Gottesdienst am Sonntag Exaudi, 12. Mai 2002,  in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr,

Predigtthema: Warten auf den Heiligen Geist.

Christen leben als Wartende. Wir wissen: Das, was wir Tag für Tag und auch im ganzen Lauf unseres Lebens erfahren, ist nicht alles. Da kommt noch etwas, und zwar nicht einfach nur eine Fortsetzung, sondern eine andere Fülle, ein größerer Sinn, eine Er-Füllung; so wie es sich Gott ursprünglich gedacht hat. Aber das ist noch nicht da. Unser Leben steht deshalb in einer gewissen unruhigen Spannung. Da bleiben noch offene Rechnungen. In der biblischen Sprache sind das Verheißungen. Wer von Verheißungen lebt, der wartet auf etwas. Er lebt mit offenen Rechnungen, aber nicht mit solchen, die er noch zu begleichen hätte, sondern die ihm noch gutgeschrieben werden.

Viele Menschen haben doch immer wieder das Gefühl, sie hätten noch Rechnungen zu bezahlen. Ich meine das nicht in Geld, sondern irgendwelche Verpflichtungen. Und sie fühlen sich nicht in der Lage, weil sie zu schwach sind. Immer wieder wird etwas von ihnen verlangt, das sie nicht erfüllen können. Aber für Christen ist die Situation umgekehrt: Gott steht uns gegenüber im Wort. Das Warten der Christen ist nicht unsicher, sondern von einem großen Vertrauen geprägt: Gott ist zuverlässig.

So heißt es in Psalm 145 (15): Aller Augen warten alle auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise gebest zur rechten Zeit.

Selbst beim Alltäglichsten, beim Essen, da warten wir auf das, was Gott und gibt.

Erst recht warten wir auf Gott bei dem, was uns kein Mensch geben kann, beim Heiligen Geist. Das ist auch der Inhalt des Sonntags vor Pfingsten. Wir warten, obwohl er schon längst gekommen ist.

1. Ungeduldige sollen warten

2. Unruhige sollen fest werden

3. Ausgepowerte sollen mit Kraft erfüllt werden

1. Ungeduldige sollen warten

So ging es einst einem sehr Großen im Reich Gottes, den Jesus sogar einmal den Größten unter den Menschen genannt hat (Matth. 11,11): Er wurde ungeduldig, so ungeduldig, dass er es nicht mehr aushielt ohne Antwort.: Johannes der Täufer. Er schickte einige von seinen Jüngern zu Jesus. Jesus sollte endlich heraus mit der Sprache. Endlich sagen, wer er ist. „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?"

Und Jesus hat bekanntlich nicht einfach ja oder nein gesagt. Sondern er hat auf das verwiesen, was man sehen konnte.

Johannes der Täufer hat mit vielen anderen damals auf den Messias gewartet. Der war zwar schon da. Aber doch wurde Johannes nicht einfach mit einer schnellen Antwort abgespeist. Es ist eine unerwartete Aufgabe, die Jesus dem Johannes im Gefängnis mitteilen ließ. Man kann das etwa so umschreiben:

Beobachte! Sieh ganz genau hin! Lass dir's durch den Kopf gehen und durch das Herz. Dann vergleiche mit den Verheißungen Gottes. Und wenn du Gott kennst und das, was er versprochen hat, dann merkst du, dass da etwas zusammenpasst.

Vielen Menschen kann man anscheinend die Geduld nicht mehr zumuten, z.B. wenn jemand krank ist, oder gefangen, oder an der Grenze seiner Fähigkeiten. Aber Gott pressiert nicht. Für ihn gibt es Zeit und Stunde, wo er seine Gaben gibt.

So auch den Heiligen Geist. Jesus hat bei seiner Himmelfahrt seine Jünger angewiesen, auf die Gabe des Heiligen Geistes zu warten. Es waren nur 10 Tage. Aber in diesen Tagen haben sie gebetet. Diese Zeit war sehr ausgefüllt.

Wir Christen können manchmal ungeduldig werden. Wir würden gerne Gottes Hilfe sehr schnell sehen. Natürlich könnte Gott sehr schnell kommen. Aber wir überschauen vieles nicht. Oft brauchen wir gerade diese Entwicklung. In uns soll etwas vorbereitet werden, dass wir beim Handeln Gottes mitkommen. Denn er will uns mit dabei haben. Darum denke ich, dass das Warten um unsertwillen ist. Nicht Gott braucht die Zeit, sondern wir.

Normalerweise halten wir das Warten schlecht aus, etwa beim Warten auf des Flugzeug oder den Zug. Menschen wird beim Warten leicht langweilig. Und wenn einige beieinander sind, dann klopfen sie einen Skat oder andere lieben einen Einkaufsbummel. Das heißt, man fängt an, sich zu zerstreuen. Ich meine jetzt nicht die Zeit der Entspannung. Die soll und darf sein. Sondern ich meine jetzt die Zeit, in der Gott uns nahe kommen will, und wir ihm mit Zerstreuung antworten. Es gibt eine Zeit des Wartens, vor der soll man nicht weglaufen.

Die Zeit des Wartens auf Gottes Heiligen Geist soll für uns damit ausgefüllt sein, dass wir uns auf ihn ausrichten.

2. Unruhige sollen fest werden

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist (Ps. 42,6.12 u. 43,5). Schon im Alten Testament haben es die Frommen erlebt und beschrieben: Während du noch durcheinander bist, ist Gott mit seiner Hilfe schon da. Du kannst zwar noch nichts sehen, weil du so sehr mit dir beschäftigt bist.

Darum müssen wir es im Glauben immer wieder neu lernen: Das, was Gott verheißen hat, ist sicherer als das, was du empfindest oder vor Augen siehst. Gott hat seiner Gemeinde den Heiligen Geist verheißen mitsamt seinen Gaben. Wir sollen uns besonders auch an dieser Zusage festmachen. Denn von ihm ist mehr zu erwarten als von uns.

Jetzt werde ich konkret:

Was erwarten wir in Wilhelmsdorf vom Heiligen Geist? Was meinen wir, dass er hier tun sollte? (kurze Pause, um darüber nachzudenken.)

- Vielleicht, dass wir wissen, wo es für uns persönlich lang geht

Der Heilige Geist sollte uns Wegweisung geben. Er sollte uns solchen Durchblick geben, dass wir Nöte und Fragen lösen können.

- Vielleicht, dass er unsere Gemeinde belebt

Der Heilige Geist soll Wunden unter den Menschen verheilen lassen. Er soll uns gemeinsam ausrichten, dass wir auf Jesus schauen, der unser Herr ist.

- vielleicht, dass Menschen zum Glauben kommen

Er erwarten wir von ihm, dass sein Reich hier auch gebaut werde, dass neu Menschen dazukommen, die ihn bisher nicht gekannt haben. Dafür lasst uns beten, dass er dies tut.

- vielleicht, dass seine Kraft deutlich erlebbar wird

Ja, das ist auch unser Gebet, dass Menschen, die krank sind und leiden müssen, wieder aufgerichtet werden, oder dass es wenigstens besser mit ihnen wird.

3. Ausgepowerte sollen mit Kraft erfüllt werden

Ein Kind hat von seiner Mutter das Versprechen bekommen, dass es einen bestimmten Bären geschenkt bekommt. Es weiß genau, welchen Bären. Der steht dort im Schaufenster im Kaufladen. Immer wieder geht das Kind dran vorbei und freut sich drauf, denn auf die Mutter ist Verlass. Was die verspricht, das wird sie auch einhalten. Doch eines Tages ist der Bär verschwunden. Einfach weg! Und die Verzweiflung ist groß, denn nun wird die Mutter ihr Versprechen gewiss nicht mehr einhalten können, meint jedenfalls das Kind. Das Kind kann es nicht wissen, es ist noch zu klein, dass die Mutter dafür gesorgt hat, dass man den Bären nicht mehr im Schaufenster sieht. Am Geburtstag liegt er dann auf dem Tisch.

Manchmal warten wir auf die Verheißung Gottes. Gott scheint sie nicht einzulösen. Was wir aber nicht wissen: Gott hat schon Vorkehrungen getroffen.

Gott meint es gut mit mir. Ich muss nur die Sorgen wegtun, mich ihm öffnen, das Misstrauen weglassen.

Die Blüten sind schon da. Die Früchte werden kommen, wenn wir sie nicht hindern.

Viele fühlen sich ausgepowert. Aber solche sind bei Jesus genau richtig. Der Heilige Geist will uns zu Jesus leiten. Er will uns mit Kraft ausrüsten aus der Höhe.

So will er das Ungeduldige, Unruhige und die Kraftlosigkeit wegnehmen und durch seine Zuversicht, Festigkeit und Stärke ersetzen.

Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)

 

 

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