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Auslegung des Jahresloses der Brüdergemeinde für 2004 (vom 11.1.2004)
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Martin Damm |
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„Denn so sehr hat
Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der
an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“
Joh. 3,16 (n. Zürcher)
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,
am vergangenen Montag war ich endlich mal wieder im Kino mit meiner Frau.
Wir haben den Film „tatsächlich: ...Liebe“ gesehen.
Haben Sie den schon gesehen? Ist nicht schlecht, finde ich.
Nicht besonders dramatisch, keine wilde Action – aber irgendwie nett.
Er spielt im London heutiger Zeit und zeigt die letzten fünf Wochen vor
Weihnachten aus der Perspektive von ganz unterschiedlichen Menschen:
Vom Premierminister bis zur Frau, die realisiert, dass in ihrer Ehe etwas
nicht stimmt.
Irgendwann, ziemlich zu Anfang des Films, lässt der Erzähler dann etwa den
folgenden Satz fallen:
„Es wird immer wieder behauptet, die Menschheit sei schlecht, es gebe so
viel Böses auf der Welt und so wenig Liebe. Aber dass stimmt nicht. Immer,
wenn ich die Menschen in der Ankunftshalle auf dem Flughafen Heathrow
beobachte, dann fällt mir auf, wie sehr sie sich lieben: alte und junge,
schöne und hässliche, Reiche und Arme - egal!“
Und diese Ansicht scheint er mit dem Film bestätigen zu wollen.
Ob ihm das gelungen ist, mögen Sie selber entscheiden: der Film läuft
noch, glaube ich.
Warum erzähle ich Ihnen/Euch das hier heute morgen?
Auch im Jahreslos der Brüdergemeinde für 2004 ist von Liebe die Rede.
Allerdings von der Liebe Gottes zu dieser Welt.
Gott liebt diese Welt. Bloß: wen kümmert das heute eigentlich noch??
Als ich letzten Sonntag von Frau Link hörte, welche Jahreslosung in der
Brüdergemeinde für 2004 gezogen wurde, da war ich zunächst erst einmal
etwas erleichtert: diesen Vers kenne ich ja schon sozusagen in- und
auswendig; wahrscheinlich ist es einer der ersten Verse in meinem Leben
überhaupt, die ich auswendig lernen durfte (oder musste?) in der
Sonntagsschule (so hieß bei uns der KiGoDi).
Aber je länger ich darüber nachdachte, um so mulmiger wurde es mir auch:
was kann man denn zu diesem Vers überhaupt noch sagen ??
Noch dazu in der Brüdergemeinde Wilhelmsdorf ??
Da trage ich doch Eulen nach Athen !?!?? Oder ?
Also habe ich erst mal nachgeschaut in meiner Bibel, in welchem
Zusammenhang dieser Vers denn da eigentlich steht.
Und festgestellt: er stammt aus einem Gespräch zwischen Jesus und einem
gewissen Nikodemus, einem Vorsteher im „Hohen Rat“, was wohl das höchste,
religiöse Gremium der Juden war. Den Satz hat Jesus wohl selber gesagt,
obwohl ich einem Kommentar auch gelesen habe, es könnte auch sein, dass
der Johannes, also der Schreiber dieses Evangeliums, den eingefügt hat, um
zu erklären, was Jesus dem Nikodemus denn eigentlich sagen wollte.
Jedenfalls ein extrem wichtiger Satz aus diesem Evangelium, vielleicht
sogar der wichtigste überhaupt.
Nikodemus hatte sich nächtens zu Jesus geschlichen, vielleicht weil er
nicht wollte, dass viele das mitbekamen, denn Jesus war ja such im „Hohen
Rat“ nicht gerade unumstritten. Vielleicht wollte er sich einfach auch nur
selber ein Bild machen von diesem Jesus, vielleicht hat er aber auch
geahnt, dass der noch sehr wichtig für ihn werden könnte. Viel später,
nämlich bei der Verurteilung von Jesus im „Hohen Rat“ hat er sich
jedenfalls dann ziemlich eindeutig zu ihm gestellt (Kapitel 7).
Nikodemus beginnt das Gespräch mit einer Aussage: „Rabbi, wir wissen, dass
Du als Lehrer von Gott gekommen bist; denn niemand kann diese Zeichen tun,
die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“
Will er Jesus damit schmeicheln? Oder war er wirklich beeindruckt von dem,
was er von Jesus gehört und vielleicht auch selber erlebt hatte?
Jesus lässt sich davon jedenfalls nicht beeindrucken, sondern sagt ihm,
er, Nikodemus, müsse „von neuem geboren“ werden, wenn er in das „Reich
Gottes“ kommen wolle. Jedenfalls hat der das wohl verstanden, denn er
fragt, wie das denn funktionieren soll: wieder Säugling werden und zurück
in den Mutterleib?? Aber Jesus hat wohl gemeint „von oben geboren“ werden;
in der damaligen Sprache war das nämlich dasselbe.
Und dann setzt Jesus noch eins drauf: er müsse sogar aus „Wasser und
Geist“ geboren werden, denn was irdisch geboren ist, ist irdisch und was
„aus dem Geist“ geboren ist, ist „aus dem Geist“. Und er sagt dem
Nikodemus auch, dass er da eigentlich gar nicht mitreden kann, dass das
eigentlich kein Mensch verstehen kann, weil noch kein Mensch im Himmel
war. Außer ihm selbst, Jesus.
Also ich vermute mal, nun hat der gute Nikodemus gar nichts mehr
verstanden, obwohl er Theologe war: was mutet Jesus ihm denn da auch zu?
Vielleicht wollte Jesus ihm aber auch deutlich machen, dass es für einen
Menschen quasi unmöglich war, zu Gott zu kommen, denn das würde eine
derart enorme Veränderung bedeuten, die dazu nötig wäre, dass es eben ohne
eine totale Neugeburt nicht abginge.
Aber dann erinnert Jesus den gelehrten Juden an eine alte Geschichte aus
dem Volk Gottes: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss
der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm
ewiges Leben habe.“
Kennen Sie die Geschichte mit der Schlange? Die findet sich in 4. Mose
21.: das Volk Israel war erfolgreich geflohen aus der Sklaverei in
Ägypten, tappte bei sengender Sonne und karger Ernährung in der Wüste
herum und fing deswegen an, sich bei Mose zu beschweren: wieso sind wir
eigentlich da weg, was soll das hier eigentlich, wann geht’s uns denn mal
wieder besser usw., mit einem Satz: sie waren extrem unzufrieden.
Und dann war die Wüste plötzlich voll von giftigen Schlangen die die Leute
bissen, und viele starben daran! Die waren einfach nicht mehr zu retten!
Also liefen die Menschen wieder zu Mose und baten ihn darum, Gott zu
bitten, dass diese Schlangen wieder verschwänden. Das tat Mose und bekam
zur Antwort, eine Schlange aus Eisen zu machen, die auf einen Stab zu
stecken, und den Menschen zu sagen: wer die nur anschaut, der wird nicht
sterben an dem Schlangengift.
Was viele dennoch nicht taten. Und starben!
Dabei wäre die Rettung vom Tod soooo einfach gewesen: nur drauf gucken auf
diese Schlange. Und fertig! Aber nein....
Und dann folgt die Jahreslosung der Brüdergemeinde für das Jahr 2004:
„Denn also hat Gott die Welt geliebt...“
Gott liebt diese Welt. Und ich habe eigentlich nie daran gezweifelt, dass
damit nicht nur dieser Globus gemeint ist, sondern vor allem die, die
darauf leben. Gott liebt die Menschen. Jeden Menschen. Gott liebt Sie; und
Gott liebt mich! Das gilt, glaube ich, ausnahmslos für jede und jeden.
Unabhängig davon, ob sie oder er nun Mitglied der Brüdergemeinde
Wilhelmsdorf ist. Oder der Landeskirche. Oder der „freien
Christengemeinde“. Oder ob sie oder er von Gott und Kirche bisher absolut
nichts wissen will.
Aber wissen Sie, was mich ein bisschen gewundert hat? Ich weiß ja nicht,
wie Ihnen das mit dieser „christlichen Binsenweisheit“ geht, aber ich hab’
gemerkt: mich berührt das gar nicht mehr so, dass Gott Sie und mich total
liebt! Das lässt mich kalt!
Und ich hab’ mich gefragt:
sind wir denn stumpf geworden für die Liebe Gottes?
Oder sind wir so damit beschäftigt, den Alltagsbetrieb aufrecht zu
erhalten – auch wir hier in der Gemeinde – dass wir für die Liebe Gottes
sozusagen gar keinen Platz, keinen inneren Freiraum mehr haben??!
Dann müssen wir aufpassen, dass die Aufrechterhaltung des kirchlichen
Alltagsbetriebes nicht zum „Selbstläufer“ wird und der Geist Gottes längst
anderswo wirkt als bei uns!
Wo nehmen wir uns den Freiraum, Gott wirklich in den Mittelpunkt zu
stellen und anzubeten?
Jesus sagt dann dem Nikodemus, wie Liebe bei Gott denn ganz konkret
aussieht: „...dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn
glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“
Darum geht es Gott also: dass wir nicht „verloren gehen“.
Die Möglichkeit besteht also offensichtlich. Auch in christlichen Kreisen
hält sich ja hartnäckig die Vorstellung, dass das doch eigentlich gar
nicht sein kann.
Aber lesen Sie mal Johannes 3,1 – 21 komplett: die Möglichkeit, endgültig
verloren zu sein wird dort unumwunden genannt.
Was immer das dann auch bedeuten mag.
Ich glaube: Gott hat gesehen: eigentlich können die Menschen, so wie sie
nun mal sind, nicht (mehr) mit Gott zusammen kommen.
Es sei denn, Gott wird selber Mensch und „gibt“ sich für diese Menschen.
Damit ist nichts anderes gemeint als Karfreitag, Golgatha und Ostern. Und
weil er die Menschen so sehr geliebt hat, hat er sich genau dazu
entschlossen.
Ja sind wir denn eigentlich noch zu retten?
Ja, wir sind noch zu retten!
Denn nun können wir (doch wieder) leben in der Gemeinschaft mit dem
lebendigen, allmächtigen Gott!
Und das ist unsere Rettung, das ist ewiges LEBEN!
Ich bin immer wieder mal gefragt worden von Menschen, die auch ein Stück
weit darunter gelitten haben, dass die Welt so ist wie sie ist:
Wenn euer Gott doch ein Gott der Liebe ist, der dazu auch noch allmächtig
ist, warum kann der denn dann nicht mal hier auf der Erde so richtig drein
schlagen und „klar Schiff “ machen und aufräumen und das Böse vertilgen
und die Geschundenen retten?
Antwort Jahreslosung 2004: Gott hat bereits eingegriffen, das sagt dieser
Vers sozusagen in Kurzform:
Gott liebt die Menschen (und das gilt noch immer), er hat sich deswegen
selber auf den Weg gemacht zu uns in Jesus Christus, hat sich „erhöhen“
lassen (wie Mose die Schlange erhöht hat) in dem er sich hat kreuzigen
lassen vor der Stadt auf einem Hügel – nur damit wir noch zu retten sind!
Denn: jeder, der glaubt, ist gerettet.
Und damit ist dann sozusagen „alles paletti“? Die Welt ist doch seit Jesu
Geburt, Leben, Sterben und Auferstehung nicht besser geworden, oder? Im
Gegenteil: heutzutage habe ich manchmal den Eindruck, es wird immer
schlimmer! Allein die Möglichkeiten, die es inzwischen - global gesehen -
gibt!
Stimmt. Aber: ich glaube, da wo ein Mensch beginnt, ganz und gar auf Jesus
zu vertrauen (oder auf Gott), da entsteht ein Stück neue Welt
(eben „Reich Gottes“, wie Jesus es hier nennt )! Und dieser Prozess
schreitet unaufhaltsam voran seit es die ersten Gemeinden zu biblischen
Zeiten gibt und ist auch durch nichts und niemand zu stoppen.
Übrigens: was bedeutet hier eigentlich „Glauben“?
Eine Hausfrau glaubt, dass ein Pfund Rindfleisch ein gute Suppe gibt.
Diese Definition von Glauben habe ich mal gehört. Aber die ist hier i. S.
von etwas für wahr halten – glaube ich – nicht gemeint.
Es geht nicht darum zu glauben, dass es Jesus tatsächlich mal irgendwie
gegeben hat. Auch wenn das inzwischen (lt. „FOCUS“) auch für kritische
Forscher vollkommen unzweifelhaft bewiesen ist.
Sondern es geht darum, mit ihm in Kontakt zu kommen. Und sich ihm ganz und
gar mit seinem ganzen Leben anzuvertrauen.
Frere` Roger` von der Kommunität in Taize’ hat das, glaube ich, mal so
ausgedrückt: „das einfache Vertrauen genügt.“ Das einfache Vertrauen auf
Jesus genügt, das ist Glauben, wie ihn Jesus hier gemeint hat.
Mehr braucht es nicht, mehr geht gar nicht!
Das einfache Vertrauen genügt. Denn alles Weitere ist bereits getan.
In Jesus Christus. Durch sein Blut. Für uns. AMEN.
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