Gottesdienst am 20. Sonntag nach Trinitatis, 13. Oktober 2002,
in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr, Predigt über 2. Korinther 3, 1-9.

 

Bei schönem Wetter und guten Sichtverhältnissen mache ich gerne einen Spaziergang oben auf dem Höchsten. Immer wieder finde ich es faszinierend, unten vor sich den Bodensee liegen zu sehen und dahinter die Berge, manchmal bis tief in die Schweiz hinein. Das mögen vielleicht 100 oder 150 km sein oder mehr. Dann sieht man auch Berge nebeneinander, die eigentlich weit voneinander entfernt sind. Wenn man nur weit genug weg ist, dann merkt man den Abstand kaum.

So ist es in der Geschichte Gottes mit seinem Volk auch. Da kann man Ereignisse, die weit voneinander entfernt sind, trotzdem zusammenstellen.

Das macht Paulus in den heutigen Predigttext auch. Er vergleicht Dinge, die vor langer Zeit passiert sind, mit dem Geschehen von Jesus. Der alte Bund, geschlossen am Berg Sinai, wird mit dem neuen Bund verglichen.

Wie ist das für uns: Gilt der Inhalt des Alten Bundes für uns noch, seit der Neue Bund gültig ist? Hat Jesus alles weggeräumt, was seit Mose gegolten hat? Oder gilt davon noch etwas? vielleicht sogar alles? Wer kann uns das sagen? Vielleicht Prediger, die irgendwo Wunder getan haben sollen! Was macht es glaubwürdig, ob das Neue oder das Alte gilt?

[2. Kor. 3, 1-9]

In der schwierigen Zeit nach dem zweiten Weltkrieg mussten sich die Leute oft auch in schweren Krankheiten mit Volksmedizin selbst helfen. Viele Mediziner waren noch in Gefangenschaft. Und vielfach fehlten auch die wichtigsten Medikamente. Man pries sich glücklich, wenn man einen Arzt in der Nähe hatte, der etwas von seiner Sache verstand und mit den geringen damaligen Mitteln zurechtkam. Auf der Ostalb gab es einen solchen: Dr. W. nannte er sich. Er konnte vielen Menschen helfen und wurde sehr bekannt.

Aber als sich die Zeiten normalisierten, war dieser Arzt plötzlich verschwunden. Es stellte sich heraus, dass er gar kein Arzt war. Zwar hatte er etwas Medizin studiert. Aber er hatte kein Examen abgelegt, und vor allem: Er hatte sich widerrechtlich einen Titel angemaßt. Dafür wurde er bestraft. Wahrscheinlich kam er ins Gefängnis. Es war nicht so, dass er irgendwelche Kurpfuschereien getrieben hätte, sondern im Gegenteil: Er machte seine Sache gut und hat so manchem das Leben gerettet. Zu den Menschen, denen er das Leben gerettet hat, gehört auch meine Frau. Sie hatte eine schwere Diphtherie-Erkrankung.

So ist das bei uns nun einmal: Man braucht ein Examen, um wirklich zu Recht bestimmte Aufgaben wahrnehmen zu können oder zu dürfen. Das sind halt die Spielregeln unserer Gesellschaft und Kultur.

In anderen Zeiten und Kulturen können andere Regeln gelten. Subkulturen haben sogar jeweils ihre ganz eigenen Gesetze. Ich denke etwa an die Musikszene der heutigen Tage. Da muss es irgend ein geheimes Informationssystem unter den Eingeweihten geben: Diese Gruppe ist toll, und jene ist schrott, die kannst du vergessen. Hängt dann irgendwo ein Plakat, fahren die jungen Leute wie elektrisiert drauf ab und kriegen leuchtende Augen. Dann brauchen sie um alles in der Welt eine Eintrittskarte. Bei anderen langweilen sie sich. Ich habe bis heute nicht kapiert, nach welchen Regeln da entschieden wird. Eins weiß ich sicher: Die fragen nicht nach dem Examen. Da muss keiner Musik studiert haben. Irgendwie muss das anders funktionieren.

So ähnlich war es auch in der kleinen Gruppe der Christen zur Zeit der Apostel. Sie bildeten auch eine Subkultur und hatten ihre bestimmten Regeln. Die christliche Gemeinde in Korinth war für die Gesellschaft recht unbedeutend. Keine Zeitung hat darüber berichtet, was bei ihnen gerade abging. Wer die Gemeinde leitete, wer in den Gottesdiensten etwas gesagt hat, das war den anderen im Grunde egal. Es war eine eigene Welt für sich. Und so hatten sie halt ihre eigenen Regeln.

Es muss irgendwelche Vertrauensleute gegeben haben. Wie man auf diese Vertrauensleute gekommen ist, weiß kein Mensch. Aber wenn die gesagt hatten: "Der ist in Ordnung", dann war das so, dann galt das. Wenn nun ein Reiseprediger vorbeikam und seine guten Beziehungen zu den Vertrauensleuten nachweisen konnte, oder wenn er nachweisen konnte, dass er irgendwelche Wunder getan hatte, dann war er willkommen. Andernfalls begegnete man ihm mit Misstrauen.

Paulus hat in der Gemeinde in Korinth eine schwere Stellung gehabt. Zwar hatte er sie gegründet. Aber zwischenzeitlich hatte es unerfreuliche Entwicklungen gegeben. Es gab sittliche Entgleisungen. Paulus hatte davon gehört und wollte durch Briefe Ordnung schaffen. Aber es wurde nur noch schlimmer. In der Gemeinde gab es Streit. Dennoch muss der größte Teil von ihnen treu geblieben sein, denn sonst könnte Paulus nicht von ihnen sagen, dass sie ein Brief Christi seien, der von den Menschen gelesen wird.

Das war auch das Eigentliche, warum eine Gemeinde oder die Zeugen in ihr glaubwürdig sind. Nicht Examen, nicht irgendwelche geheimnisvollen Kanäle der Beglaubigung - Briefe, Unterschriften, Flüsterpropaganda - sollten Beweise in der Gemeinde sein: Der darf reden. Der ist in Ordnung. Sondern die Menschen sehen von selbst, ob das stimmt, was man sagt. Die Leute sind nicht so dumm, dass sie sich hinter's Licht führen lassen. Sie merken's an der Lebensführung der Zeugen, wo sie dran sind.

Eigentlich ist es eine gefährliche Geschichte, die Paulus da vorbringt. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir uns danach richten würden? Nach diesen Kriterien kann man heute keine geordnete Gemeinde einrichten. Reden wir nicht drum herum: Unter uns wird anders verfahren, und es muss auch anders gemacht werden. Man braucht eine Ausbildung, dann braucht man eine ordentliche Wahl, bei manchen Aufgaben auch einen Erlass eines Amtes. Wenn man es anders macht, dann droht ein Chaos. Kurz, bei uns gibt es ein sauberes Verfahren, wenn jemand als Pfarrer oder Katechet eingesetzt wird.

Aber: Wie achten wir heute in unseren Gemeinden, dass jemand von Gott beglaubigt ist? Damit sind wir beim Kern der Sache.

Mit den geordneten Ausbildungsgängen hapert es bei uns nicht und auch nicht an wohlgeordneten Prüfungen, Ordinationsverfahren usw. Aber das alles macht Gemeinden nicht lebendig. Wenn das Leben von uns Christen nicht glaubwürdig ist, dann helfen uns alle gut durchdachten Verfahren nichts. Dann können nicht nur Theologen, sondern auch sogenannte Laien ihr ganzes biblisches Wissen vergessen. Dann mögen wir darüber hinaus Bücher wälzen über Werbepsychologie, über Gemeindeaufbau-Konzepte und vieles mehr. Das ist dann alles für die Katz, wenn dieses eine nicht stimmt: Ihr seid ein Brief Christi. Das gilt für Pfarrer und Lehrer und Jugendleiter. Aber es gilt für alle in der Gemeinde. Man nimmt uns nur dann etwas ab, wenn wir es selbst auch glaubwürdig leben.

Paulus sagt: Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. Der Buchstabe, das könnten für uns alle die guten äußeren Verfahren sein. Alles ist äußerlich gut geregelt. Aber Leben entsteht nur durch das Wirken des Heiligen Geistes.

"Der Buchstabe tötet": Viele Menschen meinen, mit dem Buchstaben sei das wörtliche Befolgen des Gesetzes gemeint. Aber das ist ein Irrtum. Paulus hat vom Gesetz viel gehalten. Er sagt z.B. im Römerbrief, dass es heilig, gerecht und gut ist (Römer 7,12.16; vgl. 1. Tim.1,). Und gehen wir zu der Bergpredigt, dann müssen wir sogar sagen, dass Jesus das Verständnis des Gesetzes verschärft hat. Da sagt er z.B.: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: >Du sollst nicht töten.< Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig..." oder "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: >Du sollst nicht ehebrechen.< Ich aber sage euch, wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen." (Matth. 5,21f. 27f ). Weder Jesus noch Paulus haben einen Zweifel daran gelassen, dass das Einhalten der Gebote Gottes Wille ist und ein Abweichen davon in das zeitliche und ewige Verderben führt.

Aber Jesus hat sich über die Heuchelei vieler Menschen aufgeregt. Sie haben so getan, als ob sie die Gebote Gottes halten würden. In Wirklichkeit haben sie doch ihre eigenen Ziele verfolgt. Das hat Jesus angegriffen. Die Gebote Gottes sind tiefer gemeint als nur der Wortlaut.

Paulus hat diesen Schritt fortgeführt.
"Der Buchstabe tötet": Das heißt: Es reicht nicht aus, das Gesetz äußerlich einzuhalten. Wenn ihr vor Gott ehrlich seid, dann wisst ihr, dass ihr das auch gar nicht schafft. Das Gesetz soll euch einen Spiegel vorhalten, es soll euch zeigen, dass der Weg zu Gott zu steil und zu weit ist. Ihr kommt niemals zu ihm.

Nicht das Einhalten der Gebote führt in den Tod. Sondern das führt in den geistlichen Tod, wenn man meint: Ich schaff's alleine, ohne Gott, ohne die Erlösung durch Jesus Christus. Wenn man sagt: "Ich bin schon recht. Mir kann man nichts nachsagen." Das führt in den Tod. Das ist der Weg des Gesetzes und des Buchstabens - der Weg der Selbsterlösung.

Doch, Gott sei gedankt: "Der Geist macht lebendig". Das ist der Weg des Neuen Bundes. Was ich verzweifelt versucht und nicht geschafft habe, das hat Gott getan. Er hat die Erlösung geschaffen. Ich will mit Freude und Dank danach greifen. Und darum ist jeder auf dem Weg des Gesetzes, der die angebotene Gabe Gottes ablehnt, wer Christus beiseite schiebt und sagt: Ich schaff's alleine. Der Weg des Gesetzes ist der Glaube an die Selbsterlösung.

Das ewige Leben und die Gerechtigkeit vor Gott ist einzig und allein die Gabe Gottes. Wie gut. Uns ist die Tür zum Himmel geöffnet. Gott hat uns sein Herz geöffnet, ja, er ist uns entgegengekommen. Schließen wir auch ihm unser Herz auf und danken ihm, dass er uns an unsere Grenze geführt hat und seine Gaben einfach geschenkt hat. Wenn wir das tun, dann hat der Geist uns lebendig gemacht. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

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