Gottesdienst am Quasimodogeniti, 7. April 2002, in Wilhelmsdorf, Themenpredigt "Das neue Leben" - Pfr. K. Knauß

Es gibt für uns heutzutage relativ wenige Feste und kurze Festzeiten. In früheren Jahrhunderten hat man die Woche nach Ostern durchgefeiert; nicht im Bierzelt, sondern in gottesdienstlichen Feiern aus Freude über die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, und aus Freude darüber, was er für uns dadurch neu gemacht hat - so ändern sich die Zeiten, was man unter "Feiern versteht.

In der Urchristenheit war der Haupt-Tauftag an Ostern. Diejenigen, die ein Leben in der Nachfolge Jesu leben wollten und ein neues Leben begannen, trugen diese ganze Woche weiße Taufgewänder zum Zeichen des neuen Lebens. Deswegen heißt in der Katholischen Kirche dieser Sonntag bis heute "Weißer Sonntag".

Feiern hin, feiern her. Die Feste können auch innerlich ausgehöhlt und ihres Inhalts beraubt werden, so dass nur noch die Hülle übrig bleibt. Für Gott ist es gewiss nicht wichtig, ob wir Festtage zum richtigen Zeitpunkt eingehalten haben. Für ihn ist wichtig, ob wir auf seiner Seite sind, ob das in uns lebendig geworden ist, was er gebracht hat.

Heute gibt's etwas umsonst. Das heißt, eigentlich ist Gottes Angebot immer umsonst, aber heute soll über sein Angebot gesprochen werden.

Er bietet: Keine Imitation, sondern nur das Original. Keine Ersatzteile, sondern etwas Ganzes, und vollständig Neues. Es geht um das Neue Leben.

Und doch gibt es merkwürdige Hemmungen, das Neue anzunehmen. Eigentlich seltsam: Bei Häusern, Autos und Kleidern, da sagt man: Ja, das neue ist besser als das alte! Aber ein Neues Leben - da stehen die Leute nicht Schlange, auch wenn es umsonst ist. Und doch ist die Bibel sicher, dass das Neue Leben besser ist als das Alte, denn es ist von Gott.

Paulus sagt: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden (2. Korinther 5,17 Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Galater 6,15 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur.).

Jesus ist gestorben und auferstanden, damit er uns für sich gewinne. Er wollte, dass unser Leben nicht mehr uns selbst gehört, sondern ihm. Er wollte uns freikaufen davon, dass jeder sich nur um seine Achse dreht und nur um seine eigenen Dinge kümmert, die doch alle vergänglich sind. Im neuen Leben stehen darum die Ziele Gottes und Jesu Christi im Mittelpunkt. Seine Ziele werden zu unseren Zielen.

Zu Johann Hinrich Wichern (1808-1881), der die Diakonie im 19. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat, wird eines Tages ein Junge gebracht, der ganz verstört aussieht. Er soll ihn in seinem "Rauhen Haus" in Hamburg aufnehmen. Wichern liest im Schein der Kerze den erschütternden Bericht der Jugendbehörde. Er sagt zu dem Jungen: "Jetzt weiß ich viel von deiner Vergangenheit. Aber hier darfst du als neuer Mensch anfangen. Jesus ist auch für dich gestorben und auferstanden." Dann nimmt Wichern das Dokument, hält es in die Flamme der Kerze und verbrennt es. Er rät dem Jungen, den anderen nichts von seiner Vergangenheit zu erzählen. "Hier wirst du nicht auf deine Lebensgeschichte festgenagelt. Mit Gottes Hilfe kann alles neu werden." (Nach Konrad Eißler)

Wenn das Leben vorher schiefgegangen ist, dann kann das Neue Leben etwas ändern, dann gibt es neue große Chancen. Wie viele Menschen sind seitdem in der Diakonie neu geworden?! Und neu gewordene Menschen haben in ihrer Hingabe und Liebe wieder den anderen den Weg gewiesen. Oft ist das Neue Leben an verkrachten Existenzen leicht erkennbar.

Man fragt schon: Gilt das auch für gut bürgerliche Menschen, die noch kein Auto geklaut und keiner Fliege etwas zuleide getan haben? Jesus hat ja einmal über eine Frau mit schlechter Vergangenheit gesagt: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. (Lukas 7, 47) Und das war im Haus eines Mannes, der in seinem Leben fast alles richtig gemacht hat. Doch das eine war vielleicht sein Mangel: Er brauchte Gott kaum. Und ein neues Leben brauchte er auch nicht, denn sein eigenes war schon fast perfekt.

Es wäre ein elender Vorzug, wenn wir nichts angestellt haben sollten, aber darüber Gott vergessen. Statt dessen brauchen ihn alle. Und jeder hat das Neue Leben aus Gott nötig.

Gott will nicht Pläne für ein neues Leben. Die gibt es reichlich. Sondern Gott will, dass aus Plänen gelebtes Leben wird. Was nützt ein guter Plan eines Architekten für ein Haus, wenn er nicht umgesetzt wird. Nur das Haus hat einen Sinn, das auch wirklich dasteht, in dem man wohnen kann, und das Schutz gibt.

Viele Menschen, auch viele Christen, haben gute Ideen für ihr Leben, gute Pläne. Sie wissen, was in ihrem Leben neu werden sollte. Aber die Pläne werden nicht umgesetzt. Es fehlt der Mut zur Durchführung. Wir fragen: Wie wird aus guten geistlichen Plänen Realität?

1. Zuerst die Frage: Was will Gott neu machen?

Gott hat von seiner Seite aus schon sehr vieles getan: Die heilsgeschichtlichen Wege sind von ihm gegangen. Aber diese Wege sollen wir nun mitgehen. Die Wege Gottes sollen an uns sichtbar werden.

Diese Wege Gottes werden an uns sichtbar, wenn unsere Beziehung zu ihm erneuert ist. Petrus hatte Jesus verleugnet. Das war schlimm. Nach seiner Auferstehung ging Jesus nicht als erstes auf ihn zu und gab ihm einen neuen Auftrag. Sondern er ordnete die Beziehung zu sich. Es war am See Genezareth: Sie hatten an einem Feuer miteinander gesessen und gegessen. Dann nimmt Jesus Petrus zu einem Spaziergang am See mit; schließlich stellt er ihm dreimal die Frage: "Petrus, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?" Jesus ist behutsam. Behutsamer kann man wohl nicht sein, wenn Schuld vorliegt. Jesus erinnert Petrus an seine Verleugnung, damals im Vorhof des Hohenpriesters; aber nicht plump. Petrus muss es selbst merken. Dann gibt Jesus ihm dreimal den Auftrag: "Weide meine Schafe!" An der Art, wie Jesus mit ihm spricht, wird klar: Jesus hat Petrus seine Schuld vergeben und ihm neu in den Dienst gestellt.

Vermutlich finden die größten Änderungen im Nahbereich unseres Lebens statt; im Bereich unserer Familie und Nahbeziehungen; sicher auch dort, wo wir mit anderen zusammenarbeiten. Jesus hat nicht die Fernstenliebe gepredigt, sondern die Nächstenliebe. Die Menschen, die mir im normalen Tageslauf über den Weg laufen, müssen mein Neues Leben merken.

Eine Möglichkeit ist es, die Lebensbereiche in Gedanken und vielleicht auch mit Schreibzeug durchzugehen.

a) Beziehungen zu Menschen: Namen der Menschen aufschreiben, mit denen man in Beziehung ist. Und dann vielleicht Stichworte dazu, wie diese Beziehungen aussehen: Sind sie so, wie sie sein sollten? wie ich denke, dass sie sein sollten; und wie vielleicht Gott darüber denkt.
b) Beziehung zu mir selbst: Bin ich mit meinem Weg in Einklang? Legt vielleicht Gott den Finger auf manche Stellen?
c) Beziehung zu Dingen: Sind sie so geordnet, wie Gott sie möchte?
Es geht nicht darum, eine Negativliste zu erstellen, sondern vor Gott das Leben auszubreiten.

2. Rede mit Gott darüber!

In der apokryphen Schrift Jesus Sirach heißt es einmal: "..wenn man etwas Neues vorhat, so treten vier Dinge auf: Gutes und Böses, Leben und Tod;" (Sir. 37, 21)
Das wird man so verstehen dürfen: Wenn man etwas Neues vorhat, dann ist das auf jeden Fall eine kritische Sache. Es kann sehr gut enden, es kann aber auch schlecht gehen. Sei dir darum des Risikos bewusst, wenn du Neues wagst.

Wenn es um das Neue Leben geht, dann ist die Frage: Wer bewahrt mich vor Spinnerei oder Selbstbetrug?

Darum ist das Gebet wichtig; mit Gott darüber reden; ihn ernsthaft darum bitten, dass er sein Licht in die Fragen und Beziehungen hineinfallen lässt.

Viele Fragen werden sich aufgrund des biblischen Wortes klären. Aber nicht immer ist das sofort erkennbar. Die Bibel muss dann betend und in ihrem gesamten Zusammenhang gelesen werden.

3. Rede mit Menschen darüber!

Das Reden mit Menschen geht in 2 Richtungen:
Zuerst soll es eine Gegenkontrolle sein. Die Bibel hat die gute Regel, dass jede Sache auf 2 oder 3 Zeugen beruhen soll. Das Reden mit Menschen ist in der Nachfolge Jesu wichtig. Denn Gott hat auch den anderen Menschen Weisheit gegeben. Manchmal haben sie sogar mehr Weisheit als ich selbst. Das sollen dann solche Menschen sein, denen ich ein unabhängiges Urteil vor Gottes Augen zutraue; also nicht solche, die sowieso immer gleich allem zustimmen. Es ist ja nicht immer sehr einfach, den Willen Gottes herauszufinden. Manchmal tarnen wir auch unsere eigenen Wünsche und unsere eigene beschränkte Sichtweise mit frommen Worten.

Und oft merken wir das sogar nicht einmal.
Die zweite Richtung beim Reden mit Menschen ist es, mit den Betroffenen zu reden. Wenn Gott mir etwa klargemacht hat, dass ich vielleicht mit meinen Eltern etwas zu klären habe, dann muss ich mit ihnen darüber reden. Dabei wird sich herausstellen, ob die nicht etwa die Sache ganz anders sehen.

Ich habe das Vertrauen zu Gott: Wenn wir ihm folgen wollen, dass er uns dann leitet.

4. Was klar geworden ist, soll getan werden!

Das Neue Leben findet nicht in der Theorie statt. Ein erster Schritt ist es, dass sich beim Aufschreiben oder Nachdenken, beim Beten oder beim Reden sich Dinge geklärt haben. Aber dann muss das umgesetzt werden.

Das können wir oft nicht allein, sondern da brauchen wir auch andere als Hilfe. Es ist etwas, wo die Gemeinde insgesamt etwas lernen sollte. Wir müssen voneinander wissen, damit wir uns gegenseitig begleiten können. So heißt es im Hebräerbrief (10,24) einmal: und laßt uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken...

Zur Zeit Karls des Grossen war es normal, ja war es sogar ein Kennzeichen gegenseitiger Liebe und Anteilnahme, sich zu ermahnen. Briefe von hochgestellten Persönlichkeiten haben meist einen Schlussteil, in dem der Empfänger ermahnt wird, seinen christlichen Pflichten nachzugehen. Das konnte zB eine Erinnerung sein, füreinander zu beten oder schlechte Dinge zu unterlassen. Der Freund und Ratgeber Karls an seinem Hof in Aachen, der große Gelehrte und Theologe Alkwin, schreibt einmal in einem Brief an den Kaiser, er möge bei der Mission der awarischen Gebiete nicht so hart vorgehen wie gegenüber den Sachsen. Damit nahm der Briefschreiber eine selbstverständliche Pflicht wahr, die man für die Pflicht von Christen untereinander hielt. Es gehörte zum guten Ton, man musste sich ermahnen. (Propyläen Weltgeschichte Bd. V,1 S297 und 303-307) Und wenn man es nicht tat, dann wäre es ein Zeichen gewesen, man sei sich gegenseitig gleichgültig.

So ist das Neue Leben durchaus nicht nur die Aufgabe des einzelnen, sondern wir haben uns in der Gemeinde gegenseitig zu fördern. Das Neue Leben aus Gott soll in uns Gestalt gewinnen. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)


 

 

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