|
Predigt am Sonntag, 10. März 2002 - Pfr. K. Knauß Jesaja 54, 7-10 Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde! Viele Menschen haben eine Zeit der ersten Liebe im Glauben erlebt. Es ist gut, wenn man sich daran erinnert: Wie war das denn auf dieser Freizeit damals? Da hätte ich am liebsten alle Leute umarmt vor lauter Freude, dass Jesus sich mir zugewandt hat und ich zu ihm gehöre. Erst recht ist es gut, an die Zeit des Feuers im Glauben zu denken, wenn diese Zeit angedauert hat und noch ist. Und vielleicht denken manche: Ja, das war gut! Am liebsten hätte ich diese Zeit noch. Die Zeit, als ich mit Heißhunger in der Bibel gelesen habe. Als ich nicht genug kriegen konnte, unter Christen zu sein und von Jesus zu erzählen. Kann man das wieder zurückholen? Wenn das Feuer des Glaubens nur noch mit Mühe brennt. Kann das wieder neu angefacht werden? Solche Erfahrungen gibt es nicht nur für einzelne Menschen, sondern auch für eine ganze Gesellschaft und ein ganzes Volk. Auch für das Volk Gottes, für Israel. Es ist nicht einmal sicher, wie stark die Sehnsucht war nach dieser Zeit des intensiven Lebens mit Gott. Vielleicht waren es zunächst nur einzelne, oder ein paar Gruppen, damals bei seinem Volk. Sie mussten es erleben, wie das ist, wenn Gott sich zurückzieht. In der babylonischen Gefangenschaft haben sie sich von ihm verlassen gefühlt. Gott war auch wirklich für sie nicht mehr zu sprechen. Schon 40 oder 50 Jahre mag es her sein, seit er seine letzte Sprechstunde hatte. So lange schon hatte er seine Tür einfach verschlossen. Doch je größer die Not wurde, werden es wohl mehr Leute geworden sein, die eine Sehnsucht nach Gott bekamen. Aber nicht diese wachsende Sehnsucht war das Wesentliche, sondern die Propheten haben beschrieben: Dass Gott immer noch verliebt war in dieses Volk, und das, obwohl es ihm immer wieder davongelaufen war. Der Text heute ist eine Liebeserklärung Gottes, die wir mitten in der Passionszeit hören; denn als Jesus zu uns auf die Erde kam und dann für uns litt, da hat doch Gott seine Liebe zu uns zur Erfüllung gebracht. [Jesaja 54, 7-10] 7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer. 1. Das Schweigen Gottes Gott steht dazu: Ja, er hat das Volk verlassen. Kein Herumreden um den heißen Brei. Es ist wirklich so. Eine Zeitlang hat er seine Tür verschlossen gehalten. Gott hat es nicht gerne gemacht. Das war nicht sein eigentliches Geschäft. Mit Widerwillen tat er's. Wie lange brauchen Menschen, die in die Irre gelaufen sind, bis sie es merken, bis sie es glauben und einsehen: Das war die falsche Richtung, der falsche Weg? Wenn wir in unserem Dorf ein Haus suchen, merken wir es schnell. Wir haben ja Straßenschilder dran: Zußdorfer Straße - Riedhauser Straße und die anderen alle. Wer lesen kann, findet die Richtung schnell. Aber im Leben geht's meist nicht so schnell. Wir können anscheinend ungestraft die Wege und Gebote Gottes verlassen und falsche Richtungen einschlagen. 40 Jahre, 50 Jahre. So schnell passiert da nichts. Jedenfalls meinen das viele. Und manche Menschen testen das richtig aus und gehen mit Gott um wie mit einem Hund an der Kette. Wenn ich als Kind zu meiner Patentante wollte, dann musste ich einen relativ schmalen Weg gehen, an einer Hundehütte vorbei. Da wohnte ein scharfer Hund. Ich hatte einen großen Respekt vor ihm. Und er fegte auch immer aus seiner Hütte heraus und machte ein großes Gebell. Doch ich wusste, der kann dir nichts tun. Denn erstens war er an einer starken Kette angebunden. Und zweitens war ein hoher Zaun an dem Grundstück entlang. Ich machte es dann eben immer so, dass ich diese Stelle recht schnell vorbeirannte. Es gab keine andere Möglichkeit. Ich musste dort vorbei. Aber wenn schon, dann möglichst kurz. In dieser Art gehen viele Menschen mit Gott um: Es ist zwar nicht vermeidbar, mit ihm irgendwie zu tun zu bekommen. Aber die Zeit, ihm zu begegnen, verkürzen sie nach Möglichkeit: "Wenn du dich nur in genügendem Abstand von ihm hältst, dann tut er dir nichts." Und in ihrer Vorstellung stecken sie Gott in ein Gehege hinter einen Zaun und legen ihm in Gedanken eine Kette an. Das war schon einst bei seinem Volk so. Gott ist aber kein Kettenhund. Sein Eigentliches ist ganz anders. Sein Herz sucht unser Gutes. Deshalb ließ er das Volk Israel die Folgen spüren, als sie ihm davongelaufen waren. Sogar in seinem Schweigen merkte man noch seine Liebe. Gott wollte das falsche Spiel nicht mitspielen. Für Gott war es nur kurz, als er sich vor den Menschen verbarg. Was sind schon 50 Jahre im Licht der Ewigkeit!? Aber zeigen wir nicht bloß auf vergangene Zeiten: Auch heute müssen die Menschen - wieder einmal - große Ängste durchmachen; Ängste, weil Krieg und Terror wieder näher gerückt sind und unberechenbar. Haben diese Ängste vielleicht mit unserer Gottesferne zu tun? Kinder erleben allzu oft Streit und Not in der Familie und fehlende Geborgenheit. Ist auch ihr Leiden ein Ausdruck dafür, wie groß unser Abstand zu Gott geworden ist? Gott erklärt nicht immer sofort, warum wir dies und jenes durchmachen müssen. Aber wir dürfen gewiss sein, dass er unser Leiden nur widerwillig zulässt. Eigentlich will er anderes. 2. Gottes Erbarmen Eine jüdisch-chassidische Geschichte berichtet, wie ein Rabbi (Levi Jizchaq) folgendes Gebet gesprochen habe: "Herr, der ganze Welt.... Wir haben einen Haufen Sünde und Missetaten und Du hast eine Fülle von Vergebung und Sühne, so wollen wir miteinander tauschen. Aber vielleicht meinst Du gleich gegen gleich. Nein!! Hätten wir keine Sünden, was fingest Du mit Deiner Vergebung an? Darum mußt Du uns noch Leben und Kinder und Nahrung draufgeben." (Abraham Steinberg/Israel in: SDR II, am 21. Nov. 1994, 14 Uhr). Auch wenn wir nicht alles so mitsprechen können. Aber in einem ist das Gebet dieses jüdischen Frommen echt und wahr: Gottes großes Erbarmen hat mit unseren Sünden zu tun. Nicht weil bei uns alles in Ordnung wäre, wendet er seine große Liebe auf. Sondern gerade weil bei uns nicht alles so ist, wie es sein sollte. Das ist bei Gott oft so unbegreiflich. Er setzt die Menschen der Strafe aus, weil sie Sünder sind, und er erbarmt sich über sie aus dem gleichen Grund: Weil sie Sünder sind. So heißt es tatsächlich bei Noah, dass Gott die Sintflut kommen ließ wegen der Bosheit der Menschen. Aber nach der Sintflut hat Gott mit den Menschen einen Bund geschlossen und - weil sie böse sind - die sehr einseitige Zusage gegeben, dass er die Wassermassen nicht mehr über die Erde kommen lassen will ( 1. Mose 6,5 und 8,21). Sie haben sich nicht gebessert. Eigentlich wäre bei ihnen Hopfen und Malz verloren. Aber das ist es nun gerade nicht, weil Gott in seinem Erbarmen handelt, sehr einseitig, von uns unverdient. Gott erbarmt sich nicht nur über sein Volk nach der Strafe der babylonischen Gefangenschaft. Sondern er kündigt ein ewiges Erbarmen an. Die Berge sind nicht so sicher und stabil wie sein Erbarmen. Man kann fragen: Ja, was hat sich denn geändert seitdem? Sind die Menschen denn etwa besser geworden? Sind die Verhältnisse auf der Erde heiler geworden? Man hätte das schon einst zur Zeit der Weissagung fragen können, ob das nicht allzu schön gezeichnet wäre. Denn das Erbarmen Gottes hat weder damals noch heute alles heil gemacht. Und doch: Gott hat Frieden geschaffen zwischen sich und uns. Er hat Jesus auf die Erde geschickt, damit er für uns leide und sterbe. "Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen... er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten..." (1. Mose 6,5 und 8,21). Wer an Jesus glaubt, für den gilt diese Zusage Gottes. Er wird sich nicht gegen uns wenden, sondern ist auf unserer Seite. Wir sind eingeladen, das auch anderen weiterzusagen und sie zum Frieden mit Gott einzuladen. Amen!
|
|
|