Gottesdienst an 18. Sonntag n. Trinitatis, 29. September 2002, in Wilhelmsdorf, Predigt über Epheser 5, 15-21.
C Predigt: Epheser 5, 15-21

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Gestern habe ich mit der Post wieder mal so einen Werbeprospekt bekommen. Da werden große Entdeckungen über Geheimnisse angekündigt. Es wird angekündigt, wie man sehr viel Geld gewinnen und reich werden kann, wie man sehr gesund lebt und 120 Jahre alt wird und wie man sich am besten vor Verbrechen schützt; und noch vieles mehr. Kurz: Anleitung, wie man ein Leben nach Wunsch erreicht.

Das Ganze ist allerdings zunächst nur Werbung. Der eigentliche Trick wird bei der Werbung noch nicht verraten, sondern man muss dazu eine Zeitschrift bestellen. Natürlich muss man diese Zeitschrift mit teurem Geld bezahlen. Ich bin mir aber nicht so ganz sicher, wem das am meisten bringt; vermutlich den Herausgebern der Zeitschrift.

Heute haben wir ein viel besseres Angebot. Es stammt aus der Bibel. Es ist die Anleitung zu einem Leben voller Begeisterung. Das gibt es zwar kostenlos, aber nicht umsonst.

Im Epheserbrief wird beschrieben, dass Gott den Christen das kurzsichtige Leben weggenommen und den Durchblick gegeben hat. Die Heiden, so heißt es da sehr plakativ, die leben einfach in den Tag hinein. Das wird dann im einzelnen beschrieben. Mit Unzucht und Habgier und Lügen machen sie ihr eigenes Leben und das der anderen kaputt. Aber Christen sollen anders leben, so, wie sie Christus kennengelernt haben.

Ich verlese den kurzen Abschnitt Epheser 5, 15-21.

[15 So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise,
16 und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit.
17 Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.
18 Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern laßt euch vom Geist erfüllen.
19 Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen
20 und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.
21 Ordnet euch einander unter in der Furcht Christi.]

Das ist eine Anleitung zum Leben für Christen. Dabei werden sozusagen die großen Linien beschrieben, nicht viele kleine Einzelheiten. Es geht eher um die Art und Weise, wie ich mein Leben anpacke.

1. Die eigene Lebensführung anschauen
2. Nüchtern leben
3. Einander aufbauen

1. Die eigene Lebensführung anschauen
Da hat ein Schüler die letzte Mathe-Arbeit gründlich verhauen. Eigentlich ist die Leistung weit unter seinen Möglichkeiten. Vom Grips her wäre wesentlich mehr drin. Aber am Hosenboden fehlt's, und nicht nur da. Doch er sucht die Ursache bei vielen anderen. Er sagt: "Es war ein denkbar ungünstiger Tag nach der Geburtstagsfete bei einem Freund. Die konnte ich doch schließlich nicht absagen. Und dass mich die anderen dann noch dazu verleitet haben, bis nachts um 1 Uhr zu bleiben, da kann ich doch nichts dafür."
Viele Menschen können zwar gründlich über andere nachdenken. Sie gehen ihre Wege in Gedanken mit, schütteln den Kopf über Irrwege, die sie nicht verstehen können und wissen ganz treffsicher, wie man das eigentlich hätte richtig machen sollen. Vermutlich gehören wir selbst wenigstens hier und da auch zu denen, die andere sehr gut beobachten können. In unserem Ort gibt es so viele Lehrer und Erzieher und Therapeuten wie sonst selten. Und deren Beruf ist es ja, einen klaren Blick für andere zu haben. Das wird in keiner Weise kritisiert. Solche Menschen sind nötig. Wenn die das nicht können, dann haben sie noch was zu lernen.

Heute sollen wir aber das Umgekehrte tun. Wir sollen nicht andere, sondern uns selbst beobachten. Wir werden aufgefordert, von uns selbst Abstand zu gewinnen und dann sozusagen in kritischer Distanz auf unseren eigenen Weg zu schauen. Das gehört zu den ganz großen und schweren Aufgaben unseres Lebens. Das ist noch viel schwerer, als andere zu beobachten.

Da gilt: Wenn dir die Aufgabe zu schwer ist, dann frag deine Frau oder deinen Mann. Oder frag jemand in der Gemeinde, dem du nahe steht. Denn dazu sind wir ja auch da, das gehört zu einer Gemeinde. Wir sollen einander den Blick öffnen, dass wir uns aus der Perspektive Gottes sehen können. Wenn das in Liebe geschieht, dann kann es Wunder wirken.

Nun ist allerdings die Frage: Wie kann man sein eigenes Leben aus der Perspektive Gottes sehen lernen? Es geht sicher nicht durch menschliche Weisheit. Dazu muss man die Bibel studieren. Gottes Wege immer besser kennenlernen. In vielem erinnern diese Verse an das Buch der Sprüche aus dem Alten Testament, wo Weisheit und Torheit einander gegenübergestellt werden (z.B. Sprüche 22). Man kann natürlich niemanden zur Einsicht zwingen, denn "ein hörendes Ohr und ein sehendes Auge, die macht beide der Herr." (Spr. 20,12). Aber auf jeden Fall: Der Umgang mit der Bibel richtet uns aus auf Gottes Willen.

2. Nüchtern leben
Es ist eine eigenartige Definition von Nüchternheit: Heiliger Geist statt berauschendem Getränk. Der Heilige Geist verhilft uns zu besonnenem Leben und Handeln. Er hilft uns, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und nicht innerlich auszureißen.

Zur Nüchternheit gehört auch der Umgang mit den Zeitverhältnissen. Wünsch dir nicht ideale Verhältnisse herbei. Ideale Verhältnisse gibt's im Himmel. Aber solange wir auf der Erde sind, müssen wir damit leben, dass es "böse Zeit" ist.

Wir sollen nicht sagen: Wenn ich zur Zeit Jesu oder der Apostel gelebt hätte, dann hätte ich es mit der Nachfolge leichter gehabt, oder vielleicht im Mittelalter oder zur Reformationszeit oder sonstwann. Du kannst auch nicht auf irgendeine Zukunft in dieser Welt hoffen, wo die Menschen dann alle ganz lieb und die Verhältnisse glänzend sein werden. Denk dir nicht eine Zeit aus, in der du mit Leichtigkeit alles recht gemacht hättest. Menschen im 19. Jahrhundert haben ihre Anfechtungen und Gefahren gehabt, wir müssen unsere Herausforderungen bestehen. Das gehört zum nüchternen Leben, dass wir uns den jetzt bestehenden Realitäten stellen.

Der Karikaturist Wilhelm Busch sagt:
Wenn wer sich wo als Lump erwiesen
so schickt man in der Regel diesen
zum Zweck moralischer Erhebung
in eine andere Umgebung
der Zweck ist gut, die Lage neu
der alte Lump ist auch dabei.

Also Nüchternheit ist angesagt. Das Wesentliche kann nicht außerhalb von dir passieren, das geschieht innen. Darum gilt keine Flucht.

Die Flucht aus der Realität sucht sich Hilfsmittel: Träume von einer anderen Welt, die verschiedensten Suchtmittel, nicht selten auch Gewalt oder anderes.

Eine Frau mittleren Alters war längere Zeit psychisch krank. Jetzt geht es ihr seit Jahren wieder gut. In der Rückschau auf diese Zeit ihrer Krankheit hat sie gesagt: Ich habe mich der Realität nicht stellen können. Ich habe meine Eltern nicht loslassen können. Das hat mich krank gemacht.

Oder:
Wie viele junge Menschen verbringen ihre Zeit mit Computerspielen oder mit dem Surfen im Internet. Auch eine Art Flucht aus der Realität.

Es gehört zu unserer Zeit, dass wir keine Agrargesellschaft mehr sind sondern eine Industrie- und Informationsgesellschaft, dass es Autos gibt, Fernseher und Computer und die Möglichkeit zu gentechnischen Veränderungen. Zu unserer Zeit gehört sogar, dass es eine Reihe von Gesetzen gibt, die Christen nicht bejahen können, etwa die teilweise Legalisierung von Abtreibungen.

Unter diesen Bedingungen leben wir heute, und unter diesen Bedingungen müssen wir uns bewähren. Der Heilige Geist will uns zur Nüchternheit verhelfen, dass wir aus dieser Wirklichkeit nicht fliehen. Er will uns den Durchblick verschaffen, was vor Gott recht ist. Und er will uns den Mut geben, das dann auch wirklich zu leben. Der Heilige Geist schafft einen klaren Kopf und mutiges Handeln.

3. Einander aufbauen
Jetzt muss ein Missverständnis ausgeräumt werden, das aus dem bisher Gesagten entstehen könnte. Wir sollen nicht alle Emotionen abschalten. Christsein hat auch mit Begeisterung zu tun.

"Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen..."

Wir würden zu gerne die Lieder und Lobgesänge der damaligen Gemeinde kennen, nicht nur ihre Texte, sondern auch ihre Melodien und ihre Rhythmen. Vielleicht wären sie für uns anregend, vielleicht aber auch recht langweilig. Doch der Musikstil ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist die Aufgabe der Lieder, die heute im Gottesdienst nicht wesentlich anders ist als damals. Die Musizierenden sollen sich gegenseitig und die Gemeinde aufbauen, ermuntern. Die Freude im Herrn soll durch diese Lieder gestärkt werden.

Es scheint, dass damals sehr viel mehr Improvisation dabei war als bei uns. Offenbar war nicht alles schon vorher mit Noten versehen und fest eingeübt. Sondern oft wurde aus dem Augenblick heraus unter der Leitung des Heiligen Geistes gesungen und gespielt. Lieder beleben nicht nur den Gottesdienst. Sondern sie öffnen unsere Seele für das Lob Gottes, für Anbetung und Dank. Wie ein Schlüssel öffnen sie die Tür zu unserem Herzen. Und oft dienen sie damit auch unserer inneren Gesundheit.

Nicht nur mit der Musik und den Liedern, sondern in allem, was in der Gemeinde geschieht, sind wir einander Diener. Niemand ist darin Meister. Die richtige Haltung braucht Übung. Wir dürfen und sollen immer wieder daran erinnert werden. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

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