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Gottesdienst am Reformationsfest,
3. November 2002, Seit einigen Jahren ist der Reformationstag kein staatlicher Feiertag mehr in Baden-Württemberg. Für die meisten Menschen galt dieser Feiertag sowieso nur als arbeitsfreier Tag. Sie haben ihn gerne gehabt, weil man Geld bekam, ohne dafür etwas zu arbeiten. Überhaupt ist das für uns heute eine wichtige Sache, wie man etwas bekommt, ohne etwas dafür zu leisten. So ist's beim Geld, so ist's bei der Arbeit und so ist's bei der Liebe und vielem anderen.
Das wäre eine wunderschöne Welt, die sich so mancher wünscht. Nur haben wir das Pech, dass das unter dem Strich nicht funktioniert. Denn in unserer Welt heißt es: Aus Nichts wird nichts! Irgendeiner muss doch zahlen und geben! Du kannst aus einer Schublade nur herausholen, wenn etwas drin ist. Sei es, dass du selbst oder ein anderer etwas hineingetan hat. Es gibt eine ganz wichtige Ausnahme. Und diese Ausnahme ist hoch dramatisch. Das müsste man eigentlich überall weitersagen. Die Top-Quelle! Da kannst du mit leeren Taschen kommen und gehst mit vollen wieder fort. Nein, ich meine nicht einen Lotto-Gewinn. Viel besser! Gott! - Er gibt auch dann, wenn du vorher nichts gegeben hast, wenn du pleite bist und hoch verschuldet. Das war die Wiederentdeckung der Reformation. Und deswegen feiern wir dieses Fest. Gott gibt umsonst. Du brauchst nur zu kommen! Würde es sich nur um eine Tafel Schokolade handeln, jedes Kind würde sich sofort anstellen, und viele Erwachsene auch. Aber was ist nur in die Menschen gefahren? da wird mehr angeboten als eine Süßigkeit. Und die meisten Leute wollen nicht. Die sagen: Lieber fahre ich selbstverschuldet ins Verderben, als dass ich geschenkt in den Himmel will. - Ich verstehe das nicht! Vielleicht hat das damit zu tun, dass man sich Gott falsch vorstellt. Und das kann mit einem Missverständnis der Botschaft von der freien Gnade Gottes zu tun haben. Nicht erst Luther wurde so falsch verstanden, sondern sogar schon Paulus zu seinen Lebzeiten. Das Missverständnis: Wenn Gott wirklich alles aus freier Gnade tut, dann kann ich ja meine Hände in den Schoß legen. Ich sag's deutlicher, damit wir's verstehen. Dann kann ich ja lügen und betrügen und stehlen und ehebrechen. Und im ewigen Gericht wird dann Gott sagen: "Ach, ich bin großzügig. War da was? Komm, vergessen wir's!" Wie gesagt, das war ein Missverständnis, das schon Paulus erleben musste. Der Text aus Philipper 2, 12-18
tritt dem entgegen. Die Hauptaussage ist: "Verschafft euch eure Rettung mit Furcht und Zittern aus dem Wirken Gottes und im Gehorsam gegen ihn." Furcht und Zittern. Das ist das Gegenteil von cool sein. Da geht es um etwas. Da ist die ungeheure Spannung ausgedrückt. Klappt's oder klappt's nicht? Mit Furcht und Zittern, so gingen die Helfer im Erdbebengebiet in Mittelitalien an ihre Arbeit. Ob sie wohl noch Überlebende finden? Mit Furcht und Zittern, so geht jemand zum Arzt, wenn er Schlimmes fürchtet. "Mit Furcht und Zittern" - So werden in der Bibel auch Menschen beschrieben, die dem lebendigen Gott begegnet sind. Sie haben alle Theorien und Gedankengebäude, die sie sich über Gott gemacht haben, in wenigen Augenblicken über den Haufen geworfen. Da ist auch jeder Spott verstummt, denn da weiß man aus unerfindlichen Gründen plötzlich, wer Gott ist und dass Gott nahe ist. Gehen wir so auch mit der Frage unseres Heils um? In Spannung! Mit Feuereifer! Mit vollem Engagement! Nicht drauf ankommen lassen, sondern alles einsetzen. Eines ist klar: Nach einem solchen "mit Furcht und Zittern" ist für die Betroffenen nichts wie vorher. Da werden die Weichen neu gestellt. Nun haben wir in diesem Text einen vollen Widerspruch in einem einzigen Satz - jedenfalls auf den ersten Blick-, und ich meine, dass es sonst in der ganzen Bibel auf so knappem Raum keinen so totalen Widerspruch gibt, wie hier: "Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern, denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen..." Ja, was denn nun? Sollen wir uns unsere Seligkeit erarbeiten, oder sollen wir uns auf das Handeln Gottes verlassen? Anstelle einer Erklärung will ich Ihnen heute etwas vorführen... Falls das jemand nicht gesehen hat: Ich habe eine Handvoll Konfetti auf den Boden geworfen. Frau X hat versucht, sie aufzusaugen. Aber es ging nicht, weil der Stecker nicht eingesteckt war. Schließlich hat sie den Stecker eingesteckt. Dann ging's. Das ist logisch! Der Staubsauger kann ohne Strom nichts aufsaugen. Er kann den Dreck höchstens gleichmäßiger verteilen. Und doch nützt es nichts, wenn Frau X sagen würde: Wie gut, dass wir eine Steckdose im Betsaal haben, also brauche ich mir keine Mühe zu geben. Sondern im Gegenteil: Der normale Staubsauger ist gerade so eingerichtet, dass er mit dem Strom etwas leisten kann, ohne Strom aber lediglich ein sperriger Gegenstand ist. So hat Gott zwar für uns die Seligkeit hingerichtet, er hat alles für uns getan, aber das nützt uns nur etwas, wenn wir auch Gebrauch davon machen. Wenn wir uns aber an Gott wenden und von seinen Gaben und von seinem Handeln leben, dann haben wir unsere eigentliche Bestimmung als Menschen gefunden. Da passiert irgendetwas in uns, so dass wir wollen und auch wirklich tätig werden. Selbst dass wir uns einen inneren Ruck geben und wirklich und echt wollen, das schafft er. "Wir sind Bettler, das ist wahr." Das gilt es als
eine der letzten schriftlichen Äußerungen Martin Luthers. Er hatte es auf einen Zettel
geschrieben, den man erst kurz nach seinem Tod fand. Damit wir den roten Faden nicht verlieren, will ich jetzt die Hauptaussage dieses Textes nochmals zusammenfassen: "Verschafft euch eure Rettung mit Furcht und Zittern aus dem Wirken Gottes und im Gehorsam gegen ihn." Die ersten beiden Punkte habe ich angesprochen: Furcht und Zittern und das Wirken Gottes. Nun kommt als dritter Punkt unser Gehorsam gegen Gott. Und dann zählt Paulus den Gehorsam in manchen Punkten auf: Es sind nicht die großen Ideen für die Rettung der Welt, sondern die Treue im Alltäglichen. Christen dürfen keine Schlamper im Alltag sein, die nur auf gute Sonntagsreden hören. Sondern das Christsein heißt, dass wir Lichter in der Welt sind. Es gehörte zur Lebensart der alten Griechen, über alle möglichen und vielleicht unmöglichen Dinge zu reden und zu reden und zu reden. Die Menschen, die etwas von sich hielten, haben nichts geschafft, sondern debattiert und politisiert, gearbeitet haben die Sklaven - und die Frauen. Für Christen gab's eine andere Wendung: "Tut alles ohne Murren und Zweifel," sagt Paulus. Darin bewährt sich der Gehorsam des Christen gegen Gott. Auch Christen dürfen überlegen und nachdenken. Aber sie leben aus Freude durch die Kraft Gottes. Christen wissen, dass Gott ihnen die Welt zum Bebauen und Bewahren übergeben hat und die anderen Menschen als Mitmenschen. Christen handeln im Gehorsam gegen Gott. Der Gehorsam bezieht sich aber nicht nur auf das Handeln im Alltag, sondern auch auf das Verhalten Gott gegenüber, auf den rechten Umgang mit ihm, auf den Glauben. Jede Zeit hat dabei ihre eigenen Herausforderungen und Probleme zu lösen. Eine Frage, die jetzt gerade aktuell ist: Da gibt es ein neues Fest oder einen neuen Kult, der schon lange in Amerika gefeiert wird und nun auch bei uns aktuell wird: Halloween. Dieses Fest geht auf einen keltischen heidnischen Kult zurück, bei dem durch magische Praktiken Dämonen vertrieben werden sollten. Christen sollen sich aber nicht an der Wiederbelebung heidnischer Kulte beteiligen. Auch wenn vieles dabei nur Kommerz ist, treten doch solche Kulte zunehmend in Konkurrenz zu christlichen Festen. Hier ist das Zeugnis der Christen im Alltag gefragt: Treten wir diesem Kult entgegen. Ich fasse zusammen: Gott will unsere ewige Rettung und hat alles dafür getan. Aber wir sollen uns seiner Rettung öffnen. Amen!
(Pfr. Dr. K. Knauß)
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