Gottesdienst am 16. Juni 2002, in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr,
Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32

Wegen Gelenkschmerzen musste ich mir vor einigen Monaten Massagen geben lassen. Irgendwas war nicht in Ordnung, eine Zerrung oder Prellung, jedenfalls schmerzhaft. Ich hatte gedacht, beim Massieren wird das besser. Aber während des Massierens war das manchmal sogar ordentlich schmerzhaft, und zwar genau an der Stelle, an der der Schmerz doch eigentlich sitzt.

Neulich habe ich von einem anderen Kranken gelesen, der Schmerzen im Bein hatte. Der hatte einen Trick raus, dass das nicht weh tut beim Massieren. "Weißt du, erzählte er einem Leidensgenossen, ich halte immer das gesunde Bein hin." (Vgl. Tobias Geiber, ebd. S. 69),

Für heute ist ein Predigttext dran, der ist wie eine Massage an der Stelle, an der es weh tut. Es hilft nichts, wenn man die schmerzenden Stellen versteckt. Gerade an sie will Gott drangehen. Aber er will nicht die Schmerzen seiner Leuten, sondern er will Heilung.

[Hesekiel 18, 1-4.21-24.30-32]
Und des HERRN Wort geschah zu mir:
2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden"?
3 So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel.
4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben.
21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat.
23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Greueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern in seiner Übertretung und Sünde, die er getan hat, soll er sterben.
30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt.
31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?
32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Wenn jemand eine Dummheit gemacht hat und die Folgen davon nun tragen muss, dann sagen wir z.B.: "Der muss die Suppe, die er sich eingebrockt hat, selbst wieder auslöffeln." Man könnte noch mehrere solcher Sprichwörter finden, die alle etwa das gleiche aussagen: Es ist nicht gleichgültig, was wir machen. Die Folgen unseres Tuns müssen wir tragen. Ich bin sicher, dass wir eine ganze Menge solcher Worte finden würden.

Sprichwörter geben die Lebenserfahrung von oft vielen Generationen wieder und treffen deshalb meist etwas Richtiges. Auch das Sprichwort, das im Volk Israel zur Zeit Hesekiels gang und gäbe war, wollte im Grunde genau das sagen: "Musst die Suppe selber auslöffeln" nur noch viel schlimmer. Wir müssen nicht nur die Folgen unseres eigenen Tuns tragen, sondern sogar die unserer Vorfahren. Und auch dieses Sprichwort hatte irgendwie recht. Die Geschichte zeigt es vielfach. Israel musste damals seinen Ungehorsam gegen Gott damit büßen, dass es in die Verbannung nach Babylon musste. Viele Beispiele könnten hinzugefügt werden, auch die Geschichte unseres eigenen Volkes. Man könnte es fast als allgemeines Gesetz der Geschichte bezeichnen.

Um so erstaunlicher ist es, dass Gott diese Gesetzmäßigkeit durchbrochen hat. Weder das Volk noch der einzelne soll mehr auf seine Vergangenheit festgenagelt werden. In diesem Kapitel sagt Hesekiel im Auftrag Gottes, warum das nicht mehr gelten soll. Gott gibt die Möglichkeit zur Wende. Als Überschriften sollen drei Punkte dienen: "Gott will, dass wir leben sollen

1. auf uns persönlich kommt es an
2. auf das Heute kommt es an
3. darum greif zu

1. Gott will, dass wir leben sollen - auf uns persönlich kommt es an
Gott sagt nicht: Es wird alles wunderbar werden ohne euer Zutun. Sondern was mit uns geschieht, liegt schon auch an uns. Der Prophet sagt im Auftrag Gottes die beiden Möglichkeiten: Wer sündigt, soll sterben; aber wer umkehrt, wird leben.

Die Menschen stöhnen oft darüber, dass sie büßen müssten, was andere falsch machen. Die anderen seien an allem schuld. Das können z.B. die eigenen Eltern sein. "Meine Eltern haben mich sehr hart erzogen. Sie haben mich furchtbar eingeengt. Ich habe nichts gedurft. Jetzt ist es doch selbstverständlich, dass ich ausgerissen bin, dass ich mich nicht mehr nach ihnen richte." Oder es kann umgekehrt heißen: "Meine Eltern haben mich so sehr verwöhnt, dass ich jetzt mit dem Leben nicht zurechtkomme. Meine Eltern sind schuld, dass mein Leben kaputtgeht." Statt Eltern könnte es auch einmal "Lehrer" oder "Pfarrer" oder "Regierung" lauten, oder auch "meine Kinder" oder "mein Ehepartner".

Aber Gott will, dass wir nicht die Verantwortung für unser Leben abschieben, sondern auf uns selbst kommt es an. Die Psychologie hat in unserem Jahrhundert gewiss viele Leistungen hervorgebracht. Aber manches davon kann in vereinfachter Form missbraucht werden und der eigenen Entschuldigung dienen. So kann, was vielleicht gut gemeint war, uns zum Schaden und Verderben werden. Gott sucht nicht nach allen möglichen Erklärungen, sondern er schaut auf unser Herz und auf unser Leben, wenn er uns beurteilt. Gott kommt es überhaupt nicht darauf an, irgendeinen Schuldigen zu suchen. Sondern er will, dass ich Verantwortung für mich übernehme. Auf mich kommt es an.

Ein Pfarrer musste einmal vor den Insassen eines Gefängnisses predigen. Als er in den Saal kam und durch den Mittelgang ging, schlugen ihm die abweisenden Blicke der Gefangenen entgegen, eisige Gesichter, versteinerte Herzen, als ob sie sagen wollten: Was hast du für eine Ahnung, wie es in uns aussieht. Uns ist nicht zu helfen. Da ist schon viel zu viel gelaufen. Dem Pfarrer wurde deutlich, dass hier salbungsvolle Reden oder fromme Redensarten völlig fehl am Platze waren.

In Gedanken strich er sein vorbereitetes Konzept durch und überlegte, wie er anders zu ihnen reden könnte. Während er um Gottes Leitung betete, stieg er mit Herzklopfen die Stufen zum Rednerpult hinauf. Ein ungeschickter Tritt, und er stolperte und fiel hin. Gelächter erfüllte den Gefängnissaal.

Doch er erhob sich, und hatte sein Thema gefunden und rief: "Männer, genau das ist es, weshalb ich hierher gekommen bin - nämlich um euch zu sagen, dass ein Mensch fallen und wieder aufstehen kann." (Hört ein Gleichnis S137).
Ich mache in diesem Bild einen Augenblick weiter:
Es gibt Menschen, die fragen in einer solchen Situation: Warum bin ich gefallen? Vielleicht stand ein Nagel heraus an der Treppe? Oder war eine Stufe um einen Zentimeter zu hoch? Und dann betreiben sie Ursachenforschung. Dabei sit es nicht wesentlich, ob die Sache groß oder klein ist, ob Gefängnis drohte oder ob es nur einige Probleme in der Familie gab. Die Ursachenforschung läuft im Prinzip gleich ab.

Doch eigentlich ist der Grund sehr unwichtig. Statt dessen soll wieder aufstehen, wer gefallen ist. Und das ist auch Gott wichtig. Er will nicht so sehr unsere Vergangenheit erklären, sondern er will uns die Gegenwart und damit auch die Zukunft schenken.

2. Gott will, dass wir leben sollen - auf das Heute kommt es an
Bis hierher konnte das ganze, was ich gesagt haben, beinahe wie ein Appell an einen starken Willen klingen. Aber es ist als Verheißung gemeint. Selbst wenn bisher alles schiefgelaufen ist, das ist für Gott völlig unwesentlich. Er will meine Gegenwart haben. Wir Menschen interessieren uns für die Vergangenheit von anderen Menschen, wenn wir sie beurteilen wollen. Wir meinen, wie es gestern gewesen ist, so geht es heute weiter. Für Gott sieht es aber anders aus. Er steht zu dir und mir heute - egal was gestern war.

Wie das Wetter über Nacht anders werden kann, so kann Gott Neues bei einem Menschen schaffen. Und wir sagen dann auch: Der ist wie ein umgedrehter Handschuh. In der Sprache der Bibel ist das Buße, oder besser gesagt: Umkehr, Bekehrung. Gott vergibt Vergangenheit, wenn der Mensch will. Aber er sagt nicht, du machst ruhig so weiter wie bisher. Gott will tatsächlich ein neues Leben sehen.

Der Kirchenvater Augustin ist eines der beeindruckendsten Beispiele, wie Gott aus einem vermurksten Leben etwas Neues machen kann. Augustin schreibt selbst in seinen Bekenntnissen ausführlich über sein altes liederliches Leben. Er beschönigt nichts. So ziemlich alle Verirrungen, die im damaligen Rom möglich waren, kommen auch bei ihm vor: Irrlehren, intellektuelle Eitelkeit und sittliche Verfehlungen. Aber dadurch brachte er sich selbst so in die Enge, dass ihm klar wurde: So kann das Leben nicht weitergehen. Er suchte nach Gott.

In dieser Lage beschreibt er einen Sturm in seiner Seele. Es ärgerte ihn maßlos, als er hörte, wie recht einfache Menschen zu Christen wurden und ihr Leben ab da eine besondere Anziehungskraft erhielt. Er, einer der gescheitesten Menschen des ganzen Römerreiches, sollte daran vorbeigehen? Wie lange sollte er es noch vor sich herschieben. Er wusste doch genau was dran war: Nämlich Gott sein ganzes Herz auszuliefern. Er befand sich gerade in einem Garten. Da hörte er vom Nachbarhaus die Stimme eines Kindes singen: "Nimm und lies, nimm und lies! (Tolle lege!)" Das ist nicht der Inhalt eines Kinderliedes, sagte er sich. Es musste Gottes Stimme sein.

Er ging zurück an die Stelle, wo er die Briefe des Apostels Paulus liegen hatte, öffnete das Buch und las den Abschnitt, auf den seine Augen zuerst fielen (Rm.13,13f Laßt uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.) Das Wort traf ihn so, dass er nun nicht mehr zögerte. Er kehrte um, ließ seine Vergangenheit hinter sich und lebte ab da im Glauben an seinen Herrn Jesus Christus (Confessiones, Achtes Buch, XII).

Nur wenige Menschen haben den Verlauf der Kirchengeschichte so tief geprägt wie er. Es kam nicht auf seine Vergangenheit an, sondern darauf, dass er sich dem Anruf Gottes stellte, als er ihn traf.

3. Gott will, dass wir leben sollen - darum greif zu
Viele Menschen wissen, dass sie vor Gott nicht bestehen können, wenn sie sich vor ihm verantworten müssen für das, was sie bisher gelebt haben. Aber Gott will nichts lieber als unsere Vergangenheit ohne ihn durchstreichen und uns ein neues Leben geben. Aber dazu müssen wir uns von dem Urteil der Menschen lösen. Es muss uns gleichgültig sein, was sie denken.

Gott wirbt um uns. Wir bewältigen Vergangenheit, indem wir nach seiner ausgestreckten Hand greifen. Nicht grübeln. Nicht hadern. Auch nicht daran herummachen: Was denken denn dann die anderen.

Bei Hesekiel ist sicher das irdische Leben im Mittelpunkt. Gott will, dass wir hier ein erfülltes Leben in seiner Gegenwart leben. Aber vom Neuen Testament aus dürfen wir einen Schritt weiter gehen. Er will unsere Erfüllung im ewigen Leben. Um wieviel mehr gilt es deshalb für uns, dass er das Ziel des Lebens für uns hat, nämlich des ewigen Lebens.

Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

YouGo 31.jpg (26597 Byte)

 

 

Impressum