Gründonnerstag, 28. März 2002, in Wilhelmsdorf um 20.00 Uhr
- Pfr. K. Knauß

Predigt über Hebräer 2, 10-18

10 Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres Heils, durch Leiden vollendete.

11 Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen,

12 und spricht: »Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.«

13 Und wiederum: »Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen«; und wiederum: »Siehe, hier bin ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat.«

14 Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel,

15 und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mußten.

16 Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an.

17 Daher mußte er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes.

18 Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

An der katholischen Kirche in Werden an der Ruhr befindet sich oben am First des Daches ein steinernes Schäflein ausgemeißelt. Mit ihm hat es folgende Bewandtnis: An dieser Stelle saß damals, als die Kirche gebaut wurde, ein Dachdecker an seiner Arbeit. Er arbeitete von einem Korb aus, das an einem Seil hing. Offenbar war die Stelle nicht anders zugänglich. Und da riss das Seil und der Dachdecker stürzte mitsamt seinem Korb in die Tiefe. Unten lagen überall Steine und Balken herum, an denen er sich das Genick hätte brechen können. Doch ein Wunder geschah! Ausgerechnet an der Stelle, auf die er fiel, stand ein Schaf, das zwischen den Baumaterialien weidete. Das arme Tier wurde durch den Sturz zerschmettert, aber es rettete mit seinem Tod das Leben des Mannes. Zum Dank dafür ließ der es in Stein meißeln und den Stein hoch oben in den First setzen, genau an die Stelle, von der er herabgestürzt war.

Von Jesus Christus heißt es in unserem Text, dass er durch seinen Tod die Macht genommen habe dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel. Sein Tod war ein stellvertretender Tod für uns. Bei der Einsetzung des Abendmahls am Gründonnerstag deutete er seinen Tod voraus als Stellvertretung für uns. Jesus ist zwar in allem uns gleich geworden, ausgenommen unsere Sünde. Da der Tod nach Gottes Willen die Folge der Sünde ist, hätte Jesus eigentlich nicht sterben müssen. Sein Tod ist aber die Folge unsere Sünde. Das nahm Jesus freiwillig auf sich.

Während Jesus den Jüngern das Abendmahl spendet, sitzt einer mit dabei, der schon Verhandlungen geführt hat über seine Auslieferung. Und Jesus verhält sich, als ob nichts gewesen wäre. Er lässt den Judas mit teilhaben. Aber Jesus weiß, dass er in diesen Stunden den entscheidenden Schlag gegen den Erzfeind, den Teufel, führte. Nicht im Angriff erkämpft Jesus den Sieg, sondern im eigenen Leiden. Es ist schwer, das alles nachzuvollziehen. In der Welt gilt das gewiss nicht. Deswegen verhalten sich die Menschen seither auch nicht anders. Sie machen weiter wie vorher auch. Der Stärkere ist der, der triumphiert und der den anderen in die Ecke drängt. So jedenfalls gilt es unter uns, in unserem Alltag, wie wir ihn erleben, in der Politik und in der Weltgeschichte. Das Recht des Stärkeren ist unser dauerndes Erlebnis.  Gott hat das geändert. In seinem Sohn Jesus Christus hat er der Niederlage den Sieg verliehen.

An dieser Stelle im Hebräerbrief ist diese Aussage sehr stark dogmatisch ausgedrückt und nicht anschaulich. Man muss schon sehr hineinhören, um hier die Anschauung zu bekommen. Wir seien Knechte unser Leben lang durch die Todesfurcht, so wird hier gesagt. Vielleicht empfinden wir das gar nicht so unmittelbar, dass wir Furcht vor dem Tod hätten.

Aber letztlich sind alle unsere Ängste durch den Tod bedingt. Gäbe es keinen Tod, hätten wir keine Ängste vor Entbehrungen, vor Hunger, vor Krankheit usw.

Die Todesfurcht hat Jesus auch durchmachen müssen. Sie spielt sich im Garten Gethsemane ab. Dieser Todeskampf wird hier im Hebräerbrief angesprochen. Auf Jesus lastet nicht nur seine eigene Not und sein Leiden. Er trägt die Last unserer Todesangst und unserer Sünde. Und als er dann betend zu seinem Vater sagte: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe, da war der Kampf gegen den Teufel bereits entschieden. Da geht unsere Knechtschaft zu Ende.

Trotz allem Schweren ist das Leiden Jesu zu unserer Befreiung geworden. Wir dürfen von seinem Sieg leben. Amen!

(Pfr. Dr. K. Knauß)


 

 

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