Gottesdienst zur Gemeindehauseinweihung,
am 21. Sonntag n. Trin, 20. Oktober 2002, in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr,
Predigt über 1. Korinther 12, 12-14.26.27.

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Unser Gemeindehaus ist tatsächlich fertig geworden! Auch wenn wir's in nächster Zeit noch an verschiedenen Stellen ausgestalten werden. Wir werden noch manche Schränke und Regale einräumen, vielleicht auch hier und da ein Bild aufhängen, den einen oder anderen Nagel hineinschlagen. Und dennoch: Es ist fertig. Wir sind dankbar, zuerst Gott gegenüber, denn es ist schon auch ein Wunder, dass es nun da ist. Wir sind auch vielen Menschen gegenüber dankbar, denen, die gestaltet, die Entscheidungen getroffen haben, die gearbeitet und mitgeholfen haben, denen, die mitgebetet haben und denen, die es auch mitfinanziert haben. Alles zusammen war nötig.

Nun ist eine Spannung da; bei vielen, die mitgewirkt haben, eine Erleichterung. Aber auch eine Sehnsucht und Vorfreude, dass dieses Haus nun belebt wird.

Ich habe in den vergangenen Tagen manchmal den Eindruck gehabt, viele haben Feuer gefangen für das neue Gemeindehaus. Wir haben angefangen, es zu lieben. Es ist zu wünschen, dass das eine Weile anhält. Denn das macht uns phantasievoll, wenn wir manches lösen müssen, an das wir bisher nicht gedacht haben. Unser neues Haus erfordert von uns auch ein weites Herz. Eine große Vielfalt von Erwartungen muss zusammengefügt werden.

Verliebte Menschen sind manchmal recht erfindungsreich, wie sie zueinander sagen. "Schatz" und "Liebling" sind die gängigsten davon; zeitweilig kommt fast jeden Tag eine andere Bezeichnung dazu. Und jedesmal mag es ein anderes Bild sein. Das soll die innere Beziehung ausdrücken, die man zueinander hat.

Im Neuen Testament wird die Beziehung zwischen Jesus Christus und seiner Gemeinde in ähnlicher Vielfalt beschrieben mit vielen bunten Bildern. Da gibt es das Bild vom Haus - Jesus Christus ist der Eckstein; da gibt es das Bild von der Herde - Jesus ist der Hirte. Da gibt es das Bild vom Bräutigam und der Braut. Da gibt es das Bild vom großen Festmahl, Jesus ist der Gastgeber, die Gemeinde darf am Fest teilnehmen. Oder das Bild, wo Jesus der Weinstock und wir die Reben sind. Und vielleicht noch einiges mehr.

Es wäre sicher sehr reizvoll, alle diese Bilder einmal zusammenzutragen und aufzuschreiben oder gar zu malen. Da würden sicher sehr verschiedene Aspekte in jeweils ganz anderem Licht erscheinen.

Das wichtigste von diesen Bildern ist wohl das Bild vom Leib: Die Gemeinde als der Leib Christ.

[1. Korinther 12, 12-14.26.27]
12 Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.
13 Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.
14 Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele.
26 Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.
27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.

Paulus hat sich seine Vorträge nicht bezahlen lassen. Für eine gute Idee hat er keine Extra-Gage gekriegt. Er hat überhaupt nichts gekriegt oder gewollt. Er hatte höchstens Scherereien. Aber ihm war es ein dringendes Anliegen, dass die Menschen zu einer echten Gemeinde werden. Sie sollen die irdische Vertretung des auferstandenen Herrn sein. Darum beschrieb er den Korinthern dieses Bild, wie Gemeinde funktioniert: Wie ein Leib. Aber dieser Leib ist kein irdischer Verein, sondern der Firmensitz ist im Himmel.

Die Einzelheiten des Bildes reißen uns nicht vom Hocker. Dass ein Leib Hände und Füße und Augen und Ohren hat, das wissen wir. Aber es kann uns nicht kalt lassen, wenn wir das Bild auf uns heute übertragen: Eine reich gegliederte Gemeinde mit vielen Gaben und Fähigkeiten, die alle eingesetzt werden und alle zu ihrem Recht kommen. Manchmal stöhnen wir darunter, dass wir so verschieden sind. Doch das wäre gar keine richtige Gemeinde, wenn wir alle gleich wären. Wie langweilig, würden da die einen sagen. Lauter genormte Gesichter und lauter genormte Seelen. Alle gleich gestrickt, dasselbe Persönlichkeitsmuster, die gleichen Begabungen, alles nach Schema-F. Zum Davonlaufen. So vielleicht unser Urteil.

Aber das Urteil des Paulus wäre schlimmer. Nicht nur langweilig, sondern unbrauchbar. Wenn du 1000 mal das gleiche zusammenfügst dann gibt es noch keinen Leib. Der würde nie und nimmer funktionieren. Das funktioniert nicht einmal bei einem Auto: 50 Zahnräder geben kein Auto. Und das wird auch kein Auto, wenn man noch einmal 100 Zahnräder hinzufügt. 1000 Menschen wie ich, oder 500 wie der Herr Link und 500 wie ich, das gäbe keine Gemeinde, das wäre vielleicht sogar eine Katastrophe, denn wir brauchen wirklich verschiedene Gaben.

Also dass wir verschieden sind, muss unbedingt sein. Das will ich jetzt in besonderer Weise auf unser Gemeindehaus beziehen.

Wir brauchen demnächst jemanden, der die Hausmeistersaufgabe übernimmt. Eine wichtige Sache. Aber wir konnten nicht alles auf einmal regeln und konnten noch nicht so schnell jemanden finden. Wir mussten alle Kräfte darauf richten, dass das Haus noch fertig wird. Weiter haben wir's nicht geschafft. Der Brüdergemeinderat hat deswegen gesagt, dass diese Aufgabe solange der Brüdergemeinderat selbst bzw. der eine oder andere aus dem Gremium übernimmt.

Vor einigen Tagen wurde ich von einem Gemeindeglied genau danach gefragt: Wie ist denn das mit der Hausmeistertätigkeit? Es war eine peinliche Frage, weil ich sehr wohl wusste, dass das noch eine Schwachstelle ist - aber ganz sicher nicht die einzige. Ich habe erklärt, wie das der Brüdergemeinderat gedacht hat. Da war die Antwort: "Das will ich sehn, ob das klappt!"

Das stimmt schon. Es ist keine so einfache Geschichte. Da müssen wir schon ein gutes Team bilden. Ich habe echt Bauchweh, ob wir das hinkriegen. Und hoffentlich finden wir bald jemanden, der diese verantwortungsvolle Aufgabe wahrnimmt, damit dieses Bauchweh bald aufhört.

Gaben sind viele da, sogar eine große Fülle. Aber alle diese zu einem Ganzen zusammenzufügen, das ist schwer. Wir haben nicht nur Gaben, sondern auch unsere Eigenarten. Und es ist sicher so, dass wir gegenseitig nicht immer alle Gaben richtig einschätzen und würdigen. Durch unser neues Gemeindehaus brechen da an vielen Stellen neue Fragen auf, die sich bisher nicht stellten. Wir brauchen Gaben der Organisation, wir brauchen viele Einfälle und Ideen, um den Reichtum der Gaben auch einander zuordnen zu können. Durch das Gemeindehaus haben wir auch viele Chancen, die wir bisher so nicht hatten.

Selbst wenn wir's nicht gern haben: Es werden auch neue Konflikte entstehen, die bisher nicht waren. Wir müssen Beschlüsse fassen und durchführen, und es mag sein, dass sich nicht jede gute Idee darin wiederfindet. Wir brauchen Rücksichtnahme der Gruppen untereinander, vermutlich mehr als bisher, denn bisher war manches an verschiedenen Orten. Wenn die jungen Leute zu laut sind, ist es für die Älteren nicht so einfach. Und die Jüngeren müssen doch ihren eigenen Entfaltungsraum haben. Ich freue mich über die vielen verschiedenen Fähigkeiten, die wir bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehen. Wir haben hier in Wilhelmsdorf einen großen Reichtum. Es muss gefördert werden, dass dieser Reichtum sich entfalten kann. Das passiert nicht alles von selbst. Dazu braucht es auch eine gute Mischung von Wohlwollen, guten äußeren Bedingungen und richtiger aufbauender Begleitung. Zur rechten Zeit gehören da sicher auch einmal Auseinandersetzungen dazu. Denen dürfen wir dann nicht aus dem Wege gehen. Aber sie müssen in Liebe und Achtung geschehen. Bei einer ähnlichen Stelle im Römerbrief sagt Paulus: "Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor." Wir würden heute vielleicht sagen "mit Wertschätzung". Das sollen wir einander sagen und uns gegenseitig spüren lassen: Ich freue mich, dass du unsere Gemeinde bereicherst. Bemühen wir uns, dass wir uns nicht als Störenfriede betrachten. Gott muss uns mit der Gabe der Güte und Liebe beschenken.

Wir müssen im Gemeindehaus auch damit umgehen lernen, dass nicht alles nach Wunsch verläuft. Es gibt zwar viele Räume. Aber manchmal werden verschieden Gruppen zur gleichen Zeit in den gleichen Raum gehen wollen. Auch solche Kleinigkeiten müssen bewältigt werden.
Es ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt der Gemeinde, dass wir am Gemeindehaus zusammenwirken. Und doch wird daran anschaulich, wie wir als Gemeinde, als Leib Christi zusammengehören. Das betrifft Mitglieder der Brüdergemeinde gleichermaßen wie Mitglieder der Landeskirche. Denn Christi Leib ist nicht zerteilt. Paulus sagt: Wir sind durch einen Geist zu einem Leib getauft. Das heißt: Nicht wir sind es, die die Einheit und Zusammengehörigkeit schaffen. Sondern wir sind durch das Werk Christi eingefügt. Wir sind hineingetauft. Der Leib Christi bestand längst vor uns. Wir sind nachträglich eingefügt in den auferstandenen Christus. Wir sind durch ihn geheiligt. Er hat uns aufgekauft, wie man wertloses Zeug aufkauft. Aber nun sind wir wertvoll geworden, weil wir zu ihm gehören. Und wir dürfen uns dieses Wertes sehr wohl bewusst sein.

Schließlich gehören auch die zum Leib Christi, denen es schlecht geht. Das sind die, die körperlich oder seelisch leiden. Das sind aber genauso die, die sich nicht einfach in die Gemeinde einfügen; die nicht oder höchst selten kommen. Wir dürfen sie nicht einfach links liegen lassen. Im Sinne der Bibel ist auch das ein Stück Leiden. Leiden und Freude, das ist für die Gemeinde keine Privatsache. So freuen wir uns, wenn es anderen gut geht, und es schmerzt uns, wenn es ihnen nicht gut geht. Jede Gabe und jeder Mangel betrifft die Gemeinde als ganze. Wir haben's nicht für uns selbst, sondern für das ganze.

Bitten wir Gott, dass unser neues Gemeindehaus dazu mithilft: Wir gehören als Glieder seines Leibes zusammen. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

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