Gottesdienst am 10. Nov. 2002, in Wilhelmsdorf um 10.00 Uhr,
Predigt über 1. Thess. 5, 1-11

Ich würde gerne wissen, was Sie wissen. Wissen Sie, wie oft der deutsche Autofahrer in seinem Autofahrerleben hupt? 25 250 mal! Wissen Sie, wie viel Schokolade der Autofahrer durchschnittlich vor lauter Frust in seinem Autofahrerleben verputzt? 9 Kilo. Wissen Sie an welcher Erfindung die Amerikaner gerade mit Hochleistung arbeiten? An einem Kühlschrank der per Email automatisch an den nächsten Pennymarkt meldet, was ihnen zum Frühstück oder Abendessen fehlt. Wissen Sie, wie viele Arten Lebewesen auf der Erde existieren? Ca. 14 Millionen. Wie viele kennen wir davon? 1,75 Millionen. Wissen Sie, bei welcher Körpergröße Männer bzw. Frauen besonders erfolgreich sind? Männer über 1,86. Frauen unter 1.60 m.

Was man wirklich wissen muss, das bringt Paulus in 1. Thess. 5, 1-11 auf den Punkt.
Das muss man wirklich wissen!

Mit unserem Wissen, verändert sich unser Leben. Wissen wir, das Zahltag ins Haus steht, ist es ratsam, keinen Schaufensterbummel mehr zu machen. Wissen wir, das wir einkaufen gehen müssen mit leerem Magen, ist es wichtig, nur wenig Euros in der Tasche zu haben. Wissen wir von Frau Soundso das die Kaffeemaschine O´le o´le von ProSaecko unübertroffen ist, wird die auch bald unsere Küche schmücken.

Was aber verändert sich in unserem Leben durch das Wissen, von dem Paulus spricht?

1. Denkstrukturen ändern sich.
2. Lebensmuster ändern sich.
3. Prioritäten ändern sich.

1. Denkstrukturen werden aufgebrochen.
   "ihr wisst, das der Tag des Herrn kommt!" (V. 2)

Was ist das eigentlich: "der Tag des Herrn"? Was passiert da? Matthäus (24,29), aber auch Markus, Lukas (drei Zeugen = unwidersprechbar) bezeugen, was Jesus darüber gesagt hat: "Und dann werden alle Geschlechter auf Erden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seien Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern."

Und seine Jünger haben ihm das geglaubt und sie dachten, sie würden es erleben.
Doch dann ist Petrus gestorben, ohne das Jesus wiederkam. Johannes. Matthäus, Markus, Lukas. Alle sind gestorben. Und Jesus war noch nicht gekommen. Aber Menschen haben sich nicht irritieren lassen. Im Gegenteil: immer und immer wieder haben Sie mit dem "Tag des Herrn" gerechnet.

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Im 2. Jahrhundert trat ein Mönch mit Namen Montanus auf: Das Weltende steht bevor. Christus kommt in kürzester Zeit wieder. Aber: Jesus ist nicht gekommen.

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Abt Joachim von Fiore erwartete die Wiederkunft 1260. Jesus ist nicht gekommen.

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Christoph Columbus, der davon ausging, das die Erde von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht 7000 Jahre stehen würde (1 Woche = 7 Tage = 7000 Jahre) hat im 15. Jahrhundert die Wiederkunft Christi errechnet (mit Hilfe der astronomischen Berechnungen von König Alfonso X.) und sie ins Ende 17. / Anfang 18. Jahrhundert datiert. Jesus ist nicht gekommen.

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Im 18. Jahrhundert kam Johann Albrecht Bengel und sagte: die Wiederkunft Christi auf die Erde findet am 18. Juni 1836 statt. Jesus ist nicht gekommen.

Der Herr Jesus ist bis jetzt noch nirgends aufgetaucht. Was ist los?

Paulus fragen! Paulus antwortet: "Über Zeiten und Stunden ist es nicht nötig, euch zu schreiben." Es war nie unsere Aufgabe, Zeiten zu errechnen. Jesus sagt (Mt.25, 42ff.): "Ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das sollt ihr aber wissen: der Menschensohn kommt."

Was wir wissen müssen: "dass der Tag des Herrn kommen wird." Und das muss in unserem Denken wach bleiben. Das muss unser ganzes Wissen ergänzen. Manchmal ist unser Denken sehr eng geworden. Man denkt nur noch an sich. An jetzt gleich. Alles ist sehr begrenzt! Paulus bringt noch mal verkrustete Denkstrukturen zum Aufbrechen.

2. Lebensmuster werden verändert
   "lebt als Kinder des Lichts und als Kinder des Tages" (V.5)

Muss Ihnen was erzählen: war auf dem Grönemeyer Konzert in Friedrichshafen. Eröffnung seiner langersehnten Tournee. Konzertbeginn 20 Uhr. Ich persönlich bin wahnsinnig gespannt, wie das ist, diesen musikalischen Meister, ausgezeichnet als Musiker des Jahres, live zu erleben. 20.10 Uhr: tosender Applaus. Endlich: der Meister. Auf Fußspitzen, das die Zehen schmerzen. Aber: Das Streichorchester hat die Bühne betreten. 20.15 Uhr: die dröhnende Hintergrundsmusik wird abgedreht. Licht wird ausgemacht. Tosender Applaus. Mitten in den Applaus eine Durchsage: Liebe Konzertbesucher, noch sind vor der Halle 1500 Konzertbesucher im Stau. Wir wollen nicht, das jemand den Auftakt der Veranstaltung versäumt. Bitte haben sie Verständnis dafür, das wir noch warten und sich der Anfang etwas verzögert. Um kurz vor 20.30 Uhr: Licht im Saal geht komplett aus, Bühnennebel, Band und Orchester fangen an und dann kommt er: der Meister im hellen Licht und alle sind dabei! Alle, die Karten dafür haben.

An einem Tag X werden alle bisherigen Meister die Bühne frei geben für den Meister, der dann einen unvergleichlichen Auftritt haben wird: unser Meister Jesus Christus. Wie wirkt sich nun das Wissen auf unser Leben aus? Wie leben wir, bis er diese Bühne dieser Welt betritt? Gebannt, gespannt, auf Zehenspitzen auf die Weltbühne schauen (evtl. Israel), Zeichen deuten und applaudieren, sobald sich was ereignet? Andere spekulieren und sagen: Jesus kommt noch lange nicht. Es ist doch überall Friede! Keine Gefahr! No problem. Keine Panik! (V. 3) Paulus antwortet auf die Frage "Leute, lebt als Kinder des Lichts und Kinder des Tages." (V. 5) Bleibt uns die Frage an Paulus: was ist das für ein Lebensmuster "leben als Kinder des Lichts und des Tages?"

In der Geschichte stößt man auf unterschiedliche Kinder des Lichts und Kinder des Tages, die alle auf unzählige Weise versucht haben, sich mit ihrem Leben auf diese Wiederkunft Christi einzurichten:

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Weil das Reich Gottes auf sich warten ließ, haben Kirchenväter die institutionelle Kirche gegründet. In ihr spielt sich - wie Augustin später theologisch erklärt - jetzt schon das endgültige Reich Gottes ab und teilweise das, was man mit der Wiederkunft Jesu erwartet.

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Luther deutet fleißig die Zeichen der Zeit: erklärte den Papst als "inneren Antichrist", den Türken als den äußeren Antichrist". Eine Zeichendeutung mit Folgen für die kommende Zeit!

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Später sah man Napoleon als Antichristen und wanderte nach Russland (Samarkand) oder Amerika (Philadelphia) aus, weil man dort die Wiederkunft erwartete, statt im gottlosen Europa. Dazu musste man nur den Missisisippi-Jordan überqueren, um in das Gelobte Land zu ziehen. Pennsylvania (Quäker William Penn à "holy experiment" à eschatologisches Programm) und Philadelphia (Offb.3,7) sind Zeugen dieser Zeit bis heute!

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Fluchtgedanken vor dem Antichristen, vor allem aber die heiße Erwartung, das in einigen Jahren Jesus wiederkomme, hat zur Gründung von Korntal geführt. König Wilhelm I. konnte die auswanderungsbereiten württembergischen Bauern im letzten Moment überreden, eine eigene Kirchengemeinde auf einem extra Areal zu gründen, um sich dort auf den kommenden Herrn vorzubereiten. Als Korntal voll war, wurde Wilhelmsdorf gegründet. 1824 kamen die ersten 10 Siedler hier her. 12 Jahre später, 1836 erwartete man nach Bengels Berechnungen Jesus - auch in Wilhelmsdorf. Kann man sich das vorstellen, was in den Leuten vorging, die alles verließen, um anderswo von Null anzufangen und zu wissen: in 12 Jahren kommt Jesus wieder! Oder was in einem Hoffmann vorging, als am 27. September 1830 das Rettungshaus eingeweiht wurde, in dem 30 Knaben "zu brauchbaren Gliedern dieser und jener Welt erzogen werden sollen"? "Jener Welt": immer das Datum vor Augen: 1838 kommt Jesus wieder - wie Bengel sagte!

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Als Jesus nicht kam, wanderte 30 Jahre später der Sohn von Hofmann, Christoph Hoffmann mit seinen s.g. "Hoffmann-Schwaben" ins Heilige Land aus, um sich dort auf Jesus vorzubereiten. Teilweise kann man in Siedlungen in Israel (Haifa) bauliche Korntal-Strukturen erkennen!

Paulus aber empfiehlt den Kindern des Lichts weder Auswanderung, noch Endzeiteuphorie, keine Sektiererei, keine wilde Suche nach dem Anti-Christen. Er empfiehlt ein Lebensmuster, das es in sich hat. "Haben, als hätte man nicht!" (1. Kor. 7, 29 ff.)

Mir ist das bewusst geworden, vor dem Grönemeyer-Konzert. Hatte mir einige Termine vor dem Konzert zurecht gelegt und einige Aufgaben vorgenommen. Als Aufbruch war, war ich nicht fertig. Was tun? Andere warten lassen? Konzert verschieben? Konzert ausfallen lassen? Nein, der Trick an der Sache war doch, ich wusste, da ich jederzeit damit aufhören können muss. Im Erwartungshorizont des Großereignisses geh ich an meine Arbeiten so ran, das ich zwar Ziel setze und sie mit großem Elan verfolge, aber bereit bin zu größerem, zu wichtigerem.

Paulus drückt dieses Lebensmuster in einem Text an die Korinther aus, wie es bis dahin keinem Philosophen, Psychologen eingefallen ist und auch Jesus es nicht besser hätte sagen können: "Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrachen, als brauchten sie sich nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht." Haben als hätte man nicht. So tun, als täte man nicht. So leben, als lebe man nicht.

"Haben, als hätte man nicht." Setzen Sie da mal ein: Haus (Ein Haus haben, als hätte man keins), Ehepartner, Familie, Kinder, Beruf, Karriere, Lebenspläne, Krankheit, usw. Dieses Lebensmuster ändert Perspektiven und verändert vor allem Prioritäten!

3. Prioritäten werden verändert.
Paulus rückt Prioritäten zurecht, 1. Thess. 5, 6-8: "Lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. Denn die schlafen, die schlafen des Nachts, und die betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil."

Zwischen diesen Zeilen spricht klar heraus: Prioritäten ändern sich. Oberste Priorität: in Vorbereitung auf diesen Tagen, mit dem neuen Denken und dem neuen Lebensmuster beginnt meine Verantwortung für mich. Priorität hat vor allem anderen, das ich meine Verantwortung für mich wahr nehme. Ich bin für mich verantwortlich, ob ich bei der Schlussveranstaltung, wenn der Meister die Bühne der Welt betritt, dabei bin oder nicht. Ich bin für meinen Schlaf verantwortlich. Ich bin für meine Nüchternheit verantwortlich. Nicht meine Eltern, nicht meine Ehefrau. Nicht ich für meine Kinder. Nicht ich für meine Gemeinde. Nicht umgekehrt. Ich bin dafür verantwortlich, das ich gültige Karten habe, die Einlass zum Finale garantieren.

Ich frag sie ganz direkt: haben sie Karten. Würde man auf sie, denn niemand, der Karten hat, soll etwas verpassen? Was haben Sie für Karten? Es gibt viele Karten, die nützen ihnen nichts mehr. Landkarten, wo man hab und Gut eingezeichnet ist. Hochzeitskarten - auch wenn es ein riesiges Ereignis ist. Hochzeitskarten sind keine Eintrittskarten. EC-Karten - auch wenn ich nicht weiß wohin mit dem Geld - mit EC-Karten kriegen sie Tür zur Bank auf. Mehr nicht. Eintritt zum Auftritt des Meisters gibt's nicht.

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Auch Taufbescheinigungen gelten nicht als Eintrittskarten. Es sei denn, ich kann persönlich, versichern, bezeugen und glaubwürdig bekennen, dass ich den Meister persönlich kenne und nicht nur vom Hören und Sagen. Und er mich. Was hätte ich mir gestern gewünscht, das Grönemeyer mich kennt. Der hätte mich zu sich gelassen. Noch vor dem Konzert! Einlass gewährt mein persönliches Verhältnis zum Meister.

Dieses Verhältnis zu ordnen, dazu sagt Paulus in einem kernigen Satz:
"Ermahnt euch untereinander, und einer erbaue den anderen." (V. 11).
Es kommt zur ersten Priorität eine zweite hinzu: Verantwortung für die um uns herum. Ermahnen heißt im Griechischen parakaleo = herbeirufen, einladen, auffordern, ermuntern, zusprechen, trösten. Erbauen heißt im Griechischen: oikodomeite = fördern, kräftigen, stärken.
Deshalb gibt's in Wilhelmsdorf, das seine Wurzeln in der Hoffnung auf den baldigen Tag des Herrn hat, Alphakurse: um zu diesem Weltereignis herbeizurufen. Deshalb gibt's Gottesdienste, um dazu einzuladen. Deshalb gibt's Pro Christ: um aufzufordern, zu ermuntern, zuzusprechen, zu trösten. Deshalb gibt's Kinderkirche, Jugendarbeit und Diakonie wie Hoffmannhaus, Ringgenhof, Zieglersche Anstalten usw.: um zu fördern, um zu kräftigen, um zu stärken. Weil ihr - spätestens seit heute - wisst, das der Tag des Herrn kommt!

(Pfr. Heiko Bräuning)

 

 

 

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