Gottesdienst am 5. Sonntag n. Trin., 30. Juni 2002,
in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr,
Predigt: "Christen leben aus dem Geschenk Gottes."

Natürlich leben alle Menschen aus dem Geschenk Gottes. Aber nicht alle wissen darum. Christen sollen aber darum wissen, und sie sollen es bewusst für sich annehmen: Ich lebe. Aber in Wirklichkeit ist mein Leben gar nicht mein Eigentum, sondern eine Art Fremdkapital. Mein Leben, Gottes Kapital! Doch er gibt's ungefragt.

Paulus sagt einmal: "Ich lebe. Aber eigentlich bin das gar nicht ich, der da lebt, sondern Christus lebt in mir." (Gal. 2,20)

Manchmal muss ich denken: Was kann ich dafür, dass ich meine Hände und Füße bewegen kann, und dass meine Sinne das tun, was sie sollen. Ich habe nichts dafür bezahlt, ich habe nicht einmal einen Antrag dazu stellen müssen. Und Gott gibt mir's einfach so! Da kann ich doch eigentlich nicht anders, als zu sagen: "Es ist ja, Herr, dein G'schenk und Gab mein Leib und Seel und was ich hab in diesem armen Leben. Damit ich's brauch zum Lobe dein, zu Nutz und Dienst des Nächsten mein..."

Ich lasse in Gedanken den Reichtum Gottes an meinen Augen vorüberziehen. Eine Fülle von Fähigkeiten und Gaben! Und wenn man diese Fülle aneinanderfügt, dann ist das seine Gemeinde. Da soll nicht einer nach anderen Gaben streben wollen als denen, die ihm anvertraut sind. Vor allem aber soll jeder sagen: Was mir anvertraut ist, ist wirklich das, was Gott für mich gedacht hat.

Man erzählt die Geschichte von einem Bildhauer, der wegen einer gut gelungenen Skulptur bewundert wurde. Man fragte ihn, wie er denn das gemacht habe. Das müsse doch viel Planung und Übung und Vorbereitung und Inspiration erfordert haben. "Ach", sagte der Künstler, "das war eigentlich sehr einfach. Denn das Bild steckte ja in dem rohen Steinblock schon drin. Ich habe nur Hammer und Meißel genommen, und alles Überflüssige weggeklopft.

So ähnlich ist es bei uns oft auch. Vermutlich entstehen die meisten Probleme in unserem Leben durch ein Zuviel, nicht durch Mangel. Wir möchten gerne mehr haben, statt uns auf das Wesentliche zu beschränken, das Gott uns zugedacht hat. Wir kümmern uns um viel zu viele Dinge, die sehr nebensächlich sind. Diese vielen Nebensachen halten uns derart in Atem, dass wir fast nicht mehr können. Wir brauchen den Mut, uns von Gott das Unwichtige wegnehmen zu lassen. Positiv ausgedrückt: Es soll das ans Tageslicht kommen, wie Gott sich dein Leben gedacht hat, deine Gaben und Fähigkeiten. Und dann soll das in den Dienst Gottes gestellt werden.

Viele sind undankbar für die Gaben, die sie von Gott bekommen haben. Sie wollen eigentlich ganz andere. Das ist dumm. Stellen Sie sich vor, da bekommt jemand zum Geburtstag ein Geschenk, das ihm nicht gefällt. Vor lauter Frust haut er dem Geber das Geschenk um die Ohren. Ich wette, der wird ihm nie wieder etwas schenken.

Menschen machen es mit Gott auch oft so. Vielleicht häufiger, als wir denken. Aber meinen Sie, dass das auf Dauer gut ausgeht? Zwar ist Gott großzügiger als wir. Er ist nicht gleich eingeschnappt, wenn wir mit etwas nicht zufrieden sind. Aber das bringt Schaden, vor allem bei uns. Denn so kann man sich nicht mit den eigenen Fähigkeiten identifizieren.

Wir müssen uns statt dessen mit dem identifizieren, was uns Gott gegeben hat. Nicht nach den Kirschen auf Nachbars Garten schielen, sondern die vom eigenen Baum pflücken.

In unserem Garten waren ja eine Zeitlang Schafe vom Ringgenhof. Ich habe beobachtet, dass die oft am Zaun stehen und versuchen, an das Gras auf der anderen Seite des Zaunes heranzukommen. Das muss offensichtlich besser sein. Dann haben wir eines von den Schafen auf die andere Seite des Zaunes genommen. Wissen Sie, was das gemacht hat? Es ging an den Zaun, und versuchte auf der alten Seite zu grasen. Ich weiß nicht, was der Verhaltensforscher Konrad Lorenz dazu gesagt hätte. Aber ich frage mich ganz naiv, ob Schafe tatsächlich genauso dumm sind wie wir.

Wenn wir die Gaben Gottes bejahen, kann Gott sie auch ausbauen, veredeln; dann können sie auch mehr werden. Ja sagen zu den Gaben: Das erscheint uns manchmal eher so, dass wir ja sagen zu unserem eigenen Mangel. Aber wer zu dem Wenigen ja sagen kann, für den wird es unter Gottes Segen zur Fülle.

Manchmal führt das auch zu einer Unzufriedenheit mit den geistlichen Gaben, die wir in der Gemeinde haben. Gestirnglaube, Pendeln, Tischrücken und andere abergläubische Praktiken treten in Konkurrenz zu geistlichen Gaben. Wenn unser Beten kraftlos wird, dann müssen wir uns neu mit der Kraft Gottes ausstatten lassen, aber nicht "auf der anderen Seite grasen".

Darum müssen wir immer wieder dranbleiben und dankbar von den Gaben und vom Geschenk Gottes leben. Wir brauchen keine Power von unten. Gott hat genug. Er hat die Fülle.

Weiter werden wir gefragt: Was setze ich von dem Geschenk Gottes ein? Was gebe ich der Gemeinde weiter? Die Gaben sind ja nicht mein Eigentum, sondern Gottes Eigentum. Darum gilt: Gaben verpflichten. Wer sie nur für sich selbst und den eigenen Nutzen gebraucht, der entzieht sie Gottes Verfügbarkeit.

Ich sehe in Wilhelmsdorf hier eine ganz große Bereitschaft, die Gaben einzubringen, gerade auch für die Gemeinde. Da arbeiten viele in den Jugendgruppen und in den Kreisen der Gemeinde mit. Wir sehen den Einsatz der Gaben auch an der Mithilfe beim Bau im Gemeindehaus. Da wird viel praktisch die Hand mit angelegt und da werden auch die Kosten mitgetragen. Ich bin dankbar für das, was geschieht. Dennoch brauchen wir auch immer wieder die Erinnerung, uns von Gott zeigen zu lassen, wie wir unsere anvertrauten Gaben einsetzen. Im finanziellen Bereich ist der biblische Zehnte ein guter Maßstab. Nicht alles für die eigene Gemeinde, aber für die weltweite Gemeinde Jesu Christi. Das ist für uns kein Gesetz, aber ein Vorbild. Genau genommen ist ja auch das, was ich erwirtschafte, nur anvertraut, denn es ist Gottes Ertrag von dem, was er mir gegeben hat.

Christen leben aus dem Geschenk Gottes. Es gibt Menschen, an denen ist der Mangel deutlicher zu sehen als an anderen. Menschen die blind sind oder kaum hören können, oder die anderswo mit starken körperlichen oder geistigen Einschränkungen leben müssen. Gerade in Wilhelmsdorf haben wir in der Diakonie das deutlich vor Augen. Es fällt nicht leicht, das zu sagen: Aber auch diese Einschränkungen sind nicht ohne Gabe Gottes zu sehen. Dieser Mangel fordert und weckt Kräfte bei denen, die helfen können. Dieses Helfen baut Gemeinde. Es kann auch die Gemeinde nach außen glaubwürdig machen und zum geistlichen Zeugnis werden.

Darum, ob wir bei uns viele oder wenige Gaben entdecken, Reichtum oder Mangel: Wenn wir es aus der Hand Gottes nehmen, dann dürfen wir ihm darüber dankbar sein und ihn loben.

Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

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