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Auslegung des Jahresloses der Brüdergemeinde für 2005
Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei (Johannes 16,24) Bittet, so werdet ihr nehmen Da kann man nur noch sagen. Herzlichen Glückwunsch, liebe Gemeinde in Wilhelmsdorf, zu dieser Jahreslosung für 2005. Ein Blankoscheck für Freude. Unterzeichnet vom reichsten und glaubwürdigsten Herrn der Welt, ist uns für das neue Jahr auf den Tisch des Hauses gelegt. Können wir die Botschaft und ihren Inhalt überhaupt erfassen? Stellen wir uns in unserer Phantasie doch nur mal so vor, Bill Gates oder Rockefeller hätten uns solch ein Versprechen gegeben. Es ginge uns vielleicht wie den Figuren in verschiedenen Märchen, denen eine Fee drei Wünsche erfüllen würde. Vielleicht wären wir sprachlos. Es könnte uns auch erschlagen oder wir würden verrückt vor Freude, am Ende träfe uns der Schlag. Unfassbar! Aber diese Aufforderung: Bittet, so werdet ihr nehmen, kommt nicht von der Deutschen Bank, sondern von unserem Gott! Ich habe einige Christenmenschen unserer Gemeinde gefragt, was sie sich wünschen. Sie meinten, dass sie schon glücklich seien und eigentlich keine weiteren Wünsche mehr hätten. (Könnte es sein, dass solche Menschen überbescheiden sind oder gar wunschlos unglücklich?) Die Antwort auf diese Frage war bei unserem 4-jährigen Moritz total anders. Was er sich erbitten würde: Playmobil aller Größen und Arten. Ein großes Schiff und einen Drachen, und dass er der Stärkste sei. Er konnte gar nicht aufhören, Wünsche zu produzieren. Bittet, so werdet ihr nehmen? In anderen Übersetzungen heißt es empfangen anstatt nehmen. Sollte das wirklich so gemeint sein, wie es da versprochen ist? Sollte es dem Sohn Gottes an unserer Freude gelegen sein? Haben die Engel auf den Hirtenfeldern wirklich vom Wohlgefallen für die Menschen gesungen? Wir könnten uns eher vorstellen, dass die Jahreslosung für unsere Gemeinde heißt: Betet fleißig! Arbeitet! Opfert! Missioniert! Das alles aber bitte ohne Murren. Aber dass es IHM an unserer vollkommenen Freude, an unserem Wohlgefallen gelegen ist? Da beschleicht uns doch so ein gewisses Misstrauen. Ja, wenn wir einen formvollendeten Antrag stellen könnten:
Dass wir uns nicht falsch verstehen, der Vater im Himmel geht ganz sicher auch darauf ein, aber gemeint ist hier wohl etwas ganz anderes als eine Antragstellung oder die Forderung nach einem religiösen Wohlbefinden oder das Eintreiben der Außenstände, die wir bei Gott zu haben meinen. Freude ist eben nicht käuflich, sondern hat etwas mit Beziehung zu tun. Das Bitten kommt uns nicht so ohne Weiteres über die Lippen, weil wir uns mit einer Bitte in eine Beziehung begeben und weil unser Ego das nicht so gerne hat, Schwächen oder Bedürftigkeiten zu äußern. Ich habe etwas nicht, ich kann etwas nicht, irgendwo bin ich hilflos und ich bitte Dich, mir zu helfen. Irgendwie ist Bitten anders als einen Antrag zu stellen, als ein Geschäft zu machen, für das ich bezahlen kann, als eine Forderung zu stellen, die ich berechtigterweise zu haben meine. Es geht um eine Beziehungssicherheit, nicht um eine Rechtssicherheit. Und in einer Beziehung kann ich zugeben, wie es wirklich um mich steht. Ich gebe zu, dass ich ein Defizit habe, das nur Gott ausfüllen kann. Patienten der Fachkrankenhäuser Ringgenhof und Höchsten haben verstanden, dass eine innere Heilung nur möglich ist, wenn man zugibt: Ich alleine schaffe es nicht, ich brauche Hilfe. Können wir uns die innere Verfassung bei einem Hilfsbedürftigen einen Moment vorstellen: Bitte helft mir, ich kann nicht weiter? Ist es uns nicht manchmal sogar leichter, die Zähne zusammen zu beißen und nach dem Motto zu leben: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“ Solange ein Patient vom Ringgenhof oder eine Patientin vom Höchsten sagt: „Ach, so schlimm ist es noch nicht, ich werde es schon schaffen...“ So kann man nicht helfen. Erst wenn man seinen eigenen Saustall erkennt, kommt man drauf: daheim wär’s besser. Und daran schließt sich unweigerlich die Bitte: Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und ihn bitten, mich zu einem seiner Tagelöhner zu machen. Dann wird der Blankoscheck eingelöst und der Vater kann’s gar nicht erwarten, das gemästete Kalb zu schlachten. Ein erfahrener Christ berichtete von der harten Fron bei erheblichen Minusgraden in Sibirien. Einmal, als er seine Wassersuppe fassen musste, war in sich tief verzweifelt: „Warum dauert der Krieg so lange? Wie mag es meiner jungen Familie gehen? Hat Gott mich verlassen? Er fand in allem Aufstand seines Herzens einen ruhigen Platz unter einem Baum und betete in seiner Not zum Vater. Und dann, so berichtete er, wurde er erfüllt mit einem tiefen Frieden und einer vollkommenen Freude. Und er ging, seine Wassersuppe zu fassen. Es geht bei der Bitte nicht um die fromme Formulierung oder eine sakrale Umgebung. Es geht nicht um Frömmigkeitsstile oder um die weiße Weste, es geht nicht um die Länge des Gebetes. „Herr, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Das ist doch kein langes Gebet und kein frommer Ort an dem es gesprochen wird und das war doch kein Mensch mit einer weißen Weste. Er aber hat mit diesem Gebet die vollkommene Freude erreicht. Jesus sagt ihm: „Heute noch!“ Es geht um die Einstellung meines Herzens zum Adressaten des Gebetes, dass ich es IHM zutraue. Während ich mir so meine Gedanken über das rechte Beten oder Bitten mache, frage ich mich, ob ich von mir aus überhaupt richtig bitten kann, so wie ein Kind seinen Vater oder seine Mutter in vollem Vertrauen um etwas bittet. Muss nicht mein Bitten von Gott selbst bewirkt werden. Wie sagen doch die Jünger: „Herr lehre uns beten.“ Und dann offenbart Jesus den Jüngern, dass sie Gott als ihren Vater ansprechen können und dass sein Wille geschieht. Schleichen sich bei mir als Erwachsenem nicht gleich meine Zweifel und Enttäuschungen ein und ich führe nichts anderes als ein Selbstgespräch, das allenthalben die Zimmerdecke erreicht? In Offenbarung 5,8 steht, dass die Engel Gottes die Gebete der Menschen unter Harfenklang in goldenen Schalen vor Gottes Thron bringen. Wenn unsere Gebete beim Vater ankommen, sind sie schon von allem Falsch und Egoismus gereinigt. Nichts geht verloren von dem, was wir in seinem Namen vor den großen Gott bringen. Gott sei Dank!
Rolf Smidt |
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