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Gottesdienst am Sonntag Kantate, 28. April 2002, in Wilhelmsdorf. Themenpredigt: Wer glaubt, soll singen.
Als im Osten der eiserne Vorgang fiel und ein Land nach dem anderen seinen Weg zur Demokratie fand, da gab es auch ein Land, das sich die diesen Weg durch Singen erstritt: Estland, das nördlichste der 3 baltischen Länder. Es gab schon lange eine singende Tradition. In der Hauptstadt Tallinn gibt es einen Platz, der vielleicht ein Drittel oder die Hälfte der Esten aufnehmen kann. Es gibt ja nur etwa eine Million Esten im Land. In der Zeit des Umbruchs fand ein dort ein solch riesiges Fest statt. Ich kann es mir schwer vorstellen, wie das vor sich geht: Einige Tage Singen von morgens bis abends. Aber es wird berichtet, das sei so gewesen. Und als das Fest zu Ende war, da hätten sich die Esten ihre Unabhängigkeit erkämpft gehabt. Darum nennen sie ihren Umbruch auch die "Singende Revolution". Vielleicht hätte sich mancher von uns bei dem Musikstil nicht so wohl gefühlt. Aber ich will Geschmacksfragen außer Acht lassen. Doch dieses Beispiel zeigt, dass Singen eine große Macht hat. Singen konnte sogar einen politischen Umschwung auslösen. Wer das nicht nachvollziehen kann, den möchte ich daran erinnern: Die Beatles haben einst in den 60er Jahren durch ihre Musik eine Art kultureller Revolution ausgelöst, mindestens bei der jüngeren Generation. Also Singen und Musik hat ein Macht. Am Sonntag Kantate geht es um das Singen. Das ist nicht nur irgendeine nebensächliche Sache. In der christlichen Gemeinde wird von Anfang an viel gesungen. Auch im Alten Israel war das so. Das Singen war in biblischer Zeit so wichtig, dass man sozusagen einen Musik-Minister hatte. Auch für das Neue Jerusalem ist ein Neues Lied angesagt. Es ist Inbegriff und Zusammenfassung der Zugehörigkeit zu Gott und zu Jesus. Im Himmel wird gesungen. Da hat das Klagen und das Weinen aufgehört. Da ist Not und Elend vorbei. Man wird wohl sagen können: Im Singen kommt ein Stück der ursprünglichen und der vollendeten Schöpfung zum Ausdruck. Und darum ist das Singen ein wesentliches Thema der Gemeinde Jesu. Ich will drei wesentliche Bereiche ansprechen: 1. Rechtes Singen dient der
Beziehung zu Gott Andererseits geht es uns oft so, dass ein anderer etwas sagt und wir dann sagen müssen: Der spricht mir aus der Seele. Das ist es eigentlich, was ich auch denke und empfinde. Aber ich hätte es selbst so nicht sagen können. Denn mir fehlt der Ausdruck. Wenn das schon unter Menschen so ist, dann erst recht Gott gegenüber. Wir sind Menschen und spüren nur allzu oft unsere Grenzen. Da helfen uns Musik und Lieder. Sie sprengen wenigstens zum Teil unsere engen Grenzen. Sie helfen uns, dass wir uns Gott besser öffnen können. Wir wollen Gott loben und danken und ihn bitten. Aber unsere Worte sind so dürftig. Manchmal geht es mit den Worten und dem Singen anderer besser, wenn wir's uns zu eigen machen. Es ist darum wichtig, dass wir uns gegenseitig mit hineinnehmen in dieses Gotteslob. Wir sollten es uns zugestehen, dass auch unser Singen noch seine Grenzen hat - und haben darf. Es ist noch nicht das Singen vor dem Thron Gottes. Aber in aller Vorläufigkeit unseres irdischen Lebens soll doch das Singen unser Herz öffnen vor Gott. Stil und Geschmack sind in der Gemeinde nicht vereinheitlicht. Sie kennen keine "Uni-Form", sondern dürfen verschieden sein. Doch darum soll es gehen, dass Gott im Mittelpunkt steht. Nicht Menschen sollen groß sein, sondern er, unser Herr. Das Singen ist für uns liturgischer Bestandteil des Gottesdienstes. Es gehört einfach dazu. Was wären unsere Gottesdienste ohne Musik und ohne Singen? In Wilhelmsdorf hat man sich geeinigt, dass alte und neue Lieder und Musikelemente im Gottesdienst gleichermaßen vorkommen und dabei gleichberechtigt sind. Das sollte aber mehr sein als nur ein Kompromiss. Wir sollten uns gemeinsam freuen können, wenn in der Gemeinde unsere Schwestern und Brüder Gott loben können. Ich freue mich, dass meinem Tischnachbarn die Kartoffeln so schmecken, dann isst er mir wenigstens die Spätzle nicht weg. Gott hat die Vielfalt und den Reichtum ein seine Welt hineingelegt, damit alles ihn lobe. 2. Rechtes Singen dient der
inneren Gesundheit Oder ich denke an eine Frau, die fast an der Grenze ihrer Kraft war. Sie hatte eine große Familie und hatte nebenher eine Landwirtschaft und einen Laden im Geschäftshaus zu bewältigen - eigentlich zu viel für einen schwachen Menschen. Und wenn sie dann am Herd stand und kochte, dann sang sie Paul-Gerhardt-Lieder. Die Lieder haben sie den ungeheuren Druck mit bewältigen lassen, der auf ihr lag. Sie ist schon vor vielen Jahren verstorben. Es war meine Mutter. Lieder können heilen. Singen kann auch schwere Situationen erträglicher machen. Sie können nicht alles. Ein Schlaganfall geht durch Lieder nicht weg und die Wohnung ist durch ein Lied auch noch nicht aufgeräumt. Aber Lied oder Musik können helfen, dass die Seele ein wenig aufgeräumt wird. Darum ist es ein Geschenk, wenn sich Lieder und Musik tief in die Seele eingraben. Und es ist gut, wenn man sie dem Gedächtnis so tief einprägt, dass sie wie von selbst von innen herausfließen. Singen hat mit der Gesundheit viel zu tun: Es ist der billigste Therapeut, den man sich denken kann. 3. Rechtes Singen dient der
Gemeinschaft unter Menschen Die Seele soll überlaufen, nicht nur für Gott, sondern auch für den anderen. Das Singen soll miteinander Freude machen. Wir singen darum auch und gerade das, was dem anderen gefällt. Es soll nicht so sein, wie in jener Geschichte, die neulich als Witz in der Gemeinde weitererzählt wurde: Da geht eine Frau zum Juwelier und fragt nach einem Geschenk für ihren Mann. "Wie wär's mit Manschettenknöpfen?" Die Frau ist nicht zufrieden. "Oder mit einer Krawattennadel?" "Ach nein", sagt die Frau. "Ich denke eher an eine Perlenkette." Der Juwelier wundert sich, aber da sagt die Frau: "Mir hat er doch auch einen Außenbordmotor geschenkt." Nicht das schafft Gemeinsamkeit, was mir Freude macht, sondern wenn ich auf die Interessen des anderen eingehe. Wenn Sie genügend Phantasie haben, können Sie statt Perlenkette und Außenbordmotor auch an unser Liedgut denken. Es eint uns nicht, wenn jeder für das eigene Recht sorgt. Aber es eint uns, wenn wir für den anderen sorgen. Ich fasse noch einmal zusammen: Amen! (Pfr. Dr. K. Knauß)
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