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Gottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis, 9. Juni 2002, in
Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr, In der Nähe von Endersbach im Remstal hat man früher eine zerfallende Steinhütte gezeigt. Eine Tür war nicht mehr dran, Fensterläden auch nicht. Es hieß, in dieser Hütte habe einmal ein Einsiedler gelebt. Ich weiß noch, wie uns als Kinder diese Gestalt fasziniert hat. Wir haben diesen Mann ja nicht gekannt. Aber in kindlicher Phantasie malte sich jeder etwas aus. Irgend etwas Gruselig-Faszinierendes musste an diesem Menschen gewesen sein: Da lässt jemand die Gemeinschaft der anderen hinter sich. Er will allein leben, vielleicht weil er Gott besonders nahe sein will. Oder weil er mit den anderen nicht zurechtkommt? Aber ein richtiger Mensch konnte das nicht sein. Die Erwachsenen haben dazu kaum einen Kommentar abgegeben. Ich glaube, für sie war es eine ausgemachte Sache, dass man so nicht leben kann. Erstens hat er nichts Rechtes geschafft, und zweitens musste bei ihm irgendwo ein Problem versteckt sein. Jedenfalls war diese Lebensart kein Vorbild für unsere Gesellschaft, sie war auch kein Vorbild für unser christliches Leben. Das Einsiedlerleben, das Eremitentum, war immer nur eine Ausnahmeerscheinung; erst recht, wenn man an die Extremformen der Säulenheiligen denkt. Beispiele zum Bewundern, aber kaum zum Nachahmen! Dennoch ist dieses Beispiel zum Nachdenken. Warum leben Christen eigentlich nicht als Einsiedler? Sozusagen pflichtgemäß und zum Programm erhoben? Warum gehen sie nicht von den andern weit fort, um nur unmittelbar vor Gott leben zu können? Könnte man sich vorstellen, dass Jesus seine Jünger angewiesen hätte: Geht auseinander, jeder an einen stillen Ort und betet und wartet auf meine Wiederkunft? Und schließlich gibt es ja auch noch andere Arten von Alleinsein: Die Einsamkeit mitten in der Gesellschaft, oft besonders in den Ballungszentren und Großstädten, aber auch im Dorf. Kurz: Warum leben wir in der Gemeinschaft und was hat das zum Ziel? Von Anfang an haben Christen in der Gemeinschaft gelebt. So heißt es von der Urgemeinde in Jerusalem nach Apostelgeschichte 2,42: Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. Die Gemeinschaft soll nach Gottes Willen dazu dienen, dass
wir Wir sind nicht vollkommen. Darum brauchen wir Gemeinschaft. Jeder und jede von uns behält irgendeinen Mangel; manchmal sogar sehr große. Und wir wissen das sehr genau. Nicht nur unsere Fehler und Sünden machen uns unvollkommen. Wir haben nur wenige Gaben und beschränktes Wissen und beschränkte Erfahrung. Keiner hat alle Länder gesehen und jeden Stein rumgedreht, keiner hat jede Krankheit gehabt und alle Bücher gelesen. Wir sind aufeinander angewiesen, damit wir den Reichtum Gottes abbilden. Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth, dass sie keinen Mangel hätten an irgendeiner Gabe. Aber er schreibt das von der Gemeinde. Nie wird beschrieben, dass ein Mensch alle nötigen Gaben hätte. Das ist auch die normale menschliche Erfahrung. Vollkommen waren weder die Könige und Kaiser in alten Zeiten, noch sind es die heutigen Parlamentarier. Wir haben diese Weisheiten sogar in unseren demokratischen Gesellschaften fest eingebaut. Viele Gaben sollen zusammenwirken. Nur wenn viele sich sinnvoll ergänzen, kann man dem Leben gerecht werden. Nun hat die christliche Gemeinschaft noch eine besondere Ausprägung. Das geht über die rein menschliche Ergänzung hinaus. In unserer geistlichen Gemeinschaft haben wir teil an Christus. Und das reale Zeichen dafür ist das Abendmahl. Hier werden wir sozusagen zur Vollkommenheit Christi ergänzt. Denn selbst eine reich begabte und gute Gemeinde hat noch ihre Mängel. Und sie darf das auch haben. Meine niemand, das dürfe nicht vorkommen. Aber Christus hilft uns durch die Gemeinschaft mit ihm zum Vollkommenen. Das wird im Glauben erfasst und geglaubt. Wir wissen es von der Geschichte unserer eigenen Gemeinde. Wir haben es sogar schriftlich, dass da viele Fehler vorgekommen sind. Welche Gemeinde hat schon diesen Vorzug, dass ihre Mängel in Büchern veröffentlicht werden. Und viele Menschen haben Wunden davongetragen. Diese Fehler sind gewiss in allen Generationen unserer Gemeinde gewesen. Sie werden auch bei uns sein. Ich sage das nicht, um etwas zu übertünchen. Sondern ich sage das, damit wir keine Illusionen haben. Wer ohne Sünde ist, der hebe den ersten Stein. Wir brauchen in der Gemeinde Güte mit den Fehlern anderer. Doch wir wären arm dran, wenn wir bei dieser Feststellung stehenbleiben müssten. Aber in der Gemeinschaft mit unserem Herrn werden unsere Mängel ausgeglichen. Von ihm erfahren wir Vergebung unserer Schuld. 1. Wir verändern uns gegenseitig und dienen einander Zum Glück verändern wir uns nicht total. Sonst würden wir uns ja bald nicht mehr wiedererkennen. Dass wir einen Teil unserer Macken behalten, das bewahrt unsere Identität. Nicht jede Macke muss gegen Gottes Willen gerichtet sind. Manches dient auch dazu, dass es noch Originale gibt. Und dennoch: Zur christlichen Gemeinschaft gehört, dass man sich gegenseitig verändert. Wir sollen einander helfen, dass die Frucht des Geistes gedeihen und wachsen kann: Liebe, Freude, Friede, Geduld... Wir sollen einander helfen, dass wir uns mehr zum Bild Gottes verändern. Wir sollen dem ähnlicher werden, wie Gott uns gedacht hat. Es tut weh, sich hier und da aneinander zu reiben oder einander zu schleifen. Aber es ist ausgesprochen nötig. Im Himmel werden wir das einmal nicht mehr tun müssen. Das ist ein irdisches Geschäft. Darum müssen wir die Zeit hier nützen. Wenn dir etwas auffällt, was am Bruder oder der Schwester nicht in Ordnung ist, verheb's nicht auf den Himmel. Wenn's dein Freund oder deine Freundin ist, dann denk: Das gehört zu den Liebesdiensten, die uns unser Herr aufgetragen hat. Sag's in Liebe und Güte, was dir aufgefallen ist. Aber meine nicht, das wird ihm schon selber auffallen. Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass einem "normalen Menschen" seine eigenen Fehler und Sünden auffallen. Dafür brauchen wir einander. Wenn wir uns diesen Dienst nicht tun, dann nehmen unsere Sünden überhand. Und wenn's der Pfarrer ist, dem du etwas zu sagen hättest, und du traust dich nicht, dann sag's wenigstens seiner Frau. Die weiß dann schon, wie sie's ihm sagt. Aber mach' den Bogen nicht zu weit, über die Freundin seiner Frau oder noch weiter... Denn es ist zu fürchten, dann kommt es nie an. Sag's nach Möglichkeit dem direkt, den es betrifft. Es könnte aber auch sein, dass du mit jemanden schon lange über's Kreuz bist; dann fällt dir auf, dass du ihm etwas zu sagen hast, dass er sich ändern sollte. Das ist dann wahrscheinlich eine Täuschung. Dann solltest du vorher zehnmal dir selbst etwas sagen lassen, bevor du einmal ihm etwas sagst. Da ist das Wort von Jesus dran mit dem Splitter im fremden und mit dem Balken im eigenen Auge. Wir verändern uns zwar gegenseitig; aber auf's Ganze gesehen fast unmerklich. Das geschieht nicht plötzlich. Und es geschieht auch nicht immer bewusst. Manches passiert einfach weil wir da sind; weil wir so verschieden sind; weil wir irgendwelche Bemerkungen machen, die beim anderen ankommen. In der Gemeinde sind wir einander Seelsorger, bewusst und unbewusst. Und das ist nach dem Willen Jesu. Dazu ist unsere Gemeinschaft da. Das gehört auch mit zum Priestertum aller Gläubigen. Jesus hat übrigens diese Sache auch angesprochen. Er sagt
nach Matthäus 18: 2. Wir haben gemeinsame Aufgaben nach außen Die Gemeinde ist kein Selbstzweck. Sie hat nicht einfach nur den Sinn, dass der geistliche Betrieb in ihr läuft wie geschmiert. Sondern die Gemeinde Jesu ist missionarische und diakonische Gemeinde. Ich will hier vor allem an 2 Worte Jesu erinnern: Zuerst der Missionsbefehl: Jesus hat seinen Jüngern als Hauptziel gegeben, dass sie andere in seine Nachfolge rufen. Die anderen, die ihn noch nicht kennen, sollen ihn kennen lernen. Dazu soll seine Gemeinde keine Mühe scheuen. Sie muss dazu manche gewohnten Dinge verlassen. Gehet hin in alle Welt... Das ist ein großer Aufwand. Das ist nicht nur ein Nebeneffekt der Gemeinde, sondern ihr ganz großes Hauptziel. Natürlich ist das nicht unsere einzige Aufgabe. Wir haben an der Gestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. Wir arbeiten mit an der Erhaltung der Schöpfung. Wir haben unsere Berufe und arbeiten im Alltag nach unseren Kräften. Aber unser ganzes Tun soll doch auf das Ziel hin zugeordnet sein, dass wir Menschen für Christus gewinnen. Nach dem Gleichnis vom Weinstock und den Reben sagt er zu seinen Jüngern: Johannes 15,16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe. Die Siedler, die Wilhelmsdorf einst gegründet haben, wollten bewusst eine Gemeinschaft bilden, die Jesus dient. Sie wollten nicht eine neue Siedlung erstellen, wie es im Lauf der Geschichte unsagbar viele neue Siedlungen gab. Sie wollten im Glauben an ihren Herrn leben können und sie wollten Zeugen für ihn sein. Wir sollen dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren, auch wenn wir viel bessere Situationen haben als die damals. Die Welt ist heute elender dran als damals. Sie braucht Jünger Jesu dringender als je, solche, die sich in Diakonie und Mission einsetzen lassen, für ihr zeitliches und für ihr ewiges Heil. Amen! (Pfr. Dr. K. Knauß)
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