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Gottesdienst an der Konfirmation, 24. März 2002, Predigt über Matthäus 6, 9-13 (Vaterunser) Da ist ein Ozeanriese unterwegs auf den Weiten des Ozeans. Alles läuft wie geplant, zunächst jedenfalls. Doch da entdeckt der Kapitän unerwartet vorne einen Eisberg. Direkt auf Kurs. Ein Ausweichen geht nicht mehr. So ein riesiges Schiff ist ja nicht so leicht zu manövrieren. Motoren abstellen bringt kaum eine Verzögerung. Gegensteuern nicht viel mehr. Da ruft der Kapitän: "Jetzt hilft nur noch Beten!" Beten, das ist die allerletzte Möglichkeit, wenn alles andere versagt hat. So stellen es sich viele Leute vor. Beten, das sei erst dran, kurz bevor etwas Schreckliches passiert. Und schlimmer als danebengehen kann ja nicht passieren. In einer englischen Großstadt ist Unterricht. An der Tafel steht eine Frage: "Was ist das Schrecklichste, das du dir vorstellen kannst?" (Nach Schäfer: Hört ein Gleichnis, S213f). Die Schüler kapieren sofort. Sie sollen auf Zettel schreiben, was ihnen einfällt. Ihr kennt das ja vom Konfirmandenunterricht in ähnlicher Form. Die Zettel werden abgegeben. 15 Stimmen, gut die Hälfte, antwortet: "Wenn ich eine unheilbare Krankheit bekäme." 9 Stimmen, ein Drittel, antwortet: "Wenn ein Atomkrieg käme." - Keine Sorge, das wird jetzt keine Mathe-Aufgabe. Wer will, kriegt's dennoch leicht heraus. - Doch das Wichtigere ist, was bewegt die Jugendlichen. Was wäre für sie das Schrecklichste. Auf einem Zettel steht: "Das Schrecklichste wäre, wenn alle Gebete nur Selbstgespräche wären. Doch das ist das Erstaunliche: Wenn du betest, dann hört da einer: Gott! Das Beten geht nicht in die leere Luft. Beten ist für die meisten Jugendlichen kein Thema. Uninteressant. Da passiert nichts. Da ist nicht genug Action drin. Nun mag euch das vielleicht nicht so unmittelbar einleuchten: Aber Menschen, für die das Beten wichtig war, haben die Welt verändert: Paulus zum Beispiel! Als er den Auferstandenen Herrn Jesus Christus kennengelernt hatte, da hieß es von ihm: "denn siehe, er betet." (Apg. 9, 11). Und das war für die anderen das untrügliche Signal: Sein neues Leben ist echt. Er verstellt sich nicht. Seine Umkehr ist kein Trick, kein taktischer Schachzug. Vor dem brauchst du keine Angst mehr zu haben. Der betet. Aha! Wenn das also so ist, könntet ihr sagen: Dann brauche ich also nur meinem großen Bruder, dem Rauhbauz, das Beten beizubringen, und ich muss keine Angst mehr vor ihm haben? Oder die Lehrer könnten sagen: Wenn ich meine Klasse zum Beten bringe, dann werden die lammfromm. Und ihr könntet sagen: Wenn ich meine Eltern zum Beten bringen könnte, dann gäbe es zu Hause keinen Stunk mehr. Und umgekehrt könnten die Eltern das Beten als Erziehungsmittel missbrauchen. Leider ist das oft geschehen und geschieht auch weiter oft genug. Stop! So hatten wir nicht gewettet. Ich hatte eben über Echtheit gesprochen. - Was ist denn echtes Beten? Das Muster für echtes Beten ist das Vaterunser. Jesus hat es seinen Jüngern beigebracht. Es fängt überhaupt nicht mit dem an, was ich mir wünsche. Nicht: Ach, gib mir doch einen Lottogewinn, am besten den Hauptgewinn. Ach mach doch alle Menschen um mich herum lieb. Ach, mach doch, dass der Alkohol mir nicht schadet. Sondern ganz anders: "Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt." Gebet fängt so an, dass wir anerkennen: Gott ist der Chef. Chef im Himmel, Chef auf Erden. Chef über meinen Körper und meine Seele, über mein Vermögen und meine Kräfte, und Chef über meine Phantasie. Wer anfängt zu beten, echt und wirklich zu beten, der fängt an zu wissen, was oben und was unten ist. Da werden viele Dinge vom Kopf auf die Füße gestellt. Das soll unser erstes und zentrales Anliegen sein: Dass Gottes Name geheiligt wird. Nicht dass er nur ein Notnagel ist, der herhalten muss, wenn ich nicht mehr weiter weiß und vor unlösbaren Problemen stehe. Und da merkt jeder für sich, ob die Dinge wirklich für ihn in diesem Lot sind. Oder ob sich da nicht manches ändern müsste. Das Beten ist ein Spiegel meiner Prioritäten. Was ist mir wichtig, was ist für mich Nebensache? Das kommt beim Beten zum Ausdruck. In Kurzform kann man sagen: Wie du betest, so lebst du. Dann geht das Gebet weiter: Dein Reich komme, dein Wille geschehe. Das passiert alles auch ohne mich. Gott hat sich das schon vorgenommen und auch versprochen, dass sein Reich kommt. Ob ich dagegen oder dafür bin, spielt keine Rolle. Jesus hat das trotzdem in seinem Gebet so eingefügt. An dieser Stelle geht es gar nicht darum, Gottes Plan zu ändern, denn ich kann es ja auch gar nicht. Sondern es geht darum, ob ich damit einverstanden bin; ob ich mit im Zug sitzen will. Wenn der Zug abfährt, dann fährt er auch ohne mich. Aber ich soll schauen, dass ich drin sitze. Also: Beim Beten klinke ich mich in Gottes Vorhaben und Pläne mit ein. Wenn ich mitbete, echt und wirklich von innen heraus, dann heißt das auch: Gott, mach, dass ich da mit dabei bin. Lass mich zu denen gehören, die deinem Reich zuarbeiten, die für dich einstehen und für dich da sind; lass mich zu denen gehören, denen dein Wille wichtig ist. Nun ist da auch die Gemeinde sozusagen insgesamt gemeint. Wir beten miteinander, dass Gottes Reich komme und sein Wille geschehe. Und da seid ihr jetzt als Jugendliche. Die Gemeinde soll mit dazu da sein, dass ihr ein sinnvolles Leben leben könnt. Die Gemeinde klinkt sich ein in den Willen Gottes für euch. Wenn ihr in Not seid, dann soll die Gemeinde für euch da sein. Wenn ihr Hilfe braucht, dann sollen wir euch begleiten. Ich weiß, als Jugendliche braucht ihr viel Begleitung; denn da sind so viele Fragen zu klären. Nehmt das ruhig auch als Maßstab für die Gemeinde. Das ist ein hoher Anspruch. Natürlich haben wir alle auch unsere Grenzen. Verzeiht, wo wir oder jemand sonst in der großen, weltweiten Gemeinde diesem Auftrag nur sehr schlecht nachgekommen sind. Aber das sollt ihr wissen, dass das zum eigentlichen und innersten Auftrag gehört: Im Namen unseres Herrn Jesu Christi für andere da sein, die Hilfe, seelsorgerliche Begleitung und Wegweisung brauchen. Aber ihr als Konfirmanden sollt auch daran denken, dass ihr sehr bald auch das gleiche an anderen tun könnt und sollt. Jesus hat als Jünger keine geistlichen Rentenempfänger eingestellt. Sondern er hat sie von Anfang an eingelernt und eingeübt und liebevoll begleitet. Eine Weile sollten sie zuschauen, aber sehr bald sollten sie selbst auch ihre Gaben einbringen. Nicht alle haben die gleichen Gaben. Aber einbringen sollen alle, was sie bekommen haben. Also: Wenn wir das Vaterunser beten und wenn es wirklich echt ist, dann sind wir im Geben und im Nehmen mit dabei. Gott führt seinen Willen durch; das tut er sowieso. Doch wir stimmen im Beten zu, dass er seinen Willen auch an uns und unserer Gemeinde durchführt. Erst kommt Gottes Plan und Ziel dran, dann kommen wir. So ist es im Gebet. Übrigens ist es in den 10 Geboten ähnlich. Da soll erst Gott anerkannt werden, dann kommt unser Leben und unsere Bedürfnisse dran, dass auch wir geschützt werden. Als die Menschen anfingen, die Gebote Gottes außer Kraft zu setzen, da fingen sie bei den ersten Geboten an. Sie haben gemeint: Die seien nicht so wichtig. Wichtiger sei das, was uns betrifft. Und ebenso beim Vaterunser. Viele Menschen sind nur mit halbem Herzen bei dem: Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme... Doch je mehr wir bei Gott etwas abmarkten, desto schlechter geht es auch uns. Ich werde jetzt beim zweiten Teil sehr viel kürzer sein, denn das kommt auch anderswo zur Sprache. Unser tägliches Brot gib uns heute. Vielleicht verstehen das manche so: Meine tägliche Pizza gib mir heute. Oder die Schwaben: Meinen täglichen Festtagsbraten mit Spätzle und Souce und Salat. Und Kaffee und Kuchen hinterher, mit Schlagsahne oben drauf, bitte. Nichts gegen Festessen an der Konfirmation. Aber die Bitte im Vaterunser meint das Lebensnotwendige; das, was zum Überleben unbedingt sein muss. Lebensnotwendig - das ist für uns heute auch die rechte Ausbildung in Schule und Beruf. Lebensnotwendig - das sind auch Menschen, die um uns herum sind und die uns verstehen; denn allein können wir nicht leben; rechte menschliche Beziehungen gehören mit zum täglichen Brot. Und darum schließt sich die Bitte um Vergebung der Schuld an. Wer leben will, wirklich und echt leben will, für den muss die Beziehung zu Gott in Ordnung sein und die Beziehung zu den Menschen. Es ist furchtbar, wenn Vergebung verweigert wird. Das ist schon unter Menschen schlimm, denn da verkümmern Beziehungen. Aber noch schlimmer ist es, wenn Gott die Vergebung verweigert. Du fragst vielleicht: "Gott ist doch dafür da, dass er vergibt!" Doch das Vaterunser verbindet beides: Menschliche Vergebung und Gottes Vergebung. Gott vergibt nicht automatisch, sondern er wartet auf unsere Vergebung. Ihr habt zum Vaterunser eure Gedanken im Konfirmandenunterricht auf Zettel geschrieben, von dem: "Dein Wille geschehe..." bis zu der Bitte "erlöse uns von dem Bösen..." Wenn man es so auf einmal hört, dann merkt man, das Vaterunser durchzieht unser ganzes Leben. Ein Kind steht mit seiner Mutter vor dem Affenkäfig im zoologischen Garten. Es bewundert, wie die Tiere geschickt im Käfig herumturnen. Beneidenswert! Das macht keiner von uns nach. Ob die Schimpansen den Menschen nicht doch überlegen sind? Das Kind denkt angestrengt nach und sagt dann: "Aber gell, Mama, beten können die nicht!?" Volltreffer! Ein Kennzeichen unserer höchsten Menschenwürde ist das Beten. Da zeigen wir, dass wir zu Gott gehören. Konfirmation ist eine Art Vertrag zwischen Gott und euch. Taufe ebenso. Ein Vertrag mit Gott? Geht das überhaupt? - Ja, das geht. In der Bibel wird an verschiedenen Stellen so etwas berichtet. Aber das ist im Grunde eine sehr ungleiche Sache. Und trotzdem lässt sich Gott auf so unsichere Kandidaten wie uns ein. Das ist gut. Ich wünsche euch, dass euer Leben in der Verbindung mit Gott wächst und stabil wird. Amen. (Pfr. Dr. K. Knauß)
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