ökumen. Gottesdienst Wilhelmsdorf live 2002, 14. Juli 2002, in Wilhelmsdorf (Saalplatz) um 9.30 Uhr, Predigt über Lukas 15, 4-7.

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Liebe Wilhelmsdorferinnen und Wilhelmsdorfer, echte und unechte wie z.B. ich, solche von Esenhausen und Zußdorf und Pfrungen und den anderen Ortsteilen, und dann auch solche von außerhalb, Evangelische und Katholische und Brüdergemeindler und was auch immer wir sind:

Ein Fest miteinander feiern: Das heißt, wir gehören zusammen. Man braucht ziemlich viel Gemeinsamkeit, um feiern zu können. Und zwar muss die Gemeinsamkeit schon da sein, sonst kann man nicht feiern. Wer sich nicht riechen kann, geht sich aus dem Weg. Dann ist Funkstille. Aber bei uns ist nicht Funkstille. Sondern es wird gefeiert.

Beim Feiern möchte man am liebsten Leute, die ein fröhliches Gesicht und gute Stimmung machen.

Beim Feiern will man auch gemeinsame Ziele haben und nach vorne schauen. Wünschen wir uns, dass wir beides haben: Wir entdecken, da sind bereits viele Gemeinsamkeiten da, aber wir gehen auf weitere Gemeinsamkeiten zu.

Ein Gottesdienst ist auch so eine Gelegenheit. Da wird die Gemeinsamkeit noch erweitert - nach oben und in der gleichen Ebene, zu den anderen Menschen. Gell, das nach oben, da wundern Sie sich nicht. Das gehört zum kirchlichen Programm. Wenn wir das weglassen würden, stünden wir ganz dumm da. Das wäre, wie Fußballspielen ohne Fußball, wie Schwimmen ohne Wasser, oder noch viel schlimmer. Ohne Gott, da wären auch wir nicht da. Wir hätten also viel Grund, über die Gemeinschaft mit Gott zu reden.

Ich will mich aber nun zunächst einmal konzentrieren auf die Gemeinschaft auf der gleichen Ebene. Wir werden zwar entdecken, dass das sehr viel mit Gott zu tun hat, aber wir bleiben dennoch einmal auf der menschlichen Ebene. Denn das hat für die Diakonie eine große Bedeutung. Diakonie ist eine bewusste Grenzüberschreitung. Es werden bewusst die Menschen mit einbezogen, die nicht mitfeiern. Vielleicht weil sie nicht können oder nicht mehr können. Da werden Menschen einbezogen, die nicht sofort die gleiche Wellenlänge haben wie wir. Wir müssen erst das Sehen und das Hören und das Verstehen lernen. Doch unser Herr will, dass wir's lernen; und darum tun wir's. Die Liebe Christi drängt uns dazu.

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Das verlorene Schaf. Das Bild liegt uns nicht sehr nahe. Denn heutzutage verlieren die Menschen kein Schaf. Heute verlieren höchstens die Aktien. Und wer mit den Aktien zu tun hat, fühlt sich machtlos, wenn sie runter gehen. Aber damit muss man rechnen, wenn man sich auf so etwas einlässt. Die eine Aktie mag fallen, die andere mag steigen. Wer's geschickt anfängt, macht unter dem Strich dann meistens immer noch Gute. Das ist eigentlich unsere normale Rechnung. Eine Rechnung der menschlichen Erfahrung.

Doch das ist bei dem verlorenen Schaf das Erstaunliche: Volkswirtschaftlich ist es vielleicht ungeschickt, dass der Besitzer dem einen Verlorenen nachgeht. Da überlässt der Mann die 99 sich selbst, denen es doch gut geht, und geht dem einen einzigen nach. Jeder vernünftige Unternehmer würde fragen: Ist da das Risiko nicht zu groß, dass den 99 auch noch etwas passiert? In der Wirtschaft rechnet man anders. Da heißt es: Ach, diesen Verlust muss man einkalkulieren. Das kann ich beim Finanzamt abschreiben. Dann ist der Verlust nur noch halb so groß.

Doch vor Gott werden Menschen nicht nach ihrem volkswirtschaftlichen Nutzen oder Risiko betrachtet. Sondern bei ihm hat jeder seine eigene Würde. Er mag behindert sein oder nicht, er mag soziale Probleme, Suchtprobleme haben oder nicht. Oftmals ist sogar der, den die Gesellschaft an den Rand gedrängt hat, wichtiger als der, der ganz in ihrer Mitte ist. Denn viele "Gesunde" haben ein Problem, das ihnen meist gar nicht bewusst wird. Es geht alles viele Jahre und Jahrzehnte bestens. Es "funktioniert" alles, bis man 60 oder 70 ist. Und dann ist man irgendwann alt und weiß nicht, wofür das jetzt alles war und welchen Sinn das hatte. Man fragt sich schon: Sind denn die "Gesunden" tatsächlich so dumm? Erst wenn der Sprit zu Ende geht, fangen sie an zu fragen, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Die Frage ist dann aber auch, ob man die Richtung noch ändern kann, wenn man 60 Jahre in die falsche Richtung gefahren ist.

Es ist nicht so, dass die Diakonie der eigentliche Sinn des Lebens wäre. Aber die Diakonie kann uns ein ganz schönes Stück dazu helfen, dass wir danach fragen. Darum hat es mit der Welt Gottes zu tun, dass wir Schwache in der Gesellschaft wahrnehmen und mit hereinnehmen und wo sie Hilfe brauchen, diese ihnen zukommen lassen. Es ist eine andere Gesellschaft und Gemeinschaft. Wer die Schwachen nicht mit hereinnimmt, der verleugnet irgendwo auch sich selbst, der verleugnet auch den göttlichen Auftrag in dieser Welt.

Aus dem Studium gehört zu unserem Bekanntenkreis eine Familie, ich meine mit 9 Kindern, eines davon behindert, mongoloid. Es hat die Familie einen großen Einsatz gekostet, ihr "Lieserl" einfach immer zu betreuen, immer für sie da zu sein, die vielen Dummheiten mitzumachen und wieder auszubügeln. Eines von den Geschwistern ist Hanna, musikalisch hochbegabt. Sie hat sich eigentlich zu Höherem berufen gefühlt und hatte immer ein bisschen Mühe, die Bodenhaftung zu bewahren. Mit Blick auf ihre behinderte Schwester hat Hanna gesagt: Es ist gut, dass sie da ist. Ich wäre eine andere geworden, wenn ich sie nicht als meine Schwester hätte.

Was war denn eigentlich die Veränderung? Hanna hat tagtäglich erlebt, dass das Leben nicht nur aus Leistung besteht. Und auch, dass Kranke oder Behinderte irgendwo direkter leben als die angeblich Gesunden. Es ist möglich, dass vor Gottes Augen gesund und krank sogar merkwürdig vertauscht sind. Die, die sich für gesund halten, haben in Wirklichkeit mehr Macken als ihnen lieb ist. Und wenn wir einmal vor Gottes Thron stehen werden, dann werden wir uns sicher hier und da an den Kopf greifen: Wie konnte ich nur.

Nehmen wir unsere Gesamtgesellschaft: Die Diakonie nimmt sich der "Problemfälle" an. Wir müssen schauen, dass es nicht zum Hobby einiger weniger wird. Die Gesellschaft wird selbst zum Problemfall, wenn sie die Menschen am Rand nicht mehr sehen will (Behinderte, Drogen- und Alkoholabhängige, Hör- und Sprachgeschädigte, Demenzkranke und andere). Nur wenn wir den Schwachen nachgehen, können wir gesunden. Nur dann behalten wir die Augen offen für die Realität.

Viele in und um Wilhelmsdorf arbeiten in der Diakonie. Das heißt für sie: Ihre soziale Tätigkeit geschieht nicht nur an den Kranken oder Behinderten. Sondern es ist auch ein Werk an den anderen. Wir leben nicht nur in einer gesellschaftlichen Nische. Diakonie gehört mitten hinein in die Gesellschaft. Sie braucht uns, um gesund zu bleiben oder zu werden.

In dem Gleichnis ist auch von der Freude die Rede. Sie ist ein Stück Frucht unserer Arbeit. Freude ist ein Kennzeichen der Diakonie. Denn da sieht man Früchte, die mehr sind als nur wirtschaftliche Erfolge.

Jesus hat das Gleichnis vom verlorenen Schaf aber noch ein bisschen anders gemeint. Nicht nur dem Kranken oder Außenseiter sollen wir nachgehen, sondern Gott will die retten, die vor seinen Augen verloren sind. Das sind die, die ihm davonlaufen; das sind die, die sich im dummen Gestrüpp des Lebens verfangen haben, die nun festhaken und nicht mehr loskommen.

Die Verlorenen, das sind die, die lange in die falsche Richtung gefahren sind, vom Ziel weg. Jesus hat sein Gleichnis für die gemeint, die Gott aus dem Auge verloren haben. Und er selbst geht ihm so lange nach, bis er ihn gefunden hat: In unendlicher Geduld und Liebe. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

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