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Gottesdienst am ISRAELSONNTAG
2002, 4. August 2002, Liebe Gemeinde, Die Bilder der Zerstörung aus Israel und Palästina begleiten uns zur Zeit täglich, wenn wir das Fernsehen anmachen oder die Zeitung aufschlagen. Millionenfach werden sie gesendet und gedruckt. Sie erschrecken, machen wütend, versetzen uns mal wieder in die Rolle des hilflosen Zuschauers. Körper werden blutend aus einem explodierten Bus getragen, Dörfer werden bombardiert, Häuser planiert, Menschen vertrieben, Angehörige von politischen Gegnern ausgewiesen. "Wir weinen, wir weinen, wir weinen ....." Wenn ich heute, am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem Sonntag , dem sogenannten Israelsonntag, hier auf der Kanzel stehe, dann gehen mir zuerst diese Bilder durch den Kopf. Wir weinen .... Und es sind drei Bibeltexte, die für mich in einen inneren Dialog treten. Ich habe Sie Ihnen alle drei vorgelesen: Da ist zum ersten dieser dunkle Text aus dem 2. Buch der Könige - der eigentliche Predigttext des heutigen Sonntags: Die übermächtige Armee des großen Königs Nebukadnezar zerstört die Stadt. Damit ist nun endgültig das letzte Stück vom Stolz des Königshauses Davids dahin. Sie fallen ein in die Stadt, zerstören alle Häuser und machen auch vor dem Tempel, dem Allerheiligsten der Israeliten nicht Halt. Und als sie wieder gehen hinterlassen Schutt und Asche, eine Mauer mit Löchern und ein paar Menschen, die ihrer Führer und ihrer geistigen Elite beraubt auch nicht wissen, was sie nun tun sollen. Wir weinen .... Und dann ist da Jesus: Vorhin in der Evangelienlesung habe ich davon vorgelesen. Jesus geht auf die Stadt Jerusalem zu, Jahrhunderte später. Fast vergessen war, was damals in dieser dunkelsten Stunde der Stadt passiert war. Und Jesus? Er sieht die Stadt und beginnt zu weinen. Er sieht, wie sich die Geschichte wiederholen wird. Er sieht, wie wieder Tod und Schrecken, Zerstörung und Schmerz über die Stadt und ihre Menschen kommen werden und er weint. Und dann ist da Paulus, der große Apostel, der Denker, der die Dinge, die ihn, die die Gemeinden um ihn herum beschäftigen immer in ein logisches System bringen will. Der "zweite Predigttext" für diesen Sonntag. Den Bund Gottes mit Israel spricht er an. Das beschäftigt ihn und seine Zeitgenossen. Was ist nun mit diesem Bund? Was ist nun mit Israel? Was ist mit dem Heil des Volkes, das Gott sein Heiliges genannt hat? Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen, sagt er. Das was Gott Israel zugesagt hat, das wird er auch halten. Im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob, so zitiert er die großen Profeten. Drei Texte...... Israelsonntag..... Was schwingt da alles noch mit? Wieviel Hoffnung liegt für viele in diesem Wort Israel, wieviel Schmerz für andere? Und wieviel Geschichte schwingt speziell hier bei uns in Deutschland mit, wenn wir über Israel, über Gottes auserwähltes Volk nachdenken? Die Evangelische Kirche in Deutschland hat für den heutigen Sonntag die Predigtreihe geändert. Eigentlich sollen wir ihn gar nicht mehr predigen den dunklen Text von der Zerstörung Jerusalems aus dem Könige Buch. Römer 11, 25-32 ist der "eigentliche Predigttext" des Israelsonntags. Und der Grund ist nachvollziehbar: Zu oft ist dieser erste Text missbraucht worden, auch und gerade in der Deutschen Geschichte. Überlegenheit des neuen Volkes Gottes .... war so ein Schlagwort. Die gerechte Strafe für die, die von Gott abgefallen sind .... ein anders. Und darum, so sagt es uns der neue Predigttext, darum sollen wir jetzt vom Bund Gottes predigen, von der Treue Gottes zu seinem Volk, von der bleibenden Verheißung Gottes. Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen .... Und doch ging es mir so, dass ich diesen anderen Text nicht einfach wegschieben wollte. Nein, keine Sorge, ich fühle keine religiöse oder sonstige Überlegenheit in mir, ich vertrete sie keineswegs diese Stimmen, die ich gerade zitiert habe. Vielleicht aber hilft uns dieser andere, dieser dunkle Text, dabei, das auszuhalten, was uns politisch, was uns tagesaktuell durch den Kopf geht, wenn wir an Israel denken. Es ist schwer politisch Partei zu beziehen in diesem Konflikt. Wir, meine Familie und ich haben Freunde in Israel. Freunde auf beiden Seiten. Juden und Palästinenser. Und es zerreißt einen beinahe, wenn man mit ihnen spricht. Immer - so geht es mir zumindest - immer denke ich an die jeweils anderen. Und alle die Menschen, die ich dort kenne, sind zum Glück nicht militant. Aber sie leben dort mit dem täglichen Terror der täglichen Angst. Und wenn ich ihnen zuhöre, dann weiß ich nicht, wer im Recht ist. Oder vielleicht geht es auch gar nicht darum? Gerade nicht darum? "Wir weinen, wir weinen, wir weinen ...." Und Jesus: Jesus sieht die Stadt und weint auch. Ich bin mir sicher, auch heute weint er über Jerusalem. Er schaut nicht weg. Er sieht, dass die Häuser verbrannt und die Menschen verschleppt werden. Er sieht genau hin, sieht jeden einzelnen, sieht all den Schmerz und weint, weint mit allen den die dort leiden. Doch Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen .... Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Jesus sieht die Stadt und sieht, dass die Menschen nicht erkennen, was zum Frieden dient - so Lk 19, 42. Und darum weint er. Als Nebukadnezar die Stadt Jerusalem zerstören läßt erlebt das Volk Israel die bislang größte Katastrophe in seiner Geschichte. Die Identität, die ja nicht zuletzt an der Hauptstadt hängt, ist zerstört. Der Wohlstand, den sich das Volk erarbeitet hatte ist geplündert. Der Tempel, den man Gott gebaut hatte, geschliffen. War es nicht Anweisung Gottes an Josia gewesen, einige Jahre zuvor, dass nur im Tempel in Jerusalem Gott geopfert werden sollte? Und wo sollte nun der Gottesdienst stattfinden? Die Priester, die Gelehrten, die Politiker und Macher, die Handwerker und Händler, alle waren weggeführt ins sogenannte Babylonische Exil. Die totale Katastrophe ..... Wir weinen ..... Denn Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen ... Nun kannten sie damals Paulus natürlich noch nicht. Und doch: Nebukadnezar ließ ihnen einen Chance. Er zerstörte nicht alles: Weingärtner und Ackerleute ließ er zurück. Brot und Wein. Brot und Wein sind für uns heute die Symbole für die Gegenwart Jesu. Sind die Zeichen, in denen Jesus uns begegnet, wenn wir zusammen das Abendmahl feiern. Letzten Sonntag haben wir das hier im Betsaal getan. Und sie sind Zeichen für die Zusammengehörigkeit. Gemeinsam feiern wir das Abendmahl. Stehen gemeinsam vor Gott. Reichen uns die Hand zum Friedensgruß. Ackerleute und Weingärtner ließ er zurück. Vielleicht liegt gerade darin die Chance für einen Neuanfang. Vielleicht wird es Zeit, dass die Macher, die Politiker, die Denker und die, die wissen was richtig ist, zurücktreten und den Ackerleuten und den Weingärtnern das Feld überlassen. Vielleicht ist gerade das, das Hindernis, warum es keinen Frieden gibt, weil so viele sich so genau im Recht wissen. Jesus weint über Jerusalem, weil die Menschen in der Heiligen Stadt den Blick für den Frieden Gottes verloren haben. Und doch hat er mit Brot und Wein ein Zeichen gesetzt, das Frieden möglich macht. Dort wo die Menschen Brot und Wein teilen, wo sie sich auf gleicher Augenhöhe gegenüberstehen, wo sie einander in die Augen sehen, dort ist es nicht mehr möglich, gegeneinander vorzugehen. Dort wo Menschen Brot und Wein teilen, können sie keine Feinde mehr sein. Dort wo Menschen Brot und Wein teilen, können sie einander nicht mehr verachten, wegen weder ihres Glaubens noch wegen ihres Geschmacks. Dort wo Menschen Brot und Wein teilen, können sie einander nicht mehr ihr Lebensrecht absprechen. Ich weiß nicht, ob Nebukadnezar das gewußt hat oder ob es er überhaupt im Blick hatte, als er Weinbauern und Ackerleute zurückließ. Wahrscheinlich hat er davon nichts geahnt. Wahrscheinlch ganz andere Motive dafür gehabt. Für mich allerdings ist das irgendwie ein Signal. Ein Signal, wenn ich heute an Israel denke aber auch wenn ich an uns hier in Wilhelmsdorf denke. Frieden in Israel, dafür wollen wir heute beten. Frieden, der es möglich macht, dass alle Menschen, die in diesem kleinen Land heute leben, in Zukunft dort leben können. Jesus bittet für die Stadt und ruft ihr zu: Wenn doch auch du erkenntest, zu dieser Zeit was zum Frieden dient. Wir können ein Zeichen des Friedens setzen, indem wir diesen Frieden vorleben. Wir können ein Zeichen des Friedens setzen, wenn wir zeigen, dass die, die miteinander Brot und Wein teilen, miteinander anders umgehen. Dass herabsetzendes Verhalten der gegenseitigen Wertschätzung weicht. Dass es nicht darauf ankommt, dass der andere den gleichen Geschmack hat wie ich, auf die gleiche Art und Weise betet wie ich, die gleichen Lieder singt wie ich, sondern dass es darauf ankommt, dass wir Schwestern und Brüder sind, dass wir Brot und Wein ehrlich miteinander teilen. Und davon sind wir manchmal noch ganz schön weit entfernt. Darum lassen Sie uns auch um den Frieden bei uns beten. Frieden ist möglich, bei uns, in Israel und auf der ganzen Welt. Dafür ist Jesus zu uns gekommen und hat uns Brot und Wein hinterlassen, dass wir miteinander teilen und Frieden haben. Dann wird er die Tränen abwischen. Amen. (Carsten Bräumer)
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