Gottesdienst am Jubilate, 21. April 2002,  in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr, Predigt über „Freude des Glaubens“ - Pfr. K. Knauß

Manche Menschen können mit ein paar Stichworten den Hauptinhalt ihres Lebens beschreiben; oder wenigstens wichtige Stationen; das, was sie bewegt, was ihnen wichtig ist, oder was sie in ihrem Leben erreichen wollen. Wenn ein Radfahrer sagen kann, dass er einmal in seinem Leben die Tour de France gewonnen hat, dann ist das viel. Braucht der noch mehr?

Oder wenn jemand hier sagen kann: Ich habe 40 Jahre bei den Zieglerschen Anstalten gearbeitet! Das ist doch was! So wie früher das Wort lief: "Halt dei Gosch, i schaff beim Bosch". Und man war stolz darauf.

Vielleicht wäre es eine reizvolle Sache, wenn wir uns darüber austauschen würden, was unser Leben erfüllt. Es würden sich viele Stichworte ergeben: Vielleicht Liebe, Anerkennung, Glück, Geborgenheit, Erfolg, Wohlstand...

In der Bibel wird oft von der Freude berichtet; so, als wäre es eine himmlische Gabe, die wir uns durch keine Anstrengungen zulegen können. Freude, die man für nichts in der Welt hergeben wollte. Ich will einfach über einige dieser Beispiele reden. Aus der ganzen Fülle fasse ich 3 Themenkreise zusammen.

1. Freude über Gottes Heilstaten

* Jesus hat einmal das Reich Gottes mit einem Schatz im Acker verglichen. Vielleicht hat vor vielen Jahren jemand diesen Schatz vergraben und konnte ihn nicht mehr bergen. Und nun nach Jahren kommt einer und stößt zufällig drauf. Voller Freude geht er weg und setzt alles dran, um diesen Schatz zu gewinnen. Und Jesus meint: So geht es dem, der das Reich Gottes entdeckt. Freude über das Reich Gottes! Das ist kein Traum, keine Spinnerei. Das ist echt. Und diese Freude setzt große Kräfte frei. Jesus möchte, dass uns diese Freude erfüllt. Er möchte, dass es uns geht wie diesem Finder. Er möchte, dass wir darüber alles andere in die zweite Reihe schieben.

Der heutige Sonntag heißt: Jubilate! Das heißt: Freut euch über Gott. Jauchzt über Gott. Jesus meint, dass diese Freude so elementar ist, dass sie sich spontan einstellt und mit unwiderstehlicher Kraft - ohne lange Entspannungsübungen. Freude über Gott, wie bei einem Menschen, der verliebt ist. Wir sollten nie vergessen, wie das war, als uns Jesus das erste Mal so nahe gekommen ist. Da musste man uns nicht erzählen: "Jetzt freu dich doch!" Das passiert von selbst. Freude wie ein unerwartetes Gottesgeschenk.

* Am Ostermorgen gingen die beiden Frauen zum Grab. Eigentlich hatten sie Jesus einbalsamieren wollen. Aber da ist das Grab offen und leer. Der Engel sagt ihnen, dass er von den Toten auferstanden ist. Und noch bevor ihnen Jesus selbst begegnet, heißt es von ihnen: "sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen." (Matth. 28, 8)

Die Furcht war keine Angst vor etwas Schlimmem. Sondern diese Furcht war eine tiefe Erschütterung. Es war der Ausdruck einer unmittelbaren Nähe Gottes. Alles, was ihr Leben bisher ausmachte, mussten sie neu sortieren. Das war so elementar, dass man es eigentlich fast nicht beschreiben kann. Deshalb wird auch ihre Reaktion mit zwei Worten beschrieben, die für uns normalerweise nicht zusammengehören: Furcht und Freude.

2. Freude als Ergebnis der Mission

* Im Lukasevangelium stehen im 15 Kapitel mehrere Gleichnisse Jesu. Jedesmal wird etwas Verlorenes wieder gefunden, z.B. das verlorene Schaf.
Da ist ein Hirte, der 100 Schafe hat. Er merkt, dass er eines verloren hat. Doch das eine ist ihm so wertvoll, dass er die 99 zurücklässt und dem einen nachgeht. Er scheut keine Anstrengung. Er sagt nicht: "Das lohnt sich nicht, das ist doch nur ein Verlust von 1%, den ich beim Finanzamt geltend machen kann." Sondern er geht dem einen nach, bis er's findet. Und dann legt er es sich auf die Schultern und trägt es heim. Er ruft seine Freunde zusammen, und er lädt sie ein, sich mit ihm zu freuen. Das verlorene Schaf wurde wieder gefunden.

Jesus sagt: So wird auch Freude sein im Himmel über einen Sünder, der umkehrt.

Dieses Gleichnis beschreibt eigentlich die Freude im Himmel. Gott freut sich und die Engel. Aber die Freude springt auch auf uns über. Man kann diese Freude eigentlich nicht beschreiben. Man muss sie selbst erleben. Sie ist ein Stück Teilhabe an den himmlischen Gütern. Wie ist das, wenn man einen Menschen über lange Zeit begleitet. Er hat eigentlich nie Feuer gefangen für Gottes Sache. Aber dann fährt irgendwie der Heilige Geist dazwischen. Und dann darfst du miterleben, wie jemand sich dem Wirken Gottes öffnet. Gewiss, du kämpfst und leidest innerlich mit. Du ringst um ihn. Aber das eigentliche tut doch Gott. Ein Wunder. Und dann darfst du sehen und staunen, wie Gott ein neues Leben mit einem Menschen anfängt.

Es ist eine unvergleichliche Freude. Wer will, ist eingeladen, bei diesem Werk Gottes mitzuhelfen. Gott will sein Werk tun. Und wir dürfen ihm bei seinem Handeln zuschauen. Wir sollen zwar nicht meinen, es sei unser Werk. Doch Gott tut's dennoch durch uns; er will uns die Freude gönnen, dass wir mit dran teilhaben.

* Die Mission war noch ein gewisses Neuland. Da wird von den Aposteln berichtet, wie sie durch verschiedene Länder zogen und wie Menschen zum Glauben kamen, die vorher mit Gott nichts am Hut hatten. In der Bibel nennt man solche Leute Heiden. Jedenfalls sind durch den Dienst der Apostel solche zum Glauben gekommen, von denen man das nicht für möglich gehalten hätte. Und sie fingen ein neues Leben mit Gott an.

Die Apostel kamen zurück nach Jerusalem zu den anderen in der Gemeinde und berichteten darüber. Es gab eine große Freude. (Apg. 15, 3+4)

Es ist die gleiche Freude: Damals vor fast 2000 Jahren und heute. Wenn Menschen zum Glauben kommen, dann ist das ein Anlass zu großer Freude. Ein gewonnenes Radrennen ist ein Dreck dagegen. Und wenn schon Menschen, weil sie ein Rennen gewinnen wollen, mitmachen: Wie können wir uns das entgehen lassen wollen, wenn Gott uns teilhaben lassen will an seinem Werk!

* Jesus hat einmal 72 Jünger ausgesandt und gab ihnen Vollmacht über Krankheit und Dämonen. Sie sollten sich verstehen als solche, die bei Gottes Ernte mithelfen. Gott hat alles vorbereitet. Sie brauchten nur noch mitzuhelfen. Und dann muss es passiert sein: Sie kamen zurück mit großer Freude über das, was Gott durch sie getan hatte. Vielleicht waren sie ein bisschen zu stolz. Jedenfalls sagte Jesus zu ihnen: "..darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind." (Luk 10,17)

3. Freude als Frucht des Geistes

Vielleicht darf man auch im Alten Testament schon von dieser Art von Freude sprechen. Sie erwächst aus dem Umgang mit Gott und aus dem Gehorsam ihm gegenüber.

* In Psalm 16 heißt es: Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.

Am bekanntesten dürfte in diesem Zusammenhang die Zusammenfassung der Frucht des Geistes (Galater 5, 22) sein, wo auch die Freude genannt wird:

Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit;

Eine Frucht des Geistes kann man nicht "machen", nicht menschlich durch irgendwelche Anstrengungen künstlich hervorbringen. Auch wenn man nur eine davon bedenkt, merkt man schnell, wie man an seine Grenzen stößt. Oder wer könnte von sich behaupten, dass er etwa im echten Sinn selbstlos lieben könnte. So wird auch die Freude, wenn sie auf unserem eigenen Mist gewachsen ist, wohl von eigenem Stolz durchwachsen sein. Aber gerade tritt bei der Freude als Frucht des Heiligen Geistes in den Hintergrund. Da ist Freude jene himmlische Gabe, die ein Vorgeschmack ist auf die Ewigkeit.

Wir haben die biblische Fülle der Freude nur an wenigen Stellen bedenken können. Doch die Freude an Gottes Heilstaten, die Freude als Ergebnis der Mission und die Freude als Frucht des Geistes lässt uns teilhaben an Gottes großen Gaben. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)


 

 

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