Predigt am Sonntag, 17. Februar 2002 - Pfr. K. Knauß

Jakobus 1, 12-18

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

Der 15-jährige Jan wird von einem Freund angerufen: "Gehst du heute abend mit auf die Geburtstagsparty?" Und er weiß: Die meisten werden nicht nüchtern nach Hause gehen. Der Alkohol wird in Strömen fließen und man wird sich kaum dem Sog und der Eigendynamik des Abends entziehen können. Aber es sind doch seine Freunde, die da mit dabei sind. Was soll er tun? Geht er nicht hin, ist er ein Feigling. Geht er hin, gibt er den anderen ein Signal: Das ist doch o.k., wie es da zugeht. Er ist hin- und hergerissen. Und er kann die Verantwortung nicht abwälzen. Es ist doch seine eigene Entscheidung, was er tut.

Wie viele Menschen stehen in ähnlichen Fragen, immer wieder; ob jung oder alt. Heute ist das Thema "Versuchung" dran.

Viele Menschen fragen sich: Hat das, was ich erlebe, mit Gott zu tun? Ist er schuld, wenn es mir so schlecht geht? Stellt er mir manchmal Fallen, in die ich reintappen kann? Oder woran hängt es sonst, wenn ich in dumme Situationen geraten bin?

Umgekehrt: Kann ich etwas dafür, wenn es mir gut geht? Wir Menschen stellen ja dumme Fragen, Tag für Tag. Manche berechtigte Fragen und manche ungeschickte Fragen.

Es fällt den meisten Menschen schwer, irgendeinen Makel oder Fehler an sich zuzugeben. Wenn etwas danebengeht, dann sind die Umstände schuld, oder irgendwelche anderen Menschen, oder - Gott. Die Geschichte, Schuld weiterzuschieben, ist uralt und hochaktuell.

"Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum...." sagt Adam zu Gott. "Religion ist Opium des Volks", verkündete Karl Marx, um soziale Missstände zu erklären. Heute sagt einer nach der Geburtstagsparty: "Der Freund reichte mir die Schnapsflasche." Und er meint das als Erklärung für einen unangenehmen Zustand in seinem körperlichen Befinden. Mal ist's diese, mal jene Gruppe, die das Elend über die Menschen oder über die Menschheit bringen soll.... Je nach Parteibuch oder Religionszugehörigkeit oder Lebensalter hat man andere Erklärungsmodelle. Aber das Strickmuster ist erstaunlich einfallslos. Ich bin es nicht, sondern die anderen: Und je schlimmer der Gegner gezeichnet wird, desto besser stehe ich da.

Damit wir ehrlich sind: Manchmal ist da schon etwas Wahres dran. Oft sind die Umstände fast unerträglich und es ist ungeheuer schwer, in ihnen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und dennoch: In der Bibel wird uns gezeigt, dass es im Grunde ein gemeiner Trick ist, alles auf die Umstände oder die anderen Menschen zu schieben. Man stiehlt sich aus der Verantwortung. Ein Stück aus der Trickkiste des Teufels.

Der Abschnitt aus dem Jakobusbrief befaßt sich mit der Versuchung, Verlockung und Verführung.

[Jakobus 1, 12-18 lesen]
12 Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben. 13 Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. Denn Gott kann nicht versucht werden zum Bösen, und er selbst versucht niemand. 14 Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. 15 Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod. 16 Irrt euch nicht, meine lieben Brüder. 17 Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis. 18 Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.

Anfechtung: Das ist ein Konflikt zwischen mir, Gott und der Welt. Anfechtungen und Versuchungen gehören zu unserem Leben. Solange wir in diesem Leben sind, werden sie uns begleiten. Anfechtung: Das hat mit dem Bösen in dieser Welt zu tun. Wenn alles gut wäre, wie Gott es gedacht hat, dann gäbe es keine Versuchung.

Ich werde 3 Überschriften setzen: Versuchung:
1. Kennzeichen unseres Lebens
2. Bewährung für Christen
3. Gott will sie überwinden

1 Versuchung - Kennzeichen unseres Lebens
Die Menschen fragen: Warum ist das so? Warum gehören die Versuchungen zu den Kennzeichen unseres Lebens? Es wäre doch viel schöner, wenn das uns alles kalt lassen würde. Diese Frage gehört zu den richtig großen Fragen, die uns Menschen tief umtreiben. Anscheinend können wir diese Frage gar nicht lösen. Und weil wir sie nicht lösen können, deshalb gibt es so viele unglückliche Menschen, unglückliche Ehen, unglückliche Familien. Meine niemand, wenn bessere Verhältnisse geschaffen sind, dann sei alles o.k. Es ist ja noch nicht so lange her: Als der eiserne Vorhang fiel und die Bedrohung von dort aufhörte, meinten die meisten, jedenfalls in unserem Land: Jetzt gehen wir einer friedlichen Welt entgegen. Aber die Gefahren wurden nur anders, nicht weniger, vielleicht sogar noch schlimmer. Als die monarchischen Systeme oder mindestens die absolutistischen Herrscher in Europa beseitigt waren, haben viele auch gemeint: Jetzt wird alles gut. So sehr wir viele Verbesserungen begrüßen: Niemand soll sich täuschen. Das Böse geht mit, denn es ist teilweise in uns drin und geht immer mit uns mit. Wir haben ungeahnte wissenschaftliche und technische Fortschritte gemacht. Und wir haben vieles über den Menschen gelernt, über seine Seele und seinen Körper und über sein soziales Verhalten. Doch das Böse scheint im Gleichschritt mitzumarschieren, ja, manchmal scheint es sogar schneller zu sein. Selbst unsere besten Errungenschaften können unerkannte schädliche Folgen haben. Selbst unser gutes Sozialsystems mit seiner Sorge für die Schwachen: Es trägt auch die Verführung zum Missbrauch in sich. Zusammen mit anderen Faktoren sorgt es dafür, dass die nachwachsende Generation weniger wird, die die Schwachen tragen kann. Eine kluge Politik hat sich immer auch daran messen zu lassen, ob sie die Versuchlichkeit von uns Menschen fördert oder ihr einen Riegel vorschiebt. Der Schorndorfer Oberbürgermeister Winfried Kübler hat einmal in einer flapsigen Bemerkung gesagt: "D' Mensche wäret scho recht, aber d' Leut' sind Blitz." Er wollte damit sagen: Auch in der Politik muss man Vorkehrungen gegen den Missbrauch treffen. Wenn man das nicht tut, kommt man unter die Räder.

2 Versuchung - Bewährung für Christen
Als wir noch in Erlangen wohnten, gehörten zu unserem Hauskreis einige Lehrer. Wir haben von den Nöten der Lehrer vieles mitbekommen. Die müssen ja immer alles ganz genau wissen und können, aber sie dürfen nicht zugeben, dass sie auch Fehler haben. Natürlich sind sie auch Menschen. Manchmal sind sie deshalb auch angreifbar. Kurt war Lehrer in einer Berufsschule. Er erzählte, dass sich oft Schüler vor einem Lehrer über einen anderen Lehrer beklagten. Der macht dies oder jenes falsch, ist ungerecht... Kurt hat einmal in der Beratung seiner Klasse gesagt: "Wenn ihr das Feindbild vom Lehrer abbaut, dann seid ihr schon eine Note besser." Denn das Feindbild ließ sie von ihrer eigenen Verantwortung wegblicken.

Die Sache ist nicht harmlos. Das ist nicht nur in der Schule so, sondern auch anderswo. Du verbaust dir deine eigene Zukunft.

Vermutlich standen die Empfänger des Jakobusbriefes in einer Situation der Verfolgung oder Anfeindung. Jakobus fordert seine Leser auf, diese Situation anzunehmen und sich darin zu bewähren. Jeder kann sich nur in der Lage bewähren, in der er selbst steckt. Ich werde nicht dafür zur Rechenschaft gezogen, was die Menschen vor 50 oder 100 Jahren gemacht haben, sondern für das, was ich unter heutigen Umständen zu verantworten habe.

Wer eine schwere Situation hat, in Beruf oder Familie oder sonstwo, der soll sagen: Das ist das Feld meiner Bewährung. Hier und nirgends anders stellt mich Gott hin. Es ist keine Kunst, zu sagen: Ach wenn doch meine Kinder Engel wären! Dann könnte ich mich bewähren. Ach wenn doch meine Tante beim Vererben umsichtiger gewesen wäre, dann hätten wir uns nicht so zerstreiten müssen. Ja, es kann Anfechtung oder Versuchung sein, was in unserem normalen Alltag in Familie oder Geschäftsleben auftaucht. Wir werden glückselig gepriesen, wenn wir uns in der Versuchung bewähren.

In der Bergpredigt sagt Jesus in einer Seligpreisung ähnliches: Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. 11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. 12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

Jesus wurde selbst auch in Versuchung geführt: Er hat nicht von Anfang an gemerkt, dass es der Versucher selbst war. Und als er's merkte, sagte er nicht: Wie dumm, dass ausgerechnet jetzt gerade der Teufel hier vorbeikommt. Sondern Jesus wusste, dass er gefordert ist. Es war nicht einfach, da eigentlich die Angebote des Teufels im Grunde nicht unbiblisch waren. Woran lag der "Pferdefuß"? Ähnlich ist es oft in Versuchungen: Auf eine intelligente Versuchung fällst du leicht herein, weil du den Pferdefuß nicht leicht entdeckst. Wer aus dem Bauch heraus handelt, tappt schnell in die Falle. Manch eine Anfechtung ist schwerer zu durchschauen als eine komplizierte Mathe-Aufgabe. Man muss sich lange um Durchblick bemühen, man muss lange beten, bis der Weg Gottes erkennbar wird.

Man wünscht sich manchmal einen Lehrgang: "Umgang mit schwierigen Menschen." Vielleicht müsste man sogar in der Gemeinde einmal so etwas durchführen. Fast jeder hat irgendwo so einen schwierigen Menschen um sich herum. Es gibt in der Bibel eine Fülle von Heilmitteln, besonders in der Bergpredigt. Wenn man an die Umsetzung geht, wundert man sich: Sie sind zumeist nicht beim schwierigen Gegenüber anzuwenden, sondern bei mir selbst. Die Seligpreisungen sagen nicht, du seist in einer guten Lage, wenn du einen schwierigen Mitmenschen verändert hast. Sondern glückselig ist der, der Frieden macht; glückselig der, der barmherzig ist; glückselig der, der reines Herzens ist....

Vielleicht macht das genau den schwierigen Menschen aus, dass er Fehler bei anderen sucht. Wenn ich aber anfange, mich selbst zu verändern, gibt es plötzlich nicht mehr so viele schwierige Menschen um mich herum.

3 Versuchung - Gott will sie überwinden
Jakobus gehörte zu den wichtigen Leuten in der Jerusalemer Urgemeinde. Er war einer von den vier Brüdern Jesu. In der Alten Kirche wurde er beschrieben, dass er ein intensives Gebetsleben führte. Es heißt: Seine Knie seien schwielig gewesen vom Beten. Ihm ging es ganz stark um das praktische Leben. Was nützt es, wenn du eine gute Vorstellung hast, was eigentlich sein könnte. Aber es wird nichts draus. Mag sein, dass ihm in dem vielen Beten für andere manches über die Geheimnisse unseres menschlichen Herzens klargemacht wurde. Wer versucht wird und der Versuchung erliegt, schafft sich selbst geistliches Elend.

Die Versuchung ist das, wenn ich stur alles genau so mache, wie es die anderen auch machen und wie ich es schon immer gemacht habe: Ich sorge für mich, dass ich nicht zu kurz komme. Ich lasse mir nichts gefallen.

Doch wie Gott im Licht ist, so will er auch uns in das Licht führen. Wir sollen hier schon ernsthaft beginnen. Wer sich dann in der Anfechtung und Versuchung bewährt, wird die Krone des Lebens empfangen. Amen!


(Pfr. Dr. K. Knauß)


 

 

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