Predigt am Sonntag, 17. März 2002 - Pfr. K. Knauß

über Hebräer 13, 12-14

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Viele junge Menschen träumen davon, aus irgendeinem Grund erfolgreich zu werden. Das große Geld zu machen, Glück zu haben. Wenn sie nur zur richtigen Zeit am richtigen Platz wären und den richtigen Menschen begegnen würden. Und dann genau den richtigen Augenaufschlag machen würden oder die richtige Idee hätten.

Fast immer geht das daneben. Aber der Traum wird dennoch weitergeträumt.

Das gibt es auch im religiösen Bereich. Irgendwann, da findest du den richtigen Kick. In den siebziger Jahren gingen viele nach Poona in Indien. Sie haben dort die Erleuchtung gesucht. Und wenn sie nicht erleuchtet worden sind, sind die meisten wieder zurückgekehrt oder wurden sonst irgendwie irre. Wo man das Eigentliche sucht, das wechselt ja oft wie die Mode. Doch es muss zumeist irgendeine wahnsinnige Sache sein. In den dreißiger Jahren ging man nach Nürnberg zum Reichsparteitag. Auch so ein religiöses Erlebnis! Und in den Neunziger Jahren nach Toronto! Und heute gucken viele nach den Sternen.

Bei so viel Wechsel fragt man sich, was wir eigentlich für unseren Glauben suchen.

Die Gemeinde, an die der Hebräerbrief gerichtet war, machen nicht alle den Eindruck, als seien sie mit ihrem Glauben zufrieden. Andere waren einfach müde geworden. Manche waren in Gefahr, wieder in den Alten Bund zurückzufallen. Der Preis für die Jesusnachfolge war hoch: Leiden, Verhaftungen und wirtschaftliche Probleme. Wollen sie wirklich noch zu ihm gehören? Diese Frage lag in der Luft.

Die Gemeinde der Christen hat das Alte Testament nicht verworfen. Aber man musste es von Jesus her lesen. Dann erst wurde das Alte Testament verständlich. In Jesus sind die Verheißungen erfüllt. Aber nicht nur die Verheißungen, sondern auch der ganze alttestamentliche Opferdienst und Tempelbetrieb und Kult zielte ganz auf Jesus hin.

Dem Schreiber des Hebräerbriefes ist es wichtig und dringend. Er beschreibt: Wer in den Alten Bund zurückfällt, geht am Heil vorbei. Darum lasst uns das Leben mit ihm neu festmachen. Nur Jesus hat das Heil gebracht.

Dies wird in den 3 Versen des heutigen Predigttextes knapp zusammengefasst:
[Hebräer 13, 12-14]

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

  1. Jesus stirbt außerhalb der Stadt
  2. Wir halten zu ihm
  3. Unser Leben ist auf den Himmel ausgerichtet

1. Jesus stirbt außerhalb der Stadt

Ist ja logisch, werden da heute viele sagen. Der Hinrichtungsplatz war nun einmal außerhalb der Stadt. Man macht's draußen, damit es die Leute und vor allem die Kinder nicht mitkriegen. Nur wer seine Gefühle auf Eis gelegt hat, kann dabei sein.

Aber wenn wir mit den Menschen innerlich mitgehen, die im Alten Bund gelebt haben, dann war es überhaupt nicht logisch, dass Jesus "außerhalb des Lagers" sterben musste.

Vielleicht müsste man eigentlich in Jerusalem gelebt haben, um das Entsetzen nachzuempfinden und das ganze Gewicht des Satzes zu spüren. Und man müsste eigentlich das Fest des großen Versöhnungstages in Jerusalem mitgefeiert haben: Die Priester haben ihre Opfer am Tempelplatz dargebracht. Und das, was man für die Opfer nicht brauchen konnte, wurde nach außerhalb der Stadt gebracht und als Abfall verbrannt.

Was die Menschen nach dem Alten Bund für Abfall und für Schaden hielten, das ist unser Heil. Er ist zur Sühne für unsere Schuld gestorben.

Unüberhörbar schwingt ein Entsetzen mit: Jesus, außerhalb der Stadt hingerichtet. Er, der Messias, der Sohn Gottes. Von den Menschen "entsorgt", weil man nichts mit ihm anfangen konnte; oder gar noch schlimmer: Man hielt ihn für einen Verführer und Verbrecher. Und ausgerechnet der ist unser Heil!?

Könnte Gott unsere Vergebung nicht einfacher machen? Warum sagt er nicht einfach aus freien Stücken zu uns Sündern: "Also, gut! Es ist wieder in Ordnung!" Die Frage wird heute so oder ähnlich gestellt. - Natürlich hätte Gott vieles anders machen können. Er hätte die Schöpfung anders einrichten können. Er hätte die Vögel rückwärts fliegen lassen können. Er hätte machen können, dass wir im Handstand durch die Gegend laufen. Ein interessanter Gedanke vielleicht. Doch er bringt nichts. Gott hat's nun einmal so gemacht, wie er's gemacht hat. Die Welt ist so, wie er sie eingerichtet hat. Und der Weg der Erlösung ist auch so, wie er ihn eingerichtet hat. Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu debattieren. Gott braucht unseren Nachhilfeunterricht nicht. Es mag uns ein Rätsel sein und ein Rätsel bleiben, warum er es so gemacht hat. Wir Heutigen haben Probleme, weil wir an dieser Stelle unterbelichtet sind.

2. Wir halten zu ihm

Wer Zebras in freier Wildbahn sehen will, darf sie nicht am Nordpol suchen. Sondern der wird sich auf die Reise machen, vielleicht nach Südafrika. Und der wird sich dort von Leuten, die sich auskennen, in die entsprechende Gegend bringen lassen.

So ist's auch mit Gott: Wer mit ihm in Ordnung kommen will, der geht seinen Weg mit; der sucht ihn dort auf, wo er zu finden ist. Gott hat ja genügend "Werbung" für sich gemacht; und Jesus hat gesagt, dass auch wir Werbung für ihn machen sollen: Gehet hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker.... Man kann erfahren, wie der Weg zu ihm geht. In der Bildersprache des Hebräerbriefes heißt das für uns ein bisschen verschlüsselt: Er ist zu finden "außerhalb des Lagers".

Ich versuche, diese Bildersprache für uns zu übersetzen: Die Spielregeln in unserer Welt sind so, dass wir nicht auffallen wollen. Wir passen uns an und machen mit. Und das gilt für demokratische Gesellschaften nicht viel anders als etwa in Monarchien. Wer sich anpasst, kommt meist besser durch.

Statt dessen ist Christsein etwas Unangepasstes. Nicht so, dass Christen im ständigen Widerstand gegen alle und alles leben würden. Sondern sie leben eher im Widerstand gegen die eigene Bequemlichkeit. Sie gehen nicht aggressiv gegen andere vor, sondern sie wagen sich statt dessen aus der Deckung heraus und kommen selbst in Not. Darum gilt für Christen: Mit Christus Unannehmlichkeiten auf sich nehmen; sich nicht scheuen, wenn man nach dem Glauben gefragt wird; sich nicht scheuen, wenn man Astrologie, Wahrsagerei oder Besprechen als gottwidrig benennt; sich nicht scheuen, die Ehe als eine Gottesgabe zu bezeichnen und sie entsprechend zu schützen.

Christen sagen das nicht anklagend oder selbstgerecht, sondern in der Liebe, die dem anderen helfen will und ihn retten will.

3. Unser Leben ist auf den Himmel ausgerichtet

Dass wir mit Gott in Ordnung kommen, hat nur einen Sinn im Hinblick auf die Ewigkeit. Dass Jesus für uns sein ganzes Leiden uns Sterben auf sich genommen hat, war auf die Ewigkeit hin ausgerichtet. Und dass wir viele unbequeme Situationen auf uns nehmen, hat sein Ziel im ewigen Leben.

Das ewige Leben gehört also zum Thema Versöhnung.

Wenn wir nur für dieses Leben leben würden, dann wäre Gott sehr nebensächlich. Dann wäre er für uns so unwesentlich wie die Gräben auf dem Mars. Dann wäre sogar das noch sehr zurückhaltend, was Paulus sagt: "Wenn die Toten nicht auferstehen, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot." Dann müsste man sogar sagen: Wenn wir nicht auf die Auferstehung hoffen, dann lasst uns betrügen und bestechen und schwindeln, aber so, dass es die anderen nicht merken. Und darum hat das öffentliche Leben sehr viel mit dem Glauben zu tun.

Für Christen gilt: Wir leben auf die zukünftige Welt Gottes zu. Darum setzen wir alles dran, mit Gott versöhnt zu sein. Wir sind auch darum bemüht, unser Leben vor seinen Augen zu leben und ihm zu gefallen.

Alles was Jesus auf sich genommen hat, die Schande, sein Leiden, seine Not, sein Sterben, das hat er nicht nur deswegen gemacht, damit ich mich besser fühle; er hat nicht nur meine psychische Gesundheit gewollt. Das wäre billiger erreichbar gewesen. Sondern er hat nicht weniger gewollt, als dass wir in Gottes ewiges Reich eingehen können.

Auch für uns ist es den Einsatz wert. Wir wollen auf seiner Seite sein, weil das einen ewigen Lohn hat. Wir sind hier auf dieser Erde noch unterwegs. Aber wir haben ein Ziel. Und darum hat das, was wir glauben und wie wir leben, einen Sinn.

Amen!


(Pfr. Dr. K. Knauß)


 

 

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