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Erntebittgottesdienst am 21. Juli 2002, in
Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr, Im Jahre 1816, so wird berichtet, sei die Ernte ausgefallen, oder so gut wie ausgefallen, weil fast nichts gewachsen ist. Da sei eine Frau auf die Idee gekommen, die Gänge der Mäuse und deren Vorräte aufzuspüren. 25 Pfund Körner habe sie dabei gefunden. Das Rezept, diese "Ernte" zu strecken war, die gefundenen Körner zu mahlen, sie mit getrockneten und zerkleinerten Queckenwurzeln sowie mit Kartoffelbrei zu einem Teig zusammenzukneten und diesen dann zu backen. Wenn der Hunger unerträglich wird, wird viel Phantasie freigesetzt. Die ersten Siedler von Wilhelmsdorf werden ähnliche Existenznöte gehabt haben: Reicht die Ernte zum Leben? Und wie oft hat es gerade nicht gereicht. Wie oft mussten andere mit einspringen, dass es zum Überleben reichte.
Wir kennen heute solche Zeiten nicht mehr, auch nicht das, woran sich manche Ältere noch erinnern und die Späteren aus Erzählungen kennen: Das Ährenlesen, die Suche nach kleinen, übriggebliebenen Resten auf dem abgeernteten Acker und auf den Bäumen und Sträuchern, und dann auch die ängstliche Vorratshaltung, das Hamstern, den Tauschhandel und Schwarzmarkt. Wir sehnen diese Zeiten nicht herbei. Es ist gut, dass sie der Vergangenheit angehören. Wir haben eher das gegenteilige Problem. Wir kommen mit den Mengen an Lebensmitteln nur noch schwer zurecht. Es gibt genug Nahrungsmittel. Hungern muss niemand. Aber bekommt der Landwirt für die Erzeugnisse noch einen ausreichenden Preis, so dass die Kosten herauskommen und noch etwas mehr: Für Getreide und Fleisch und Milch und Obst und vieles andere. Es sind kompliziertere Probleme als früher. Konnte man einst sagen, je mehr, desto besser. So kann man das heute nicht mehr sagen, jedenfalls nicht mehr so einfach. Für den Landwirt kann es durchaus heißen, dass er weniger herausbekommt, wenn mehr produziert wird. Die weltweiten Wirtschaftsbeziehungen und andere Strukturfragen haben für die Landwirtschaft eine hohe Last gebracht und bringen sie noch weiter. Aber eigentlich sind das nicht nur die Probleme der Landwirtschaft. Sie betreffen die andern mit, auch wenn man das nicht gleich merkt. Es gibt Kinder in Deutschland, die noch keine Kuh gesehen haben und die meinen, die Milch käme aus dem Regal im Laden. Ich habe als Kind auch einmal gemeint, die Musik würde im Radio gemacht. Und es war für mich eine richtige Erleuchtung, als ich kapiert habe, dass da im Studio Menschen aus Fleisch und Blut singen und musizieren und die Musik nur übertragen wird. Darum ist für viele Menschen Information nötig. Wenn die Landwirtschaft Probleme hat, leidet die Natur und die Landschaft, die doch für alle wichtig ist. Und schließlich: Die Gemeinschaft verliert das Gleichgewicht, wenn eine Gruppe zu viel Last trägt. Wir verlieren die Bodenhaftung, wenn die einen meinen müssen, sie würden mit ihren Problemen alleingelassen, und die anderen, das ginge sie nichts an. In diese Situation hinein beten wir die Vaterunser-Bitte: "Unser tägliches Brot gib uns heute". Da kann jemand fragen: Müssten wir nicht viel eher darum bitten, dass er unsere Strukturprobleme löst? Aber: Unser tägliches Brot, das sind nicht nur unsere Nahrungsmittel. Dazu gehört alles, was wir ganz notwendig brauchen:
Kurz, zum täglichen Brot gehört mehr als das Essen, es gehören auch alle äußeren Dinge unseres Lebens dazu.
Und auch bei einer komplizierten Wirtschaft ist die
einfache Wahrheit geblieben: Das Anliegen um das tägliche Brot ist schließlich ein Gebet. Darum sollen wir bitten, dass Gott weiterhin unsere
Nahrungsmittel wachsen lässt. Aber wir sollen auch darum bitten, dass er uns die Weisheit
gibt, mit ihnen richtig umzugehen; richtig umzugehen mit den Äckern und Feldern und
Tieren. Aber auch mit den wirtschaftlichen Strukturen im Zusammenhang mit unseren
Nahrungsmitteln. (Pfr. Dr. K. Knauß)
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