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Gottesdienst am Pfingstsonntag, 19. Mai 2002,
Brauchen wir den Heiligen Geist? Können wir unser Angelegenheiten nicht selbst regeln? Gewiss, wir wollen natürlich auf Gott hören. Und wir stellen's uns etwa so vor, dass er uns etwas mitteilt und wir darauf reagieren. Aber brauchen wir zum Hören den Heiligen Geist? Dass wir Gott recht verstehen, ist das nicht eine Sache der guten Auffassungsgabe? Oder brauchen wir den Heiligen Geist zum Tun? Oder um Gottes Wort auszulegen? Wir lernen das Lesen doch in der Schule. Braucht's dazu mehr als nur lesen zu können, wenn man Gott verstehen will? Also: Brauchen wir den Heiligen Geist? Und wenn wir ihn brauchen, was tun wir dafür? Wie ist eine Verständigung zwischen Gott und uns möglich? Wir machen uns große Mühe, Möbel für unsere Wohnung zu suchen, wenn wir etwas einrichten müssen. Was ist praktisch oder sinnvoll, was gefällt mir? Als wir in Wilhelmsdorf neu eingezogen sind, war es das Natürlichste von der Welt, dass wir im Pfarrhaus die Räume vermessen haben und geschaut, was wir wo unterbringen. Und dann haben wir selbstverständlich überlegt, ob wir das eine oder andere nicht neu brauchen. Also Bleistift, Papier und Hirnschmalz war nötig. Anders kann man sich das nicht recht vorstellen. Man muss sich anstrengen, wenn man nachher eine sinnvolle Lösung haben will. Wir machen uns auch Gedanken, wenn wir Geld brauchen. Wo leihe ich es mir? Wo kriege ich's am günstigsten... Der Heilige Geist hat etwas mit unserem Leben zu tun, mit unserer Lebensplanung, mit unseren Lebenszielen. Er hat etwas zu tun mit unserem Draht zu Gott. Darüber sind sich Christen einig, gleichgültig welcher christlichen Schattierung sie zugehören. Dann müssen wir uns eigentlich über den Heiligen Geist mehr Gedanken machen als über unsere Wohnungseinrichtung und über unser Geld. Heute sind wir dazu aufgerufen: Wir sollen darüber nachdenken, wo wir den Heiligen Geist brauchen? Aber unser ganzes Nachdenken hat nur Sinn, weil Gott seinen Heiligen Geist versprochen und uns gegeben hat. 1. Wer ist der Heilige Geist? 2. Was tut der Heilige Geist? 3. Wie bekommen wir den Heiligen Geist? 1. Wer ist der Heilige Geist? Gott sagt von sich: "Ich bin Gott, und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir." (Hos. 11,9). In ähnlicher Weise nennen wir den Heiligen Geist deshalb heilig, um ihn nicht mit irgendetwas Geschaffenem zu verwechseln. Er gehört eben zu Gott und nicht zur Schöpfung. Schon längst vor Pfingsten ist der Heilige Geist da. Sogar schon bei der Erschaffung der Welt spricht die Bibel von dem Wirken des Heiligen Geistes. So heißt es ganz am Anfang: "Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser." (1. Mose 1,2). Der Heilige Geist hat die Propheten des Alten Bundes geleitet (Vgl. z.B. in Jesaja (63,11) über Mose: Wo ist, der seinen heiligen Geist in ihn gab?). Sie haben in seiner Kraft gesprochen oder gar wurden sie von ihm als Sprachrohr benützt. Allerdings wird im Alten Testament der Heilige Geist nur als Gabe für relativ wenige genannt. Sie stehen sozusagen als Vermittler zwischen Gott und dem Volk. Das Volk selbst erfährt Gottes Willen nur durch seine Worte, z.B. durch die Worte der Propheten. Es gibt für die Menge keinen direkten Zugang zu Gott. Und als es im Alten Bund seit Maleachi keine Propheten mehr gab, da redete man im Judentum, als wäre der Heilige Geist fortgenommen worden (Z.B. Tosefta Sota 13,2, siehe Strack-Bill I, S.127). Nun reden aber verschiedene alttestamentliche Propheten von der Verheißung, dass der Heilige Geist einmal für alle Gläubigen oder alles Volk gegeben wird (Hes. 36,26f; Joel 3, 1f). Da wird Gott sehr viel mehr tun als in den besten Zeiten der Vergangenheit. Durch den Heiligen Geist werden alle den Willen Gottes erkennen und von ihm selbst geleitet sein. Das neue Herz und die neue Gesinnung werden die Kennzeichen des Heiligen Geistes sein. Das normale Lebensgefühl vor Gott scheint mir das zu sein, dass man einen unendlichen Abstand zu Gott empfindet. Gott ist so weit weg, dass ich es mir eigentlich gar nicht recht vorstellen kann, was er von mir will. Und selbst wenn ich wüsste, was Gott will, ich könnte es nicht umsetzen. Denn ich habe doch nur sehr begrenzte menschliche Kräfte zur Verfügung. Aber der Heilige Geist springt in die Lücke. Er macht den unendlichen Abstand sehr klein. Schon Jesus hat ihn klein gemacht. Der Heilige Geist macht den Abstand noch kleiner. Jesus hat ihn den Tröster genannt, den Anwalt. Der Anwalt ist auf unserer Seite. Er tritt für uns ein, er vermittelt und übersetzt. Er ist sozusagen die ausgestreckte Hand Gottes - Gott selber. Aber er handelt nicht in der Distanz, sondern in großer Nähe zu uns. 2. Was tut der Heilige Geist? In der Zeit Jesu lag eine große Erwartung in der Luft lag. Die Menschen haben Gottes Handeln erwartet. Und dann gab es an Pfingsten einen plötzlichen Durchbruch. Es war kein menschliches Werk. Sondern Gott persönlich hatte eingegriffen. Wenn wir über den Heiligen Geist reden, dann müssen wir darüber sprechen, was damals passierte. Schauen wir uns den Bericht des Lukas im 2. Kapitel der Apostelgeschichte an, dann stand am Anfang des Pfingstgeschehens nicht die Predigt des Petrus. Sondern zuerst haben die Jünger gesprochen; offenbar alle. Es scheint, das habe in Gesprächen in kleinen Gruppen stattgefunden. Denn da heißt es: "und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen." (Apg. 2,4) Was Luther hier mit Predigen übersetzt, ist nicht als Ansprache gemeint, sondern sie priesen und bezeugten Gottes große Taten, die er durch Jesus und an Jesus getan hat, vor allem bei seiner Auferstehung. Das hat die Menschen in Scharen angelockt. Neugier hat sie hergetrieben. Die Jünger, ja waren das denn noch die gleichen Menschen, die noch vor wenigen Wochen oder Tagen sich vor Angst verkrochen haben? Da hatten sie doch die Türen verschlossen, damit ja keiner hereinkommt. Aber auch sie hatten sich nicht hinausgetraut unter die Leute. Ihre Stimmung hatte man vielleicht so beschreiben können: Ja keinen Kontakt mit den anderen! Wir wollen ganz schön für uns bleiben, denn bei den anderen haben wir sowieso keine Chance. Uns kann es niemand nehmen, dass wir Jesus als Auferstandenen gesehen haben. Aber wir behalten's doch lieber für uns, dann kann uns nichts passieren. Neugierige Menschen gibt's doch bei uns auch. Neugier auf alles mögliche, Sport, Politik. Aber gibt's heute auch noch welche, die neugierig sind über das, was bei uns in der christlichen Gemeinde passiert? Neugierig über Gottes Nähe. Neugierig, weil Menschen von ihm erfaßt werden. Neugierig, weil die eingefahrenen Spuren verlassen werden, die Spuren der Angst, die da üblicherweise heißen: Komm mir ja nicht zu nahe! Behalte du nur deine Überzeugung und ich die meine. Dann tun wir uns nicht weh. Wenn jeder seinen Besitzstand wahren will, da ist Pfingsten weit, weit weg. Darum, laßt uns vor der Neugier der Menschen keine Angst haben. Der Heilige Geist hat die Ängste weggenommen. Aber nicht nur das: Sondern er hat sich auch selbst eingemischt. Er hat Menschen zusammengeführt. Er hat die Herzen und Sinne geleitet, dass sie Gott vernehmen konnten. Die Rede des Petrus kommt erst ziemlich spät. Petrus muss den Leuten etwas erklären, was eigentlich unerklärlich ist. Die Menschen waren nicht hergekommen, um seine Rede zu hören, etwa einen berühmten Menschen mit großem Einfluss. Petrus und die anderen wirkten offenbar eher abstoßend durch ihren galiläischen Dialekt. Sondern die Menschen waren gekommen, weil etwas anderes geschehen war. Die Pfingstpredigt trifft auf neugierige Menschen. Petrus erklärt aus der Heiligen Schrift, dass das Geschehene von Gott kommt. Das Geschehene wird uns sehr wohl auch berichtet, ohne dass wir es recht verstehen können. Ein Brausen vom Himmel und ein Feuer, das die Sprache "zerteilt", so dass jeder seine eigene Muttersprache hören konnte. Es könnte ein berechtigtes Anliegen sein, dass manche sagen: Ich will mich lieber nicht so intensiv mit dem Heiligen Geist befassen. Denn wenn ich's tue, dann bin ich nicht mehr ganz frei. Das ist so ähnlich, wie wenn ich mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug springe. Dann kann ich nicht mehr sagen, was geht mich meine Entscheidung von vorher an. Sondern dann muss ich schauen, wie ich heil unten auf dem Boden ankomme. Entweder ich lande gesund, oder ich hole mir einige Knochenbrüche. Mit dem Heiligen Geist ist es so ähnlich. Wer sich auf ihn eingelassen hat, und sei es auch nur so zum Ausprobieren, der kann nicht mehr dahinter zurück. Die Leute damals haben es gewagt, sich auf neue Wege Gottes einzulassen. 3. Wie bekommen wir den Heiligen Geist? Wer zu Jesus gehört, ihn lieb hat und ihm nachfolgt und dient, der hat auch die Gabe des Heiligen Geistes bekommen. Paulus hat einmal gesagt: "Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein." (Röm. 8,9). Und wenige Verse später: "welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder." Aber viele Menschen bauen sozusagen innere Sperren gegen das Werk des Heiligen Geistes auf. Gott will, dass wir diese Sperren abbauen. Dass wir den, der schon in uns wohnt, sofern wir Christen sind, wirken lassen. Es ist so ähnlich wie mit einer Ehe. Man gehört zusammen. Aber man muss trotzdem die Beziehung pflegen und einüben. Um dem Heiligen Geist Raum zu geben, brauchen wir Gemeinschaft mit anderen Menschen, die auch die Nähe Gottes suchen; nicht solche, die ihre Weisheit Gott und den anderen mitteilen wollen, sondern die wirklich und aufrichtig sich unter Gottes Führung begeben. Es kann sein, dass auf einer Konferenz oder Freizeit Gott uns sehr nahe kommt, oder in einem Gottesdienst oder bei einem Abendmahl. Aber Gottes Nähe soll sich dann auch im Alltag bewähren. Das heißt, nicht darüber jammern, wie schlecht ich es habe, sondern dankend in den Tag gehen und Gott danken, dass er mich begleitet. Es ist ein Kennzeichen der Leitung durch den Heiligen Geist, wenn man Gottes Weg einfach gehorcht. Wer sich seiner Leitung verschließt, der betrübt den Heiligen Geist. Darum wirkt der Heilige Geist in uns, wenn wir uns der Heiligung öffnen. Amen!
(Pfr. Dr. K. Knauß)
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