.
26 Und ihm war ein Wort zuteil geworden von dem heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.
27 Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz,
28 da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
29 Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;
30 denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
31 den du bereitet hast vor allen Völkern,
32 ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.
33 Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde.
34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird
35 - und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.
36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte,
37 und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.
38 Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.
39 Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth.
40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.

Es sind Weissagungen von Jesus Christus. Ein großes Stück Heilsgeschichte wird hier entfaltet. Wenn man menschlich davon reden will: Hier wird das Drehbuch wiedergegeben für das Leben Jesu, wie der Lobgesang der Maria und der Lobgesang des Zacharias im Grunde Drehbücher der göttlichen Heilsgeschichte sind.

1. Die Zeit ist erfüllt
2. Er weckt den Widerstand der Welt
3. An ihm entscheidet sich unsere Zukunft

1. Die Zeit ist erfüllt
Ein Prophet kann bei Gott sein Entlassungsgesuch einreichen. Seine Aufgabe ist beendet. Er ist der erste Prophet, der nicht mehr gebraucht wird. Die Zeit seines Wartens ist zu Ende. Das meint sogar Simeon selbst.

Nun fragt man sich aber allen Ernstes, was hat er denn schon gesehen und erlebt? Für menschliche Augen ist noch gar nichts passiert. Da ist nur ein kleines Kind von 6 Wochen! Das ist alles!

Wo sind denn die Taten? so müssen normale Menschen fragen. Er hat noch keinen Toten auferweckt, noch keinen Kranken geheilt, noch keine einzige Rede gehalten. Erst recht ist er noch nicht auferstanden.

Doch die Erfüllung geschieht nicht erst in dem, was dieses Kind einmal tun wird, sondern in dem, wer er ist. "Meine Augen haben dein Heil gesehen." Er wird das Heil nicht erst bringen, indem er handelt.

Paulus hat später im Galaterbrief geschrieben: "Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan..." (Gal 4,4)

An Jesus wird alles vollzogen, wie es nach dem Gesetz des Mose vorgeschrieben ist. Er wird nicht gewissermaßen oben drüber angesiedelt, freischwebend über allem. Sondern er ist den menschlichen Bedingungen unterworfen. Niemand soll meinen, Jesus habe nur ein Theater vorgespielt, wie es später manche Menschen meinten. Er ist nicht in ein menschliches Kostüm geschlüpft. Sondern Gottes Sohn hat wirklich "Knechtsgestalt" angenommen. Er wurde beschnitten, wie die jüdischen Knaben beschnitten werden mussten. Schließlich wurde er als erstgeborener Sohn der Maria vor Gott dargestellt und seinetwegen ein Opfer dargebracht.

Als Jesus etwa 30 Jahre später zum Täufer Johannes kam und sich von ihm taufen lassen wollte, wehrte das Johannes konsequenterweise auch ab. Jesus antwortete ihm, dass er das Gesetz erfüllen müsse (Matth. 3, 14+15) (vgl. Matth. 5,17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.).

So ist auch die Zeit in dem Sinn erfüllt: Das Gesetz des Alten Testaments ist zu seinem Ziel und Abschluss gekommen.

2. Er weckt den Widerstand der Welt
Joseph und Maria wunderten sich über die Worte des Simeon. Ja, haben sie denn nicht schon von den Hirten alles Wesentliche erfahren? Und hat es nicht Maria selbst von dem Engel erfahren? "Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden;.. Und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben." Damals war Maria erstaunt, jetzt ist sie es wieder. Immer ist es so: Wer Gottes große Taten erfährt, wundert sich, vielleicht auch immer wieder. Denn das Wundern ist der Anfang des Glaubens.
Was Simeon und Hanna sagen, scheint zunächst nur eine Wiederholung und Bestätigung zu sein. Doch genau besehen geht es über das hinaus, was Engel und Hirten gesagt hatten. Der Inhalt ihrer Verwunderung wird diesmal gewesen sein: Jesus ist nicht nur als Retter für das Volk Israel gesandt, sondern auch als Licht aller Heidenvölker. Hinzu kommt die Ankündigung, dass er auf heftigen Widerstand stoßen wird.

Bis dahin hatte man vom Messias erwartet, dass er nur für das Volk Israel die Rettung sei, ein neuer David, der die Knechtschaft abschütteln wird. Doch nun geht es um mehr. Alle Völker sollen sein Heil erfahren. Es ist nicht nur das Heil, das von einem politischen Befreier zu erwarten war. Sondern er nimmt die furchtbare Last der Sünde von uns weg.

Gerade diese Hilfe, dieses Heil, wollen die Menschen nicht. Sie lehnen ab und widersprechen ihm. Das ist der Widerstand.

Schon ganz am Beginn seines Weges wird angedeutet, dass dieser Weg zum Kreuz führt. Man wird Jesus nicht gelten lassen wollen, sondern ihm widersprechen. Hier klingt eine Stelle aus dem Propheten Jesaja an. Dort heißt es von Gott, dass er für Israel ein Fallstrick und eine Schlinge werde und dass viele sich an ihm stoßen werden (Jesaja 8,14 und 28,16). Das gleiche wird hier nun von Jesus gesagt. Es wird ihm gleich gehen wie seinem Vater.

Maria wurde es schon früh angesagt: In dieses Leiden wirst du mit hineingezogen. Durch deine Seele wird ein Schwert dringen. Als sie unter dem Kreuz stand, hat sie diesen Schmerz erleiden müssen. Der Schmerz ging sicher deswegen nicht weg. Aber sie wusste, das ist Gottes Weg. Die Prophetie hat ihr das Ja dazu geebnet und den Sinn geöffnet.

3. An ihm entscheidet sich unsere Zukunft
Auch wenn es nur ein unzureichendes Bild ist: Die Weissagungen von Simeon und Hanna sind wie Drehbücher Gottes. Jetzt sind wir gefragt, ob wir in diesem Film mitspielen wollen, aber nicht bloß als Schauspieler, sondern echt und in unserem wirklichen Leben.

Zwei von den Stillen im Lande sagen göttliche Geheimnisse. Es sind heilige Augenblicke. Hanna hat es an andere weitergegeben. Man hat den Eindruck, als seien hier Menschen versammelt, die sich regelmäßig trafen und die auf den Messias warteten.

Jesus war den Menschen damals gesetzt zum Fall und zum Aufstehen. Heute gilt das gleiche für uns. Und dann kann es sein, dass einer sagt: Ja, mit diesem Jesus will ich leben. Doch dann wird er merken, dass er schon längst von ihm geführt war.

Es kann aber auch sein, dass jemand zu ihm nein sagt. Aber selbst dann kommt er nicht an ihm vorbei. Denn dann wird er ihm begegnen, wenn er in der Ewigkeit auf dem Richterstuhl sitzt.

Wir sind eingeladen, ihn nicht nur für uns anzunehmen, sondern mit der Prophetin Hanna weiterzusagen: Zu unserer Rettung ist er gekommen. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

 

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