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Gottesdienst am Karfreitag, 29. März 2002, in Wilhelmsdorf um 9.30 Uhr, Predigt über Jesaja 52, 13 - 53, 12 - Pfr. K. Knauß Der Karfreitag gilt in den Kirchen der Reformation als der Hauptfeiertag. Und noch vor wenigen Jahren waren die Kirchen am Karfreitag gefüllt, so wie jetzt etwa am Heiligen Abend. Heute können viele Menschen nicht mehr erklären, was der Karfreitag eigentlich bedeutet. Wenn man heute herausfinden will, was richtig ist, dann führt man ja Umfragen durch. Und was die Mehrheit der Bevölkerung für Antworten gibt, das ist dann o.k. Kürzlich wurde eine solche Umfrage durchgeführt. Demnach wusste etwa die Hälfte der Bevölkerung nicht, was der Karfreitag bedeutet. Ginge man danach, wäre der Karfreitag Nebensache. Doch die glaubende Gemeinde macht es anders. Sie hat ein echtes Gegenprogramm. Sie fragt, was Gott dazu meint. Das ist sogar das Kennzeichen der christlichen Gemeinde, dass sie daran ihren Glauben und ihr Leben orientiert. Kurz: Wir lesen die Bibel. Und wenn wir sie lesen, dann ist das nicht nur eine literarische Übung. Das Bibellesen dient auch nicht nur dazu, die christlich-jüdische Kultur kennenzulernen. Wir wollen den Willen Gottes erfahren. Gott hat das, was am Karfreitag geschah, lange vorher geplant. Das kommt bei den Propheten zum Ausdruck. Die bekannteste Weissagung beschreibt ein Prophet etwa 600 Jahre vor der Kreuzigung Jesu. [Jesaja 52,13-53,12] 13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder, 15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken. 53,1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten. Diese Worte gehören zum Wichtigsten aus der alttestamentlichen Prophetie. Sie haben anscheinend festgenagelte Türen aufgebrochen, wie ein Brecheisen; sie haben verschlossene Herzen geöffnet. Die Urchristenheit hat Jesaja 53 als Schlüssel zum Verständnis des Kreuzes Jesu benützt: Wenn du lesen kannst, dann lies! Und wenn du hören kannst, dann höre! Wir wissen nicht, wie viele Menschen durch dieses Wort damals zum Glauben an Jesus Christus kamen. Einen kennen wir; etwa den Kämmerer aus Äthiopien. Als ihm aufging, dass hier von dem leidenden Messias die Rede ist, der für unsere Sünde dahingegeben wurde, da wollte er bei nächstbester Gelegenheit getauft werden. Er brauchte keinen langen Konfirmanden- oder Taufunterricht. Dieses eine Kapitel genügte; es brauchte nur die Zeit eines ausführlichen Gesprächs: Lesen - verstehen - glauben: Lesen, was dasteht; verstehen, dass es von unserer Rettung spricht; glauben, dass diese Rettung Jesus am Kreuz vollbracht hat. Dieses Kapitel hat zweifellos zum Grundbestand der urchristlichen Verkündigung gehört. So bezieht sich auch Paulus darauf, als er im 1. Korintherbrief Kap. 15 (3+4) die wesentliche christliche Botschaft zusammenfasst. Und wir werden sicher richtig liegen: Dieses Kapitel hat Paulus benützt, als er bei seiner Mission die Juden in die Enge trieb und öffentlich durch die Schrift bewies, dass Jesus der Messias ist, wie es in der Apostelgeschichte heißt (Apostelgeschichte 18, 28; vgl. Apg. 9,22). Doch bei der ersten Bekanntgabe haben die Leute diese Worte nicht verstanden und wohl auch gar nicht verstehen können. Der Prophet hat offenbar nur Kopfschütteln geerntet: "Wer glaubt dem, was wir gehört haben...?" (Wörtlich: Dem von uns Gehörten, Jes. 53,1). Die Zeitgenossen des Propheten haben von Gott anders gedacht, als hier drin steht. Es war für sie überhaupt nicht vorstellbar, dass Gott ein Verlierer ist. Natürlich, so dachten sie, lässt sich Gott nichts gefallen. Wenn er angegriffen wird, dann schlägt er zurück. Das glauben auch die meisten Menschen heute, insbesondere Juden und Muslime, und wohl auch viele, die sich als Christen bezeichnen, und zwar nicht nur die weit weg, sondern bis mitten hinein in unsere eigenen Vorstellungen? Gott? Der kann doch kein Unrecht zulassen? und kein Leiden. Und wenn Gott das täte, dann wäre er nicht wirklich Gott. Erst recht ist es eine unmögliche Vorstellung, dass Gott die Strafe seinen Knecht treffen lässt. Es war also nicht nur für die Zeitgenossen des Propheten unvorstellbar, sondern es ist überhaupt unerhört, was hier behauptet wird. Gott lässt einen leiden, der es nicht verdient hat; und er lässt das nicht nur zu, sondern da steht er voll dahinter; es ist sein ganz bewusster Wille, volle Absicht. Kein Versehen! 1. Leiden und Kreuzigung Jesu waren von Gott gewollt Nur wer die Furchtbarkeit der Sünde wenigstens ahnungsweise erfasst hat, kann mit Karfreitag überhaupt etwas anfangen. Christsein heißt zuerst, anzuerkennen, dass ich Sünder bin und als solcher von Gott getrennt bin. Wer das nicht von sich glaubt, für den ist der Zugang zum Glauben an Jesus Christus versperrt. Jesus hat gesagt: "Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten." (Mt.9,13) Wer kein Sünder ist, der braucht Jesus Christus nicht, der braucht auch Karfreitag nicht. Darum müssen wir Sünder werden, damit wir Christen werden können. Ein berühmtes Werk Stück der Weltliteratur heißt: "Warum Gott Mensch wurde". Es stammt von Anselm von Canterbury und ist in der Form eines Gespräches abgefasst, wie das zu seiner Zeit im 11. Jahrhundert oft üblich war. Da überlegt der Gesprächspartner, ob nicht seine Sünde durch einen bloßen Akt der Reue von Gott vergeben werden könne. Und Anselm antwortet: "Du hast noch nicht bedacht, von welcher Schwere die Sünde ist." (Anselm v. Canterbury, Cur deus homo, lt. u. dt., Darmstadt 1970, S. 74/75). Dazu dient das Alte Testament, uns zu Sündern zu machen. Dann zeigt es aber auch, dass Sünden nicht einfach weggewischt und vergessen werden können, sondern es bedarf dazu des eigenen oder eines stellvertretenden Todes. Am deutlichsten wurde die stellvertretende Sühnung am großen Versöhnungstag: Ein Ziegenbock wurde in die Mitte des Volkes gestellt. Der Hohepriester legte ihm dann die Hände auf und bekannte über ihm die Sünden des Volkes. Dann wurde ein Mann beauftragt, diesen Bock in die Wüste hinaus zu begleiten und dort freizulassen, damit er mitsamt den Sünden verende. Alles das ist im Grunde nur eine Vorbereitung Gottes gewesen, so erklärt es uns der Hebräerbrief (Kap. 9+10). Denn alle diese Opfer haben ihre Erfüllung in dem Opfer Jesu gefunden. Die alttestamentlichen Opfer sollten die Menschen aufnahmefähig dafür machen, dass Vergebung der Sünden nur durch Tod möglich ist. Eigentlich müsste es der eigene Tod sein. Doch durch den Tod eines Opfertieres war im alttestamentlichen Opferritus die Stellvertretung in Aussicht gestellt. Das Leben in den Urwäldern Südamerikas ist nicht so paradiesisch, wie man sich das gerne vorstellt. In dem Film "Das grüne Geheimnis" wird die Realität dieses Lebens geschildert. An einer Stelle kann dieser Film auch zum Gleichnis werden: Dabei wird gezeigt wie Hirten eine Büffelherde über den Fluss bringen müssen. Drüben ist frisches Gras; während am diesseitigen Ufer alles bereits abgeweidet ist. Im Fluss aber sind die Piranhas, Millionen kleiner beutegieriger Fische mit scharfen Zähnen. Die Hirten nehmen einen Büffel ritzen ihn blutig und treiben ihn in das Wasser. Das Opfertier geht elend zugrunde. Aber die Herde ist gerettet. In angemessener Entfernung hat sie wohlbehalten den tödlichen Strom überqueren können (Nach Schäfer, Hört ein Gleichnis S79 Nr. 109). So können auch wir die tödliche Trennung von Gott überwinden, weil Jesus an unserer Stelle in den Tod gegangen ist. Das hat der Prophet vorausgeschaut. Gott rettet nicht durch eine große Abrechnung mit uns, den Sündern, und er rettet auch nicht durch eine gewaltige Herrschaft, mit der er das Unrecht beseitigen würde, sondern er rettet, indem er seinen Knecht selbst den Folgen des Unrechts und des Verderbens aussetzt. Der Prophet hat gemerkt, dass das, was er sagt, unbegreiflich ist. Wir sind mit unseren Problemen bei ihm in guter Gesellschaft. Man merkt, wie der Prophet staunt, dass der Knecht Gottes kein strahlender Held ist. Er ist keine Hollywood-Figur, die im richtigen Augenblick weinen oder lachen kann. Sondern es ist ernst. Jesus ist selbst das Opfer, nicht irgend jemand anderes. Gott will nicht nur das Unrecht als Folge der Sünde beseitigen, sondern die Sünde selbst. 2. Die Kreuzigung Jesu hat mit uns persönlich zu tun Aber das, was uns an ihm nicht gefallen hat, das kommt von uns. Er trägt nicht seine eigenen Probleme mit sich herum, sondern unsere, er trägt unsere Krankheit, nämlich die Sünde, unsere Hauptkrankheit. Dafür ist er gestraft worden, dafür hat er sich die Außenseiterrolle eingehandelt. Man hat den Eindruck, als ob an dem Propheten selbst eine Wandlung erfolgen würde. Im ersten Augenblick hat er den Knecht Gottes auch für verabscheuenswert gehalten. Aber dann kommt der Umschwung. Der hat das alles ja bloß getan, um uns zu retten. Wir liefen in die Irre, in unser Verderben hinein. Wir alle schauten nur auf das, wohin die andern auch schauten, jeder vor sich hin. Keiner hatte den Überblick. Und auch bei uns soll es zu diesem Umschwung kommen: Das hat er ja getan, um mich zu retten. Auch ich habe auf den Weg vor mich selbst hin gesehen. Alles andere hat mich nicht interessiert. Mir ging es nur darum, wie ich ohne große Mühe durch's Leben komme. Und nun entdecke ich, dass er es ja war, der mir die Last meiner Sünde durch sein stellvertretendes Leiden abgenommen hat. So ging es auch den Jüngern nach Pfingsten. Das könnte auch heute geschehen. Ja, davon lebt die Gemeinde Jesu Christi, dass dies Tag für Tag geschieht. Wir werden gerettet, wenn wir sehen, dass wir keine Entschuldigung mehr brauchen, weil ja Jesus unsere Schuld auf sich genommen hat. Wenn wir Abendmahl feiern, dann feiern wir es in Gemeinschaft mit unserem Herrn, der es gestiftet hat im Hinblick auf seinen Tod. Wir anerkennen damit auch: Ja, ich will zu dir gehören und mich von dir in das Reich Gottes hineinnehmen lassen. Ich will nicht meinen eigenen Weg gehen, sondern den mit dir, der zum Vater führt. Amen! (Pfr. Dr. K. Knauß)
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