Gottesdienst am Heiligabend, 24. Dezember 2002, in Wilhelmsdorf um 19.30 Uhr, Predigt über Lukas 2, 1-14

Wir sehen zusammen Urlaubsbilder an. Da sagt meine Frau: "Weißt noch?" Da kommen die Erinnerungen hoch. "Weißt noch, wie das war, als die Mauer aufging?", so können wir auch zueinander sagen, wir, die wir damals am Fernseher gesessen und das miterlebt haben oder die das vielleicht sogar in Berlin mitgemacht haben. Das sind keine Floskeln, wenn wir eine Geschichte so einleiten. Das lässt uns wie elektrisiert hochfahren. Da werden Erinnerungen wach. "Weißt noch, als wir das erste Mal unser neues Haus betreten haben?" "... als wir unser Gemeindehaus eingeweiht haben?"

"Weißt noch?" So sagen wir, wenn wir einander an das erinnern, was wir sehr wohl kennen und wissen.

In der Musik gibt es so etwas auch. Da klingen Töne an, die wir sehr gut kennen. Eine Melodie oder ein Motiv. Und da sagst du dir: "Mensch, das kenne ich doch!" Es mag sein, wir wissen es nicht gleich auf Anhieb, ob dieses Motiv nun bei Beethoven oder sonstwo auftaucht. Aber wir sagen: Bei mir klingelt's. Vielleicht ist das Gedächtnis nicht so schnell, aber unser Unterbewusstsein schaltet schnell und du fühlst dich in den Konzertsaal versetzt, wo du diese Töne gehört hast - unvergessen.

Ähnlich war das bei den Juden zur Zeit Jesu auch, wenn sie an die Geschichte ihres Volkes dachten. Sie kannten die Heiligen Schriften, besonders Mose. Wie Gott das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten rettete. Unzählige Male wurde es erzählt und im Tempel und in der Synagoge verlesen: Gott hatte sich entschlossen, sein Volk in die Freiheit zu führen.

Im 2. Mosebuch wird dieses Rettungswerk so eingeleitet: "Es begab sich aber zu der Zeit..." (2. Mose 2, 11 Luther: Zu der Zeit) Die Menschen wussten, wie es weitergeht. Da kam die Geschichte von Mose, durch den Gott sein Volk rettet. Sagen wir in der Sprache der Musik: Es ist das Motiv der Rettung. Und die Leute, die den Wortlaut ihrer Bibel im Ohr hatten, hörten Gottes Windhauch und sahen vor ihrem inneren Auge seine Fußspuren durch die Geschichte streifen.

Mit genau diesen Worten beginnt bei Lukas die Weihnachtsgeschichte (In der hebräischen und griechischen Bibel sind es exakt dieselben Worte) [Luk 2, 1-14]:

Lukas 2,1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.
2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.
3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.
4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,
5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.
6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.
7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.
9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Geschichte der Rettung - Heilsgeschichte. Wie oft schon haben wir diese Verse vernommen? Hundertmal oder öfter. Wir sind ergriffen, wenn wir sie hören - seit unseren Kindertagen, dass den Menschen an Weihnachten der Heiland geboren ist, und wir sind heute hierhergekommen, um dieses Fest miteinander zu feiern.

Aber jetzt kommt vielleicht eine neue Überraschung: Das steht gar nicht da, dass den Menschen der Heiland geboren ist. Sondern Euch ist heute der Heiland geboren, der Retter.

Euch. Für den, der einen sicheren Arbeitsplatz hat und für den, der um seine Existenzgrundlage bangt. Für das Kindergartenkind, dessen Augen unter dem Christbaum strahlen, völlig unbeschwert, für den, der vor Glück fast platzt und für den, der schwere persönliche Probleme mit sich herumtragen muss und nicht damit fertig wird, für den, der sich immer wieder mit Selbstvorwürfen belasten zu müssen meint: Wie konnte ich nur... Für Dich ist der Heiland geboren!

Die Gelehrten haben einen Gott erfunden, der die Sternschnuppen über den Himmel peitscht und sich selbst hinter dem Mond verbirgt oder irgendwo in den Weiten des Weltalls. Aber in seinem Notizbuch komme ich nicht vor.

- Wenn es um mich geht, ist keiner da;
- Kein Gott, der sich um mich kümmern würde, wenn ich nicht mehr weiter weiß;
- Kein Gott, der sich um meine Illusionen kümmert, die wie Seifenblasen zerplatzt sind. Letztlich alleingelassen.

Das haben, wie gesagt, die Gelehrten erfunden und viele haben sich dem angeschlossen.
Aber in der Bibel steht: Euch ist heute der Heiland geboren. Du bist nicht allein. Deine Freuden und Nöte stehen in Gottes Notizbuch. Und nun verstehen Sie die Weihnachtsgeschichte heute einmal so, als ob es keinen Menschen auf der ganzen Welt gäbe, den sie betrifft, außer Ihnen allein; und dass Gott nur um ihretwillen das alles in die Wege gebracht hat.

Ich will gliedern:
1. Weltgeschichte
2. Heilsgeschichte
3. Unsere Rettungsgeschichte

1. Weltgeschichte
Wen interessiert heute noch der Kaiser Augustus? Wir kennen seinen Namen doch fast nur noch aus der Weihnachtsgeschichte. Und dabei war er einer der bedeutendsten Politiker der Weltgeschichte überhaupt. Er hat eine von Bürgerkriegen zerrissene Welt zu einem Frieden geführt, der jahrhundertelang andauerte. Eigentlich faszinierend!

Was würden wir heute dafür geben, wenn uns das auch nur einige Jahrzehnte gelingen würde. Doch Augustus hat's hingekriegt. In diesem Klima des Friedens und Vertrauens gediehen Kunst und Kultur. So sah es jedenfalls für die Römer aus. Wir verschweigen, dass es die unterdrückten Völker anders erlebten. In der Geschichte der Sieger war Friedenszeit - die pax Romana.

Aber das alles erwähnt die Weihnachtsgeschichte nicht - höchstens in Anklängen. Sie erwähnt nur eine Nebensache: Einen Steuererlass. Sie meinen, das sei nichts Besonderes, dass die Politiker Steuern erfinden, denn der Staat braucht Geld. Und die Leute haben sich damals sicher auch geärgert, vielleicht mehr als wir. Denn das ging damals von ihrer großen Armut zusätzlich weg.

Den Leuten um Augustus muss klar gewesen sein, dass diese Volkszählung eine halbe Völkerwanderung zur Folge haben würde und dass der große organisatorische Aufwand einige Monate oder gar eine Reihe von Jahren in Anspruch nehmen würde, und dass vielleicht auch mit Widerstand und Empörung unter der Bevölkerung zu rechnen war. Und tatsächlich gab es im Zusammenhang mit den Steuerschätzungen im Römerreich an verschiedenen Stellen Aufstände.

Doch der biblische Geschichtsschreiber Lukas lässt keinen Zweifel daran, dass diese Idee von Gott kam. Denn dieser Jesus sollte in Bethlehem zur Welt kommen und nicht in Nazareth, wo Maria und Joseph ihren damaligen Wohnsitz hatten. Doch in Bethlehem, so hatten es nun einmal die Propheten schon vor Jahrhunderten gesagt, da sollte der Messias zur Welt kommen. Und es sollte ausgerechnet in diesem kleinen Kaff stattfinden, weil eben von dort der König David herstammte und Josef als sein Nachkomme dort herkam, wahrscheinlich sogar noch Grundbesitz hatte.

Natürlich haben die damals am Kaiserhof davon nichts geahnt. Sie wussten, dass das Riesenreich Geld braucht. Gell, wie die Dinge vor Gott zusammenpassen! So haben sich große Menschenmengen auf den Weg gemacht, jeder zurück in seinen Heimatort, damit man dort die Steuerlisten anfertigen konnte - und, damit der Messias in Bethlehem auf die Welt kommen würde.

2. Heilsgeschichte
Die Engel werden sich ganz schön gewundert haben, dass sie ausgerechnet zu Hirten gehen sollten. Die hatten normalerweise mit Gott nicht viel am Hut. Bei den Menschen standen sie jedenfalls in einem schlechten Ruf. Sie gingen ja nie in den Gottesdienst, und außerdem würden sie lügen, so hieß es. Doch nur die Hirten - diese zweifelhaften Gesellen - nahmen wahr, was damals geschah. Gott hat es ihnen mitteilen lassen. Aber in dem Haus, in dem Maria und Joseph waren, in der Herberge, da merkte offenbar niemand etwas von der Geburt des Heilandes. Es war ja eng in dem Haus, so dass sie ausweichen mussten in den Stall oder die Stall-Höhle. Man hätte es eigentlich mitkriegen müssen.

Komisch! Gott hat so seine Vorlieben für Dinge und Vorgänge, die ein wenig neben der Kappe sind. Er wendet sich an Außenseiter, er lässt sich mit den Zöllnern und Sündern ein, mit den unreligiösen Typen, mit den so ganz unwürdigen Leuten. Die Menschen haben zu allen Zeiten Gott Vorschriften machen wollen, wo er etwas zu sagen habe: Im Tempel, in der Kirche und in den theologischen Fakultäten. Nicht auf Bau, nicht im freien Feld, nicht in der Wirtschaft; was verstehst du, Gott, schon davon? Bleib du in deinem Himmel!

Aber Gott wollte gar nicht im Himmel bleiben, sondern zu den Menschen kommen. So ist er heruntergekommen in unsere Welt und hat sich den menschlichen Bedingungen und Gesetzen unterworfen (Gal.4,4). Er hat diesen Abstand einfach durchbrochen, den wir zwischen ihm und uns so stark empfinden. Da ist er einer von uns geworden, der neben einem von uns vielleicht auf der Schulbank gesessen hat, der manchen das Haus aufgeschlagen und das Richtfest mit ihnen gefeiert hat mit ausgelassener Freude. Das Ungewöhnlichste daran ist, dass wir uns so schwer tun, das zu merken. Nur die Hirten merken's.

Ehrlich: Ist es nicht unsere geheime Sehnsucht, dass Gott uns so ganz unmittelbar nahe kommen sollte, dass kein Abstand mehr ist? "Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab..!"

Wie viele Menschen haben in diesem Jahr innerlich gerufen: Wo bleibt denn da Gott? Wo bleibt er denn in der Not der vielen Naturgewalten? Sieht er einfach nur zu? Er müsste doch herunterfahren und eingreifen! Oder in so viel persönlicher Not. Aber er war nicht so leicht zu entdecken, einst nicht und heute auch nicht. Man muss nach ihm suchen, so wie sich die Hirten auch auf den Weg machen mussten.

3. Unsere Rettungsgeschichte
Gott hat das menschliche Leben gleich von seiner schwierigsten Seite angenommen: Abgeschoben in eine Notunterkunft. Er litt an Platzmangel. Johannes sagt im ersten Kapitel seines Evangeliums, als er von Weihnachten berichtet: "Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf."

Fast alles, was wir heute als seine Rettungszeichen empfinden, ist ausgeliehen: Am Anfang die Krippe, der Esel später beim Einzug in Jerusalem, zum Abschied der Abendmahlssaal samt Inventar und zum Schluss das Grab. Alles gehörte zwar ihm, dem Herrn im Himmel und auf Erden, und doch musste er's leihen. Obwohl er reich war, blieb er zeitlebens arm.

Und dieser Elende will die Welt retten, denn das bedeutet es ja, wenn wir ihn Heiland nennen. "Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue dich, o Christenheit!"

Der Theologieprofessor Helmut Thielicke erzählte einmal, dass auf seinem Bücherbrett an Weihnachten meist ein kleines Foto stehe, das ihm besonders lieb ist: Ein weihnachtliches Krippenspiel. Da ist eine Schar jüngerer Männer, die in langen, weißen Gewändern auf einen Altar zuschreiten. Die Darsteller sind voller Konzentration und haben einen ergriffenen Gesichtsausdruck. Aber was man nicht sehen kann: Das ganze findet in einer Strafvollzugsanstalt statt, und die Männer haben eine düstere Vergangenheit. Sie kommen aus verschlossenen Zellen und werden nachher wieder dorthin zurückkehren. Und gerade auch auf ihr Leben trifft das Weihnachtslicht. Am Himmel sind Schloss und Riegel geöffnet. Wenn sie dann singen: "Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne", dann ist es ein Wunder.

Die Weihnachtsgeschichte für den heutigen Abend wurde gewissermaßen gewaltsam abgebrochen an der Stelle, wo die Engel sich von den Hirten mit dem Lobgesang verabschieden: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens." Es ging von Gott aus, es war sein eigener Entschluss, sich uns zuzuwenden. Und er hat sich auch denen zugewandt, die Dreck am Stecken haben, auch denen, die es nicht wert sind und denen wir es vielleicht nicht zuschreiben könnten.

Er will uns retten, weil wir es nötig haben. Er will uns aus dem Abseits holen, in das wir uns selbst gestellt haben. Das ist das Einmalige. Der, der unser Knecht wurde, will unser Herr werden. Egal, ob das Gefängnis außen oder innen ist, er will uns frei machen. Dann wird Friede sein, denn nur dort ist wirklicher Friede, wo er der Herr ist und die Menschen ihn als solchen loben und anbeten. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

 

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