Predigt am Sonntag, 24. Februar 2002 - Pfr. K. Knauß

Hebräer 11, 1 + 8-10

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Wenn ich heute 5 Leute fragen würde, was denn Glauben heißt, würde ich wahrscheinlich 10 verschiedene Antworten bekommen. In unserem ganzen Leben als Christen dreht sich vieles wenn nicht das meiste um den Glauben, der ja das ganze Leben durchdringt und durchdringen soll, Sonntag wie Werktag, Denken, Wissen und Fühlen.

Was bedeutet denn eigentlich glauben?

In unserem normalen Alltag können wir z.B. sagen: "Ich glaube, morgen wird schlechtes Wetter." "Ich glaube, du spinnst!" "Ich glaub, mir wird's schlecht." "Ich glaub, mich tritt ein Pferd!"

Oder wenn der Lehrer den Schüler fragt, was ist denn 2x2, dann antwortet er: "Ich glaube, fünf!". Dann hat der Schüler Pech gehabt, denn 2x2 ist nun einmal 4. Und mit seinem Glauben liegt er ziemlich daneben.

Im Alltag sagen wir oft, ich glaube, wenn wir etwas nicht sicher wissen, sondern nur ahnen oder vermuten. Aber in dieser Vermutung können wir ganz schön danebentappen.

Heute geht es um den christlichen Glauben. Wenn in der Bibel vom Glauben die Rede ist, dann führt uns der übliche Sprachgebrauch in die Irre. Wenn in der Bibel über den Glauben gesprochen wird, dann sollte man horchen, als hätte man dieses Wort noch nie gehört.

[Hebräerbrief Kap 11, 1+8-10 verlesen]

1 Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Dieser Glaube wird dann an verschiedenen Beispielen aus dem Alten Testament beschrieben (Abel, Noah) und schließlich auch Abraham. 8 Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. 10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

An dieser Stelle wird, wie sonst nirgends im Neuen Testament, ein Versuch gemacht, den Glauben zu definieren und seine wesentliche Eigenart zu beschreiben. Und weil von dieser Stelle aus sehr stark unser Glaubensverständnis geprägt worden ist, möchte ich Sie einladen, an dieser Stelle sehr genau hinzuschauen. Es ist zweifellos einer der am schwersten übersetzbaren Verse im NT.

Luther übersetzt (auf Anraten von Philipp Melanchthon): "Es ist der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft..." Das hat zu Missverständnissen und Irrtümern geführt. Der Glaube ist ganz gewiss nicht subjektivistisch gemeint. Also nicht so, dass der Glaube, wenn er nur hartnäckig genug ist, sich wie Münchhausen selbst aus dem Sumpf zieht. Sondern der Glaube bildet einen festen Untergrund, wörtlich: Das Darunterliegende. In der normalen Umgangssprache benützte man das Wort für Grundlage, Fundament, Stütze. Und in der Philosophie wurde es dafür benützt, wozu wir Realität, Wirklichkeit sagen.

Alle, die in Wilhelmsdorf bauen, wissen, wie wichtig es ist, auf guten Grund zu stoßen und das Haus darauf zu gründen. Bei unserem im Bau befindlichen Gemeindehaus war es zunächst das Allerwichtigste, dass man es auf festen Boden gründet. Man musste mit dem Fundament bzw. mit Pfählen durch den weichen moorigen Teil hindurchstoßen, bis es unten nicht mehr nachgibt. Hier an dieser Stelle durfte nicht gespart werden. Und es hat auch hohe Kosten verursacht. Denn was nützte ein schönes Gemeindehaus, wenn es eines Tages mit dem schiefen Turm von Pisa wetteifern würde.

Auch der zweite Teil des Satzes ist von Luther irreführend übersetzt, wenn es heißt: "[der Glaube ist]... ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht." Aber statt Nichtzweifeln wäre eher richtig: "... ein Beweis von den Dingen, die man nicht sieht." Das Wort ist in der Rechtssprache üblich. In der Rechtsprechung ist wichtig, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Und schließlich soll einer, der vielleicht bisher hartnäckig nein gesagt hat, überführt werden, und sagen: Ja, so ist es. Es soll damit nun also gesagt werden: Im Glauben werde ich überführt von Dingen, wirklich so sind, wie sie sind. Sie sind nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern sie bestehen objektiv, auch ohne meine Zustimmung. Wenn ich ihnen nicht zustimme, dann ist das mein Problem, dann liege ich daneben. Aber wenn ich ihnen zustimme, dann bin ich auf gutem Grund. Gottes Welt ist sicherer als meine Vorstellungen. Und mit dem Glauben ruhe ich in Gottes unumstößlicher Welt. Das ist der Sinn des Verses. Der Schreiber des Hebräerbriefes will mit besonderem Nachdruck sagen: Mit dem Glauben ist es keine windige Sache. Sondern dann hat dein Leben einen Sinn und ein Ziel und du weißt, warum du da bist.

Das wird nun am Beispiel Abraham entfaltet. Ich will's mit den Überschriften versehen:

1. Glauben ist ein gehorsames Weitergehen, auch wenn keine Erfahrung da ist (V. 8)
2. Glaube hält die Fremdheit in der Welt aus (Vers 9)
3. Glaube richtet sich auf Gottes Zukunft aus, als wäre sie schon da (Vers 10)

1. Glauben ist ein gehorsames Weitergehen, auch wenn keine Erfahrung da ist

Ostafrika gehört seit einigen Jahrzehnten zu den Gebieten mit dem blühendsten geistlichen Leben im Raum der christlichen Kirche. Ein Erweckungsgebiet, so in der Gegend am Fuße des Kilimandscharo und ins weite Land hinein. Doch die Früchte, die wir heute sehen, waren einst nicht da, als die ersten Missionare Ludwig Krapf und Johannes Rebmann dort waren. Zeitlebens hat Ludwig Krapf fast nichts vom Ergebnis seiner missionarischen Arbeit sehen dürfen. Ein einziger Mensch ist dort zu seiner Zeit zum Glauben gekommen, und der war ein (Körper-)Behinderter. Doch Ludwig Krapf hat im glaubenden Vertrauen eine missionarische Arbeit begründet, die später weiterging, und die zu einer lebendigen Gemeinde geführt hat.

Abraham war das Urbild und Vorbild eines solchen Glaubens, der nicht aufgibt, wenn es dem Augenschein nach nicht so wird, wie erhofft und sogar von Gott verheißen.

In einer Ehe kann es auch so ähnlich sein wie im Glauben. Man sieht eine Zeitlang nichts. Und es kann sein, dass man sogar richtig enttäuscht wird. Aber es ist gut, im Gehorsam des Glaubens weiterzugehen, zur rechten Zeit darf man auch die Früchte seiner Güte erleben, auch durch schwierige Zeiten hindurch und in der Gewissheit: Er wird's schon recht machen. Er wird auch in der gegenwärtigen Not bei mir sein und mir den Weg zeigen.

Was wir aus der Bibel über Abraham wissen, ist ja im Grunde sehr zurückhaltend. Wer heute eine Biographie schreibt, zeichnet auch das Innenleben eines Menschen. Das haben wir nicht. Wir wissen nicht, was Abraham durchgemacht hat. Da gehen Jahre und Jahrzehnte vorbei und es wird nichts draus, von dem, was Gott verheißen hat. Wie oft mag er nachts geweint haben? Wie oft hat er wachgelegen und sein Kissen mit Tränen genetzt? Die Andeutungen reichen, um zu wissen: Abraham hat auch keine Hornhaut auf seiner Seele gehabt. Einmal sagt er zu Gott: "Ich gehe dahin ohne Kinder, und dieser Elieser von Damaskus wird meinen Besitz erben..." Es ist nicht selbstverständlich, dass Abraham das durchgehalten hat; und dass er immer wieder Gott vertraut hat.

Diesen Glauben hat Gott x-mal auf die Probe gestellt. Abraham hielt durch. Immer wieder ließ er sich von Gott ins Vertrauen hineinstellen. Er sagte nicht: dann war's halt eine Täuschung. Dieser durchhaltende Glaube ist das Vorbild für uns. Ein solcher Glaube hält auch lange Durststrecken durch.

2. Glaube hält die Fremdheit in der Welt aus

Abraham war unter Menschen, die ihn im Innersten nicht verstehen konnten. Da ging jeder seinen eigenen Weg. Sie mögen an alle möglichen Götter geglaubt haben. Abraham hat das ausgehalten. Er sagte nicht: Vielleicht würde irgend solch ein Wüstengott helfen. Sondern er blieb bei dem Gott, den er kannte und der über allen war.

Wer glaubt, bekommt geistige Immunkräfte und kann Widerstände ertragen. Die Immunkräfte müssen lebenslang wachsen. Eine Anpassung an jede mögliche Meinung und Zeitströmung verträgt sich nicht mit dem Glauben. Damit ist nicht eine Sturheit gemeint, die nicht mehr hören kann. Sondern der Glaubende orientiert sich an Gottes Willen und Konzept und Verheißungen.

Da heißt es nicht eines Tages: Heute sind ja okkulte Lehren in. Wenn so viele daran glauben, dann wird halt doch vielleicht etwas dran sein mit der Kraft der Sterne. Sondern wer glaubt, geht auch nicht versuchsweise in ein fremdes Lager über.

Der Glaubende verhält sich wie ein Kind, wenn es von der Mutter Einkaufen geschickt wird. Es behält die Aufgabe im Auge. Es lässt sich in seinem Konzept nicht durcheinanderbringen, sondern bleibt dabei.

3. Glaube richtet sich auf Gottes Zukunft aus, als wäre sie schon da

Es gibt Menschen, denen es genug ist, wenn sie ihr Viertele und ein gutes Vesper haben. Zu denen gehörte Abraham nicht. Abraham lebte von der Verheißung Gottes.

Jesus war umgeben von Menschen, die nach Gottes Hilfe Ausschau hielten. Da war auch eine Frau aus Syrophönizien. Sie erwartete von Jesus Hilfe. In ihrer Situation war das nicht realistisch. Denn Jesus ließ sie zunächst abblitzen. Aber diese Frau lebte von der Verheißung Gottes: Irgendwann, da wird Gott das Heil auch den anderen Völker geben. Und in der Zwischenzeit fallen den Heiden wenigstens einige Brosamen ab von dem großen Reichtum Gottes. Jesus hat den anderen diese Frau als Vorbild hingestellt.

Letztlich ist es nicht die Hauptsache, dass man den Glauben definieren kann. Ein lebender Mensch, der im Glauben lebt, ist hilfreicher. Am besten ist es, wenn man selbst den Glauben lebt; einen Glauben, der ansteckend ist, der ausstrahlt und auch andere erfasst und mitnimmt. Amen!


(Pfr. Dr. K. Knauß)


 

 

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